Der Geruch der Angst: Ricar­da Langs Dia­gno­se einer ori­en­tie­rungs­lo­sen Poli­tik

Ber­lin wirkt die­ser Tage wie erstarrt – gelähmt von einer Ner­vo­si­tät, die sich zwar nicht grei­fen, aber über­all spü­ren lässt. Ricar­da Lang, ehe­ma­li­ge Grü­nen-Che­fin und mitt­ler­wei­le eine der prä­gen­den Stim­men ihrer Frak­ti­on im Haus­halts­aus­schuss, bringt die­se Stim­mung mit einem ein­präg­sa­men Bild auf den Punkt: Man kön­ne den Angst­schweiß förm­lich rie­chen. Ihre Beob­ach­tung zielt dabei nicht allein auf die der­zei­ti­ge Regie­rungs­kri­se, sie legt ein tie­fe­res Pro­blem der gesam­ten poli­ti­schen Klas­se offen. Im Mit­tel­punkt ihrer Kri­tik steht Bun­des­kanz­ler Fried­rich Merz, des­sen Füh­rungs­stil sie als zutiefst ent­täu­schend beschreibt. In sei­ner jüngs­ten Rede zur Lage der Nati­on habe er weder eine Zukunfts­per­spek­ti­ve skiz­ziert noch sich selbst­kri­tisch gezeigt. Statt als gestal­ten­der Kanz­ler auf­zu­tre­ten, habe er sich eher wie ein Oppo­si­ti­ons­po­li­ti­ker gege­ben – einer, der sich lie­ber an ande­ren Par­tei­en abar­bei­tet, als eine eige­ne Visi­on für das Land zu ent­wer­fen.

Doch das Pro­blem, sagt Lang, sitzt tie­fer als nur bei einer Per­son. Sie beschreibt ein kol­lek­ti­ves Phä­no­men der Angst­ge­trie­ben­heit, das vie­le Poli­ti­ker dazu brin­ge, sich zu ver­hal­ten wie das Kanin­chen vor der Schlan­ge. Der stän­di­ge Blick auf Umfra­ge­wer­te, die all­ge­gen­wär­ti­ge Sor­ge vor der AfD – all das habe eine läh­men­de Vor­sicht erzeugt, die den Men­schen im Land weder Mut noch Ori­en­tie­rung geben kön­ne. Bei Merz kon­kret macht Lang zudem ein grund­le­gen­des Defi­zit im Men­schen­bild aus. Erfolg­rei­che Poli­tik, so ihre Über­zeu­gung, lebt von drei Din­gen: ech­tem Inter­es­se an den Men­schen, einem Gespür für ihre Lebens­rea­li­tä­ten und einer auf­rich­ti­gen Zunei­gung zu jenen, für die man eigent­lich han­delt. Genau dar­an schei­te­re der Kanz­ler – mit der Fol­ge, dass sei­ne Poli­tik kalt und distan­ziert wir­ke.

Selbst­kri­tik spart Lang dabei auch bei den eige­nen Rei­hen nicht aus. Sie gesteht ein, dass auch die Grü­nen zu sehr in eine Defen­siv­hal­tung gera­ten sind, weil sie sich zu stark an der Aus­ein­an­der­set­zung mit der AfD abge­ar­bei­tet haben. Die­se reak­ti­ve Hal­tung habe es Rechts­extre­men leich­ter gemacht, gesell­schaft­li­chen Frust für sich zu nut­zen. Statt Demo­kra­tie nur zu ver­tei­di­gen, gehe es dar­um, ihr wie­der posi­ti­ves Leben ein­zu­hau­chen und spür­ba­re Ver­bes­se­run­gen sicht­bar zu machen. Beson­ders das The­ma Migra­ti­on treibt Lang um: Die Annah­me, eine här­te­re Migra­ti­ons­po­li­tik wer­de den Auf­stieg der AfD brem­sen, habe sich als Irr­tum erwie­sen. Obwohl die Migra­ti­ons­zah­len in den ver­gan­ge­nen drei Jah­ren gesun­ken sei­en, habe die rechts­po­pu­lis­ti­sche Par­tei wei­ter zuge­legt. Gleich­zei­tig räumt Lang ein, dass die Grü­nen das The­ma Inte­gra­ti­on lan­ge ver­nach­läs­sigt hät­ten – aus Sor­ge, damit fal­schen Erzäh­lun­gen Vor­schub zu leis­ten.

Ange­sichts der brü­chi­gen Mehr­heit von Schwarz-Rot stellt sich die Fra­ge, wel­che Rol­le den Grü­nen jetzt zukommt. Lang macht klar: Ihre Par­tei ist bereit, an sinn­vol­len Refor­men mit­zu­wir­ken. Was sie ablehnt, ist die Rol­le der blo­ßen Mehr­heits­be­schaf­fe­rin, die einen Kanz­ler ohne eige­ne sta­bi­le Basis künst­lich am Leben hält. Mit­ge­stal­ten – ja. Blind stüt­zen – nein. Zum Schluss wen­det sich Lang gegen einen Trend, der ihr in der Poli­tik zuneh­mend sau­er auf­stößt: den Ver­such, Authen­ti­zi­tät durch insze­nier­te Nor­ma­li­tät zu erset­zen. Fotos von Poli­ti­kern in Arbeits­klei­dung oder auf dem Bau­ern­hof wirk­ten meist bemüht und wenig glaub­wür­dig. Ech­te Nähe ent­steht nicht durch PR-Insze­nie­rung, son­dern durch eine Hal­tung, die man tat­säch­lich lebt. Was die­se unsi­che­re Zeit braucht, ist weni­ger Show – und mehr ech­ten Mut zur Gestal­tung.


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