Merz’ 230-Mil­li­ar­den-Ver­spre­chen: Inves­ti­ti­ons­of­fen­si­ve oder ris­kan­tes Spiel mit einer mög­li­chen KI-Bla­se?

Bun­des­kanz­ler Fried­rich Merz fei­ert Inves­ti­ti­ons­zu­sa­gen von rund 230 Mil­li­ar­den Euro als Erfolg für den Wirt­schafts­stand­ort Deutsch­land. Rund 200 Unter­neh­mens­chefs und Inves­to­ren kamen auf der Kon­fe­renz „Invest in Ger­ma­ny“ zusam­men, um über mil­li­ar­den­schwe­re Pro­jek­te zu spre­chen. Stra­ßen, Brü­cken, Rechen­zen­tren, künst­li­che Intel­li­genz und neue Tech­no­lo­gien sol­len Deutsch­land wirt­schaft­lich vor­an­brin­gen. Die Bot­schaft der Bun­des­re­gie­rung ist ein­deu­tig: Inter­na­tio­na­le Inves­to­ren set­zen auf Deutsch­land, Arbeits­plät­ze ent­ste­hen, die Wirt­schaft wächst und am Ende pro­fi­tie­ren die Bür­ger. Doch hin­ter die­ser Erfolgs­mel­dung ste­hen Fra­gen, die weit weni­ger Auf­merk­sam­keit erhal­ten als die beein­dru­cken­de Mil­li­ar­den­sum­me.

Zunächst stellt sich die grund­sätz­li­che Fra­ge, wer die­se Inves­ti­tio­nen tat­säch­lich finan­ziert und wer am Ende dafür bezahlt. Pri­va­te Inves­to­ren sind kei­ne Wohl­tä­ter. Sie inves­tie­ren, weil sie Gewin­ne erwar­ten. Das ist zunächst völ­lig legi­tim. Pro­ble­ma­tisch wird es jedoch, wenn pri­va­te Inves­ti­tio­nen durch staat­li­che Sub­ven­tio­nen, Steu­er­ver­güns­ti­gun­gen, öffent­li­che Garan­tien oder lang­fris­ti­ge Zah­lungs­ver­pflich­tun­gen abge­si­chert wer­den. Beson­ders bei öffent­lich-pri­va­ten Part­ner­schaf­ten kann der Ein­druck ent­ste­hen, pri­va­te Unter­neh­men wür­den Infra­struk­tur finan­zie­ren, obwohl letzt­lich der Staat über Jahr­zehn­te dafür bezahlt. Dann wird aus einer ver­meint­li­chen Ent­las­tung der öffent­li­chen Haus­hal­te mög­li­cher­wei­se eine lang­fris­ti­ge Belas­tung der Steu­er­zah­ler.

Beson­de­re Auf­merk­sam­keit ver­dient die Rol­le ame­ri­ka­ni­scher Tech­no­lo­gie­kon­zer­ne. Unter­neh­men wie Ama­zon, Micro­soft, Alpha­bet, Ora­cle und zahl­rei­che spe­zia­li­sier­te Rechen­zen­trums­be­trei­ber inves­tie­ren der­zeit gigan­ti­sche Sum­men in den Aus­bau künst­li­cher Intel­li­genz. Der welt­wei­te Bedarf an Hoch­leis­tungs­chips, Rechen­zen­tren, Strom­ver­sor­gung und digi­ta­ler Infra­struk­tur hat einen bei­spiel­lo­sen Inves­ti­ti­ons­boom aus­ge­löst. Doch die­ser Boom ist teu­er. Vie­le Unter­neh­men finan­zie­ren ihre Expan­si­on zuneh­mend über Kre­di­te, Anlei­hen oder exter­ne Kapi­tal­ge­ber. Wäh­rend eini­ge gro­ße Tech­no­lo­gie­kon­zer­ne über enor­me finan­zi­el­le Res­sour­cen ver­fü­gen, ste­hen ande­re bereits unter erheb­li­chem Ver­schul­dungs­druck.

Damit drängt sich eine ent­schei­den­de Fra­ge auf: Wie belast­bar sind mil­li­ar­den­schwe­re Inves­ti­ti­ons­ver­spre­chen von Unter­neh­men, die selbst einen immer grö­ße­ren Finan­zie­rungs­be­darf haben? Wer bereits gewal­ti­ge Sum­men in den ame­ri­ka­ni­schen KI-Markt steckt, muss zusätz­li­che Pro­jek­te im Aus­land eben­falls finan­zie­ren kön­nen. Eine poli­ti­sche Ankün­di­gung ist jedoch noch kei­ne gesi­cher­te Finan­zie­rung und erst recht kein tat­säch­lich gebau­tes Rechen­zen­trum.

