Die fünf Prin­zi­pi­en für nach­hal­ti­ges und effek­ti­ves Ler­nen

Wie du Wis­sen lang­fris­tig behältst, Zusam­men­hän­ge bes­ser ver­stehst und Gelern­tes fle­xi­bel anwen­den kannst

Erfolg­rei­ches Ler­nen bedeu­tet nicht, mög­lichst vie­le Infor­ma­tio­nen in mög­lichst kur­zer Zeit auf­zu­neh­men. Ent­schei­dend ist, dass Wis­sen lang­fris­tig im Gedächt­nis bleibt, zuver­läs­sig abge­ru­fen und in neu­en Situa­tio­nen ange­wen­det wer­den kann.

Die Kogni­ti­ons­wis­sen­schaft zeigt, dass sich wirk­sa­mes Ler­nen häu­fig anders anfühlt, als wir intui­tiv erwar­ten: Metho­den, die das Ler­nen im Moment leicht und flüs­sig erschei­nen las­sen, füh­ren nicht unbe­dingt zu den bes­ten lang­fris­ti­gen Ergeb­nis­sen. Umge­kehrt kön­nen Stra­te­gien, die geis­ti­ge Anstren­gung erfor­dern, beson­ders nach­hal­tig wir­ken.

Die­ses Phä­no­men beschreibt das Kon­zept der „Desi­ra­ble Dif­fi­cul­ties“ (wün­schens­wer­te Schwie­rig­kei­ten), das ins­be­son­de­re durch die For­schung von Robert und Eliza­beth Bjork bekannt wur­de. Dahin­ter steht die Erkennt­nis, dass bestimm­te Her­aus­for­de­run­gen wäh­rend des Ler­nens die lang­fris­ti­ge Behal­tens­leis­tung, das Ver­ständ­nis und die fle­xi­ble Anwen­dung von Wis­sen ver­bes­sern kön­nen.

Aus die­sen und wei­te­ren Erkennt­nis­sen der Lern­for­schung las­sen sich fünf zen­tra­le Prin­zi­pi­en ablei­ten.

1. Akti­ves Abru­fen statt pas­si­ves Wie­der­le­sen

Wis­sen wird lang­fris­tig bes­ser ver­füg­bar, wenn du es aktiv aus dem Gedächt­nis her­vor­holst, statt es nur wie­der­holt auf­zu­neh­men.

Beim erneu­ten Lesen erschei­nen Infor­ma­tio­nen häu­fig ver­traut. Die­se Ver­traut­heit kann jedoch eine trü­ge­ri­sche Sicher­heit erzeu­gen: Nur weil du etwas wie­der­erkennst, bedeu­tet das noch nicht, dass du es spä­ter selbst­stän­dig abru­fen oder erklä­ren kannst. Die­ses Phä­no­men wird als Illu­si­on of Fluen­cy bezeich­net.

Akti­ves Abru­fen (Retrie­val Prac­ti­ce) setzt genau hier an. Wenn du ver­suchst, Infor­ma­tio­nen ohne Hilfs­mit­tel wie­der­zu­ge­ben, trai­nierst du ihre spä­te­re Ver­füg­bar­keit. Beson­ders wirk­sam ist dies, wenn du anschlie­ßend über­prüfst, was rich­tig war und wel­che Infor­ma­tio­nen feh­len.

Prak­ti­sche Umset­zung: Schlie­ße nach einer Lern­ein­heit das Buch, lege dei­ne Noti­zen bei­sei­te und beant­wor­te aus dem Gedächt­nis die wich­tigs­ten Fra­gen. Schrei­be die zen­tra­len Aus­sa­gen auf oder gib sie laut wie­der. Kon­trol­lie­re anschlie­ßend dei­ne Ant­wor­ten und kor­ri­gie­re Feh­ler.

Grund­prin­zip: Nicht das blo­ße Wie­der­erken­nen zeigt, was du gelernt hast, son­dern die Fähig­keit, Wis­sen eigen­stän­dig abzu­ru­fen.

2. Ler­nen zeit­lich ver­tei­len statt alles auf ein­mal wie­der­ho­len

Lang­fris­ti­ges Behal­ten pro­fi­tiert davon, wenn Wie­der­ho­lun­gen über die Zeit ver­teilt wer­den.

Beim soge­nann­ten Spa­cing Effect wird der­sel­be Lern­stoff in meh­re­ren zeit­lich getrenn­ten Ein­hei­ten wie­der­holt, anstatt ihn in einer ein­zi­gen inten­si­ven Sit­zung mehr­fach durch­zu­ge­hen.

Zwi­schen den Lern­ein­hei­ten kön­nen sich Gedächt­nis­pro­zes­se wei­ter­ent­wi­ckeln und die unmit­tel­ba­re Ver­traut­heit mit dem Stoff nimmt ab. Dadurch erfor­dert der nächs­te Abruf mehr geis­ti­ge Anstren­gung. Solan­ge die­ser Abruf gelingt oder durch Feed­back erfolg­reich unter­stützt wird, kann er beson­ders lern­för­der­lich sein.

