Arbeits­kräf­te- und Fach­kräf­te­man­gel in der DDR: Ein rea­ler Eng­pass mit sys­te­mi­schen Ursa­chen

„Ähn­lich­kei­ten mit leben­den oder ver­stor­be­nen Per­so­nen sind rein zufäl­lig.“

Arbeits­kräf­te- und Fach­kräf­te­man­gel gehör­ten zu den dau­er­haft wie­der­keh­ren­den The­men der DDR-Wirt­schaft. In Betrie­ben, Kom­bi­na­ten, Pla­nungs­in­stan­zen und Medi­en wur­de regel­mä­ßig beklagt, dass Arbeits­kräf­te fehl­ten, Qua­li­fi­ka­tio­nen nicht aus­reich­ten oder bestimm­te Stel­len nicht besetzt wer­den konn­ten. Die­se Dar­stel­lung war nicht bloß Pro­pa­gan­da. Sie beschrieb einen rea­len betrieb­li­chen Zustand. Zugleich war sie ver­kürzt, weil sie die tie­fe­ren Ursa­chen der wirt­schaft­li­chen Schwä­che der DDR nur unzu­rei­chend benann­te.

Der Man­gel an Arbeits­kräf­ten hat­te meh­re­re Quel­len. Eine frü­he und fol­gen­rei­che Ursa­che war die Abwan­de­rung in die Bun­des­re­pu­blik. Vor dem Bau der Ber­li­ner Mau­er ver­lor die DDR erheb­li­che Tei­le ihrer Bevöl­ke­rung, dar­un­ter vie­le jun­ge und qua­li­fi­zier­te Men­schen. West­deut­sche Betrie­be pro­fi­tier­ten von die­ser Zuwan­de­rung, wäh­rend die DDR Fach­kräf­te ver­lor. Die Abrie­ge­lung der Gren­ze stopp­te die­sen Ver­lust weit­ge­hend, besei­tig­te aber nicht die struk­tu­rel­len Fol­gen. Die DDR blieb eine Volks­wirt­schaft mit begrenz­tem Arbeits­kräf­te­po­ten­zi­al, ungüns­ti­ger demo­gra­fi­scher Ent­wick­lung und hohem Bedarf an qua­li­fi­zier­ter Indus­trie­ar­beit. 

Hin­zu kam, dass die DDR-Wirt­schaft beson­ders arbeits­in­ten­siv orga­ni­siert war. Vie­le Pro­duk­ti­ons­an­la­gen waren ver­al­tet, Repa­ra­tur- und Instand­hal­tungs­auf­wand waren hoch, Mate­ri­al­eng­päs­se führ­ten zu Still­stän­den, und betrieb­li­che Abläu­fe muss­ten häu­fig impro­vi­siert wer­den. Unter sol­chen Bedin­gun­gen brauch­ten Betrie­be mehr Per­so­nal, als bei moder­ne­rer Tech­nik und effi­zi­en­te­rer Orga­ni­sa­ti­on erfor­der­lich gewe­sen wäre. Arbeits­kräf­te­man­gel bedeu­te­te des­halb im DDR-All­tag oft: Es fehl­ten Men­schen, um die Defi­zi­te des Sys­tems aus­zu­glei­chen.

Auch der Fach­kräf­te­man­gel war real. Er betraf unter ande­rem tech­ni­sche Beru­fe, Instand­hal­tung, Bau­we­sen, indus­tri­el­le Schlüs­sel­be­rei­che, medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung und qua­li­fi­zier­te Dienst­leis­tun­gen. Die DDR reagier­te dar­auf mit Aus­bil­dungs­of­fen­si­ven, hoher Frau­en­er­werbs­tä­tig­keit, Len­kung von Schul­ab­gän­gern in bestimm­te Beru­fe, Ratio­na­li­sie­rungs­vor­ga­ben und spä­ter auch mit Ver­trags­ar­bei­tern aus ande­ren sozia­lis­ti­schen Staa­ten. Die Bun­des­stif­tung Auf­ar­bei­tung ver­weist dar­auf, dass die DDR Arbeits­mi­gra­ti­on auch ein­setz­te, um wirt­schaft­li­che Eng­päs­se zu mil­dern.

Gleich­zei­tig lag in der offi­zi­el­len Erklä­rung ein ent­schei­den­der blin­der Fleck. Der Arbeits­kräf­te­man­gel war nicht nur Ursa­che wirt­schaft­li­cher Pro­ble­me, son­dern auch Fol­ge nied­ri­ger Pro­duk­ti­vi­tät. Eine Volks­wirt­schaft, die für die glei­che Pro­duk­ti­ons­men­ge mehr Arbeits­stun­den benö­tigt als ihre Wett­be­wer­ber, erzeugt zwangs­läu­fig einen hohen Per­so­nal­be­darf. Der Man­gel an Arbeits­kräf­ten war damit auch Aus­druck einer Wirt­schafts­ord­nung, die Arbeit nicht aus­rei­chend durch moder­ne Anla­gen, effi­zi­en­te Logis­tik, fle­xi­ble Ent­schei­dun­gen und tech­no­lo­gi­sche Inno­va­ti­on erset­zen konn­te.

