War­um wir an der Tür­schwel­le ver­ges­sen, was wir woll­ten

Fast jeder kennt das: Man steht vom Schreib­tisch auf, geht ziel­stre­big in die Küche und bleibt dort rat­los ste­hen. Eben wuss­te man noch genau, was man holen woll­te, jetzt ist der Gedan­ke weg. Vie­le hal­ten das für ein Zei­chen von Zer­streut­heit oder sogar eines nach­las­sen­den Gedächt­nis­ses. Die Gedächt­nis­for­schung sieht das anders. Das Phä­no­men hat inzwi­schen einen eige­nen Namen, den „Door­way Effect“, auf Deutsch etwa „Tür­schwel­len-Effekt“. Mit ihm lässt sich gut zei­gen, wie unser Gehirn Erleb­nis­se ord­net.

Bekannt gemacht hat den Effekt vor allem der US-Psy­cho­lo­ge Gabri­el Rad­van­sky von der Uni­ver­si­ty of Not­re Dame. In sei­nen Expe­ri­men­ten beweg­ten sich Ver­suchs­per­so­nen durch vir­tu­el­le oder ech­te Räu­me und tru­gen dabei Gegen­stän­de von einem Tisch zum nächs­ten. Zwi­schen­durch wur­den sie gefragt, wel­chen Gegen­stand sie gera­de bei sich hat­ten oder zuletzt abge­legt hat­ten. Dabei zeig­te sich ein kla­res Mus­ter: Wer auf dem Weg eine Tür durch­quert hat­te, ant­wor­te­te häu­fi­ger falsch als jemand, der die glei­che Stre­cke inner­halb eines ein­zi­gen Rau­mes zurück­ge­legt hat­te. Der Unter­schied lag also nicht an der Ent­fer­nung oder der ver­gan­ge­nen Zeit, son­dern an der Tür.

Nahe­lie­gend wäre eine Erklä­rung über die soge­nann­te Kon­text­ab­hän­gig­keit des Gedächt­nis­ses. Dass die Umge­bung beim Erin­nern eine Rol­le spielt, ist gut belegt. In einer bekann­ten Stu­die aus dem Jahr 1975 lern­ten Tau­cher Wort­lis­ten ent­we­der an Land oder unter Was­ser. Spä­ter erin­ner­ten sie sich bes­ser, wenn sie in der­sel­ben Umge­bung abge­fragt wur­den, in der sie gelernt hat­ten. Nach die­ser Logik müss­te man sich an sei­ne Absicht wie­der erin­nern, sobald man in den Aus­gangs­raum zurück­kehrt. Genau das prüf­te Rad­van­sky und fand es nicht bestä­tigt. In einem sei­ner Ver­su­che half die Rück­kehr in den ursprüng­li­chen Raum nicht. Ent­schei­dend war allein, ob eine Tür durch­schrit­ten wor­den war.

Rad­van­sky erklärt das mit einer ande­ren Idee. Unser Gehirn nimmt die Welt nicht als unun­ter­bro­che­nen Strom wahr. Es teilt das Erleb­te in ein­zel­ne Abschnit­te ein, ähn­lich wie Sze­nen in einem Film. Die Psy­cho­lo­gie spricht hier von Ereig­nis­seg­men­tie­rung. An bestimm­ten Punk­ten setzt das Gehirn eine Gren­ze: Eine Epi­so­de endet, eine neue beginnt. Eine Tür ist ein beson­ders deut­li­ches Signal für einen sol­chen Über­gang. Hin­ter ihr war­tet eine neue Umge­bung, und damit beginnt in unse­rem Kopf gewis­ser­ma­ßen ein neu­es Kapi­tel. Was zur vor­he­ri­gen Epi­so­de gehör­te, wird abge­legt und ist danach schwe­rer zugäng­lich. Die Absicht, in der Küche eine Sche­re zu holen, ent­stand aber noch im Arbeits­zim­mer. Sie gehört also zum vori­gen Kapi­tel und gerät des­halb leich­ter aus dem Blick.

So ein­leuch­tend die­se Erklä­rung ist, ganz so ein­deu­tig ist die For­schung nicht. Spä­te­re Stu­di­en konn­ten den Effekt nicht immer wie­der­ho­len. Eine For­schungs­grup­pe um Jes­si­ca McFa­dy­en berich­te­te 2021, dass Türen das Ver­ges­sen in ihren Expe­ri­men­ten vor allem dann ver­stärk­ten, wenn die Ver­suchs­per­so­nen gleich­zei­tig mit einer zwei­ten Auf­ga­be beschäf­tigt waren. Ohne die­se Zusatz­be­las­tung war der Effekt kaum nach­weis­bar. Das passt gut zum All­tag: Wer in Gedan­ken schon beim nächs­ten Ter­min ist, neben­bei tele­fo­niert oder gestresst durch die Woh­nung eilt, ver­gisst an der Tür­schwel­le eher etwas als jemand, der in Ruhe und kon­zen­triert unter­wegs ist. Die Tür allein ist also offen­bar nicht der Grund. Sie ver­stärkt das Ver­ges­sen vor allem dann, wenn unse­re Auf­merk­sam­keit ohne­hin auf meh­re­re Din­ge ver­teilt ist.

Wer sich gegen sol­che Aus­set­zer wapp­nen will, kann die Absicht über die Ereig­nis­gren­ze hin­weg aktiv hal­ten. Es hilft zum Bei­spiel, sich beim Los­ge­hen kurz vor­zu­sa­gen, was man holen möch­te, oder sich den gesuch­ten Gegen­stand bild­lich vor­zu­stel­len. Ist der Gedan­ke den­noch ver­lo­ren, kann es nüt­zen, sich die Situa­ti­on vor dem Auf­ste­hen bewusst in Erin­ne­rung zu rufen. Wor­an hat man gera­de gear­bei­tet, was hat den Impuls aus­ge­löst? Eine Garan­tie ist das nicht, aber oft führt die­ser gedank­li­che Rück­weg zur ver­ges­se­nen Absicht zurück.

Vor allem aber gibt der Tür­schwel­len-Effekt kei­nen Anlass zur Sor­ge. Er ist kein Hin­weis auf ein schlech­tes Gedächt­nis, son­dern eine Neben­wir­kung einer eigent­lich sinn­vol­len Fähig­keit. Weil das Gehirn Erleb­tes in über­schau­ba­re Epi­so­den glie­dert, kön­nen wir uns in einer kom­ple­xen Welt zurecht­fin­den und Erin­ne­run­gen geord­net able­gen. Dass dabei hin und wie­der eine Absicht im fal­schen Kapi­tel zurück­bleibt, ist der Preis für die­ses Sys­tem. Wer also das nächs­te Mal rat­los in der Küche steht, kann sich damit trös­ten, dass sein Gehirn ganz nor­mal arbei­tet.


Wie hilf­reich war die­ser Bei­trag?

Kli­cke auf die Ster­ne um zu bewer­ten!

Durch­schnitt­li­che Bewer­tung 0 / 5. Anzahl Bewer­tun­gen: 0

Bis­her kei­ne Bewer­tun­gen! Sei der Ers­te, der die­sen Bei­trag bewer­tet.

Es tut uns leid, dass der Bei­trag für dich nicht hilf­reich war!

Las­se uns die­sen Bei­trag ver­bes­sern!

Wie kön­nen wir die­sen Bei­trag ver­bes­sern?

Disclaimer: Dieser Beitrag dient lediglich zu allgemeinen Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Bitte konsultieren Sie vor jeder Anlageentscheidung einen unabhängigen Finanzberater