Anti­fa­schis­ti­sche Akti­on (Anti­fa)

Anti­fa­schis­ti­sche Akti­on, Anti­fa-Aus­schüs­se, Anti­fa-Milieu: Eine his­to­ri­sche Ein­ord­nung

Vor­be­mer­kung zur zen­tra­len Unter­schei­dung

Die Anti­fa­schis­ti­sche Akti­on von 1932 und die heu­ti­gen Grup­pen, die sich „Anti­fa” nen­nen, sind nicht die­sel­be durch­ge­hend bestehen­de Orga­ni­sa­ti­on. Es gibt eine his­to­ri­sche und sym­bo­li­sche Bezug­nah­me – vor allem über Namen und Dop­pel­fah­nen­lo­go –, aber kei­ne Kon­ti­nui­tät von Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tur, Mit­glied­schaft oder Füh­rung von 1932 bis heu­te. Auch gegen­wär­tig exis­tiert in Deutsch­land kei­ne bun­des­wei­te Orga­ni­sa­ti­on namens „die Anti­fa”.

Eben­so wich­tig: Die Kurz­form „Anti­fa” war 1932 nicht die gän­gi­ge Selbst­be­zeich­nung. Sie setz­te sich vor allem 1945 mit den „anti­fa­schis­ti­schen Aus­schüs­sen” (kurz: „Anti­fa-Aus­schüs­se”, teils „Anti­fas”) durch und wur­de erst ab den 1970er/1980er Jah­ren zum fes­ten Begriff für ein links­ra­di­ka­les Milieu.

1. Vor­ge­schich­te in der Wei­ma­rer Repu­blik

In den 1920er Jah­ren stan­den sich Natio­nal­so­zia­lis­ten, Kom­mu­nis­ten, Sozi­al­de­mo­kra­ten, Deutsch­na­tio­na­le und mon­ar­chis­ti­sche Kräf­te teils gewalt­sam gegen­über. Nahe­zu alle poli­ti­schen Lager unter­hiel­ten uni­for­mier­te Schutz- und Kampf­ver­bän­de; Saal­schlach­ten, Über­fäl­le auf Ver­samm­lun­gen und Stra­ßen­kämp­fe mit Todes­op­fern waren ver­brei­tet.

Kom­mu­nis­ti­sche Wehr­ver­bän­de als Vor­läu­fer

Die spä­te­re Anti­fa­schis­ti­sche Akti­on ent­stand nicht aus dem Nichts, son­dern hat­te orga­ni­sa­to­ri­sche Vor­läu­fer:

  • Roter Front­kämp­fer­bund (RFB), gegrün­det 1924 als KPD-naher Wehr­ver­band; nach den Ber­li­ner „Blutmai”-Ereignissen im Mai 1929 in Preu­ßen und bald reichs­weit ver­bo­ten.
  • Kampf­bund gegen den Faschis­mus, 1930 als Nach­fol­ge­or­ga­ni­sa­ti­on gegrün­det; er ging 1932 in der Anti­fa­schis­ti­schen Akti­on auf.

Die­se Linie erklärt, war­um die Anti­fa­schis­ti­sche Akti­on 1932 bereits über ein­ge­spiel­te Selbst­schutz- und Ord­ner­struk­tu­ren ver­füg­te.

Faschis­mus­be­griff und „Sozi­al­fa­schis­mus”

Die KPD ver­wen­de­te „Anti­fa­schis­mus” nicht nur gegen die NSDAP. Nach mar­xis­tisch-leni­nis­ti­scher Faschis­mus­theo­rie galt Faschis­mus als Herr­schafts­form des Kapi­ta­lis­mus in der Kri­se. Auf Linie des 6. Welt­kon­gres­ses der Kom­in­tern (1928) und der The­se vom „Sozi­al­fa­schis­mus” bezeich­ne­te die KPD auch die SPD-Füh­rung als „sozi­al­fa­schis­tisch”. Die SPD war für die KPD damit dop­pelt Geg­ner: als Kon­kur­ren­tin um die Arbei­ter­schaft und als Stüt­ze des abge­lehn­ten Wei­ma­rer Staa­tes.