Die­ser Zusam­men­hang wur­de nach 1989 beson­ders sicht­bar. Was in der DDR als Arbeits­kräf­te­man­gel erschien, schlug nach der Währungs‑, Wirt­schafts- und Sozi­al­uni­on rasch in Arbeits­lo­sig­keit um. Das war kein ein­fa­cher Beweis dafür, dass der frü­he­re Man­gel erfun­den gewe­sen sei. Viel­mehr änder­te sich die Bewer­tungs­grund­la­ge. Arbeits­plät­ze, die in der Plan­wirt­schaft betrieb­lich not­wen­dig oder poli­tisch garan­tiert waren, gal­ten unter Markt­be­din­gun­gen plötz­lich als nicht mehr wirt­schaft­lich trag­fä­hig. Das ifo-Insti­tut schätz­te 1990 die ver­deck­te Arbeits­lo­sig­keit in der DDR unter dama­li­gen Pro­duk­ti­ons- und Absatz­be­din­gun­gen auf etwa 15 Pro­zent der Gesamt­be­schäf­ti­gung, also rund 1,4 Mil­lio­nen Beschäf­tig­te. Als Hin­wei­se wur­den unter ande­rem Pro­duk­ti­ons­still­stän­de, Arbeits­zeit­aus­fäl­le und Mate­ri­al­aus­fäl­le genannt.

Der schein­ba­re Wider­spruch zwi­schen Arbeits­kräf­te­man­gel in der DDR und Mas­sen­ar­beits­lo­sig­keit nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung löst sich damit ana­ly­tisch auf. Ein Betrieb konn­te unter den Bedin­gun­gen der Plan­wirt­schaft tat­säch­lich zu wenig Arbeits­kräf­te haben, weil er mit ver­al­te­ter Tech­nik, Mate­ri­al­man­gel, star­ren Plä­nen und hohem Koor­di­na­ti­ons­auf­wand pro­du­zier­te. Der­sel­be Betrieb konn­te nach 1990 unter Konkurrenz‑, Kos­ten- und Absatz­druck zugleich zu vie­le Beschäf­tig­te haben. Der Maß­stab hat­te sich ver­än­dert: Nicht mehr die Plan­erfül­lung, son­dern Pro­duk­ti­vi­tät, Absatz­fä­hig­keit und Ren­ta­bi­li­tät ent­schie­den über Beschäf­ti­gung.

Die offi­zi­el­le DDR-Dar­stel­lung ent­hielt daher einen wah­ren Kern, aber sie ver­schob die Ursa­chen. Der Ver­weis auf feh­len­de Arbeits­kräf­te erklär­te den betrieb­li­chen All­tag, aber nicht die struk­tu­rel­le Wirt­schafts­kri­se. Die­se hat­te tie­fe­re Grün­de: gerin­ge Arbeits­pro­duk­ti­vi­tät, tech­no­lo­gi­sche Rück­stän­de, Inves­ti­ti­ons­man­gel, Ver­schleiß des Kapi­tal­stocks, Devi­sen­knapp­heit, poli­ti­sche Prio­ri­sie­rung sozia­ler Sta­bi­li­tät und zen­tra­le Fehl­steue­rung. Die Bun­des­re­gie­rung ver­weist für 1989 unter ande­rem dar­auf, dass die DDR nur noch einen Teil ihrer West­im­por­te, Kre­dit­til­gun­gen und Zin­sen durch Devi­sen­er­lö­se aus Expor­ten decken konn­te; die Zah­lungs­fä­hig­keit war dadurch mas­siv infra­ge gestellt.  Auch die bpb beschreibt den Ver­fall des Kapi­tal­stocks sowie die inne­re und äuße­re Ver­schul­dung als wesent­li­che Kenn­zei­chen der spä­ten DDR-Wirt­schaft.

Der Arbeits­kräf­te- und Fach­kräf­te­man­gel war somit ein rea­les, im All­tag deut­lich spür­ba­res Pro­blem. Er war aber nicht die hin­rei­chen­de Erklä­rung für die wirt­schaft­li­che Schwä­che der DDR. Genau­er ist: Die DDR hat­te Arbeits­kräf­te­man­gel inner­halb einer arbeits­in­ten­si­ven, inef­fi­zi­en­ten und poli­tisch gesteu­er­ten Wirt­schafts­ord­nung. Gera­de weil die­se Ord­nung Arbeits­kraft in gro­ßem Umfang band, konn­te sie gleich­zei­tig Per­so­nal­eng­päs­se erzeu­gen und ver­deck­te Unter­be­schäf­ti­gung her­vor­brin­gen. Nach 1990 wur­de die­ser Wider­spruch offen­ge­legt — mit mas­si­ven sozia­len Fol­gen für Mil­lio­nen Beschäf­tig­te in Ost­deutsch­land.


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