Wochenüberblick 05.–09. Januar 2026: Märkte auf Rekordjagd zwischen Konjunktursorgen, KI-Euphorie und Geopolitik
1. Makroökonomisches Umfeld – „Low Hire, Low Fire“ als Leitmotiv
Arbeitsmarkt (Kernereignis der Woche)
- Non-Farm Payrolls (Fr): +50.000 (unter Erwartung ~60k), Revisionen nach unten
- Arbeitslosenquote: 4,4 % (besser als erwartet, aber mit sinkender Partizipation)
- ADP (Mi): +41.000 nach -29k im Vormonat
- JOLTS (Mi): 7,15 Mio. Stellen – niedrigster Stand seit 14 Monaten
- Job Cuts (Challenger): 35.553 – niedrigster Wert seit 17 Monaten
- Quits-Rate: gestiegen (Hinweis auf noch vorhandenes Arbeitnehmervertrauen)
Einordnung:
Der Arbeitsmarkt ist eindeutig abkühlend, aber nicht kollabierend. Das Narrativ „low hire, low fire“ wird bestätigt. Für die Märkte entscheidend: Das Bild ist schwach genug für Zinssenkungsfantasie, aber nicht schwach genug für Rezessionsangst.
Inflation & Preise
- Michigan 1Y Inflationserwartung: 4,2 % (nahe 1-Jahres-Tief)
- 5Y Inflationserwartung: 3,4 % (leicht steigend)
- Durchschnittslohn: +0,3 % MoM, +3,8 % YoY (beschleunigt)
- Used Car Prices: +0,1 % MoM (zweiter Anstieg in Folge)
Einordnung:
Inflation bleibt zäh, insbesondere bei Löhnen und Dienstleistungen. Das spricht gegen aggressive Zinssenkungen – ein Punkt, den der Markt in seiner Euphorie tendenziell ignoriert.
Aktivitätsindikatoren
- ISM Services PMI: 54,4 (stärkster Wert seit 2024)
- S&P Global Services PMI: 52,5 (8-Monats-Tief)
- Composite PMI: 52,7 (verlangsamt)
- ISM Manufacturing PMI: klar in Kontraktion
- Factory Orders: -1,3 %
- Housing Starts: -4,6 %, 5-Jahres-Tief
Einordnung:
Sehr inkonsistentes Bild: Dienstleistungen stark, Industrie und Bau schwach. Das deutet auf eine zweigeteilte Wirtschaft hin – typisch für Spätzyklusphasen.
Produktivität & Kosten
- Produktivität Q3: +4,9 % (deutlich über Erwartung)
- Unit Labor Costs: -1,9 %
Einordnung:
Das ist der fundamental stärkste Punkt der Woche. Steigende Produktivität bei fallenden Lohnstückkosten ist das ideale Szenario für Margen. Allerdings sind diese Daten volatil und revisionsanfällig.
2. Geldpolitik, Zinsen & Dollar
- US 10Y Yield: Schwankte zwischen 4,13 % und 4,21 %, Wochenschluss ~4,17 %
- Markterwartung: ~90 % Wahrscheinlichkeit für keine Zinssenkung im Januar, aber 2 Cuts 2026 eingepreist
- Dollar (DXY): Anstieg bis ~99, 4-Wochen-Hoch
Einordnung:
Der Markt rechnet weiter mit Zinssenkungen, die Daten rechtfertigen das nur eingeschränkt. Das steigende Lohnwachstum und robuste Services-Sektor stehen im Widerspruch zur dovishen Erwartung.
3. Geopolitik & Politik – Dominante Einflussfaktoren
Venezuela
- Festnahme von Maduro durch US-Kräfte
- Trump kündigt erste Öl-Lieferungen aus Venezuela an
- Profiteure: Valero, Marathon, Phillips 66, Chevron volatil
Einordnung:
Märkte reagierten erstaunlich gelassen. Kurzfristig ist die Angebotsrelevanz gering, langfristig aber geopolitisch hochbrisant (Lateinamerika, China, OPEC).
Verteidigung
- Trump: Militärbudget 2027 = 1,5 Bio. USD
- Lockheed, Northrop, RTX, Kratos stark
Einordnung:
Das ist klassischer fiskalischer Stimulus, aber auch politisch riskant. Die Rally ist fundamental nachvollziehbar, aber stark headline-getrieben.
Wohnen & Hypotheken
- Trump ordnet 200 Mrd. USD MBS-Käufe durch Fannie/Freddie an
- Homebuilder + Home Improvement stark (D.R. Horton, Lennar, Home Depot)
Einordnung:
Kurzfristig positiv für Aktien, langfristig marktverzerrend und politisch heikel.
4. Aktienmärkte – Chronologie & Dynamik
Montag (05.01.)