Die Eiser­ne Front (Dezem­ber 1931)

Bereits am 16. Dezem­ber 1931 hat­ten SPD, der Gewerk­schafts­bund ADGB, das Reichs­ban­ner Schwarz-Rot-Gold und Arbei­ter­sport­ver­bän­de die „Eiser­ne Front” gegrün­det – ein repu­blik­schüt­zen­des Bünd­nis mit dem Sym­bol der drei Pfei­le. Die Anti­fa­schis­ti­sche Akti­on war ein hal­bes Jahr spä­ter auch als Kon­kur­renz­grün­dung dazu ange­legt. Ohne die­sen Kon­text bleibt die Spal­tung der Arbei­ter­be­we­gung unver­ständ­lich.

2. Grün­dung der Anti­fa­schis­ti­schen Akti­on 1932

Anlass und Zeit­punkt. Die KPD-Füh­rung rief die Anti­fa­schis­ti­sche Akti­on Ende Mai 1932 aus; der Grün­dungs­auf­ruf erschien am 26. Mai 1932 im Par­tei­or­gan Die Rote Fah­ne. Aus­lö­ser waren der rasan­te Auf­stieg der NSDAP (Reichs­tags­wahl Juli 1932: 37,3 %) und ein Gewalt­aus­bruch natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Abge­ord­ne­ter gegen Kom­mu­nis­ten bei der kon­sti­tu­ie­ren­den Sit­zung des Preu­ßi­schen Land­tags am 25. Mai 1932. Am 10. Juli 1932 fand in Ber­lin ein „Reichs­ein­heits­kon­gress der Anti­fa­schis­ti­schen Akti­on” statt.

Cha­rak­ter. Die Anti­fa­schis­ti­sche Akti­on war kein Ver­ein mit Sat­zung und Mit­glie­der­kar­tei, son­dern eine KPD-geführ­te Kam­pa­gne und Sam­mel­be­we­gung: öffent­li­che Ver­samm­lun­gen, loka­le Komi­tees, Demons­tra­tio­nen, Mas­sen­pro­pa­gan­da, Betriebs- und Stra­ßen­zel­len, Selbst­schutz­struk­tu­ren. Ziel war eine „Ein­heits­front von unten” – Anspra­che sozi­al­de­mo­kra­ti­scher und par­tei­lo­ser Arbei­ter, aber unter Füh­rung der KPD und unter Umge­hung bzw. Bekämp­fung der SPD-Füh­rung.

Die Ambi­va­lenz kon­kret belegt. Der Text bleibt unglaub­wür­dig, wenn man die­se Punk­te aus­lässt:

  • August 1931: Die KPD betei­lig­te sich am von Stahl­helm, NSDAP und DNVP initi­ier­ten Volksbegehren/Volksentscheid zur Auf­lö­sung des Preu­ßi­schen Land­tags, der gegen die sozi­al­de­mo­kra­tisch geführ­te Regie­rung Braun gerich­tet war.
  • Novem­ber 1932: Beim Ber­li­ner BVG-Streik agi­tier­ten die kom­mu­nis­ti­sche RGO und die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche NSBO teil­wei­se par­al­lel gegen die­sel­be Gegen­sei­te.
  • Die KPD hielt am Ziel der Über­win­dung der par­la­men­ta­ri­schen Repu­blik fest und agier­te wei­ter nach der For­mel, die SPD sei der „Haupt­feind in der Arbei­ter­be­we­gung”.

Zusam­men­fas­send gilt daher:

  • Die KPD bekämpf­te wei­ter­hin die par­la­men­ta­ri­sche Ord­nung und die SPD-Füh­rung.
  • Der tak­ti­sche Schwer­punkt der Anti­fa­schis­ti­schen Akti­on lag 1932 den­noch ver­stärkt gegen die NSDAP; Tau­sen­de Kom­mu­nis­ten kämpf­ten vor Ort real gegen SA-Gewalt.
  • Sie war weder blo­ße Tarn­or­ga­ni­sa­ti­on gegen die SPD noch ein demo­kra­ti­sches Bünd­nis moder­ner Prä­gung.

Das Logo. Das Zei­chen zeig­te zwei rote Fah­nen in einem Kreis; es wur­de 1932 von den Gra­fi­kern Max Geb­hard und Max Keil­son gestal­tet – Geb­hard war Absol­vent des Bau­hau­ses. 1932/33 war es eines von meh­re­ren Kam­pa­gnen­zei­chen; sei­ne über­ra­gen­de Sym­bol­be­deu­tung erhielt es erst durch die Wie­der­auf­nah­me ab den 1970er/1980er Jah­ren.

