Wer­den die Kom­mu­nis­ten in Ber­lin regie­ren?

Der Wahl­sieg der kom­mu­nis­ti­schen Lin­ken bedeu­tet nicht auto­ma­tisch, dass sie pro­blem­los eine Regie­rung bil­den kann. Nach dem vor­läu­fi­gen Ergeb­nis vom 20. Sep­tem­ber 2026 liegt die Lin­ke mit 25,7 % zwar klar vor­ne, braucht aber wegen der Sitz­ver­tei­lung zwei Koali­ti­ons­part­ner. Rech­ne­risch nahe­lie­gend wäre Lin­ke + Grü­ne + SPD; die­ses Bünd­nis hät­te mit unge­fähr 95 von 159 Sit­zen eine kom­for­ta­ble Mehr­heit.

Die Schwie­rig­keit liegt vor allem bei den inhalt­li­chen „roten Lini­en“. Beson­ders kon­flikt­träch­tig ist die Ver­ge­sell­schaf­tung gro­ßer Woh­nungs­kon­zer­ne. Die Lin­ke hat die­ses The­ma sehr stark in den Mit­tel­punkt ihres Wahl­kampfs gestellt. SPD-Spit­zen­kan­di­dat Stef­fen Krach hat­te dage­gen schon vor der Wahl erklärt, er wer­de kei­ner Koali­ti­on bei­tre­ten, in der die Ver­ge­sell­schaf­tung zur ver­bind­li­chen Vor­aus­set­zung gemacht wird. Die Grü­nen sind dem Vor­ha­ben grund­sätz­lich offe­ner gegen­über, haben aber eben­falls davor gewarnt, sol­che For­de­run­gen vor Ver­hand­lun­gen zur unver­rück­ba­ren Bedin­gung zu machen.

Hin­zu kom­men Haus­halt und Finan­zie­rung. Ber­lin steht vor erheb­li­chen Haus­halts­pro­ble­men, wäh­rend die Lin­ke gleich­zei­tig vie­le Aus­ga­ben schüt­zen oder erhö­hen möch­te – etwa für Woh­nen, ÖPNV und sozia­le Infra­struk­tur. In Koali­ti­ons­ver­hand­lun­gen müss­te des­halb kon­kret geklärt wer­den, wel­che Vor­ha­ben tat­säch­lich finan­zier­bar sind und wo Prio­ri­tä­ten gesetzt wer­den. Das ist beson­ders mit SPD und Grü­nen rele­vant, weil bei­de sich an einen gemein­sa­men Lan­des­haus­halt und die gel­ten­den finanz­po­li­ti­schen Rah­men­be­din­gun­gen bin­den müss­ten.

Ein wei­te­rer Kon­flikt­be­reich betrifft Anti­se­mi­tis­mus und Nah­ost­po­li­tik inner­halb der Lin­ken. Grü­nen-Bun­des­chef Felix Banas­zak hat nach der Wahl aus­drück­lich ver­langt, dass ent­spre­chen­de Streit­fra­gen vor einer Zusam­men­ar­beit geklärt wer­den. Das ist inso­fern rele­vant, als die­se Aus­ein­an­der­set­zun­gen inner­halb der Ber­li­ner Lin­ken bereits zu per­so­nel­len Kon­flik­ten geführt haben.

Trotz­dem gibt es einen wich­ti­gen Unter­schied zu einer völ­lig fest­ge­fah­re­nen Situa­ti­on: Die Grü­nen haben bereits posi­ti­ve Signa­le für Rot-Grün-Rot gege­ben. Die SPD befin­det sich nach ihrem his­to­ri­schen Tief von 12,1 % dage­gen in einer schwie­ri­ge­ren Lage und muss zunächst auch intern klä­ren, wie sie mit dem Ergeb­nis umgeht. Gleich­zei­tig exis­tiert eine rech­ne­ri­sche Alter­na­ti­ve: CDU + Grü­ne + SPD hät­te eben­falls eine Mehr­heit. Dadurch haben ins­be­son­de­re SPD und Grü­ne bei den Ver­hand­lun­gen mit der Lin­ken einen gewis­sen Spiel­raum.