- Starker Start ins Jahr, Dow +1 %, S&P +0,6 %
- Semiconductors & Storage explodieren (Micron, TI, SanDisk, WD, Seagate)
- CES: Nvidia bestätigt starke Nachfrage
Dienstag (06.01.)
- Dow +1,1 %, S&P +0,8 % → neue Rekorde
- Chips & Healthcare treiben
- Venezuela-News eingepreist, Energie gemischt
Mittwoch (07.01.)
- Gemischtes Bild, Dow -0,96 %, Nasdaq stabil
- JOLTS schwach, ADP ok, ISM Services stark
- Rotation aus Banken, Tech selektiv stark
Donnerstag (08.01.)
- Choppy Session, Tech schwach, Defense & Energy stark
- Housing-Daten schwach (Starts 5Y-Tief)
- AI-Aktien unter Druck wegen Capex-Sorgen
Freitag (09.01.)
- Jobs-Report → Rally
- S&P +0,6 %, Dow +0,5 %, Nasdaq +0,8 % → neue Allzeithochs
- Homebuilder & Chips stark, Dollar fester, Renditen hoch
Wochenbilanz:
- S&P 500: +1,0 %
- Nasdaq: +1,3 %
- Dow: +1,2 %
- Russell 2000: Allzeithoch
5. Sektor- und Themenrotation
Gewinner
- Halbleiter & AI-Infrastruktur
- Defense
- Homebuilder & Home Improvement
- Healthcare
- Materials
Verlierer
- Big Tech (phasenweise) wegen Capex-Skepsis
- Utilities
- Consumer Staples (P&G, Pepsi, Walmart schwach)
- REITs selektiv unter Druck
Einordnung:
Sehr gesunde Rotation oberflächlich – zyklisch, defensiv und Growth profitieren abwechselnd. Gleichzeitig ist das oft ein Spätzyklus-Signal, wenn alles gleichzeitig steigt.
6. Rohstoffe & Energie
- Öl: Volatil, erst runter (Venezuela), dann hoch (Russland, Iran, Lagerabbau)
- US Crude Inventories: überraschender Draw
- Gas: Lagerabbau stärker als erwartet
- Gold & Silber: im Hintergrund stark (Flucht & Inflation)
Einordnung:
Rohstoffe signalisieren geopolitische Prämie + Inflationsrestangst.
7. Konsum & Kredit
- Consumer Credit: +4,2 Mrd. (unter Erwartung)
- Consumer Sentiment: leicht besser, aber 25 % unter Vorjahr
- Mortgage Applications: schwach trotz niedrigerer Zinsen
Einordnung:
Der Konsument ist nicht kollabiert, aber klar vorsichtig. Das widerspricht der Aktien-Euphorie.
Fazit & Bewertung
Zusammenfassung in Klartext
Die Woche war geprägt von:
- Neuen Allzeithochs in allen großen US-Indizes
- Abkühlendem, aber stabilem Arbeitsmarkt
- Starker KI- & Chip-Euphorie bei gleichzeitiger Capex-Skepsis
- Massiven geopolitischen Impulsen (Venezuela, Militär, Energie)
- Politischen Eingriffen in Wohnungs- und Kreditmärkte
Bewertung
Positiv:
- Produktivität + Margenpotenzial
- Breite Marktteilnahme (Small Caps, Zykliker, Defense)
- Kein Rezessionssignal
Negativ / Risiken:
- Bewertungen extrem hoch bei gleichzeitig schwacher Realwirtschaft
- Politik dominiert Märkte (Venezuela, Militär, Housing) → instabil
- Inflation strukturell zäh, Löhne ziehen an
- KI-Euphorie vs. Ertragsrealität beginnt zu divergieren
Kernaussage
Die Märkte feiern die Illusion eines perfekten Szenarios: fallende Zinsen ohne wirtschaftlichen Schmerz. Die Datenlage rechtfertigt diesen Optimismus nur teilweise. Die Woche war stark – aber fundamental fragiler, als die Kurse suggerieren.
Starker Jahresstart 2026 – Rallye mit Rissen
Die erste volle Handelswoche 2026 verlief außergewöhnlich stark: US-Indizes markieren neue Höchststände, Small- und Mid-Caps outperformen, zyklische Sektoren ziehen an. Auf den ersten Blick wirkt die Marktverfassung gesund und breit getragen. Bei genauerer Betrachtung zeigen sich jedoch deutliche Spannungen zwischen Marktoptimismus, politischer Unsicherheit und makroökonomischer Realität.
1. Marktbreite: Gesund – aber saisonal verzerrt
Die Outperformance von Small- und Mid-Caps wird als Zeichen einer stabilen Rallye interpretiert. Historisch ist das positiv. Gleichzeitig darf nicht ignoriert werden, dass der Jahresanfang stark von Rebalancing, Neuinvestitionen und Sentiment getrieben ist. Die entscheidende Frage bleibt: Trägt das fundamentale Umfeld diese Breite auch im weiteren Jahresverlauf?