3. Das Ende 1933 und der Wider­stand gegen den Natio­nal­so­zia­lis­mus

Nach der Ernen­nung Hit­lers zum Reichs­kanz­ler am 30. Janu­ar 1933 und der Reichs­tags­brand­ver­ord­nung vom 28. Febru­ar 1933 wur­de die KPD fak­tisch ver­bo­ten – eine for­mel­le Ver­bots­ver­fü­gung erging nie; statt­des­sen Mas­sen­ver­haf­tun­gen, Auf­he­bung der Grund­rech­te und im März 1933 Annul­lie­rung der KPD-Man­da­te. Funk­tio­nä­re und Mit­glie­der wur­den ver­haf­tet, gefol­tert, ermor­det, in die frü­hen Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger ver­schleppt oder ins Exil gezwun­gen. Damit ende­te die öffent­lich arbei­ten­de Anti­fa­schis­ti­sche Akti­on von 1932.

Kom­mu­nis­ten betei­lig­ten sich anschlie­ßend am Wider­stand, unter enor­men Ver­lus­ten. Der Wider­stand gegen den Natio­nal­so­zia­lis­mus war jedoch wesent­lich brei­ter: Sozi­al­de­mo­kra­ten, Gewerk­schaf­ter, christ­li­che Grup­pen, kon­ser­va­tiv-mili­tä­ri­sche Regime­geg­ner (20. Juli 1944), jüdi­sche Wider­stands­grup­pen, Ein­zel­ne ohne Par­tei­b­in­dung.

Begriff­li­che Prä­zi­sie­rung: Vie­le die­ser Strö­mun­gen haben sich nicht selbst als „anti­fa­schis­tisch” bezeich­net. „Anti­fa­schis­ti­scher Wider­stand” ist teil­wei­se eine nach­träg­li­che Sam­mel­ka­te­go­rie – und wur­de in der DDR gezielt als Ver­ein­nah­mungs­be­griff genutzt. Eine gemein­sa­me Orga­ni­sa­ti­on namens „Anti­fa” gab es nicht.

4. Die Anti­fa-Aus­schüs­se von 1945

Beim Zusam­men­bruch des NS-Regimes ent­stan­den lokal und weit­ge­hend spon­tan anti­fa­schis­ti­sche Aus­schüs­se, Komi­tees und „Anti­fas” – häu­fig getra­gen von ehe­ma­li­gen Kom­mu­nis­ten, Sozi­al­de­mo­kra­ten und Gewerk­schaf­tern, teils in Zusam­men­ar­beit über alte Par­tei­gren­zen hin­weg (Erfah­rung von Ver­fol­gung und Lager­haft).

Ihre Tätig­keits­fel­der:

  • Orga­ni­sa­ti­on von Ver­sor­gung, Wohn­raum und loka­ler Ver­wal­tung
  • Fest­set­zen von NS-Funk­tio­nä­ren, Ver­hin­de­rung des Unter­tau­chens Belas­te­ter
  • Siche­rung und Wie­der­in­be­trieb­nah­me von Betrie­ben und Ein­rich­tun­gen
  • Ansät­ze einer poli­ti­schen Neu­ord­nung, teils mit Räte­cha­rak­ter

Auch die­se Aus­schüs­se waren kei­ne Wie­der­grün­dung der Orga­ni­sa­ti­on von 1932, son­dern hete­ro­ge­ne ört­li­che Initia­ti­ven. Die Besat­zungs­mäch­te lös­ten sie im Früh­jahr und Früh­som­mer 1945 weit­ge­hend auf oder über­führ­ten ihre Auf­ga­ben in die neu ein­ge­setz­ten Ver­wal­tun­gen – in den West­zo­nen eben­so wie in der sowje­ti­schen Besat­zungs­zo­ne, wo die Poli­tik ab dem SMAD-Befehl Nr. 2 (10. Juni 1945) auf zuge­las­se­ne Par­tei­en und Mas­sen­or­ga­ni­sa­tio­nen umge­stellt wur­de.

