Bun­des­prä­si­dent Mer­kel

Kaum ist Ange­la Mer­kel ein paar Jah­re aus dem Kanz­ler­amt ent­kom­men, wird sie schon wie­der aus der Mot­ten­kis­te der deut­schen Poli­tik gezerrt – dies­mal nicht als Kanz­le­rin, son­dern gleich für Schloss Bel­le­vue, qua­si vom Regen in die Trau­fe des Pro­to­kolls. Laut einer For­sa-Umfra­ge hal­ten 47 Pro­zent der Befrag­ten Mer­kel für „geeig­net“, Bun­des­prä­si­den­tin zu wer­den. Und weil „geeig­net“ im deut­schen Medi­en­be­trieb bekannt­lich exakt so viel bedeu­tet wie „steht mit gepack­ten Kof­fern vor der Ver­ei­di­gung“, war das „Mer­kel-Come­back“ gebo­ren – fix, unkom­pli­ziert, ganz ohne dass irgend­je­mand irgend­was dafür tun muss­te.

Dass Mer­kel selbst die Spe­ku­la­tio­nen bereits als „abwe­gig“ bezeich­net hat, ist dabei natür­lich nur so ein läp­pi­sches Detail am Ran­de, das man groß­zü­gig über­le­sen kann. Wenn die Haupt­fi­gur einer Come­back-Geschich­te par­tout kein Come­back will, dann über­nimmt eben die Dra­ma­tur­gie den Job, für den sie nicht zur Ver­fü­gung steht. Aus einer hypo­the­ti­schen Eig­nungs­fra­ge wird so mit jour­na­lis­ti­scher Krea­ti­vi­tät eine wasch­ech­te Rück­kehr­ge­schich­te gebas­telt. Ver­ständ­lich: „47 Pro­zent hal­ten Mer­kel grund­sätz­lich für geeig­net“ ver­kauft sich eben deut­lich schlech­ter als das rau­nen­de „Kommt sie wie­der?“.

Ganz ent­zü­ckend ist auch der Ver­gleich mit frü­he­ren Bun­des­tags­wah­len, mit dem hier sug­ge­riert wird, Mer­kel sei gera­de auf dem Höhe­punkt ihrer Popu­la­ri­tät. Bei kei­ner Bun­des­tags­wahl habe sie so viel Zustim­mung erhal­ten wie jetzt in der Umfra­ge; 2013 kam die Uni­on auf 41,5 Pro­zent. Beein­dru­ckend, ja – solan­ge man tun­lichst igno­riert, dass hier zwei völ­lig ver­schie­de­ne Din­ge neben­ein­an­der­ge­legt wer­den wie Äpfel und Bun­des­tags­man­da­te. Eine Bun­des­tags­wahl misst Stim­men für Par­tei­en, eine Eig­nungs­fra­ge misst eine vage Sym­pa­thie­be­kun­dung zu einer Per­son. Aber zwei Pro­zent­zah­len neben­ein­an­der sehen nun mal wun­der­bar nach seriö­ser Ana­ly­se aus, auch wenn dahin­ter metho­disch gar nichts steckt.

Die Kon­kur­renz wirkt in der Umfra­ge ohne­hin eher wie Staf­fa­ge. Ilse Aigner kommt auf 26 Pro­zent, Gün­ther Jauch auf 25, Hape Ker­ke­ling auf 24, Julia Klöck­ner auf 20. Dass zwi­schen ech­ten Poli­ti­ke­rin­nen unbe­küm­mert ein Fern­seh­mo­de­ra­tor und ein Enter­tai­ner auf­tau­chen, ver­leiht der Suche nach dem künf­ti­gen Staats­ober­haupt end­gül­tig den Charme einer Sams­tag­abend­show. Fehlt eigent­lich nur noch die Publi­kums­ab­stim­mung per SMS und ein biss­chen Kon­fet­ti­re­gen für die Gewin­ne­rin.

Auch die par­tei­po­li­ti­sche Zustim­mung lie­fert reich­lich Zünd­stoff für woh­li­ge Schlag­zei­len. 75 Pro­zent der Grü­nen-Anhän­ger, 70 Pro­zent der Lin­ken-Anhän­ger, jeweils 55 Pro­zent bei SPD und Uni­on – selbst bei der AfD sol­len es noch 23 Pro­zent sein. Dar­aus lässt sich natür­lich hin­rei­ßend die Mär von der über­par­tei­li­chen Lan­des­mut­ter stri­cken, die im Allein­gang sämt­li­che poli­ti­schen Grä­ben zuschüt­tet. Dass „geeig­net“ wei­ter­hin mei­len­weit von „gewünscht“, „nomi­niert“ oder gar „gewählt“ ent­fernt ist, bleibt für Freun­de dra­ma­ti­scher Über­schrif­ten wei­ter­hin ein bedau­er­li­ches, aber offen­bar ver­schmerz­ba­res Detail.

Das eigent­li­che Phä­no­men ist also weni­ger ein Mer­kel-Come­back als das inzwi­schen schon tra­di­tio­nel­le Come­back des Mer­kel-Come­backs, das zuver­läs­sig alle paar Mona­te aus der Ver­sen­kung auf­taucht wie eine Boy­group-Reuni­on, die kei­ner bestellt hat. Sobald poli­ti­sche Per­so­nal­fra­gen etwas fad wer­den, reicht offen­bar schon der blo­ße Name der Ex-Kanz­le­rin, und die Nach­rich­ten­ma­schi­ne läuft wie­der auf Hoch­tou­ren. Mer­kel als Bun­des­prä­si­den­tin, Mer­kel als euro­päi­sche Ver­mitt­le­rin, Mer­kel als Stim­me der Ver­nunft, Mer­kel als Pro­jek­ti­ons­flä­che für alles, was der Poli­tik gera­de fehlt – ein Name, unend­lich vie­le Rol­len, null Auf­wand. Poli­tisch aus­ge­spro­chen prak­tisch: Man muss kei­ne neu­en Figu­ren auf­bau­en, wenn man die alte nur zuver­läs­sig oft genug wie­der ankün­digt.

Und viel­leicht ist genau das die Poin­te die­ser gan­zen Num­mer: Ange­la Mer­kel muss für ihr Come­back rein gar nichts tun. Sie muss nicht kan­di­die­ren, kei­ne Rede hal­ten, nicht mal so tun, als hät­te sie Inter­es­se. Es genügt voll­auf, dass irgend­wo eine Umfra­ge ihren Namen ent­hält. Den Rest erle­di­gen Schlag­zei­len, Talk­shows und Kom­men­ta­to­ren mit spür­ba­rer Hin­ga­be. Deutsch­land bekommt so im Halb­jah­res­takt eine Mer­kel-Rück­kehr gelie­fert – nur eben zuver­läs­sig ohne jede Rück­kehr.

Das dürf­te damit die ele­gan­tes­te, mühe­los­tes­te poli­ti­sche Kar­rie­re der Repu­blik sein: Man kan­di­diert nicht, man will das Amt nicht, und bekommt trotz­dem zuver­läs­sig die Titel­ge­schich­te – qua­si Ruhe­stand mit Pres­se­ab­tei­lung.


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