Die Black-Scholes-Merton-Gleichung (BSM) ist eines der grundlegenden Modelle der Finanzmathematik. Sie beschreibt, wie sich der faire Preis einer europäischen Option aus dem Preis des Basiswerts, der Zeit, der Volatilität und dem risikofreien Zinssatz ableiten lässt.
Die eigentliche Black-Scholes-Merton-Differentialgleichung lautet:
Dabei ist:
- : Wert der Option
- : aktueller Preis des Basiswerts, z. B. einer Aktie
- : Zeit
- : Volatilität des Basiswerts
- : risikofreier Zinssatz
- : Delta der Option
- : Gamma der Option
Für einen europäischen Call ergibt sich daraus die bekannte geschlossene Black-Scholes-Formel:
mit
und
Dabei sind der heutige Aktienkurs, der Strike, die Restlaufzeit und die Verteilungsfunktion der Standardnormalverteilung.
Für einen europäischen Put gilt entsprechend:
Die zentrale Idee
Der entscheidende Gedanke von Black, Scholes und Merton ist Delta-Hedging. Man kombiniert die Option mit einer bestimmten Menge des Basiswerts so, dass das Portfolio kurzfristig kein Aktienkursrisiko mehr besitzt. Ein solches risikoloses Portfolio muss dann — unter den Modellannahmen — die risikofreie Rendite erwirtschaften.
Dadurch verschwindet interessanterweise die tatsächlich erwartete Aktienrendite aus der Optionspreisformel. Der Optionspreis wird stattdessen unter einer sogenannten risikoneutralen Bewertung bestimmt.
Ein stark vereinfachtes Beispiel: Eine Aktie kostet heute , ein Call hat einen Strike von , läuft noch ein Jahr und die erwartete Volatilität beträgt . Bei einem risikofreien Zins von etwa liefert das Black-Scholes-Modell einen theoretischen Callpreis von ungefähr
Wichtig ist allerdings: Das Modell nimmt unter anderem kontinuierlichen Handel, konstante Volatilität und Zinsen sowie eine lognormal verteilte Aktienkursentwicklung an. In realen Märkten sind diese Voraussetzungen nur näherungsweise erfüllt. Insbesondere zeigt die Volatility Smile/Skew, dass die implizite Volatilität in der Realität nicht konstant ist.
Die Black-Scholes-Gleichung Schritt für Schritt hergeleitet, inklusive Delta-Hedging und Itô-Lemma.
Die Herleitung ist im Kern ein No-Arbitrage-Argument: Man konstruiert aus Option und Aktie ein kurzfristig risikofreies Portfolio. Dieses muss dann zum risikofreien Zinssatz wachsen.
1. Annahme für den Aktienkurs
Black-Scholes-Merton nimmt an, dass der Aktienkurs einer geometrischen Brownschen Bewegung folgt:
mit
- : erwartete Rendite der Aktie
- : Volatilität
- : zufällige Brownsche Bewegung
- : sehr kleines Zeitintervall
Der erste Term
ist die erwartete Kursbewegung. Der zweite
ist die zufällige Komponente.
2. Der Optionspreis hängt von Aktie und Zeit ab
Sei
der Wert einer Option.
Weil zufällig schwankt, schwankt auch . Um diese Änderung korrekt zu bestimmen, reicht die normale Differentialrechnung nicht aus. Man benötigt das Itô-Lemma.
Für gilt:
Der ungewöhnliche zweite Ableitungsterm entsteht durch die stochastische Bewegung des Aktienkurses.
Für die Brownsche Bewegung gilt:
Da
folgt bis zur relevanten Ordnung:
Damit:
Setzen wir ein:
Der letzte Term
enthält das Zufallsrisiko.
3. Wir bauen ein Delta-hedged Portfolio
Nun konstruieren wir ein Portfolio:
Also:
- eine Option halten
- gleichzeitig Aktien leerverkaufen.
Die Änderung des Portfolios ist:
Wir wählen
Das ist das berühmte Delta der Option.
Damit:
Setzen wir die Itô-Gleichung für ein:
Die beiden -Terme heben sich auf:
Und damit ist das Entscheidende passiert:
Das Portfolio ist über dieses infinitesimal kleine Zeitintervall risikolos.
4. No-Arbitrage
Ein risikoloses Portfolio muss dieselbe Rendite erzielen wie eine risikolose Anlage.
Also:
Da
gilt:
Andererseits hatten wir:
Gleichsetzen ergibt:
Alle Terme auf eine Seite:
Das ist die Black-Scholes-Merton-Differentialgleichung.
5. Warum verschwindet ?
Das ist einer der wichtigsten Punkte.
Ursprünglich hatten wir für die Aktie:
Man könnte daher erwarten, dass der Optionspreis von der erwarteten Aktienrendite abhängt.
Tut er aber nicht.
Durch das Delta-Hedging wird das Aktienmarktrisiko eliminiert. Sobald das Portfolio risikolos ist, spielt die subjektive oder tatsächliche erwartete Aktienrendite keine Rolle mehr.
Deshalb taucht in der BSM-Gleichung nicht , sondern nur der risikofreie Zinssatz auf.
Das ist die Grundlage der risikoneutralen Bewertung.
6. Randbedingung eines Calls
Die Differentialgleichung allein bestimmt den Preis noch nicht. Wir brauchen zusätzlich die Auszahlung am Ende der Laufzeit.
Für einen europäischen Call gilt zum Zeitpunkt :
Also:
Löst man die Black-Scholes-PDE mit dieser Randbedingung, erhält man:
mit
und
7. Ökonomische Interpretation der beiden Terme
Die Formel
kann man intuitiv lesen.
Der erste Term
repräsentiert vereinfacht den Wert des Aktienanteils, den man benötigt, um den Call zu replizieren.
Tatsächlich ist
das Delta eines europäischen Calls im klassischen Black-Scholes-Modell.
Der zweite Term
repräsentiert den abgezinsten Finanzierungsanteil des replizierenden Portfolios.
8. Der ganze Gedankengang in einer Kette
Die Logik lässt sich auf sechs Schritte reduzieren:
Der tiefste Gedanke hinter Black-Scholes ist daher nicht die komplizierte Formel für und , sondern:
und damit
Ein besonders sinnvoller nächster Schritt ist, ein komplettes Zahlenbeispiel mit S=100S=100, K=100K=100, σ=20%\sigma=20\%, r=5%r=5\% durchzurechnen und dabei , , Callpreis, Delta, Gamma, Theta und Vega konkret auszurechnen.