Ent­schei­dend ist aller­dings nicht, mög­lichst viel zu ver­ges­sen. Wird der zeit­li­che Abstand zu groß, kann das erneu­te Ler­nen unnö­tig erschwert wer­den.

Prak­ti­sche Umset­zung: Wie­der­ho­le neue Inhal­te nach zuneh­men­den zeit­li­chen Abstän­den, bei­spiels­wei­se am fol­gen­den Tag, nach eini­gen Tagen und spä­ter nach meh­re­ren Wochen. Pas­se die Abstän­de dar­an an, wie zuver­läs­sig du den Stoff abru­fen kannst.

Grund­prin­zip: Wie­der­ho­le nicht nur, solan­ge der Stoff noch voll­kom­men prä­sent ist, son­dern auch dann, wenn du ihn mit etwas Anstren­gung rekon­stru­ie­ren musst.

3. Unter­schied­li­che Auf­ga­ben gezielt mischen statt aus­schließ­lich block­wei­se üben

Ler­nen wird fle­xi­bler, wenn du nicht nur Lösungs­ver­fah­ren trai­nierst, son­dern auch ihre rich­ti­ge Aus­wahl.

Beim Inter­lea­ving wer­den ver­schie­de­ne, mit­ein­an­der ver­wand­te The­men, Auf­ga­ben­ar­ten oder Ver­fah­ren inner­halb einer Übungs­ein­heit abge­wech­selt.

Wer aus­schließ­lich Auf­ga­ben des­sel­ben Typs bear­bei­tet, weiß häu­fig schon im Vor­aus, wel­ches Ver­fah­ren anzu­wen­den ist. Dadurch kann die Bear­bei­tung flüs­sig erschei­nen, ohne dass tat­säch­lich geübt wird, unter­schied­li­che Pro­blem­stel­lun­gen zu erken­nen.

Beim gemisch­ten Üben musst du dage­gen zunächst ent­schei­den, wel­che Metho­de zur jewei­li­gen Auf­ga­be passt. Das för­dert ins­be­son­de­re die Unter­schei­dung ähn­li­cher Kon­zep­te und die fle­xi­ble Anwen­dung des Gelern­ten.

Aller­dings ist die­se Metho­de nicht in jeder Situa­ti­on über­le­gen. Beim erst­ma­li­gen Erler­nen kom­ple­xer Ver­fah­ren kann es sinn­voll sein, zunächst meh­re­re ähn­li­che Auf­ga­ben hin­ter­ein­an­der zu bear­bei­ten, um ein grund­le­gen­des Ver­ständ­nis auf­zu­bau­en.

Prak­ti­sche Umset­zung: Ler­ne neue Ver­fah­ren zunächst ein­zeln. Sobald du die Grund­la­gen beherrschst, mische unter­schied­li­che Auf­ga­ben­ty­pen und ent­schei­de bei jeder Auf­ga­be bewusst, wel­cher Lösungs­weg geeig­net ist.

Grund­prin­zip: Ler­ne nicht nur, wie eine Metho­de funk­tio­niert, son­dern auch, wann und war­um du sie ein­set­zen soll­test.

4. Wis­sen ohne Hilfs­mit­tel erklä­ren statt nur ver­ste­hen glau­ben

Ech­tes Ver­ständ­nis zeigt sich dar­in, dass du einen Sach­ver­halt eigen­stän­dig erklä­ren und sei­ne Zusam­men­hän­ge nach­voll­zieh­bar dar­stel­len kannst.

Das Erklä­ren eines Kon­zepts in eige­nen Wor­ten ver­bin­det akti­ves Abru­fen mit einer tie­fe­ren gedank­li­chen Ver­ar­bei­tung (Self-Expl­ana­ti­on).

Wenn du einen Sach­ver­halt ohne Buch oder Noti­zen erklärst, musst du die wesent­li­chen Infor­ma­tio­nen selbst­stän­dig orga­ni­sie­ren, logi­sche Ver­bin­dun­gen her­stel­len und Ursa­chen oder Wir­kungs­zu­sam­men­hän­ge nach­voll­zie­hen.

Dabei wer­den häu­fig Wis­sens­lü­cken sicht­bar: Viel­leicht kennst du eine Defi­ni­ti­on, kannst aber nicht begrün­den, war­um etwas funk­tio­niert. Oder du kannst ein Bei­spiel wie­der­ge­ben, aber das zugrun­de lie­gen­de Prin­zip nicht auf eine neue Situa­ti­on über­tra­gen.

Eine flüs­si­ge Erklä­rung allein garan­tiert aller­dings noch kein kor­rek­tes Ver­ständ­nis. Des­halb ist die anschlie­ßen­de Über­prü­fung wesent­lich.

Prak­ti­sche Umset­zung: Erklä­re ein Kon­zept laut, als wür­dest du es einer Per­son ohne Vor­wis­sen ver­mit­teln. Ver­wen­de ein­fa­che Wor­te, beschrei­be die Zusam­men­hän­ge und ent­wick­le ein eige­nes Bei­spiel. Ver­glei­che dei­ne Erklä­rung anschlie­ßend mit einer zuver­läs­si­gen Quel­le.