5. Anti­fa­schis­mus in DDR und Bun­des­re­pu­blik

DDR

Die DDR erhob den Anti­fa­schis­mus zur Staats­dok­trin und Grün­dungs­er­zäh­lung: Die SED prä­sen­tier­te sich als Erbin des kom­mu­nis­ti­schen Wider­stands und Ergeb­nis einer „anti­fa­schis­tisch-demo­kra­ti­schen Umwäl­zung”; Gedenk­stät­ten wie Buchen­wald wur­den ent­spre­chend gestal­tet.

Die Instru­men­ta­li­sie­rung ist an meh­re­ren Punk­ten fass­bar:

  • Der Bau der Ber­li­ner Mau­er 1961 wur­de offi­zi­ell als „anti­fa­schis­ti­scher Schutz­wall” bezeich­net – die For­mel dien­te der Legi­ti­ma­ti­on eines Grenz­re­gimes gegen die eige­ne Bevöl­ke­rung.
  • Geg­ner des SED-Herr­schafts­an­spruchs konn­ten als „faschis­tisch” oder als Agen­ten des west­deut­schen „Impe­ria­lis­mus” aus­ge­grenzt wer­den.
  • Die Erzäh­lung eines „sieg­rei­chen Anti­fa­schis­mus” ersetz­te teil­wei­se die Aus­ein­an­der­set­zung mit indi­vi­du­el­ler Ver­ant­wor­tung, Anti­se­mi­tis­mus und brei­ter gesell­schaft­li­cher Betei­li­gung am Natio­nal­so­zia­lis­mus; der Holo­caust blieb lan­ge rand­stän­dig (Ver­folg­te wur­den vor­ran­gig als „Kämp­fer” gewür­digt, weni­ger als ras­sis­tisch Ver­folg­te).
  • Rechts­extre­me und anti­se­mi­ti­sche Erschei­nun­gen in der DDR – etwa die Skin­head-Sze­ne der 1980er Jah­re, Über­fäl­le wie der auf die Ost-Ber­li­ner Zions­kir­che 1987 – wur­den öffent­lich geleug­net oder als kri­mi­nel­le Ein­zel­fäl­le behan­delt.

Die­ser staat­lich ver­ord­ne­te Anti­fa­schis­mus war kei­ne auto­no­me „Antifa”-Bewegung – im Gegen­teil: unab­hän­gi­ge Initia­ti­ven wur­den nicht gedul­det.

Bun­des­re­pu­blik

Nach 1945 exis­tier­te mit der VVN (Ver­ei­ni­gung der Ver­folg­ten des Nazi­re­gimes, 1947) eine über­wie­gend kom­mu­nis­tisch gepräg­te Ver­folg­ten­or­ga­ni­sa­ti­on, die im Kal­ten Krieg unter erheb­li­chen Druck geriet.

Ab den 1970er Jah­ren nah­men kom­mu­nis­ti­sche Grup­pen (u. a. aus dem Spek­trum der „K‑Gruppen”) Namen und Logo von 1932 wie­der auf. In den spä­ten 1970er und 1980er Jah­ren über­nahm vor allem die auto­no­me Lin­ke die­se Tra­di­ti­on.

Die Auto­no­men ent­stan­den aus Haus­be­set­zer­be­we­gung, Anti-Atom­kraft-Pro­tes­ten (Brok­dorf, Wackers­dorf), Start­bahn-West und undog­ma­ti­schen links­ra­di­ka­len Milieus. Loka­le Anti­fa-Grup­pen bil­de­ten sich häu­fig reak­tiv: gegen neo­na­zis­ti­sche Orga­ni­sa­tio­nen (FAP, ANS/NA, Wiking-Jugend) und gegen Über­fäl­le auf lin­ke, migran­ti­sche oder alter­na­ti­ve Ein­rich­tun­gen.

In die­ser Zeit ent­stand die heu­te ver­brei­te­te Logo­va­ri­an­te mit einer roten und einer schwar­zen Fah­ne; die Farb­deu­tung (rot = sozialistisch/kommunistisch, schwarz = anarchistisch/autonom) ist gän­gig, war aber nie ver­bind­lich kodi­fi­ziert.

6. Hoch­pha­se der auto­no­men Anti­fa in den 1990er Jah­ren

Nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung wuchs die Bedeu­tung des Anti­fa-Milieus stark. Hin­ter­grund waren rechts­extre­me Wahl­er­fol­ge, die Aus­brei­tung neo­na­zis­ti­scher Jugend­kul­tu­ren und vor allem die Wel­le ras­sis­ti­scher Gewalt der frü­hen 1990er Jah­re: Hoyers­wer­da (Sep­tem­ber 1991), Ros­tock-Lich­ten­ha­gen (August 1992), Mölln (Novem­ber 1992), Solin­gen (Mai 1993).

