MSCI World: Zwi­schen glo­ba­ler Streu­ung und wach­sen­der Kon­zen­tra­ti­on

Der MSCI World zählt zu den bekann­tes­ten Akti­en­in­di­zes der Welt und gilt für vie­le Pri­vat­an­le­ger als Stan­dard­bau­stein einer lang­fris­ti­gen Ver­mö­gens­an­la­ge. Sei­ne Popu­la­ri­tät beruht auf einer ein­fa­chen Idee: Mit einem ein­zi­gen ETF lässt sich breit gestreut in gro­ße und mit­tel­gro­ße Unter­neh­men aus ent­wi­ckel­ten Indus­trie­län­dern inves­tie­ren. Die­se Ein­fach­heit ist ein wesent­li­cher Vor­teil. Zugleich rückt jedoch eine Fra­ge stär­ker in den Vor­der­grund: Wie breit ist die­se Streu­ung tat­säch­lich noch?

Die Kri­tik am MSCI World ent­zün­det sich vor allem an sei­ner zuneh­men­den Kon­zen­tra­ti­on. Der Index umfasst zwar mehr als tau­send Unter­neh­men aus zahl­rei­chen Indus­trie­län­dern. Sein Gewicht ver­teilt sich aber nicht gleich­mä­ßig über Län­der, Bran­chen und Unter­neh­men. Da der Index nach streu­be­sitz­be­rei­nig­ter Markt­ka­pi­ta­li­sie­rung gewich­tet wird, domi­nie­ren jene Unter­neh­men, die an der Bör­se beson­ders hoch bewer­tet sind. In der aktu­el­len Markt­struk­tur führt dies vor allem zu einer star­ken Gewich­tung der USA und gro­ßer Tech­no­lo­gie­kon­zer­ne.

Damit ist der MSCI World kein Abbild der Welt­wirt­schaft im Sin­ne glo­ba­ler Wirt­schafts­leis­tung. Er bil­det nicht das Brut­to­in­lands­pro­dukt ein­zel­ner Län­der ab, son­dern die Bör­sen­ka­pi­ta­li­sie­rung gro­ßer und mitt­le­rer Unter­neh­men aus ent­wi­ckel­ten Märk­ten. Schwel­len­län­der wie Chi­na, Indi­en, Bra­si­li­en oder Tai­wan sind nicht ent­hal­ten. Auch klei­ne­re bör­sen­no­tier­te Unter­neh­men blei­ben außen vor. Wer den MSCI World als voll­stän­di­ges Welt­port­fo­lio ver­steht, über­schätzt daher sei­ne tat­säch­li­che Brei­te.

Die US-Domi­nanz ist dabei der zen­tra­le Kri­tik­punkt. Rund drei Vier­tel des Index­ge­wichts ent­fal­len inzwi­schen auf US-Unter­neh­men. Japan, Groß­bri­tan­ni­en, Frank­reich, Kana­da, Deutsch­land und ande­re Indus­trie­län­der fol­gen mit deut­lich gerin­ge­ren Antei­len. Die­se Ver­tei­lung ist nicht das Ergeb­nis einer akti­ven Ent­schei­dung gegen Euro­pa oder Asi­en, son­dern eine Fol­ge der Markt­ka­pi­ta­li­sie­rung: US-Unter­neh­men, ins­be­son­de­re aus dem Tech­no­lo­gie- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­sek­tor, haben in den ver­gan­ge­nen Jah­ren stark an Bör­sen­wert gewon­nen. Der Index bil­det die­se Ent­wick­lung mecha­nisch ab.