Hin­zu kommt ein Risi­ko, das in der öffent­li­chen Begeis­te­rung über künst­li­che Intel­li­genz häu­fig unter­schätzt wird: die Mög­lich­keit einer mas­si­ven Inves­ti­ti­ons­bla­se. Dass KI lang­fris­tig eine zen­tra­le Rol­le in Wirt­schaft und Gesell­schaft spie­len wird, steht dabei nicht grund­sätz­lich infra­ge. Doch aus dem Erfolg einer Tech­no­lo­gie folgt kei­nes­wegs, dass jede heu­te getä­tig­te Inves­ti­ti­on wirt­schaft­lich sinn­voll ist. Die Geschich­te des Inter­nets lie­fert dafür ein ein­drucks­vol­les Bei­spiel. Auch nach dem Plat­zen der Dot­com-Bla­se im Jahr 2000 setz­te sich das Inter­net durch. Trotz­dem ver­lo­ren Inves­to­ren enor­me Sum­men, zahl­rei­che Unter­neh­men ver­schwan­den und zuvor gefei­er­te Geschäfts­mo­del­le erwie­sen sich als nicht trag­fä­hig.

Ein ähn­li­ches Sze­na­rio ist bei künst­li­cher Intel­li­genz kei­nes­wegs aus­ge­schlos­sen. Welt­weit ent­ste­hen rie­si­ge Rechen­zen­tren, deren Wirt­schaft­lich­keit von der Erwar­tung abhängt, dass die Nach­fra­ge nach KI-Rechen­leis­tung dau­er­haft stark wächst und Kun­den bereit sind, dafür aus­rei­chend hohe Prei­se zu bezah­len. Doch was pas­siert, wenn die Nach­fra­ge hin­ter den Erwar­tun­gen zurück­bleibt? Was geschieht, wenn effi­zi­en­te­re KI-Model­le künf­tig deut­lich weni­ger Rechen­leis­tung benö­ti­gen oder ein Über­an­ge­bot die Prei­se unter Druck setzt? Hin­zu kommt, dass teu­re Hoch­leis­tungs­chips ver­gleichs­wei­se schnell tech­no­lo­gisch über­holt sein kön­nen. Mil­li­ar­den­in­ves­ti­tio­nen könn­ten sich damit wesent­lich lang­sa­mer amor­ti­sie­ren als erhofft oder sich sogar als Fehl­in­ves­ti­tio­nen her­aus­stel­len.

Eine deut­li­che Kor­rek­tur des KI-Mark­tes hät­te unmit­tel­ba­re Fol­gen für die Inves­ti­ti­ons­plä­ne der betei­lig­ten Unter­neh­men. Sin­ken­de Bör­sen­be­wer­tun­gen, stei­gen­de Finan­zie­rungs­kos­ten und ent­täu­schen­de Erträ­ge könn­ten dazu füh­ren, dass ange­kün­dig­te Pro­jek­te ver­scho­ben, ver­klei­nert oder voll­stän­dig gestri­chen wer­den. Beson­ders hoch ver­schul­de­te Betrei­ber wären davon betrof­fen. Die auf poli­ti­schen Kon­fe­ren­zen ver­kün­de­ten Mil­li­ar­den­be­trä­ge wür­den sich dann mög­li­cher­wei­se als wenig belast­ba­re Absichts­er­klä­run­gen erwei­sen.

Für Deutsch­land könn­te eine sol­che Ent­wick­lung beson­ders unan­ge­nehm wer­den, wenn der Staat bereits finan­zi­el­le Ver­pflich­tun­gen ein­ge­gan­gen ist. Wer­den für geplan­te Rechen­zen­tren Strom­net­ze ver­stärkt, Flä­chen erschlos­sen, Sub­ven­tio­nen zuge­sagt oder lang­fris­ti­ge Garan­tien über­nom­men, kön­nen öffent­li­che Kos­ten ent­ste­hen, bevor ein Pro­jekt sei­nen wirt­schaft­li­chen Nut­zen bewie­sen hat. Schei­tert es spä­ter, stellt sich die Fra­ge, wer die finan­zi­el­len Fol­gen trägt. Im ungüns­tigs­ten Fall blei­ben Tei­le der Belas­tun­gen bei der All­ge­mein­heit, wäh­rend pri­va­te Inves­to­ren ihre Ver­lus­te begren­zen oder Pro­jek­te auf­ge­ben kön­nen.