Tätig­keits­for­men:

  • Recher­che zu Neo­na­zi­struk­tu­ren, Doku­men­ta­ti­on von Per­so­nen und Orga­ni­sa­tio­nen („Anti­fa-Recher­che”)
  • Gegen­kund­ge­bun­gen, Blo­cka­den, Schutz bedroh­ter Ein­rich­tun­gen und Per­so­nen
  • Unter­stüt­zung von Betrof­fe­nen rech­ter Gewalt

Dane­ben exis­tier­ten mili­tan­te Strö­mun­gen, die Sach­be­schä­di­gung und kör­per­li­che Angrif­fe als legi­ti­me Mit­tel betrach­te­ten; ein­zel­ne Grup­pen und Publi­ka­tio­nen wur­den straf­recht­lich ver­folgt.

AA/BO. 1992 ent­stand mit der Anti­fa­schis­ti­schen Aktion/Bundesweite Orga­ni­sa­ti­on (AA/BO) der bedeu­tends­te Ver­such, auto­no­me Anti­fa-Grup­pen über­re­gio­nal zu koor­di­nie­ren – mit gemein­sa­men Kam­pa­gnen, Schu­lun­gen und Demons­tra­tio­nen. Sie umfass­te jedoch nur einen Teil des Spek­trums; kon­kur­rie­ren­de Zusam­men­hän­ge und Ver­net­zungs­for­men (u. a. das Bun­des­wei­te Anti­fa-Tref­fen) bestan­den par­al­lel. Wegen poli­ti­scher und stra­te­gi­scher Kon­flik­te lös­te sich die AA/BO 2001 auf.

7. Ent­wick­lung seit den 2000er Jah­ren

Nach dem Ende der AA/BO ent­stan­den kei­ne ver­gleich­bar sta­bi­len bun­des­wei­ten Struk­tu­ren. Vie­le Grup­pen arbei­te­ten wie­der lokal, ver­bün­de­ten sich für ein­zel­ne Kam­pa­gnen oder gin­gen in post­au­to­no­men Bünd­nis­sen auf (etwa Inter­ven­tio­nis­ti­sche Lin­ke, „…ums Gan­ze!”), teils in Koope­ra­ti­on mit Gewerk­schaf­ten, Kir­chen, Par­tei­en und zivil­ge­sell­schaft­li­chen Bünd­nis­sen (Dres­den, Leip­zig, Chem­nitz, Blo­cka­de­bünd­nis­se gegen Neo­na­zi-Auf­mär­sche).

Ein prä­gen­der Kon­flikt der 2000er Jah­re war die Spal­tung in „antideutsche”/israelsolidarische und tra­di­tio­nell anti­im­pe­ria­lis­ti­sche Strö­mun­gen – ein Beleg dafür, dass es kei­ne ein­heit­li­che Ideo­lo­gie gibt.

Typi­sche Tätig­keits­fel­der seit den 2000ern:

  • Recher­che und Ver­öf­fent­li­chung über rechts­extre­me Netz­wer­ke
  • Gegen­pro­tes­te gegen Neo­na­zi- und rechts­po­pu­lis­ti­sche Auf­mär­sche
  • Unter­stüt­zung von Betrof­fe­nen rech­ter Gewalt, Bera­tungs­struk­tu­ren
  • poli­ti­sche Bildungs‑, Kul­tur- und Erin­ne­rungs­ar­beit
  • Blo­cka­den und ande­re For­men zivi­len Unge­hor­sams (teils rechts­wid­rig, teils von Gerich­ten als von Art. 8 GG gedeckt beur­teilt)
  • bei mili­tan­ten Tei­len: Sach­be­schä­di­gung, Brand­stif­tung, Angrif­fe auf Per­so­nen

Die Band­brei­te ist erheb­lich: Man­che Grup­pen arbei­ten offen und koope­ra­tiv; ande­re agie­ren anonym oder kon­spi­ra­tiv, leh­nen den demo­kra­ti­schen Rechts­staat ab und ver­fol­gen kom­mu­nis­ti­sche, anar­chis­ti­sche oder revo­lu­tio­när-anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche Zie­le.