Ähn­lich ver­hält es sich mit der Kon­zen­tra­ti­on auf weni­ge gro­ße Ein­zel­ti­tel. Unter­neh­men wie Nvi­dia, Apple, Micro­soft, Ama­zon, Alpha­bet oder Meta haben ein erheb­li­ches Gewicht im Index. Dadurch hängt die Wert­ent­wick­lung des MSCI World stär­ker als frü­her von weni­gen sehr gro­ßen Kon­zer­nen ab. Für Anle­ger bedeu­tet das: Auch wenn sie for­mal in vie­le Unter­neh­men inves­tie­ren, wird ein rele­van­ter Teil des Risi­kos durch eine klei­ne Grup­pe von Mega-Caps bestimmt. Ein deut­li­cher Rück­gang die­ser Titel wür­de den gesam­ten Index spür­bar belas­ten.

Die­se Kon­zen­tra­ti­on ist jedoch nicht auto­ma­tisch ein Feh­ler des Index. Kapi­ta­li­sie­rungs­ge­wich­te­te Indi­zes fol­gen dem Grund­satz, dass grö­ße­re bör­sen­no­tier­te Unter­neh­men stär­ker gewich­tet wer­den. Das ist trans­pa­rent, kos­ten­güns­tig umsetz­bar und ver­mei­det akti­ve Pro­gno­sen. Anle­ger pro­fi­tie­ren dadurch auch von lang­fris­ti­gen Gewin­ner­un­ter­neh­men, ohne die­se vor­her aus­wäh­len zu müs­sen. Gera­de die gro­ßen US-Tech­no­lo­gie­kon­zer­ne haben in den ver­gan­ge­nen Jah­ren wesent­lich zur hohen Ren­di­te des MSCI World bei­getra­gen. Eine gerin­ge­re Gewich­tung die­ser Unter­neh­men hät­te rück­bli­ckend viel­fach eine nied­ri­ge­re Ren­di­te bedeu­tet.

Gleich­wohl bleibt die Pro­zy­klik ein ernst­zu­neh­men­der Ein­wand. Stei­gen ein­zel­ne Akti­en oder Sek­to­ren stark, erhöht sich auto­ma­tisch ihr Index­ge­wicht. Anle­ger, die regel­mä­ßig über ETFs inves­tie­ren, kau­fen dadurch zuneh­mend jene Unter­neh­men nach, deren Bewer­tun­gen bereits stark gestie­gen sind. Umge­kehrt ver­lie­ren Unter­neh­men mit fal­len­der Markt­ka­pi­ta­li­sie­rung an Gewicht oder schei­den aus dem Index aus. Das kann dazu füh­ren, dass güns­tig bewer­te­te oder zyklisch schwa­che Unter­neh­men unter­re­prä­sen­tiert wer­den. Die­se Logik ist kein Son­der­pro­blem des MSCI World, son­dern ein Grund­merk­mal kapi­ta­li­sie­rungs­ge­wich­te­ter Akti­en­in­di­zes.

Beson­ders kri­tisch wird die­se Struk­tur, wenn hohe Index­ge­wich­te mit hohen Bewer­tun­gen zusam­men­fal­len. Eine nied­ri­ge Divi­den­den­ren­di­te und hohe Kurs-Gewinn-Ver­hält­nis­se kön­nen dar­auf hin­deu­ten, dass künf­ti­ge Erträ­ge bereits stark ein­ge­preist sind. Das erhöht die Anfäl­lig­keit für Ent­täu­schun­gen. Aller­dings ist ein nied­ri­ges KGV aus­ge­schie­de­ner oder gering gewich­te­ter Unter­neh­men nicht auto­ma­tisch ein Zei­chen für bes­se­re Chan­cen. Nied­ri­ge Bewer­tun­gen kön­nen auch struk­tu­rel­le Risi­ken, sin­ken­de Gewin­ne, schwa­che Geschäfts­mo­del­le oder gerin­ge Liqui­di­tät wider­spie­geln.