Der inter­es­san­te Punkt ist des­halb weni­ger, ob die Lin­ke Part­ner fin­den kann, son­dern wie viel ihres Wahl­pro­gramms sie dafür ver­än­dern oder ver­ta­gen müss­te. Bei The­men wie stär­ke­ren Inves­ti­tio­nen in bezahl­ba­res Woh­nen, ÖPNV und sozia­le Infra­struk­tur gibt es erheb­li­che Schnitt­men­gen mit Grü­nen und Tei­len der SPD. Die wirk­lich schwie­ri­gen Ver­hand­lun­gen dürf­ten sich dage­gen um Ver­ge­sell­schaf­tung, Finan­zie­rung und ein­zel­ne gesell­schafts­po­li­ti­sche Kon­flik­te dre­hen.

Man könn­te sich bei­spiels­wei­se einen Kom­pro­miss vor­stel­len, bei dem sich eine Koali­ti­on grund­sätz­lich zum Ver­ge­sell­schaf­tungs­auf­trag des Volks­ent­scheids bekennt, aber zunächst recht­li­che und finan­zi­el­le Vor­aus­set­zun­gen schafft und die eigent­li­che Umset­zung nicht sofort voll­zieht. Genau ein sol­cher Ansatz wur­de bereits vor der Wahl als mög­li­cher Ver­hand­lungs­kom­pro­miss dis­ku­tiert.

Kurz gesagt: Eine rot-grün-rote Regie­rung ist rech­ne­risch klar mög­lich und poli­tisch kei­nes­wegs aus­ge­schlos­sen – aber das Wahl­pro­gramm der Lin­ken dürf­te kaum eins zu eins zum Koali­ti­ons­ver­trag wer­den. Die nächs­ten Gesprä­che wer­den vor allem zei­gen, wel­che ihrer zen­tra­len For­de­run­gen die Lin­ke als unver­han­del­bar betrach­tet und wo SPD und Grü­ne zu Zuge­ständ­nis­sen bereit sind.

Das Wahl­pro­gramm der Kom­mu­nis­ten Ber­lin zur Abge­ord­ne­ten­haus­wahl 2026 trägt den Titel „Ber­lin bezahl­bar machen“. Der rote Faden ist: nied­ri­ge­re Wohn- und Lebens­hal­tungs­kos­ten, Aus­bau öffent­li­cher Daseins­vor­sor­ge und stär­ke­re Ein­grif­fe des Lan­des in Wohnungs‑, Ver­kehrs- und Ener­gie­märk­te.

Die wich­tigs­ten Punk­te las­sen sich so zusam­men­fas­sen:

  • Woh­nen und Mie­ten: Das ist der zen­tra­le Schwer­punkt. Die Lin­ke will die Mie­ten bei lan­des­ei­ge­nen Woh­nun­gen deckeln, den Volks­ent­scheid „Deut­sche Woh­nen & Co. ent­eig­nen“ umset­zen und gro­ße Woh­nungs­kon­zer­ne ver­ge­sell­schaf­ten. Ein Lan­des­amt bzw. eine stär­ke­re Behör­de soll gegen Miet­wu­cher, ille­ga­le Feri­en­woh­nun­gen, spe­ku­la­ti­ven Leer­stand und pro­ble­ma­ti­sche möblier­te Ver­mie­tun­gen vor­ge­hen. Zusätz­lich setzt die Par­tei auf kom­mu­na­len Neu­bau; ein 2026 vor­ge­stell­tes Kon­zept sieht 75.000 dau­er­haft bezahl­ba­re Woh­nun­gen in zehn Jah­ren vor, mit durch­schnitt­lich etwa 8 €/m².
  • ÖPNV und Ver­kehr: Das Sozi­al­ti­cket soll wie­der 9 Euro kos­ten, wei­te­re Ticket­preis­er­hö­hun­gen im VBB sol­len ver­hin­dert wer­den. Gleich­zei­tig sol­len BVG und öffent­li­cher Ver­kehr mehr Per­so­nal und Inves­ti­tio­nen bekom­men. Lang­fris­tig for­mu­liert die Lin­ke das Ziel eines kos­ten­frei­en ÖPNV. Bei der Ver­kehrs­in­fra­struk­tur setzt sie eher auf ÖPNV, Fuß- und Rad­ver­kehr sowie ver­kehrs­be­ru­hig­te Berei­che als auf wei­te­re gro­ße Stra­ßen­pro­jek­te wie eine Ver­län­ge­rung der A100.
  • Sozia­les, Gesund­heit und öffent­li­che Diens­te: Kei­ne wei­te­ren Kür­zun­gen bei sozia­len Ein­rich­tun­gen, Kul­tur, Bil­dung und öffent­li­cher Infra­struk­tur. Statt­des­sen sol­len Land und Bezir­ke mehr Per­so­nal ein­stel­len und öffent­li­che bezie­hungs­wei­se gemein­nüt­zi­ge Ange­bo­te aus­bau­en. Bei Gesund­heit und Pfle­ge setzt die Par­tei auf star­ke lan­des­ei­ge­ne Kran­ken­häu­ser, Gesund­heits­zen­tren, einen leis­tungs­fä­hi­ge­ren öffent­li­chen Gesund­heits­dienst und bes­se­re Pfle­geinfra­struk­tur.
  • Schu­le und Bil­dung: Die Lin­ke will stär­ker inves­tie­ren und den Per­so­nal­man­gel bekämp­fen. Gemein­schafts­schu­len, in denen Kin­der län­ger gemein­sam ler­nen, sol­len deut­lich aus­ge­baut wer­den; die Bezir­ke sol­len nach dem Pro­gramm bis 2031 jeweils min­des­tens zwei neue Gemein­schafts­schu­len auf den Weg brin­gen. Die gene­rel­le Stoß­rich­tung ist ein weni­ger nach sozia­ler Her­kunft selek­tie­ren­des Schul­sys­tem.
  • Kli­ma und Ener­gie: Ber­lin soll bis 2040 kli­ma­neu­tral wer­den. Vor­ge­se­hen sind Inves­ti­tio­nen in Wär­me­wen­de, Ener­gie, Gebäu­de und Ver­kehr, eine Dekar­bo­ni­sie­rung der Fern­wär­me sowie sozi­al abge­fe­der­te Ener­gie­prei­se. Die Lin­ke ver­bin­det Kli­ma­schutz aus­drück­lich mit Mie­ter­schutz und will bei­spiels­wei­se ener­ge­ti­sche Sanie­run­gen ermög­li­chen, ohne dadurch Mie­ten stark stei­gen zu las­sen.
  • Arbeit und Wirt­schaft: Die Par­tei setzt auf stär­ke­re Tarif­bin­dung, bes­se­re Bezah­lung und Arbeits­be­din­gun­gen ins­be­son­de­re im öffent­li­chen bezie­hungs­wei­se öffent­lich finan­zier­ten Bereich. Gleich­zei­tig soll der Staat stär­ker inves­tie­ren und öffent­li­che bezie­hungs­wei­se kom­mu­na­le Unter­neh­men eine grö­ße­re Rol­le bei Infra­struk­tur und Daseins­vor­sor­ge spie­len.
  • Steu­ern und Finan­zie­rung: Statt Sozi­al­aus­ga­ben zu redu­zie­ren, möch­te die Lin­ke zusätz­li­che Ein­nah­men erschlie­ßen. Genannt wer­den unter ande­rem höhe­re bezie­hungs­wei­se ange­pass­te Gewer­be- und Grund­er­werb­steu­ern, eine Grund­steu­er C, inten­si­ve­re Steu­er­prü­fun­gen bei sehr hohen Ein­kom­men und eine soge­nann­te Luxus­vil­len­steu­er. Bun­des­po­li­tisch for­dert sie unter ande­rem eine Ver­mö­gen­steu­er und eine Abschaf­fung der Schul­den­brem­se.
  • Migra­ti­on, Bür­ger­rech­te und Demo­kra­tie: Die Lin­ke for­dert glei­che gesell­schaft­li­che und poli­ti­sche Rech­te unab­hän­gig von der Her­kunft, ein Wahl­recht auch für Men­schen ohne deut­schen Pass, einen Aus­bau von Anti­dis­kri­mi­nie­rungs­maß­nah­men und eine restrik­ti­ons­kri­ti­sche Flücht­lings­po­li­tik. Außer­dem will sie direk­te Demo­kra­tie stär­ken, etwa durch nied­ri­ge­re Hür­den für Volks­be­geh­ren und mehr Bür­ger­be­tei­li­gung.

In einem Satz: Das Ber­li­ner Pro­gramm der Lin­ken ist wirt­schafts- und sozi­al­po­li­tisch deut­lich inter­ven­tio­nis­tisch: mehr kom­mu­na­les Eigen­tum und öffent­li­che Inves­ti­tio­nen, stär­ke­re Regu­lie­rung ins­be­son­de­re des Woh­nungs­mark­tes und Finan­zie­rung durch höhe­re Belas­tun­gen von Ver­mö­gen, Immo­bi­li­en und Unter­neh­men statt durch Kür­zun­gen.

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