8. Was „Anti­fa” heu­te bezeich­net

Der Begriff kann drei ver­schie­de­ne Din­ge mei­nen – ihre Ver­mi­schung ist die Haupt­quel­le poli­ti­scher Miss­ver­ständ­nis­se:

a) Anti­fa­schis­mus als Hal­tung. Ableh­nung von Natio­nal­so­zia­lis­mus, Faschis­mus, Ras­sis­mus und Rechts­extre­mis­mus. Das ist für sich genom­men weder extre­mis­tisch noch rechts­wid­rig; ent­spre­chen­de Selbst­ver­pflich­tun­gen fin­den sich bei Gewerk­schaf­ten, Kir­chen, Sport­ver­ei­nen und Par­tei­en.

b) Anti­fa als poli­ti­sches Milieu. Ein locke­res, über­wie­gend links­ra­di­ka­les bis auto­no­mes Spek­trum loka­ler Grup­pen, Initia­ti­ven und Ein­zel­per­so­nen mit gemein­sa­men Sym­bo­len und Akti­ons­for­men, aber ohne gemein­sa­me Füh­rung, Mit­glie­der­kar­tei oder ver­bind­li­che Gesamt­ideo­lo­gie.

c) Kon­kre­te Grup­pen. Ein­zel­ne Zusam­men­schlüs­se kön­nen rela­tiv fes­te Struk­tu­ren haben. Sie sind jeweils geson­dert zu beur­tei­len – nach Zie­len, Orga­ni­sa­ti­ons­grad und tat­säch­li­chem Han­deln.

9. Gewalt, Extre­mis­mus und die Rol­le des Ver­fas­sungs­schut­zes

Es wäre falsch, jede anti­fa­schis­ti­sche Tätig­keit als links­extre­mis­tisch zu behan­deln. Eben­so falsch wäre es, Gewalt und anti­de­mo­kra­ti­sche Posi­tio­nen in Tei­len des Milieus zu bestrei­ten.

Prä­zi­ser Sprach­ge­brauch der Sicher­heits­be­hör­den: Der Ver­fas­sungs­schutz beob­ach­tet nicht „die Anti­fa”, son­dern kon­kre­te Per­so­nen­zu­sam­men­schlüs­se. „Anti­fa­schis­mus” wird in den Ver­fas­sungs­schutz­be­rich­ten als zen­tra­les Akti­ons- und Agi­ta­ti­ons­feld des Links­extre­mis­mus geführt, mit der The­se, er wer­de von Tei­len der Sze­ne instru­men­tell genutzt: nicht nur gegen Rechts­extre­mis­mus, son­dern gegen die frei­heit­lich-demo­kra­ti­sche Grund­ord­nung als angeb­li­che Grund­la­ge des Faschis­mus. Im Fokus ste­hen Grup­pen, die den demo­kra­ti­schen Rechts­staat als Teil eines zu über­win­den­den „kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tems” anse­hen oder Gewalt gegen Sachen, Per­so­nen, Poli­zei und poli­ti­sche Geg­ner legi­ti­mie­ren.

Sta­tis­ti­scher Vor­be­halt: Die ver­öf­fent­lich­ten Zah­len zum Links­extre­mis­mus (Gesamt­po­ten­zi­al, „gewalt­ori­en­tier­tes Poten­zi­al”, Straf­ta­ten­zah­len aus der PMK-Sta­tis­tik) erfas­sen das gesam­te links­extre­mis­ti­sche Spek­trum – nicht aus­schließ­lich Per­so­nen, die sich als Anti­fa ver­ste­hen. Es han­delt sich nicht um „Anti­fa-Mit­glie­der­zah­len”. Wer kon­kre­te Zah­len ver­wen­det, soll­te Berichts­jahr und Kate­go­rie exakt benen­nen.

10. Recht­li­che Lage

Kein Gesamt­ver­bot einer nicht exis­ten­ten Orga­ni­sa­ti­on. Ein Ver­eins­ver­bot nach Art. 9 Abs. 2 GG in Ver­bin­dung mit dem Ver­eins­ge­setz setzt einen Ver­ein bzw. eine ver­eins­ähn­li­che, auf Dau­er ange­leg­te orga­ni­sa­to­ri­sche Wil­lens­bil­dung vor­aus. Ein blo­ßes Milieu, ein Sym­bol oder ein Sam­mel­be­griff sind nicht ver­bots­fä­hig. Nach Ein­schät­zung der Sicher­heits­be­hör­den exis­tiert kei­ne bun­des­wei­te Orga­ni­sa­ti­on „Anti­fa”, die als Gan­zes ver­bo­ten wer­den könn­te.

