1. Überblick und Erhebungsumfang
- Umfang: An der neunten PISA-Runde 2025 nahmen über 760.000 Schülerinnen im Alter von 15 Jahren aus 91 Ländern und Volkswirtschaften teil (repräsentativ für rund 33 Millionen Jugendliche).
- Schwerpunktbereich: Naturwissenschaften (wie bereits 2006 und 2015).
- Nebendomänen: Lesekompetenz und Mathematik.
- Neue / innovative Module:
- Erstmalige Erfassung von „Lernen in der digitalen Welt“ (LDW) / computergestütztes Problemlösen.
- Ein optionaler Test zur Fremdsprachenkompetenz in Englisch (in 22 Ländern durchgeführt).
2. Zentrale Leistungsergebnisse und Trends
- Historischer Tiefstand im OECD-Durchschnitt:
Im OECD-Durchschnitt wurden in allen drei Kernbereichen die bislang niedrigsten Werte verzeichnet:- Naturwissenschaften: 482 Punkte (OECD-Schnitt).
- Mathematik: 463 Punkte (OECD-Schnitt; ‑22 Punkte zwischen 2015 und 2025).
- Lesekompetenz: 461 Punkte (OECD-Schnitt; ‑28 Punkte zwischen 2015 und 2025).
- Zunahme leistungsschwacher Schüler:
Mittlerweile erreichen 20 % der 15-Jährigen in den OECD-Ländern in keinem der drei Fächer die Grundkompetenz (Kompetenzstufe 2), verglichen mit 16 % im Jahr 2022. - Besonders drastischer Abfall beim Lesen:
Der Leistungsrückgang begann teils schon vor der COVID-19-Pandemie. Besonders besorgniserregend: Der Anteil der sogenannten „flüchtig Lesenden“ (die Texte nur oberflächlich überfliegen und schnelle, aber falsche Antworten geben) hat sich zwischen 2018 und 2025 von 4,6 % auf 8,9 % fast verdoppelt. - Spitzenreiter:
Die chinesischen Regionen Peking, Shanghai, Jiangsu und Zhejiang (P‑S-J‑Z [China]) und Singapur belegen Spitzenplätze in allen Bereichen. Auch Macau (China), Chinesisch Taipei, Japan, Estland, Korea und das Vereinigte Königreich gehören durchgehend zu den Top-10-Systemen. - Computergestütztes Problemlösen:
Hier führen Macau (China) (572 Pkt.), Singapur (563 Pkt.), P‑S-J‑Z (China) (560 Pkt.) und Japan (557 Pkt.). Länder wie Malaysia, die Philippinen oder Island übertrafen ihre auf Naturwissenschaften basierenden Erwartungswerte um mehr als 30 Punkte.
3. Digitalisierung und Künstliche Intelligenz (KI)
- Dosis und Zweck entscheiden:
Eine moderate Nutzung digitaler Medien zu schulischen Lernzwecken korreliert mit besseren Ergebnissen. Übermäßige Nutzung und der Einsatz digitaler Geräte zum reinen Zeitvertreib während der Schulzeit führen dagegen zu deutlich schlechteren Schülerleistungen. - Digitale Ablenkung & Schulregeln:
Rund 28 % der Schüler berichten, dass ihre Mitschüler im naturwissenschaftlichen Unterricht durch digitale Geräte abgelenkt sind. Schulen mit klaren Handprichtlinien oder Handyverboten weisen signifikant geringere Ablenkungsraten auf. - Einsatz generativer KI:
Schüler, die KI-Chatbots für Routineaufgaben wie das Zusammenfassen von Texten oder Hausaufgaben verwenden, schneiden in Naturwissenschaften im Schnitt schlechter ab als Schüler, die dies selbst erarbeiten. Lernen entsteht laut Bericht nur durch eigene kognitive Auseinandersetzung („Denken lässt sich nicht outsourcen“).
