Wie lan­ge soll die Ukrai­ne noch blu­ten?

Manch­mal ver­rät ein ein­zi­ger Satz mehr über eine poli­ti­sche Hal­tung als ein gan­zes Stra­te­gie­pa­pier. Im phoe­nix tages­ge­spräch zum EU-West­bal­kan-Gip­fel lie­fer­te Micha­el Gah­ler, außen­po­li­ti­scher Spre­cher der EVP-Frak­ti­on und Ukrai­ne-Bericht­erstat­ter, einen sol­chen Satz. Die Ukrai­ne, so Gah­ler sinn­ge­mäß, hal­te „uns den Rücken frei” und gebe „uns die Zeit”, in Euro­pa wie­der ver­tei­di­gungs­fä­hig zu wer­den.

Was wie eine wohl­mei­nen­de Wür­di­gung klingt, ist bei nähe­rem Hin­se­hen ein poli­ti­sches Ein­ge­ständ­nis von erschre­cken­der Käl­te.

Die Logik des geschenk­ten Zeit­fens­ters

Man muss Gah­lers Aus­sa­ge nur kon­se­quent zu Ende den­ken, um ihren Kern frei­zu­le­gen. Wenn die Ukrai­ne Euro­pa die Zeit ver­schafft, sich zu wapp­nen, dann ergibt sich dar­aus zwangs­läu­fig eine zyni­sche Glei­chung: Der Krieg darf, ja muss so lan­ge wei­ter­ge­hen, bis Brüs­sel sei­ne Haus­auf­ga­ben erle­digt hat. Die Dau­er des ukrai­ni­schen Lei­dens wird damit still­schwei­gend an den Fort­schritt der euro­päi­schen Rüs­tungs­in­dus­trie gekop­pelt.

Das ist die Umkeh­rung jeder ver­nünf­ti­gen poli­ti­schen Prio­ri­tät. Die eigent­li­che Fra­ge müss­te lau­ten: Wie been­det man die­sen Krieg mög­lichst schnell zu Bedin­gun­gen, die der Ukrai­ne Sou­ve­rä­ni­tät und Sicher­heit garan­tie­ren? In Gah­lers Rah­mung aber wird die Fort­dau­er des Krie­ges zum heim­li­chen stra­te­gi­schen Vor­teil – ein gebun­de­nes Russ­land, ein beschäf­tig­ter Geg­ner, gewon­ne­ne Zeit. Bezahlt wird die­ser Zeit­ge­winn nicht in Brüs­sel, son­dern in Bach­mut, Awdi­jiw­ka und Pokrowsk. Bezahlt wird er in Men­schen­le­ben.

Wes­sen Krieg ist das eigent­lich?

Das ver­rä­te­ri­sche Wort ist das Pro­no­men „uns”. Aus dem Ver­tei­di­gungs­kampf eines sou­ve­rä­nen Staa­tes wird sprach­lich eine Dienst­leis­tung an Euro­pa. Ukrai­ni­sche Sol­da­ten ster­ben nicht, damit Deutsch­land Zeit zum Auf­rüs­ten gewinnt. Sie ster­ben für ihr Land, ihre Fami­li­en, ihre Exis­tenz. Wer die­se Rei­hen­fol­ge umdreht, ver­ein­nahmt frem­des Ster­ben für die eige­ne stra­te­gi­sche Erzäh­lung.

Und genau hier wird es gefähr­lich: Gah­lers For­mu­lie­rung nor­ma­li­siert eine Hal­tung, in der ein dau­er­haft schwe­len­der, „ein­ge­fro­re­ner” Krieg als durch­aus brauch­ba­rer Zustand erscheint – solan­ge er den Rich­ti­gen nützt. Russ­land gebun­den, Euro­pa nicht direkt bedroht, Zeit zum Nach­rüs­ten. Aus der Distanz des Brüs­se­ler Sit­zungs­saals mag das nach klu­ger Real­po­li­tik klin­gen. Aus der Per­spek­ti­ve eines ukrai­ni­schen Schüt­zen­gra­bens ist es eine Obs­zö­ni­tät.

Die Bring­schuld, die nie­mand erwähnt

Selbst wenn man Gah­ler zugu­te­hält, dass er die Kriegs­dau­er nicht zynisch plant – kein euro­päi­scher Poli­ti­ker steu­ert die­sen Krieg per Fern­be­die­nung –, bleibt sei­ne Wort­wahl ver­ant­wor­tungs­los. Denn sie macht aus einer Tra­gö­die eine Funk­ti­on. Sie ver­kauft ein fort­dau­ern­des Ster­ben als Geschenk an Euro­pa.

Wer aber so spricht, müss­te wenigs­tens die ande­re Sei­te der Glei­chung mit glei­cher Schär­fe benen­nen: Euro­pa nutzt die teu­er erkauf­te Zeit schlecht. Auf­rüs­tung, gemein­sa­me Beschaf­fung, indus­tri­el­le Kapa­zi­tä­ten – alles kommt schlep­pend vor­an. Wenn die Ukrai­ne wirk­lich mit Blut Zeit erkauft, dann ist deren Ver­schwen­dung durch euro­päi­sche Zöger­lich­keit nicht bloß inef­fi­zi­ent. Sie ist ein mora­li­sches Ver­sa­gen.

Fazit

Gah­lers Satz ist kei­ne Lüge, son­dern eine ver­rä­te­ri­sche Ver­kür­zung. Er sagt mehr über die euro­päi­sche Selbst­be­zo­gen­heit aus als über die Ukrai­ne. Wer von „gewon­ne­ner Zeit” spricht, soll­te sich der Fra­ge stel­len, die hin­ter sei­nen Wor­ten lau­ert und die er sich offen­kun­dig nicht gestellt hat:

Wie lan­ge genau soll die Ukrai­ne noch blu­ten, damit Brüs­sel end­lich ver­tei­di­gungs­fä­hig wird?

Solan­ge auf die­se Fra­ge kei­ne ehr­li­che Ant­wort kommt, ist jedes Lob für den ukrai­ni­schen „Schutz­schild” nur die freund­li­che Ver­pa­ckung eines küh­len Eigen­in­ter­es­ses.


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