Black-Scho­les-Mer­ton-Glei­chung (BSM)

Die Black-Scho­les-Mer­ton-Glei­chung (BSM) ist eines der grund­le­gen­den Model­le der Finanz­ma­the­ma­tik. Sie beschreibt, wie sich der fai­re Preis einer euro­päi­schen Opti­on aus dem Preis des Basis­werts, der Zeit, der Vola­ti­li­tät und dem risi­ko­frei­en Zins­satz ablei­ten lässt.

Die eigent­li­che Black-Scho­les-Mer­ton-Dif­fe­ren­ti­al­glei­chung lau­tet:
Vt+12σ2S22VS2+rSVSrV=0\frac{\partial V}{\partial t} +\frac{1}{2}\sigma^2 S^2\frac{\partial^2 V}{\partial S^2} +rS\frac{\partial V}{\partial S} -rV=0

Dabei ist:

  • V(S,t)V(S,t): Wert der Opti­on
  • SS: aktu­el­ler Preis des Basis­werts, z. B. einer Aktie
  • tt: Zeit
  • σ\sigma: Vola­ti­li­tät des Basis­werts
  • rr: risi­ko­frei­er Zins­satz
  • VS\frac{\partial V}{\partial S}: Del­ta der Opti­on
  • 2VS2\frac{\partial^2 V}{\partial S^2}: Gam­ma der Opti­on

Für einen euro­päi­schen Call ergibt sich dar­aus die bekann­te geschlos­se­ne Black-Scho­les-For­mel:
C=S0N(d1)KerTN(d2)C=S_0N(d_1)-Ke^{-rT}N(d_2)

mitd1=ln(S0/K)+(r+12σ2)TσTd_1= \frac{\ln(S_0/K)+(r+\frac{1}{2}\sigma^2)T} {\sigma\sqrt{T}}

undd2=d1σT.d_2=d_1-\sigma\sqrt{T}.

Dabei sind S0S_0 der heu­ti­ge Akti­en­kurs, KK der Strike, TT die Rest­lauf­zeit und N()N(\cdot) die Ver­tei­lungs­funk­ti­on der Stan­dard­nor­mal­ver­tei­lung.

Für einen euro­päi­schen Put gilt ent­spre­chend:
P=KerTN(d2)S0N(d1).P=Ke^{-rT}N(-d_2)-S_0N(-d_1).

Die zen­tra­le Idee

Der ent­schei­den­de Gedan­ke von Black, Scho­les und Mer­ton ist Del­ta-Hedging. Man kom­bi­niert die Opti­on mit einer bestimm­ten Men­ge des Basis­werts so, dass das Port­fo­lio kurz­fris­tig kein Akti­en­kurs­ri­si­ko mehr besitzt. Ein sol­ches risi­ko­lo­ses Port­fo­lio muss dann — unter den Modell­an­nah­men — die risi­ko­freie Ren­di­te rr erwirt­schaf­ten.

Dadurch ver­schwin­det inter­es­san­ter­wei­se die tat­säch­lich erwar­te­te Akti­en­ren­di­te μ\mu aus der Opti­ons­preis­for­mel. Der Opti­ons­preis wird statt­des­sen unter einer soge­nann­ten risi­ko­neu­tra­len Bewer­tung bestimmt.

Ein stark ver­ein­fach­tes Bei­spiel: Eine Aktie kos­tet heu­te 100100€, ein Call hat einen Strike von 100100€, läuft noch ein Jahr und die erwar­te­te Vola­ti­li­tät beträgt 20%20\%. Bei einem risi­ko­frei­en Zins von etwa 5%5\% lie­fert das Black-Scho­les-Modell einen theo­re­ti­schen Call­preis von unge­fährC10,45.C \approx 10{,}45€.