Damit ist kei­nes­wegs behaup­tet, dass sämt­li­che ange­kün­dig­ten Inves­ti­tio­nen staat­lich finan­ziert wer­den oder dass alle betei­lig­ten Unter­neh­men vor finan­zi­el­len Schwie­rig­kei­ten ste­hen. Eben­so wenig sind die gesam­ten 230 Mil­li­ar­den Euro dem KI-Sek­tor zuzu­rech­nen. Gera­de des­halb wäre eine trans­pa­ren­te Auf­schlüs­se­lung der ange­kün­dig­ten Inves­ti­tio­nen not­wen­dig. Wie viel Geld ist tat­säch­lich neu zuge­sagt wor­den? Wel­che Pro­jek­te waren längst geplant? Wel­che Inves­ti­tio­nen sind ver­bind­lich finan­ziert? Wie hoch sind die staat­li­chen För­der­mit­tel? Wel­che Risi­ken über­nimmt die öffent­li­che Hand? Und wel­che wirt­schaft­li­chen Vor­tei­le blei­ben nach Abzug sämt­li­cher Kos­ten tat­säch­lich in Deutsch­land?

Solan­ge die­se Fra­gen unbe­ant­wor­tet blei­ben, ist die poli­ti­sche Insze­nie­rung eines his­to­ri­schen Inves­ti­ti­ons­er­folgs mit Vor­sicht zu betrach­ten. Eine gro­ße Zahl auf einer Pres­se­kon­fe­renz schafft weder auto­ma­tisch neue Arbeits­plät­ze noch höhe­re Löh­ne oder dau­er­haf­tes Wirt­schafts­wachs­tum. Ent­schei­dend ist, ob die Pro­jek­te tat­säch­lich umge­setzt wer­den, lang­fris­tig wirt­schaft­lich trag­fä­hig sind und einen mess­ba­ren Nut­zen für die Bevöl­ke­rung erzeu­gen.

Gera­de in einer wirt­schaft­lich schwie­ri­gen Lage soll­te Deutsch­land ver­mei­den, sich von inter­na­tio­na­len Inves­ti­ti­ons­ver­spre­chen abhän­gig zu machen, deren Finan­zie­rung teil­wei­se auf einem mög­li­cher­wei­se über­hitz­ten Tech­no­lo­gie­markt beruht. Eine nach­hal­ti­ge Wirt­schafts­po­li­tik muss auf ver­läss­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen, wett­be­werbs­fä­hi­gen Ener­gie­prei­sen, funk­tio­nie­ren­der Infra­struk­tur, For­schung, Bil­dung und einem star­ken Mit­tel­stand auf­bau­en. Pri­va­te Inves­ti­tio­nen kön­nen dazu einen wich­ti­gen Bei­trag leis­ten. Sie erset­zen aber kei­ne eigen­stän­di­ge wirt­schafts­po­li­ti­sche Stra­te­gie.

Der ent­schei­den­de Punkt ist des­halb nicht, ob 230 Mil­li­ar­den Euro auf dem Papier beein­dru­ckend aus­se­hen. Ent­schei­dend ist, was davon tat­säch­lich zusätz­lich inves­tiert wird, woher das Geld stammt, wer die Ren­di­ten erhält und wer die Risi­ken über­nimmt.

Wenn sich der gegen­wär­ti­ge KI-Inves­ti­ti­ons­boom als über­zo­gen erweist, könn­ten aus den heu­te gefei­er­ten Mil­li­ar­den­ver­spre­chen mor­gen gestri­che­ne Pro­jek­te und ent­täusch­te Erwar­tun­gen wer­den. Soll­ten gleich­zei­tig staat­li­che Ver­pflich­tun­gen bestehen blei­ben, wäre die Rech­nung für Deutsch­land beson­ders bit­ter.

Merz soll­te des­halb weni­ger die Höhe der ange­kün­dig­ten Mil­li­ar­den fei­ern und mehr Trans­pa­renz über deren Finan­zie­rung, Ver­bind­lich­keit und mög­li­che Fol­ge­kos­ten schaf­fen. Denn eine Inves­ti­ti­ons­zu­sa­ge ist noch kein wirt­schaft­li­cher Erfolg. Und Mil­li­ar­den, die ande­re ver­die­nen wol­len, sind nicht auto­ma­tisch Mil­li­ar­den, von denen die deut­schen Bür­ger pro­fi­tie­ren.


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Disclaimer: Dieser Beitrag dient lediglich zu allgemeinen Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Bitte konsultieren Sie vor jeder Anlageentscheidung einen unabhängigen Finanzberater