Wenn der Wahl­sieg zur Büh­ne für Clan­chef und Ter­ror-Sym­pa­thi­san­ten wird

Der Wahl­abend der Ber­li­ner Kom­mu­nis­ten hät­te ein Moment des Tri­umphs sein sol­len – statt­des­sen geriet er zum Lehr­stück über eine Par­tei, die ihre eige­nen Ansprü­che sys­te­ma­tisch unter­läuft. Dass aus­ge­rech­net Issa Rem­mo, das Ober­haupt der berüch­tig­ten Ber­li­ner Groß­fa­mi­lie Rem­mo, auf den Fei­ern in Neu­kölln und spä­ter im Fest­saal Kreuz­berg auf­tauch­te, ist kei­ne pein­li­che Rand­no­tiz, die sich weg­de­fi­nie­ren lässt. Es ist ein Sym­ptom – und die Par­tei wäre gut bera­ten, es end­lich als sol­ches zu behan­deln.

Die reflex­ar­ti­ge Schutz­be­haup­tung, es habe sich um öffent­li­che Ver­an­stal­tun­gen gehan­delt und Rem­mo sei nicht ein­ge­la­den gewe­sen, offen­bart bereits das Aus­maß des Pro­blems: Eine Par­tei, die sich als poli­ti­sche Hei­mat für die Schwa­chen und Mar­gi­na­li­sier­ten ver­steht, erklärt sich für struk­tu­rell macht­los gegen­über dem Auf­tritt eines Man­nes, des­sen Fami­lie seit Jahr­zehn­ten mit orga­ni­sier­ter Kri­mi­na­li­tät auf höchs­tem Niveau in Ver­bin­dung gebracht wird. Dass Rem­mo nach sei­ner Erken­nung durch den Jour­na­lis­ten Yos­si Bar­tal schließ­lich des Saa­les ver­wie­sen wur­de, ändert nichts an der ent­schei­den­den Fra­ge: War­um saß er über­haupt so lan­ge unbe­merkt oder unbe­hel­ligt im Publi­kum? Und was sagt das über die Wach­sam­keit einer Par­tei aus, die in einem Bezirk kan­di­diert, der seit Jah­ren wegen Clan-Kri­mi­na­li­tät und anti­se­mi­ti­scher Vor­fäl­le in der öffent­li­chen Kri­tik steht?

Noch schwe­rer wiegt, was Rem­mo gegen­über der Ber­li­ner Mor­gen­post erklär­te: Er füh­le sich erst­mals von einer Par­tei in Deutsch­land unter­stützt. Das ist kein Kom­pli­ment, das man kom­men­tar­los hin­neh­men kann. Es ist eine öffent­li­che Ver­ein­nah­mung – und die Ber­li­ner Lin­ke hat bis­lang kei­ne über­zeu­gen­de Ant­wort dar­auf gege­ben, war­um aus­ge­rech­net ein Mann mit Rem­mos Hin­ter­grund zu die­sem Schluss kommt. Statt­des­sen lie­fer­te er gleich noch eine beson­ders bit­te­re Poin­te: Als wol­le er die Par­tei von Anti­se­mi­tis­mus-Vor­wür­fen rein­wa­schen, behaup­te­te er, die Lin­ke ste­he Juden nicht feind­lich gegen­über. Ange­sichts des­sen, was sich am sel­ben Abend noch zutrug, wirkt die­se Aus­sa­ge wie blan­ker Hohn.

Denn Rem­mo war nicht der ein­zi­ge Gast mit ver­hee­ren­den Impli­ka­tio­nen. Ibra­him Ibra­him – foto­gra­fiert Sei­te an Sei­te mit Rem­mo, dem Neu­köll­ner Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten Ferat Koçak und der Lin­ken-Kan­di­da­tin Vanes­sa Emde – trägt ein poli­ti­sches Pro­fil, das in jedem ernst­haf­ten Vet­ting-Pro­zess sofort hät­te auf­fal­len müs­sen. Ibra­him gilt als füh­ren­der Unter­stüt­zer der vom Ver­fas­sungs­schutz als extre­mis­tisch ein­ge­stuf­ten PFLP und ver­trat das „Ver­ei­nig­te Paläs­ti­nen­si­sche Natio­nal­ko­mi­tee”. Nach Recher­chen der Orga­ni­sa­ti­on democ bezeich­ne­te er den frü­he­ren Hamas-Chef Jah­ja Sin­war, den Archi­tek­ten des Mas­sa­kers vom 7. Okto­ber 2023, als „stand­haf­ten Füh­rer” und „Mär­ty­rer­hel­den”. Ein Mann, der den Haupt­ver­ant­wort­li­chen für den schlimms­ten Angriff auf Juden seit dem Holo­caust glo­ri­fi­ziert, posiert unbe­hel­ligt neben Abge­ord­ne­ten und Kan­di­da­tin­nen der Ber­li­ner Lin­ken – und nie­mand schrei­tet ein. Das ist kein Ver­se­hen. Das ist das Ergeb­nis einer poli­ti­schen Kul­tur, in der sol­che Nähe offen­bar tole­riert wird, solan­ge sie nicht öffent­lich auf­fällt.