Wich­tig ist aller­dings: Das Modell nimmt unter ande­rem kon­ti­nu­ier­li­chen Han­del, kon­stan­te Vola­ti­li­tät und Zin­sen sowie eine log­nor­mal ver­teil­te Akti­en­kurs­ent­wick­lung an. In rea­len Märk­ten sind die­se Vor­aus­set­zun­gen nur nähe­rungs­wei­se erfüllt. Ins­be­son­de­re zeigt die Vola­ti­li­ty Smile/Skew, dass die impli­zi­te Vola­ti­li­tät in der Rea­li­tät nicht kon­stant ist.


Die Black-Scho­les-Glei­chung Schritt für Schritt her­ge­leitet, inklu­si­ve Del­ta-Hedging und Itô-Lem­ma.

Die Her­lei­tung ist im Kern ein No-Arbi­tra­ge-Argu­ment: Man kon­stru­iert aus Opti­on und Aktie ein kurz­fris­tig risi­ko­frei­es Port­fo­lio. Die­ses muss dann zum risi­ko­frei­en Zins­satz wach­sen.

1. Annah­me für den Akti­en­kurs

Black-Scho­les-Mer­ton nimmt an, dass der Akti­en­kurs StS_t einer geo­me­tri­schen Brown­schen Bewe­gung folgt:
dS=μSdt+σSdWdS = \mu S\,dt+\sigma S\,dW

mit

  • μ\mu: erwar­te­te Ren­di­te der Aktie
  • σ\sigma: Vola­ti­li­tät
  • dWdW: zufäl­li­ge Brown­sche Bewe­gung
  • dtdt: sehr klei­nes Zeit­in­ter­vall

Der ers­te TermμSdt\mu S\,dt

ist die erwar­te­te Kurs­be­we­gung. Der zwei­te
σSdW\sigma S\,dW

ist die zufäl­li­ge Kom­po­nen­te.


2. Der Opti­ons­preis hängt von Aktie und Zeit ab

SeiV=V(S,t)V=V(S,t)

der Wert einer Opti­on.

Weil SS zufäl­lig schwankt, schwankt auch VV. Um die­se Ände­rung kor­rekt zu bestim­men, reicht die nor­ma­le Dif­fe­ren­ti­al­rech­nung nicht aus. Man benö­tigt das Itô-Lem­ma.

Für V(S,t)V(S,t) gilt:dV=Vtdt+VSdS+122VS2(dS)2.dV = \frac{\partial V}{\partial t}dt + \frac{\partial V}{\partial S}dS + \frac12 \frac{\partial^2 V}{\partial S^2} (dS)^2.

Der unge­wöhn­li­che zwei­te Ablei­tungs­term ent­steht durch die sto­chas­ti­sche Bewe­gung des Akti­en­kur­ses.

Für die Brown­sche Bewe­gung gilt:
(dW)2=dt.(dW)^2=dt.

DadS=μSdt+σSdW,dS=\mu Sdt+\sigma S dW,

folgt bis zur rele­van­ten Ord­nung:
(dS)2=σ2S2dt.(dS)^2=\sigma^2S^2dt.

Damit:dV=Vtdt+VSdS+12σ2S22VS2dt.dV= \frac{\partial V}{\partial t}dt + \frac{\partial V}{\partial S}dS + \frac12\sigma^2S^2 \frac{\partial^2V}{\partial S^2}dt.

Set­zen wir dSdS ein:dV=(Vt+μSVS+12σ2S22VS2)dt+σSVSdW.dV= \left( \frac{\partial V}{\partial t} + \mu S\frac{\partial V}{\partial S} + \frac12\sigma^2S^2 \frac{\partial^2V}{\partial S^2} \right)dt + \sigma S\frac{\partial V}{\partial S}dW.

Der letz­te TermσSVSdW\sigma S\frac{\partial V}{\partial S}dW

ent­hält das Zufalls­ri­si­ko.


3. Wir bau­en ein Del­ta-hedged Port­fo­lio

Nun kon­stru­ie­ren wir ein Port­fo­lio:
Π=VΔS.\Pi=V-\Delta S.