Grund­prin­zip: Wer etwas wirk­lich ver­steht, kann es nicht nur wie­der­ge­ben, son­dern erklä­ren, begrün­den und auf neue Bei­spie­le über­tra­gen.

5. Zusam­men­hän­gen­de Wis­sens­struk­tu­ren auf­bau­en statt iso­lier­te Fak­ten sam­meln

Neu­es Wis­sen lässt sich leich­ter ver­ste­hen und lang­fris­tig nut­zen, wenn es sinn­voll mit bereits vor­han­de­nem Wis­sen ver­knüpft wird.

Unser Gedächt­nis spei­chert Infor­ma­tio­nen nicht aus­schließ­lich als von­ein­an­der unab­hän­gi­ge Ein­zel­hei­ten. Vor­wis­sen, Bedeu­tungs­zu­sam­men­hän­ge und men­ta­le Struk­tu­ren spie­len eine wesent­li­che Rol­le dabei, wie neue Infor­ma­tio­nen ver­ar­bei­tet und spä­ter abge­ru­fen wer­den.

Zwei wich­ti­ge Kon­zep­te sind dabei Chun­king und der Auf­bau men­ta­ler Sche­ma­ta.

Beim Chun­king wer­den meh­re­re Infor­ma­ti­ons­ein­hei­ten zu grö­ße­ren, sinn­vol­len Ein­hei­ten zusam­men­ge­fasst. Men­ta­le Sche­ma­ta orga­ni­sie­ren dage­gen Wis­sen über Zusam­men­hän­ge, Regeln und wie­der­keh­ren­de Mus­ter.

Je bes­ser sol­che Struk­tu­ren ent­wi­ckelt sind, des­to leich­ter kön­nen neue Infor­ma­tio­nen ein­ge­ord­net und kom­ple­xe Sach­ver­hal­te ver­stan­den wer­den. Der Auf­bau trag­fä­hi­ger Wis­sens­struk­tu­ren erfor­dert aller­dings Zeit, Übung und wie­der­hol­te Anwen­dung.

Prak­ti­sche Umset­zung: Fra­ge dich bei neu­en Infor­ma­tio­nen, was du bereits dar­über weißt, wel­che Ursa­chen und Zusam­men­hän­ge bestehen, wodurch sich ähn­li­che Kon­zep­te unter­schei­den und in wel­chen Situa­tio­nen sich das Wis­sen anwen­den lässt. Nut­ze eige­ne Bei­spie­le, Ver­glei­che und über­sicht­li­che Struk­tu­rie­run­gen.

Grund­prin­zip: Samm­le nicht nur Infor­ma­tio­nen, son­dern ent­wick­le ein zusam­men­hän­gen­des Ver­ständ­nis davon, wie und war­um sie mit­ein­an­der ver­bun­den sind.


Fazit: Nach­hal­ti­ges Ler­nen ent­steht durch akti­ve Ver­ar­bei­tung

Die fünf Prin­zi­pi­en ver­deut­li­chen eine zen­tra­le Erkennt­nis der moder­nen Lern­for­schung: Die Wirk­sam­keit einer Lern­me­tho­de lässt sich nicht dar­an erken­nen, wie leicht sich das Ler­nen im Moment anfühlt.

Akti­ves Abru­fen, zeit­lich ver­teil­te Wie­der­ho­lun­gen, gemisch­tes Üben, eigen­stän­di­ges Erklä­ren und der Auf­bau sinn­vol­ler Wis­sens­struk­tu­ren kön­nen dazu bei­tra­gen, Infor­ma­tio­nen lang­fris­tig zu behal­ten und fle­xi­bel anzu­wen­den.

Dabei ist geis­ti­ge Anstren­gung kein Selbst­zweck. Eine Schwie­rig­keit ist nur dann wün­schens­wert, wenn sie Lern­pro­zes­se unter­stützt, ohne dau­er­haft zu über­for­dern. Ent­schei­dend sind des­halb das rich­ti­ge Ver­hält­nis zwi­schen Her­aus­for­de­rung und Vor­wis­sen, aus­rei­chen­des Feed­back und eine an den Lern­stoff ange­pass­te Vor­ge­hens­wei­se.

Das Ziel erfolg­rei­chen Ler­nens ist nicht, mög­lichst schnell mit dem Stoff fer­tig zu wer­den, son­dern Wis­sen so auf­zu­bau­en, dass es auch nach län­ge­rer Zeit ver­füg­bar bleibt, ver­stan­den wird und in neu­en Situa­tio­nen ange­wen­det wer­den kann.

Die ent­schei­den­de Fra­ge lau­tet daher nicht: „Wie oft habe ich den Stoff gele­sen?“, son­dern: „Kann ich ihn ohne Hil­fe abru­fen, ver­ständ­lich erklä­ren und selbst­stän­dig anwen­den?“


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Disclaimer: Dieser Beitrag dient lediglich zu allgemeinen Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Bitte konsultieren Sie vor jeder Anlageentscheidung einen unabhängigen Finanzberater