4. Chancengerechtigkeit und sozioökonomischer Status
- Sozioökonomischer Einfluss:
Der sozioökonomische Hintergrund (ESCS) erklärt im OECD-Schnitt rund 12 % der Leistungsvarianz in den Naturwissenschaften; der Leistungsabstand zwischen begünstigten und benachteiligten Jugendlichen liegt im OECD-Mittel bei 85 Punkten. - Scheinbare Verringerung der Ungleichheit:
Der sozioökonomische Abstand hat sich zwischen 2022 und 2025 zwar rechnerisch leicht verringert, dies lag jedoch vor allem an Leistungsrückgängen bei den wohlhabenderen Jugendlichen und nicht an Fortschritten der benachteiligten Schüler. - Bildungsausgaben garantieren keine Spitzenleistung:
Zwar erklärt das Pro-Kopf-BIP rund 50 % der weltweiten Unterschiede zwischen den Bildungssystemen, doch flacht dieser Zusammenhang ab ca. 85.000 USD kumulierten Bildungsausgaben je Schüler*in stark ab. Länder wie Luxemburg (höchste Ausgaben mit ca. 288.500 USD) erzielen schlechtere Ergebnisse als Länder mit deutlich geringeren Ausgaben (z. B. Irland, Frankreich, Estland). - Dynamisches Selbstbild und Resilienz:
Schüler, die an soziale Mobilität und die Veränderbarkeit der eigenen Intelligenz glauben (Growth Mindset), weisen eine deutlich höhere schulische Resilienz auf.
5. Schulklima, Lernengagement und Umweltbewusstsein
- Lernmotivation rückläufig:
In 60 Bildungssystemen ist der Anteil derer gesunken, die neues Lernen als spannend empfinden. Generell zeigen Schüler in leistungsschwächeren Bildungssystemen oft ein höheres motivationales Engagement (z. B. in Kenia oder Marokko), was zeigt, dass Leistung und Motivation nicht deckungsgleich sind. - Schulklima:
Das schulische Zugehörigkeitsgefühl hat sich seit 2022 in vielen Ländern wieder leicht erholt. Disziplin im Naturwissenschaftsunterricht korreliert positiv mit guten Leistungen. - Umweltwissenschaften:
74 % erreichen mindestens Grundkompetenzen. Das Interesse, künftig in einem umweltbezogenen Beruf zu arbeiten, liegt im OECD-Schnitt bei 62 %, erreicht in Ländern wie Vietnam und Indonesien jedoch über 90 %.
6. Handlungsempfehlungen der OECD für die Bildungspolitik
- Fokussierung („Tiefe vor Breite“):
Lieber weniger Kerninhalte gründlich und vertieft vermitteln, als überfrachtete Lehrpläne oberflächlich abzuarbeiten. - Lesekompetenz als Fundament:
Dem vertieften Lesen gedruckter Texte im Schulalltag wieder mehr Raum geben, um dem Trend des flüchtigen Überfliegens digitaler Häppchen entgegenzuwirken. - Digitale Ablenkung minimieren:
Verbindliche Regeln oder Verbote für die private Handynutzung im Unterricht durchsetzen. - Menschliche Urteilskraft & KI:
Technologie und KI gezielt für personalisierte Übungen und Feedback nutzen, nicht als Denk-Ersatz. Förderung jener Kompetenzen, die Maschinen nicht abbilden können (kritisches Urteilsvermögen, Ethik, Systemdenken, soziale Beziehungen).
Die spezifischen Ergebnisse und Kennzahlen für Deutschland aus dem vorliegenden PISA-2025-Bericht im Überblick:
1. Schülerleistungen und Trends
Deutschland liegt bei den mittleren Punktwerten im Mittelfeld bzw. knapp über dem OECD-Durchschnitt, verzeichnete jedoch gegenüber 2022 in allen drei Hauptbereichen Verluste:
| Fachbereich | Mittlere Punktzahl (DEU) | OECD-Durchschnitt | Veränderung ggü. 2022 |
|---|---|---|---|
| Naturwissenschaften | 486 | 482 | -7 Punkte |
| Lesekompetenz | 465 | 461 | -15 Punkte |
| Mathematik | 464 | 463 | -11 Punkte |
| Computergestütztes Problemlösen | 498 | 500 | (neu erfasst) |
- Spitzen- vs. Risikogruppe:
- 14,0 % der Jugendlichen in Deutschland erreichen die oberen Kompetenzstufen 5 oder 6 (OECD: 11,9 %). Deutschland stellt damit etwa 3,6 % des globalen Talentpools an Spitzenkräften in Naturwissenschaften.
- 20,7 % gehören zur Risikogruppe (leistungsschwach unter Stufe 2 in allen drei Grundfächern; OECD: 19,7 %).
