Fos­si­le Ener­gie und das Wachs­tum der Welt­be­völ­ke­rung

Um 1800 leb­ten etwa eine Mil­li­ar­de Men­schen; im Novem­ber 2022 über­schritt die Welt­be­völ­ke­rung nach UN-Schät­zun­gen acht Mil­li­ar­den. Fos­si­le Ener­gie war eine wesent­li­che mate­ri­el­le Vor­aus­set­zung die­ses Wachs­tums, weil Koh­le, spä­ter Öl und Erd­gas meh­re­re har­te Gren­zen vor­mo­der­ner Gesell­schaf­ten ver­scho­ben:

  • Pro­duk­ti­vi­tät: Dampf­ma­schi­ne, Ver­bren­nungs­mo­tor und Elek­tri­zi­tät ersetz­ten Muskel‑, Wind- und Was­ser­kraft und stei­ger­ten die Leis­tung von Land­wirt­schaft, Indus­trie und Trans­port um Grö­ßen­ord­nun­gen.
  • Ver­sor­gung: Eisen­bah­nen und Dampf­schif­fe mach­ten es mög­lich, Mil­lio­nen­städ­te zu ernäh­ren und Getrei­de und Fleisch über Kon­ti­nen­te hin­weg zu han­deln. Erst­mals konn­te eine regio­na­le Miss­ern­te durch Impor­te aus­ge­gli­chen wer­den.
  • Mecha­ni­sie­rung: Erd­öl lie­fer­te Treib­stoff und Schmier­stoff für Trak­to­ren, Mäh­dre­scher und Last­wa­gen und setz­te gleich­zei­tig jene Flä­chen frei, die zuvor als Fut­ter für Zug­tie­re gebraucht wur­den.
  • Dün­ge­mit­tel: Erd­gas und Koh­le sind für die Ammo­ni­ak­syn­the­se nicht nur Ener­gie­quel­le, son­dern Roh­stoff – aus ihnen stammt der Was­ser­stoff, der im Haber-Bosch-Ver­fah­ren mit Luft­stick­stoff ver­bun­den wird.
  • Infra­struk­tur: Höhe­re Ein­kom­men und bil­li­ge Bau­stof­fe wie Zement, Stahl und Zie­gel finan­zier­ten Kana­li­sa­ti­on, Trink­was­ser­lei­tun­gen, Kran­ken­häu­ser und Kühl­ket­ten.

Der demo­gra­fi­sche Mecha­nis­mus

Ent­schei­dend war zunächst nicht eine Zunah­me der Gebur­ten, son­dern ein star­ker Rück­gang der Sterb­lich­keit, ins­be­son­de­re der Kin­der­sterb­lich­keit. Mehr Kin­der erreich­ten das Erwach­se­nen­al­ter, Hun­ger­kri­sen und Infek­ti­ons­krank­hei­ten ver­lo­ren an töd­li­cher Wucht, die Lebens­er­war­tung stieg. Weil die Gebur­ten­ra­ten zunächst hoch blie­ben, ent­stand für eini­ge Gene­ra­tio­nen eine gro­ße Lücke zwi­schen Gebur­ten und Ster­be­fäl­len – dar­aus resul­tier­te das schnel­le Wachs­tum.

Wich­tig ist dabei die Rei­hen­fol­ge der Ursa­chen: Der Mor­ta­li­täts­rück­gang begann in Tei­len Euro­pas bereits vor dem fos­si­len Zeit­al­ter, getra­gen von bes­se­ren Frucht­fol­gen, der Kar­tof­fel, dem Ende der gro­ßen Sub­sis­tenz­kri­sen und der Pocken­imp­fung. Auch spä­ter waren vie­le der wirk­sams­ten Maß­nah­men ener­gie­arm und bil­lig: sau­be­res Was­ser, Hän­de­wa­schen, Impf­kam­pa­gnen, ora­le Rehy­drat­a­ti­on, Anti­bio­ti­ka. Die frü­he Indus­tria­li­sie­rung ver­schlech­ter­te die Gesund­heits­la­ge in den wach­sen­den Städ­ten sogar zunächst; Sani­tär­re­for­men setz­ten erst ab der Mit­te des 19. Jahr­hun­derts ein. Fos­si­le Ener­gie war also ein Ermög­li­cher und Beschleu­ni­ger, nicht die allei­ni­ge Ursa­che.

Am deut­lichs­ten: die Ernäh­rung

Am unmit­tel­bars­ten ist der Zusam­men­hang bei der Nah­rungs­mit­tel­pro­duk­ti­on. Vor Haber und Bosch war ver­füg­ba­rer Stick­stoff der begren­zen­de Fak­tor der Land­wirt­schaft; nun ließ er sich prak­tisch unbe­grenzt aus der Luft gewin­nen. Zusam­men mit Bewäs­se­rung, Pflan­zen­züch­tung, Pflan­zen­schutz, Mecha­ni­sie­rung und glo­ba­lem Trans­port – in der Grü­nen Revo­lu­ti­on der 1960er Jah­re gebün­delt – ver­viel­fach­te das die Erträ­ge. Schät­zun­gen zufol­ge hängt heu­te etwa die Hälf­te der welt­wei­ten Nah­rungs­mit­tel­pro­duk­ti­on an syn­the­ti­schem Stick­stoff­dün­ger; rech­ne­risch ent­spricht das rund vier Mil­li­ar­den Men­schen. In die­sem prä­zi­se umgrenz­ten Sinn wird ein gro­ßer Teil der Mensch­heit von einem fos­sil gestütz­ten Ernäh­rungs­sys­tem ver­sorgt.

Das Dilem­ma – und sei­ne Ent­schär­fung

Fos­si­le Ener­gie hat also in erheb­li­chem Maß Wohl­stand, Ernäh­rungs­si­cher­heit und län­ge­res Leben ermög­licht – und ver­ur­sacht zugleich den Kli­ma­wan­del. Sie deckt bis heu­te rund 80 Pro­zent des glo­ba­len Pri­mär­ener­gie­ver­brauchs.

Zwei Punk­te rela­ti­vie­ren das Dilem­ma aller­dings. Ers­tens ist das Bevöl­ke­rungs­wachs­tum kein Selbst­läu­fer: Sei­ne rela­ti­ve Rate erreich­te ihren Höhe­punkt in den 1960er Jah­ren und hat sich seit­her mehr als hal­biert; die glo­ba­le Gebur­ten­ra­te ist von etwa fünf auf rund 2,2 Kin­der pro Frau gesun­ken. Die UN erwar­tet ein Maxi­mum von etwa 10,3 Mil­li­ar­den Men­schen in den 2080er Jah­ren. Zwei­tens sind die Funk­tio­nen fos­si­ler Ener­gie – Antrieb, Wär­me, Was­ser­stoff für Dün­ger – tech­nisch von ihrem Trä­ger trenn­bar.

Die Her­aus­for­de­rung besteht daher nicht dar­in, zur vor­in­dus­tri­el­len Ener­gie­ar­mut zurück­zu­keh­ren, son­dern dar­in, die gesell­schaft­li­chen Leis­tun­gen des fos­si­len Zeit­al­ters mit einem ande­ren Ener­gie­sys­tem zu erbrin­gen – und sie zugleich jenen Men­schen zugäng­lich zu machen, die bis heu­te kei­nen Zugang zu aus­rei­chen­der Ener­gie haben.


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