Also:

  • eine Opti­on hal­ten
  • gleich­zei­tig Δ\Delta Akti­en leer­ver­kau­fen.

Die Ände­rung des Port­fo­li­os ist:
dΠ=dVΔdS.d\Pi=dV-\Delta dS.

Wir wäh­lenΔ=VS\boxed{ \Delta=\frac{\partial V}{\partial S} }

Das ist das berühm­te Del­ta der Opti­on.

Damit:dΠ=dVVSdS.d\Pi = dV- \frac{\partial V}{\partial S}dS.

Set­zen wir die Itô-Glei­chung für dVdV ein:
dΠ=Vtdt+VSdS+12σ2S22VS2dtVSdS.d\Pi= \frac{\partial V}{\partial t}dt + \frac{\partial V}{\partial S}dS + \frac12\sigma^2S^2 \frac{\partial^2V}{\partial S^2}dt - \frac{\partial V}{\partial S}dS.

Die bei­den dSdS-Ter­me heben sich auf:
dΠ=(Vt+12σ2S22VS2)dt.d\Pi= \left( \frac{\partial V}{\partial t} + \frac12\sigma^2S^2 \frac{\partial^2V}{\partial S^2} \right)dt.

Und damit ist das Ent­schei­den­de pas­siert:Der Zufallsterm dW ist verschwunden.\boxed{\text{Der Zufallsterm }dW\text{ ist verschwunden.}}

Das Port­fo­lio ist über die­ses infi­ni­te­si­mal klei­ne Zeit­in­ter­vall risi­ko­los.


4. No-Arbi­tra­ge

Ein risi­ko­lo­ses Port­fo­lio muss die­sel­be Ren­di­te erzie­len wie eine risi­ko­lo­se Anla­ge.

Also:dΠ=rΠdt.d\Pi=r\Pi\,dt.

DaΠ=VSVS,\Pi=V-S\frac{\partial V}{\partial S},

gilt:dΠ=r(VSVS)dt.d\Pi = r \left( V-S\frac{\partial V}{\partial S} \right)dt.

Ande­rer­seits hat­ten wir:dΠ=(Vt+12σ2S22VS2)dt.d\Pi= \left( \frac{\partial V}{\partial t} + \frac12\sigma^2S^2 \frac{\partial^2V}{\partial S^2} \right)dt.

Gleich­set­zen ergibt:Vt+12σ2S22VS2=rVrSVS.\frac{\partial V}{\partial t} + \frac12\sigma^2S^2 \frac{\partial^2V}{\partial S^2} = rV-rS\frac{\partial V}{\partial S}.

Alle Ter­me auf eine Sei­te:Vt+12σ2S22VS2+rSVSrV=0\boxed{ \frac{\partial V}{\partial t} + \frac12\sigma^2S^2 \frac{\partial^2V}{\partial S^2} + rS\frac{\partial V}{\partial S} -rV =0 }

Das ist die Black-Scho­les-Mer­ton-Dif­fe­ren­ti­al­glei­chung.


5. War­um ver­schwin­det μ\mu?

Das ist einer der wich­tigs­ten Punk­te.

Ursprüng­lich hat­ten wir für die Aktie:
dS=μSdt+σSdW.dS=\mu Sdt+\sigma SdW.

Man könn­te daher erwar­ten, dass der Opti­ons­preis von der erwar­te­ten Akti­en­ren­di­te μ\mu abhängt.

Tut er aber nicht.

Durch das Del­ta-Hedging wird das Akti­en­markt­ri­si­ko eli­mi­niert. Sobald das Port­fo­lio risi­ko­los ist, spielt die sub­jek­ti­ve oder tat­säch­li­che erwar­te­te Akti­en­ren­di­te kei­ne Rol­le mehr.