2. Bildungsgerechtigkeit und soziale Herkunft (Auffälligster Befund)
Die Kopplung zwischen Schulerfolg und sozialem Hintergrund ist in Deutschland nach wie vor überdurchschnittlich stark ausgeprägt:
- Einfluss des sozioökonomischen Status (ESCS): Erklärt 19,0 % der Leistungsvarianz in Naturwissenschaften (OECD-Schnitt: nur 11,6 %). Deutschland gehört damit zu den Ländern mit der geringsten sozialen Durchlässigkeit.
- Sozialer Leistungsabstand: Zwischen sozioökonomisch begünstigten und benachteiligten Schüler klafft eine Lücke von 125 Punkten (OECD: 85 Punkte) – das entspricht rechnerisch mehr als sechs Schuljahren Lernfortschritt.
- Schulische Resilienz: Nur 8,5 % der benachteiligten Jugendlichen schaffen es ins oberste Leistungsviertel (OECD: 11,9 %).
- Migrationshintergrund: Der Leistungsabstand zwischen Schüler ohne und mit Migrationshintergrund liegt bei 83 Punkten zuungunsten von Jugendlichen mit Migrationsgeschichte (OECD: 43 Punkte).
3. Geschlechterunterschiede
- Naturwissenschaften: Nahezu ausgeglichen (Mädchen: 484, Jungen: 487; Differenz: +3 für Jungen).
- Lesen: Mädchen liegen mit 478 Punkten deutlich vor den Jungen mit 453 Punkten (+25 Punkte Vorsprung für Mädchen).
- Mathematik: Jungen schneiden mit 469 Punkten besser ab als Mädchen mit 458 Punkten (+11 Punkte Vorsprung für Jungen).
4. Schulumfeld, Lehrkräftemangel und Wohlbefinden
- Hoher Lehrkräftemangel: Nur 18,1 % der Schüler besuchen Schulen, an denen der Unterricht laut Schulleitung überhaupt nicht durch Lehrermangel beeinträchtigt wird (OECD: 28,8 %).
- Schulische Ausstattung: 45,7 % sind an Schulen ohne materielle Ausstattungsmängel (OECD: 43,8 %).
- Mobbing: Nur 38,2 % der Jugendlichen berichten, nie oder fast nie von Mobbing betroffen zu sein (OECD: 52,5 %). Deutschland liegt hier deutlich im negativen Bereich.
- Schwänzen / Pünktlichkeit: Positiv schneidet Deutschland bei der Anwesenheit ab: 78,0 % der Jugendlichen gaben an, in den letzten zwei Wochen weder geschwänzt zu haben noch unentschuldigt gefehlt zu haben (OECD: 66,1 %).
- Sinn und Vorbereitung auf das Leben: Nur 24,6 % der Schüler widersprechen der Aussage, dass die Schule sie kaum auf das Erwachsenenleben vorbereite (OECD-Schnitt: 51,4 %). Drei Viertel empfinden die Vorbereitung auf das spätere Leben somit als unzureichend.
5. Digitalisierung und Künstliche Intelligenz (KI)
- Handyregelungen: 64,3 % der 15-Jährigen in Deutschland gehen auf Schulen mit klarem Handyverbot auf dem Schulgelände (OECD: 49,5 %). 80,2 % der Schulen haben fachspezifische Leitlinien für Digitalgeräte (OECD: 71,2 %).
- KI-Nutzung: 50,2 % nutzen mindestens einmal pro Woche KI-Tools zur Lernhilfe (OECD: 45,5 %).
- Kritische Medienkompetenz: 59,3 % lernen im Unterricht, wie man KI-generierte Informationen kritisch bewertet (OECD: 62,6 %).
- Ablenkung: 37,5 % fühlen sich im Unterricht gar nicht durch digitale Medien abgelenkt (OECD: 39,2 %).
6. Umweltbildung und MINT-Interesse
- In der Subskala Umweltwissenschaften erreichen deutsche Schüler 481 Punkte (OECD: 480 Punkte).
- Auch hier ist der soziale Graben mit 124 Punkten Differenz extrem tief.
- Geringeres berufliches Interesse: Nur 45,9 % der Schüler in Deutschland bekunden Interesse daran, später in einem Beruf zu arbeiten, der zum Umweltschutz beiträgt (OECD-Schnitt: 61,6 %).
7. Zusätzliche Erhebungen
- Deutschland gehörte 2025 zu den 22 Ländern, die am optionalen Fremdsprachentest in Englisch teilgenommen haben (dessen detaillierte Resultate in Band II veröffentlicht werden).