Einordnung:
Breite ist ein gutes Zeichen – aber kein Beweis für Nachhaltigkeit.
2. Historische Vergleiche: Statistik ersetzt keine Bewertung
Der Hinweis, dass starke Drei-Jahres-Phasen historisch oft weitere Gewinne nach sich ziehen, ist korrekt. Problematisch ist jedoch, dass dabei Bewertungsniveau, Zinsumfeld und geopolitische Lage kaum berücksichtigt werden.
Einordnung:
Vergangenheit erklärt, aber garantiert nicht. Die Rahmenbedingungen 2026 unterscheiden sich deutlich von früheren Zyklen.
3. Politik & Geopolitik: Der Markt hört nur, was er hören will
Venezuela
Die Festsetzung Maduros durch US-Truppen und der Zugriff auf venezolanisches Öl sind geopolitisch hochbrisant. Der Markt reagiert erstaunlich gelassen – vermutlich, weil die kurzfristige Angebotsrelevanz gering ist.
Problem:
Das unterschätzt Eskalationsrisiken in Lateinamerika, mögliche Reaktionen Chinas und die Signalwirkung für andere rohstoffreiche Staaten.
Verteidigung
Erst Kritik an Rüstungskonzernen, dann +50 % Budgetankündigung – der Sektor explodiert.
Problem:
Politische Inkonsistenz erhöht Unsicherheit. Der Markt blendet das aus, solange die Cashflows stimmen.
Wohnungsmarkt
Vorschläge wie ein Verbot institutioneller Eigentümer und massive MBS-Käufe wirken populär, sind aber regulatorisch heikel.
Problem:
Hohe Gefahr unbeabsichtigter Nebenwirkungen: Angebotsverknappung, Kapitalflucht, Verzerrung der Preisbildung.
4. KI & Tech: Infrastrukturboom mit Nebenwirkungen
Nvidia, xAI, Meta und andere treiben den Ausbau von Rechenzentren, Chips und Energieinfrastruktur aggressiv voran. Halbleiter und Memory profitieren stark.
Gleichzeitig stehen Software, Hardware und Server unter Druck.
Einordnung:
Das ist kein homogener Tech-Boom, sondern eine sehr selektive Kapitalallokation.
Risiko: Überinvestitionen, Margendruck und regulatorische Hürden (z. B. Nuklearenergie) werden systematisch unterschätzt.
5. Sektorrotation: Zyklik vs. Realität
Stark: Consumer Discretionary, Materials, Industrials
Schwach: Utilities, Teile des Energiesektors
Das signalisiert Risikobereitschaft und Konjunkturoptimismus.
Widerspruch:
Gleichzeitig zeigen die Makrodaten eine Abkühlung in Industrie, Bau und Einzelhandel. Die Marktpositionierung läuft den Daten voraus.
6. Makro USA: „Low hire, low fire“ – kein Boom
Der Arbeitsmarkt kühlt ab, Neueinstellungen stagnieren, Stellenangebote sinken. Produktivitätszahlen sind stark, aber volatil. Der Dienstleistungssektor hält, die Industrie bleibt schwach.
Einordnung:
Das ist kein Rezessionssignal, aber auch kein robustes Wachstumsumfeld.
Die Rallye antizipiert mehr Dynamik, als die Daten aktuell hergeben.
7. Zinsen & Dollar: Fragile Erwartungen
Die Zinskurve flacht ab, Zinssenkungserwartungen werden reduziert, der Dollar tendiert fester.
Problem:
Der Markt setzt weiterhin auf geldpolitische Entlastung, obwohl die Notenbank klar vorsichtiger kommuniziert. Das erhöht das Enttäuschungspotenzial.
8. Rohstoffe & Krypto: Volatil statt Richtung
Öl reagiert auf Geopolitik, Edelmetalle auf Rebalancing, Gas auf Wetter, Krypto auf technische Marken.
Einordnung:
Keine dieser Bewegungen ist strukturell überzeugend. Vieles ist taktisch, wenig strategisch.
9. Zentrale Risiken, die der Markt verdrängt
- Geopolitische Eskalation (Venezuela, Ukraine, Iran, Taiwan)
- Politische Eingriffe in Verteidigung und Wohnungsmarkt
- Bewertungsrisiken bei gleichzeitig hohem Zinsplateau
- Überinvestition im KI-Sektor mit späterem Margenverfall
Fazit
Der Jahresstart 2026 ist beeindruckend – breit, dynamisch, optimistisch.
Gleichzeitig basiert ein erheblicher Teil der Rallye auf politischer Hoffnung, selektiver Wahrnehmung und antizipierten Verbesserungen, die fundamental noch nicht abgesichert sind.
Kurz gesagt:
Der Markt handelt das beste Szenario – während die Realität deutlich komplexer ist.