Wie lange hält die Aktienrallye noch stand?
Zwei Zahlen sorgen derzeit für Nervosität an den Finanzmärkten: die 100-Dollar-Marke beim Öl und die 4,7‑Prozent-Marke bei den amerikanischen Staatsanleihen. Beide Werte stehen für Risiken, die sich an der Wall Street bislang kaum in den Kursen niedergeschlagen haben – doch die Frage, wie lange das noch gutgehen kann, wird lauter.
Der Nahost-Konflikt treibt den Ölpreis
Der eskalierende Konflikt im Nahen Osten hat den Ölpreis auf rund 100 US-Dollar je Barrel getrieben – den höchsten Stand seit Mai. Auslöser ist die erneute Zuspitzung des Kriegs zwischen den USA und Iran: Nach einer kurzlebigen Waffenruhe im Juni, als Brent-Rohöl noch bei rund 70 Dollar notierte, ist der Preis in den vergangenen Wochen deutlich gestiegen. Am Markt kursieren Sorgen über Lieferunterbrechungen, weil der Tankerverkehr durch die Straße von Hormus nahezu zum Erliegen gekommen ist. Durch die für den globalen Energiehandel zentrale Meerenge fließt normalerweise ein erheblicher Teil des weltweit gehandelten Rohöls; ihre faktische Blockade gilt als eines der größten Angebotsrisiken für den Ölmarkt seit Jahren.
US-Anleiherenditen ziehen deutlich an
Parallel dazu sind die Renditen am amerikanischen Anleihemarkt kräftig gestiegen. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen kletterte auf 4,71 Prozent und damit auf den höchsten Stand seit Januar 2025. Befeuert wird dieser Anstieg von Markterwartungen, die laut Fed-Funds-Futures inzwischen zwei weitere Zinsschritte der US-Notenbank um jeweils 25 Basispunkte bis zum Jahresende einpreisen. Hartnäckige Inflation, ein weiterhin robuster Arbeitsmarkt und nun auch der Ölpreisschub liefern der Fed zusätzliche Argumente, an ihrem restriktiven Kurs festzuhalten.
Warum das für Aktien zum Problem werden könnte
Steigende Zinsen wirken wie Gift für Aktienbewertungen: Sie machen künftige Unternehmensgewinne aus heutiger Sicht weniger wert und verteuern gleichzeitig die Finanzierung für Unternehmen und Verbraucher. Einige Marktbeobachter definieren mittlerweile klare Schwellenwerte, ab denen sie mit ernsthaftem Gegenwind für Aktien rechnen: 4,75 Prozent gelten manchen als „Linie im Sand“ für die zehnjährige Rendite, die psychologisch wichtige 5‑Prozent-Marke wird als nächste kritische Schwelle gehandelt. Wird sie überschritten, dürfte laut dieser Lesart der Druck auf Bewertungen – insbesondere bei wachstumsstarken, hoch bewerteten Titeln – spürbar zunehmen.
Der Markt bleibt bislang erstaunlich gelassen
Trotz dieser Risiken zeigte sich der S&P 500 zuletzt widerstandsfähig und markierte noch im Juni neue Rekordstände. Gestützt wird diese Stärke vor allem durch drei Faktoren: ein solides Gewinnwachstum der Unternehmen, robuste US-Konjunkturdaten – etwa beim Einzelhandel und am Arbeitsmarkt – sowie massive Investitionen in KI-Infrastruktur, die als struktureller Wachstumstreiber gelten und bislang offenbar stärker wiegen als die Belastungsfaktoren durch Zinsen und Energiepreise.
Die Kehrseite: teurere Finanzierung, besonders für die Tech-Riesen
Genau hier liegt jedoch auch ein Risiko. Höhere Renditen verteuern Kredite spürbar – für Unternehmen ebenso wie für Verbraucher – und können dadurch die gesamtwirtschaftliche Dynamik bremsen. Besonders im Fokus stehen die großen Technologiekonzerne, die sogenannten Hyperscaler. Ihre gigantischen Investitionsprogramme in Rechenzentren und KI-Infrastruktur beruhen zu einem erheblichen Teil auf günstiger Finanzierung. Steigen die Kapitalkosten weiter, könnten diese Ausgabenpläne unter Druck geraten – mit möglichen Rückwirkungen auf genau jene Wachstumsstory, die den Markt zuletzt getragen hat.
Nicht alle Experten sind alarmiert
Dennoch mahnen einige Marktteilnehmer zur Gelassenheit. Ein Teil der Analysten hält die aktuellen Erwartungen an weitere Fed-Zinserhöhungen für übertrieben und rechnet damit, dass sich die Lage an der Zinsfront wieder beruhigen könnte, sobald sich Inflationsdaten oder geopolitische Spannungen entspannen. Zudem wird argumentiert, dass selbst ein anhaltend hoher Ölpreis allein noch keinen echten Bärenmarkt auslöst – dafür müsste er sich zunächst spürbar negativ auf die Unternehmensgewinne durchschlagen. Solange die Gewinnentwicklung intakt bleibt, so die Argumentation, verfüge die Aktienrallye trotz Öl- und Zinsrisiken noch über einen gewissen Puffer.
Am Ende bleibt die Gemengelage fragil: Eine weitere Eskalation im Nahen Osten oder ein Sprung der Rendite über die 5‑Prozent-Marke könnten genügen, um die bislang robuste Stimmung an den Aktienmärkten kippen zu lassen.