Rekorddefizit bei Gemeinden, Bund bleibt Haupttreiber: Öffentliche Finanzen 2025 unter strukturellem Druck

1. Kernaussagen in Kürze

  • Defizit: Öffentlicher Gesamthaushalt mit –107,6 Mrd. € (≈ 108 Mrd. €) nahezu auf Vorjahresniveau.
  • Einnahmen/Ausgaben: Einnahmen +6,0 % (1.490,5 Mrd. €), Ausgaben +5,6 % (1.598,0 Mrd. €).
  • Alle Ebenen defizitär: Bund, Länder, Gemeinden und Sozialversicherung jeweils im Minus.
  • Gemeinden: Rekorddefizit von –28,3 Mrd. € (höchster Wert bislang).
  • Bund: größter absoluter Defizitanteil (–66,9 Mrd. €).

2. Entwicklung der Einnahmen

2.1 Steuern und Beiträge

  • Steuern & steuerähnliche Abgaben: +7,1 % auf 1.285,8 Mrd. €.
  • Treiber:
    • Sozialversicherungsbeiträge: +9,1 %.
    • Landessteuern: +33,3 %.
  • Gemeinschaft- und Bundessteuern: jeweils ca. +5 %.
  • Grundsteuer: nach Reform weitgehend unverändert (≈ 12,5 Mrd. €).

2.2 Sondereffekte

  • EU-Energiekrisenbeitrag läuft aus (dämpfend).
  • Tabaksteuererhöhung bringt ca. +2 Mrd. € Mehreinnahmen.

3. Ausgabenentwicklung nach Ebenen

3.1 Bund

  • Ausgaben: 461,9 Mrd. € (+4,3 %), Einnahmen: 394,9 Mrd. € (+2,7 %).
  • Defizit: –66,9 Mrd. € (Zunahme um 8,7 Mrd. € ggü. Vorjahr).
  • Spezielle Posten:
    • Zuschüsse an Sozialversicherungen +5,3 Mrd. €.
    • 2 Mrd. € Darlehen an Arbeitslosenversicherung.
    • 5,3 Mrd. € Eigenkapitalerhöhung Deutsche Bahn.

3.2 Länder

  • Personalausgaben: +5,2 %, Sachausgaben: +2,2 %.
  • Zinsausgaben: +9,7 % auf 9,2 Mrd. € (deutlicher Anstieg).
  • Zuweisungen an Gemeinden: 110,3 Mrd. € (+3,1 %).
  • Defizit: –1,2 Mrd. € (stark verbessert ggü. –7,3 Mrd. € im Vorjahr).

3.3 Gemeinden/Gemeindeverbände

  • Ausgaben: 303,4 Mrd. € (+5,9 %), Einnahmen: 275,1 Mrd. € (+5,5 %).
  • Personalkosten: +6,7 % auf 79,3 Mrd. €.
  • Zuweisungen/Zuschüsse (u. a. Sozialausgaben): +6,6 %.
  • Defizit: –28,3 Mrd. € (neuer Rekord; +2,4 Mrd. € ggü. Vorjahr).

3.4 Sozialversicherung

  • Ausgaben: 696,7 Mrd. € (+7,3 %), Einnahmen: 685,5 Mrd. € (+8,3 %).
  • Defizit: –11,2 Mrd. € (Verbesserung um 4,9 Mrd. € ggü. Vorjahr).

4. Methodische Hinweise

  • Daten aus vierteljährlicher Kassenstatistik (Kern- und Extrahaushalte).
  • Nicht identisch mit dem Maastricht-Saldo (ESVG 2010).
  • Seit Q2/2023 ca. 440 ÖPNV-Unternehmen als Extrahaushalte einbezogen (Effekt durch Deutschlandticket).

5. Kritische Einordnung

  1. Strukturelle Schieflage bei Gemeinden
    Das Rekorddefizit deutet auf dauerhafte Unterfinanzierung hin: steigende Personal- und Sozialausgaben treffen auf Einnahmen, die nicht Schritt halten. Die Grundsteuerreform zeigt keinen entlastenden Effekt – ein Warnsignal für die kommunale Leistungsfähigkeit.
  2. Bundesdefizit: Ausgabenpolitische Prioritäten vs. Einnahmendynamik
    Der Bund trägt weiterhin den Hauptanteil. Ein Teil ist investiv/strategisch (Bahn-Kapital), ein anderer transfergetrieben (Sozialversicherung). Einnahmen wachsen langsamer als Ausgaben – Konsolidierungsdruck bleibt.
  3. Zinswende belastet Länderhaushalte
    Der starke Zinsanstieg bei den Ländern signalisiert, dass die Niedrigzins-Entlastung vorbei ist. Das schmälert Spielräume für Investitionen und erhöht den Verdrängungseffekt zulasten anderer Ausgaben.
  4. Sozialversicherung: kurzfristige Entspannung, langfristige Risiken
    Die verbesserte Lage beruht auf Beitragseinnahmen. Demografie und Leistungsversprechen könnten diesen Trend rasch umkehren.
  5. Gesamtbild: Stabil, aber fragil
    Dass das Gesamtdefizit nahezu unverändert bleibt, wirkt zunächst beruhigend. Angesichts steigender Zinsen, kommunaler Defizite und auslaufender Sondereinnahmen (Energiekrisenbeitrag) ist die Tragfähigkeit mittelfristig unsicher.

6. Fazit

  • Einnahmen wachsen, aber Ausgaben – besonders auf kommunaler Ebene – schneller.
  • Gemeinden sind der systemische Schwachpunkt.
  • Zinskosten gewinnen an Bedeutung.
  • Ohne strukturelle Entlastung der Kommunen, Priorisierung der Bundesausgaben und stabile Einnahmequellen droht eine Verschärfung der Haushaltslage.

Quelle: Pressemitteilung des Statistischen Bundesamt

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