Die poli­ti­schen Reak­tio­nen lie­ßen nicht auf sich war­ten – und sie fie­len ver­nich­tend aus. Regie­ren­der Bür­ger­meis­ter Kai Weg­ner sprach von einem „ver­stö­ren­den Signal” und for­der­te Abgren­zung zur orga­ni­sier­ten Kri­mi­na­li­tät. Dass eine sol­che For­de­rung über­haupt nötig ist, sagt alles. Grü­nen-Co-Che­fin Nina Stahr ver­lang­te Auf­klä­rung. Bran­den­burgs Innen­mi­nis­ter Jan Red­mann for­mu­lier­te es schär­fer: Wenn Clan-Bos­se und Isla­mis­ten auf Lin­ken-Par­tys gefei­ert wür­den, las­se das Schlim­mes für die inne­re Sicher­heit befürch­ten. Die CDU for­der­te erwar­tungs­ge­mäß erneut eine Beob­ach­tung der Ber­li­ner Lin­ken durch den Ver­fas­sungs­schutz. Man muss die­ser For­de­rung nicht fol­gen – aber dass sie nach sol­chen Sze­nen wie­der auf dem Tisch liegt, ist eine direk­te Kon­se­quenz der Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit, die der Wahl­abend doku­men­tiert hat.

Der Vor­fall steht nicht für sich. Er reiht sich ein in eine besorg­nis­er­re­gen­de Ket­te. Erst Ende August hat­te der Rap­per Dahab­flex bei einer Par­tei­ver­an­stal­tung Zei­len wie „Yal­la Yal­la Inti­fa­da” und „Death to the IDF” per­formt. Spit­zen­kan­di­da­tin Eralp kri­ti­sier­te dies damals – scharf, aber fol­gen­los. Denn weni­ge Wochen spä­ter posiert ein PFLP-naher Akti­vist, der einen Hamas-Mas­sen­mör­der ver­herr­licht, unbe­an­stan­det mit Par­tei­ver­tre­tern. Das Mus­ter ist unver­kenn­bar: Die Ber­li­ner Lin­ke distan­ziert sich laut­stark, wenn der Schein­wer­fer sie trifft – struk­tu­rell ändert sich nichts. Wer immer wie­der die­sel­ben Feh­ler macht, hat kei­ne Feh­ler mehr – er hat eine Pra­xis.

Die schwers­te Bür­de trägt die Reak­ti­on der jüdi­schen Gemein­schaft. Josef Schus­ter, Prä­si­dent des Zen­tral­rats der Juden in Deutsch­land, zeig­te sich besorgt über den Wahl­sieg der Lin­ken und for­der­te SPD und Grü­ne auf, eine Regie­rungs­be­tei­li­gung zu ver­hin­dern. Das ist eine Aus­sa­ge von his­to­ri­schem Gewicht, die eine Par­tei, die sich als anti­fa­schis­tisch und soli­da­risch begreift, in tiefs­te Erschüt­te­rung stür­zen soll­te. Statt­des­sen ver­wies Bodo Rame­low dar­auf, Eralp sei aktiv auf die jüdi­sche Gemein­de zuge­gan­gen. Gesprächs­be­reit­schaft als Gegen­be­weis – das ist der ver­zwei­fel­tes­te aller Ablen­kungs­ma­nö­ver. Es reicht nicht, Gesprä­che zu suchen, wenn zur sel­ben Zeit Ver­herr­li­cher von Hamas-Ter­ro­ris­ten unge­stört auf den eige­nen Par­ty­fei­ern posie­ren.

Dass Ermitt­ler beton­ten, Rem­mo habe sich frei bewe­gen dür­fen, weil er der­zeit nicht unter direk­ter poli­zei­li­cher Beob­ach­tung ste­he, ver­fehlt den eigent­li­chen Punkt voll­stän­dig. Ein Mann, des­sen Fami­lie mit dem Dieb­stahl der Gold­mün­ze aus dem Bode-Muse­um und dem Ein­bruch ins Dresd­ner Grü­ne Gewöl­be in Ver­bin­dung gebracht wird, des­sen Immo­bi­li­en­ver­mö­gen 2018 in gro­ßem Umfang gericht­lich sicher­ge­stellt wur­de, ist kei­ne Pri­vat­per­son ohne Geschich­te. Wenn eine Par­tei, die sich als mora­li­sche Instanz gegen Unrecht und Ungleich­heit posi­tio­niert, zulässt, dass eine sol­che Figur sich öffent­lich als ihre ers­te poli­ti­sche Hei­mat in Deutsch­land rekla­miert – und das in einem Bezirk, der seit Jah­ren durch anti­se­mi­ti­sche Vor­fäl­le belas­tet ist –, dann ist das kein Betriebs­un­fall. Es ist das sicht­ba­re Ergeb­nis einer struk­tu­rel­len Gleich­gül­tig­keit gegen­über dem eige­nen poli­ti­schen Umfeld. Und die­se Gleich­gül­tig­keit hat einen Preis – bezahlt wird er vor allem von denen, die am meis­ten auf poli­ti­schen Schutz ange­wie­sen sind.


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