Des­halb taucht in der BSM-Glei­chung nicht μ\mu, son­dern nur der risi­ko­freie Zins­satz rr auf.

Das ist die Grund­la­ge der risi­ko­neu­tra­len Bewer­tung.


6. Rand­be­din­gung eines Calls

Die Dif­fe­ren­ti­al­glei­chung allein bestimmt den Preis noch nicht. Wir brau­chen zusätz­lich die Aus­zah­lung am Ende der Lauf­zeit.

Für einen euro­päi­schen Call gilt zum Zeit­punkt TT:V(S,T)=max(SK,0).V(S,T)=\max(S-K,0).

Also:CT={STK,ST>K0,STK.C_T= \begin{cases} S_T-K,& S_T>K\\ 0,& S_T\leq K. \end{cases}

Löst man die Black-Scho­les-PDE mit die­ser Rand­be­din­gung, erhält man:C=S0N(d1)KerTN(d2)\boxed{ C=S_0N(d_1)-Ke^{-rT}N(d_2) }

mitd1=ln(S0/K)+(r+12σ2)TσTd_1= \frac{ \ln(S_0/K) + \left(r+\frac12\sigma^2\right)T }{ \sigma\sqrt T }

undd2=d1σT.d_2=d_1-\sigma\sqrt T.


7. Öko­no­mi­sche Inter­pre­ta­ti­on der bei­den Ter­me

Die For­melC=S0N(d1)KerTN(d2)C=S_0N(d_1)-Ke^{-rT}N(d_2)

kann man intui­tiv lesen.

Der ers­te TermS0N(d1)S_0N(d_1)

reprä­sen­tiert ver­ein­facht den Wert des Akti­en­an­teils, den man benö­tigt, um den Call zu repli­zie­ren.

Tat­säch­lich istΔ=N(d1)\boxed{\Delta=N(d_1)}

das Del­ta eines euro­päi­schen Calls im klas­si­schen Black-Scho­les-Modell.

Der zwei­te TermKerTN(d2)Ke^{-rT}N(d_2)

reprä­sen­tiert den abge­zins­ten Finan­zie­rungs­an­teil des repli­zie­ren­den Port­fo­li­os.


8. Der gan­ze Gedan­ken­gang in einer Ket­te

Die Logik lässt sich auf sechs Schrit­te redu­zie­ren:Aktienmodell\text{Aktienmodell}dS=μSdt+σSdWdS=\mu Sdt+\sigma SdW\DownarrowItoˆ-Lemma auf V(S,t)\text{Itô-Lemma auf }V(S,t)\DownarrowPortfolio Π=VΔS\text{Portfolio } \Pi=V-\Delta S\DownarrowΔ=VS\Delta=\frac{\partial V}{\partial S}\DownarrowZufallsrisiko verschwindet\text{Zufallsrisiko verschwindet}\DownarrowdΠ=rΠdtd\Pi=r\Pi dt\DownarrowVt+12σ2S2VSS+rSVSrV=0\boxed{ V_t+\frac12\sigma^2S^2V_{SS}+rSV_S-rV=0 }

Der tiefs­te Gedan­ke hin­ter Black-Scho­les ist daher nicht die kom­pli­zier­te For­mel für d1d_1 und d2d_2, son­dern:Option=dynamisch replizierbares Portfolio\boxed{\text{Option}=\text{dynamisch replizierbares Portfolio}}

und damitNo Arbitrageeindeutiger Optionspreis.\boxed{\text{No Arbitrage} \Rightarrow \text{eindeutiger Optionspreis}.}

Ein beson­ders sinn­vol­ler nächs­ter Schritt ist, ein kom­plet­tes Zah­len­bei­spiel mit S=100S=100, K=100K=100, σ=20%\sigma=20\%, r=5%r=5\% durch­zu­rech­nen und dabei d1d_1, d2d_2, Call­preis, Del­ta, Gam­ma, The­ta und Vega kon­kret aus­zu­rech­nen.


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