Die Debat­te zeigt daher weni­ger, dass der MSCI World unge­eig­net wäre, son­dern dass sei­ne Rol­le prä­zi­ser ver­stan­den wer­den muss. Er ist kein risi­ko­frei­es Welt­de­pot und auch kei­ne aus­ge­wo­ge­ne Abbil­dung der glo­ba­len Real­wirt­schaft. Er ist ein breit ange­leg­ter Akti­en­in­dex ent­wi­ckel­ter Märk­te mit star­ker US- und Mega-Cap-Prä­gung. Die­se Eigen­schaft kann in bestimm­ten Markt­pha­sen vor­teil­haft sein, erhöht aber zugleich die Abhän­gig­keit von weni­gen Regio­nen, Bran­chen und Unter­neh­men.

Für Pri­vat­an­le­ger ergibt sich dar­aus kein zwin­gen­der Abschied vom MSCI World. Der Index kann wei­ter­hin ein sinn­vol­ler Kern­bau­stein sein, ins­be­son­de­re für lang­fris­tig ori­en­tier­te Anle­ger, die kos­ten­güns­tig und breit in ent­wi­ckel­te Akti­en­märk­te inves­tie­ren wol­len. Wer jedoch eine umfas­sen­de­re glo­ba­le Streu­ung anstrebt, soll­te Ergän­zun­gen prü­fen. Dazu zäh­len etwa Schwel­len­län­der­in­di­zes, glo­ba­le Indi­zes inklu­si­ve Emer­ging Mar­kets, Small-Cap-Bau­stei­ne, regio­na­le Ergän­zun­gen oder Anla­ge­klas­sen außer­halb des Akti­en­mark­tes, etwa Anlei­hen.

Zurück­hal­tung ist dage­gen bei der pau­scha­len Emp­feh­lung alter­na­ti­ver Anla­gen gebo­ten. Pri­va­te Equi­ty, Pri­va­te Debt oder ande­re nicht bör­sen­no­tier­te Anla­ge­for­men kön­nen insti­tu­tio­nel­len Inves­to­ren zusätz­li­che Diver­si­fi­ka­ti­on bie­ten. Für Pri­vat­an­le­ger sind sie jedoch häu­fig mit höhe­ren Kos­ten, gerin­ge­rer Liqui­di­tät, kom­ple­xe­ren Struk­tu­ren und ein­ge­schränk­ter Trans­pa­renz ver­bun­den. Sie sind daher kei­ne ein­fa­che Stan­dard­lö­sung gegen die Kon­zen­tra­ti­on im MSCI World.

Die Kri­tik am MSCI World ist somit in ihrem Kern berech­tigt, soweit sie auf die tat­säch­li­che Struk­tur des Index ver­weist. Er ist stär­ker kon­zen­triert, als es sein Name nahe­legt. Über­zo­gen wird die Kri­tik dort, wo aus die­ser Beob­ach­tung die Schluss­fol­ge­rung gezo­gen wird, der Index sei grund­sätz­lich unge­eig­net oder Anle­ger müss­ten zwin­gend in alter­na­ti­ve Anla­ge­klas­sen aus­wei­chen. Ent­schei­dend ist nicht die Abkehr vom MSCI World, son­dern ein rea­lis­ti­sches Ver­ständ­nis sei­ner Funk­ti­on im Port­fo­lio.

Wer in den MSCI World inves­tiert, soll­te wis­sen, dass er vor allem auf gro­ße Unter­neh­men aus Indus­trie­län­dern setzt, mit einem erheb­li­chen Schwer­punkt auf den USA und füh­ren­den Tech­no­lo­gie­kon­zer­nen. Das kann wei­ter­hin sinn­voll sein. Es ist aber kei­ne voll­stän­di­ge glo­ba­le Diver­si­fi­ka­ti­on. Für eine robus­te Ver­mö­gens­struk­tur braucht es des­halb weni­ger Schlag­wor­te als eine bewuss­te Asset-Allo­ka­ti­on: Wel­che Regio­nen, Bran­chen, Unter­neh­mens­grö­ßen und Anla­ge­klas­sen sol­len ver­tre­ten sein? Erst auf die­ser Grund­la­ge lässt sich beur­tei­len, ob der MSCI World allein genügt oder gezielt ergänzt wer­den soll­te.

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