Was mög­lich ist – und gesche­hen ist:

  • Ein­zel­ne orga­ni­sier­te Grup­pen kön­nen geprüft und ver­bo­ten wer­den, wenn die gesetz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen erfüllt sind.
  • Ein rea­ler Prä­ze­denz­fall im lin­ken Spek­trum ist das Ver­bot der Platt­form „linksunten.indymedia” im August 2017 durch das Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­um nach Ver­eins­recht (vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt 2020 im Ergeb­nis bestä­tigt, aller­dings mit Ein­schrän­kun­gen zur Kla­ge­be­fug­nis).
  • Kon­kre­te Straf­ta­ten – Kör­per­ver­let­zung, Land­frie­dens­bruch, Brand­stif­tung, Bil­dung einer kri­mi­nel­len Ver­ei­ni­gung – sind unab­hän­gig von ihrer poli­ti­schen Begrün­dung ver­folg­bar; mar­kant etwa das Ver­fah­ren gegen die „Grup­pe Anti­fa Ost”/Lina E. (Urteil des OLG Dres­den 2023).
  • Das Zei­gen des Anti­fa-Logos ist in Deutsch­land nicht ver­bo­ten; es ist kein Kenn­zei­chen einer ver­bo­te­nen Orga­ni­sa­ti­on im Sin­ne von §§ 86a, 86 StGB.

11. Zusam­men­fas­sung: getrenn­te Pha­sen statt Kon­ti­nui­tät

Pha­seCha­rak­ter
1924–1932Kom­mu­nis­ti­sche Wehr­ver­bän­de: RFB (ver­bo­ten 1929), Kampf­bund gegen den Faschis­mus (ab 1930)
1932/33Kurz­le­bi­ge, KPD-geführ­te Kam­pa­gne gegen den Auf­stieg der NSDAP – belas­tet durch die anti­de­mo­kra­ti­sche Linie der KPD und die Feind­schaft zur SPD-Füh­rung; Kon­kur­renz zur Eiser­nen Front
1933–1945Ver­fol­gung; kom­mu­nis­ti­scher Wider­stand als Teil eines viel brei­te­ren, orga­ni­sa­to­risch getrenn­ten Wider­stands
1945Spon­ta­ne ört­li­che Anti­fa-Aus­schüs­se; bin­nen Mona­ten auf­ge­löst oder ein­ge­glie­dert
DDRStaat­lich ver­ord­ne­ter, instru­men­ta­li­sier­ter Anti­fa­schis­mus („anti­fa­schis­ti­scher Schutz­wall”) – kei­ne auto­no­me Bewe­gung
1970er/80er (BRD)Wie­der­auf­nah­me von Name und Sym­bol durch kom­mu­nis­ti­sche, dann auto­no­me Grup­pen
1990erHoch­pha­se nach ras­sis­ti­scher Gewalt­wel­le; AA/BO 1992–2001
seit 2000erHete­ro­ge­nes, über­wie­gend dezen­tra­les Milieu: Recher­che, Pro­test, Betrof­fe­nen­un­ter­stüt­zung – bis hin zu mili­tan­ten und gewalt­tä­ti­gen Tei­len

Die For­mu­lie­rung „die Anti­fa” sug­ge­riert eine ein­heit­li­che, seit 1932 bestehen­de Orga­ni­sa­ti­on. His­to­risch zutref­fend ist es, von ver­schie­de­nen anti­fa­schis­ti­schen Bewe­gun­gen, Milieus und kon­kre­ten Grup­pen zu spre­chen – mit gemein­sa­mer Sym­bo­lik, aber unter­schied­li­chen Trä­gern, Zie­len, Rechts­ver­hält­nis­sen und mora­li­schen Bilan­zen.


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Disclaimer: Dieser Beitrag dient lediglich zu allgemeinen Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Bitte konsultieren Sie vor jeder Anlageentscheidung einen unabhängigen Finanzberater