Die Taylor-Regel ist eine einfache Faustformel dafür, wie eine Zentralbank ihren Leitzins setzen könnte. Sie wurde 1993 vom US-Ökonomen John B. Taylor vorgeschlagen.
Die Grundidee: Der Leitzins sollte steigen, wenn die Inflation über dem Ziel liegt und/oder die Wirtschaft über ihrer normalen Kapazität läuft. Umgekehrt sollte er sinken, wenn die Inflation zu niedrig ist oder die Wirtschaft schwach ausgelastet ist.
Eine klassische Form lautet ungefähr:
Dabei ist der empfohlene nominale Leitzins, der angenommene „neutrale“ reale Zins, die aktuelle Inflation, das Inflationsziel und die sogenannte Produktionslücke (Output Gap) – also wie weit die tatsächliche Wirtschaftsleistung über oder unter ihrem nachhaltigen Niveau liegt.
Ein einfaches Beispiel: Angenommen, der neutrale reale Zins beträgt 2 %, die Inflation liegt bei 3 %, das Inflationsziel bei 2 %, und die Wirtschaft produziert ungefähr auf ihrem Potenzial. Dann ergibt sich:
Die Taylor-Regel würde also einen Leitzins von ungefähr 5,5 % nahelegen.
Es gibt eine kleine Vereinfachung: In der ursprünglichen Taylor-Regel steht nicht direkt die Arbeitslosenquote, sondern die Produktionslücke. Es gibt aber Varianten, die stattdessen eine Arbeitslosenlücke verwenden – beispielsweise die Differenz zwischen tatsächlicher Arbeitslosigkeit und einer geschätzten „neutralen“ Arbeitslosenquote. Der wirtschaftliche Gedanke ist ähnlich: Niedrige Arbeitslosigkeit relativ zum Gleichgewicht deutet auf eine starke Wirtschaft und möglichen Inflationsdruck hin.
Wichtig ist außerdem: Die Taylor-Regel ist kein mechanisches Gesetz, sondern eine Reaktionsfunktion bzw. ein Referenzmodell. Das Ergebnis hängt erheblich davon ab, welche Inflation man verwendet, wie hoch man den neutralen Zins schätzt und wie man Produktionspotenzial beziehungsweise Gleichgewichtsarbeitslosigkeit bestimmt.
Mit den aktuellsten verfügbaren Daten (17. September 2026) sieht man ziemlich gut, warum jemand sagen kann, die Taylor-Regel liefere derzeit einen Leitzins von ungefähr 4–6 %.
Ich verwende zunächst eine arbeitsmarktbasierte Variante:
Dabei sind der neutrale reale Zins, die Inflation, das Inflationsziel, die Arbeitslosenquote und die geschätzte Gleichgewichtsarbeitslosigkeit. Der letzte Term ist eine vereinfachte Umrechnung der klassischen Output-Gap-Version über Okuns Gesetz.
USA: Fed
Die jüngsten Daten sind ziemlich interessant: Die US-Arbeitslosenquote lag im August bei 4,1 %. Die Gesamt-PCE-Inflation lag zuletzt bei 3,7 %, die Kern-PCE-Inflation bei 3,3 %.
Die Fed-Projektionen vom 16. September sehen langfristig ungefähr 2 % Inflation und einen Fed-Funds-Zins von etwa 3,2 % vor. Daraus kann man grob einen neutralen realen Zins von
ableiten.
Wenn wir außerdem vereinfachend annehmen, dass 4,1 % Arbeitslosigkeit ungefähr dem Gleichgewicht entsprechen, verschwindet der Arbeitsmarktterm praktisch.
Mit Gesamt-PCE von 3,7 %:
Mit Kern-PCE von etwa 3,3 %:
Das ist bemerkenswert, denn die Fed hat am 16. September 2026 ihren tatsächlichen Zielkorridor gerade auf 3,75–4,00 % angehoben.
Damit ergibt sich grob:
gegenüber
Nach dieser einfachen Taylor-Regel wäre die US-Geldpolitik also deutlich weniger restriktiv, als die Formel allein nahelegen würde. Das ist aber keine Aussage, dass die Fed ihren Zins tatsächlich auf 5,5 % setzen sollte — die Taylor-Regel berücksichtigt viele Faktoren nicht.
Eurozone: EZB
Hier wird es ebenfalls interessant. Die endgültige Eurostat-Zahl für August beträgt 3,2 % Inflation.
Die Arbeitslosenquote lag zuletzt bei 6,4 % und damit ungefähr auf dem Niveau, das die EU-Kommission für 2026 insgesamt erwartet. Damit können wir für eine grobe Rechnung ebenfalls zunächst eine Arbeitsmarktlücke von ungefähr null annehmen.
Für den Euroraum ist besonders unsicher. Nehmen wir als illustrative Annahme:
Dann:
Die EZB hat ihren Einlagenzins dagegen gerade auf 2,50 % erhöht.
Also ungefähr:
gegenüber
Allerdings steckt in den 3,2 % Gesamtinflation momentan ein erheblicher Energieeffekt. Eurostat weist für August eine Kerninflation ohne Energie, Lebensmittel, Alkohol und Tabak von nur rund 2,4 % aus.
Setzen wir stattdessen 2,4 % ein:
Und genau hier erkennt man das Problem:
| Annahme | Taylor-Zins |
|---|---|
| Eurozone, Kerninflation | ca. 3,6 % |
| Eurozone, Gesamtinflation | ca. 4,8 % |
| USA, Kern-PCE | ca. 5,2 % |
| USA, Gesamt-PCE | ca. 5,8 % |
Der wichtigste Punkt dabei ist allerdings etwas subtil: Wenn die Inflation beispielsweise 1 Prozentpunkt über dem Ziel liegt, erhöht die Taylor-Regel den Nominalzins nicht nur um diesen einen Prozentpunkt. Der Zins steigt zusätzlich um typischerweise 0,5 Prozentpunkte als Reaktion auf die Zielabweichung.
Das nennt man das Taylor-Prinzip:
Dadurch steigt der Realzins, wenn die Inflation steigt. Genau das soll die Wirtschaft abbremsen und die Inflation wieder Richtung 2 % drücken.
Das ist der ökonomisch entscheidende Gedanke hinter der Taylor-Regel – und erklärt auch, warum die Formel bei 3–4 % Inflation erstaunlich schnell Leitzinsen von 5 % oder mehr ausspuckt.
