Wenn ETFs immer unge­wöhn­li­cher wer­den

Exch­an­ge Traded Funds gal­ten lan­ge vor allem als ein­fa­che und kos­ten­güns­ti­ge Mög­lich­keit, breit gestreut in Akti­en, Anlei­hen oder Roh­stof­fe zu inves­tie­ren. Inzwi­schen hat sich der Markt jedoch stark wei­ter­ent­wi­ckelt. Neben klas­si­schen Index­fonds gibt es heu­te Pro­duk­te, die auf sehr spe­zi­el­le Bran­chen, ein­zel­ne Unter­neh­men oder hoch­spe­ku­la­ti­ve Stra­te­gien set­zen. Selbst Bit­co­in und gehe­bel­te Wet­ten auf ein­zel­ne Akti­en sind längst Teil der ETF-Welt. Damit zeigt sich, wie weit sich das ursprüng­lich eher nüch­ter­ne Anla­ge­instru­ment inzwi­schen von sei­nen Anfän­gen ent­fernt hat.

Beson­ders auf­fäl­lig sind The­men-ETFs, die sich auf sehr eng umris­se­ne Berei­che kon­zen­trie­ren. Dazu gehö­ren Fonds rund um Raum­fahrt, Video­spie­le, das Meta­ver­se, Can­na­bis oder Sport­wet­ten. Sol­che Pro­duk­te bün­deln Unter­neh­men, die von bestimm­ten gesell­schaft­li­chen oder tech­no­lo­gi­schen Trends pro­fi­tie­ren sol­len. Für Anle­ger kann das attrak­tiv wir­ken, weil sich damit gezielt auf eine bestimm­te Zukunfts­er­war­tung set­zen lässt. Gleich­zei­tig steigt aber auch das Risi­ko, weil die Streu­ung meist deut­lich gerin­ger ist als bei einem klas­si­schen Welt- oder Markt­in­dex.

Noch unge­wöhn­li­cher sind ETFs, die sich an poli­ti­schen Akti­vi­tä­ten ori­en­tie­ren. In den USA exis­tie­ren bei­spiels­wei­se Pro­duk­te, die öffent­lich gemel­de­te Akti­en­ge­schäf­te von Mit­glie­dern des Kon­gres­ses und deren Ehe­part­nern nach­voll­zie­hen. Aus regu­la­to­ri­schen Offen­le­gungs­pflich­ten wird damit eine eige­ne Anla­ge­stra­te­gie. Der ETF-Markt ver­ar­bei­tet also nicht mehr nur wirt­schaft­li­che Kenn­zah­len oder Bör­sen­in­di­zes, son­dern zuneh­mend auch Ver­hal­tens­da­ten und gesell­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen.

Eine wei­te­re Ent­wick­lung sind soge­nann­te Sin­gle-Stock-ETFs. Sie bezie­hen sich nicht auf einen gan­zen Akti­en­korb, son­dern auf ein ein­zi­ges Unter­neh­men. Man­che die­ser Fonds ver­su­chen, die täg­li­che Kurs­be­we­gung einer Aktie zu ver­dop­peln. Steigt die zugrun­de lie­gen­de Aktie an einem Tag um ein Pro­zent, soll ein zwei­fach gehe­bel­ter ETF unge­fähr zwei Pro­zent zule­gen. Umge­kehrt gibt es inver­se Pro­duk­te, die von fal­len­den Kur­sen pro­fi­tie­ren sol­len. Sol­che Fonds ähneln weni­ger einer klas­si­schen lang­fris­ti­gen Geld­an­la­ge als einem kurz­fris­ti­gen Tra­din­gin­stru­ment und kön­nen erheb­li­che Ver­lus­te ver­ur­sa­chen.

Auch die Kon­zen­tra­ti­on auf nur weni­ge bekann­te Unter­neh­men ist inzwi­schen als ETF-Kon­zept ver­brei­tet. Ein Bei­spiel sind Fonds, die aus­schließ­lich auf die soge­nann­ten „Magni­fi­cent Seven“ set­zen, also auf eine klei­ne Grup­pe beson­ders gro­ßer US-Tech­no­lo­gie­kon­zer­ne. Der Begriff ETF bedeu­tet des­halb längst nicht auto­ma­tisch brei­te Diver­si­fi­ka­ti­on. Ein Fonds kann recht­lich und tech­nisch ein ETF sein und den­noch ein sehr kon­zen­trier­tes Port­fo­lio besit­zen.

Beson­ders span­nend ist die zuneh­men­de Annä­he­rung zwi­schen Finanz­märk­ten und Sport. Bereits heu­te gibt es ETFs, die in Unter­neh­men aus den Berei­chen Sport­wet­ten und Online-Gam­ing inves­tie­ren. Noch einen Schritt wei­ter gehen neue Kon­zep­te, bei denen Fonds unmit­tel­bar an die Ent­wick­lung ein­zel­ner Sport­teams gekop­pelt wer­den könn­ten. Für sämt­li­che NHL-Fran­chi­ses wur­den ent­spre­chen­de ETF-Struk­tu­ren vor­ge­schla­gen. Dane­ben wer­den Fonds dis­ku­tiert, die auf Pre­dic­tion Mar­kets beru­hen oder über akti­ves Manage­ment prak­tisch Sport­wet­ten im Auf­trag ihrer Anle­ger ein­ge­hen wür­den.

Damit ver­schiebt sich die Gren­ze zwi­schen Inves­ti­ti­on und Wet­te immer wei­ter. Ein klas­si­scher ETF ermög­licht die Betei­li­gung an Unter­neh­men, deren Gewin­ne lang­fris­tig den Wert des Fonds beein­flus­sen. Bei einem Pro­dukt, des­sen Ergeb­nis unmit­tel­bar von einem Sport­team oder einem bestimm­ten Ereig­nis abhängt, rückt dage­gen der spe­ku­la­ti­ve Cha­rak­ter deut­lich stär­ker in den Vor­der­grund. Die bis­lang vor­ge­schla­ge­nen Sport- und Pre­dic­tion-Mar­ket-Pro­duk­te sind noch nicht von der US-Bör­sen­auf­sicht SEC geneh­migt. Ihre Exis­tenz als kon­kre­te Anträ­ge zeigt jedoch, wie expe­ri­men­tier­freu­dig die ETF-Bran­che inzwi­schen gewor­den ist.

Die Ent­wick­lung macht deut­lich, dass ETFs heu­te weni­ger eine bestimm­te Anla­ge­stra­te­gie als viel­mehr eine Ver­pa­ckungs­form für sehr unter­schied­li­che Finanz­ideen dar­stel­len. In die­ser Hül­le las­sen sich brei­te Akti­en­in­di­zes eben­so unter­brin­gen wie Bit­co­in, ein­zel­ne Akti­en, poli­ti­sche Han­dels­da­ten, Trend­bran­chen oder mög­li­cher­wei­se künf­tig sogar Sport­teams und Sport­wet­ten. Für Anle­ger wird es des­halb immer wich­ti­ger, nicht nur auf die Bezeich­nung ETF zu ach­ten, son­dern genau zu ver­ste­hen, was tat­säch­lich im Pro­dukt steckt und wel­che Risi­ken damit ver­bun­den sind.


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