Ent­wurf eines Geset­zes zur Reform des Nach­rich­ten­dienst­rechts

1. Grund­an­lie­gen und Kern­zie­le

Der Gesetz­ent­wurf ver­folgt drei wesent­li­che Haupt­zie­le:

  1. Moder­ni­sie­rung und Stär­kung der ope­ra­ti­ven Fähig­kei­ten: Anpas­sung an die ver­schärf­te Sicher­heits- und Bedro­hungs­la­ge im In- und Aus­land (insb. Cyber­an­grif­fe, Des­in­for­ma­ti­on, Spio­na­ge frem­der Mäch­te, Ter­ro­ris­mus).
  2. Neu­ord­nung und Bün­de­lung der Kon­trol­le: Zusam­men­füh­rung der bis­her zer­split­ter­ten Kon­troll­in­stan­zen (G 10-Kom­mis­si­on und ope­ra­ti­ve Daten­schutz­kon­trol­le des BfDI) beim Unab­hän­gi­gen Kon­troll­rat (UKRat) als obers­ter Bun­des­be­hör­de.
  3. Umset­zung der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts (BVerfG): Gesetz­li­che Umset­zung der Vor­ga­ben seit 2022 (u. a. Bay­VerfSchG-Urteil, Tro­ja­ner I & II-Beschlüs­se zur IT-Sicher­heit, Beschlüs­se zur stra­te­gi­schen Fern­mel­de­auf­klä­rung und Aus­lands-Aus­lands-Über­wa­chung).

2. Die wesent­li­chen Rege­lungs­kom­ple­xe

A. Neu­fas­sung des Bun­des­ver­fas­sungs­schutz­ge­set­zes (BVerfSchG – Art. 1)

  • Kla­re Ein­griffs­schwel­len: Ver­fas­sungs­schutz­re­le­van­te Bedro­hun­gen wer­den in zwei Stu­fen unter­teilt: erheb­lich beob­ach­tungs­be­dürf­tig (§ 3 Abs. 7) und beson­ders erheb­lich beob­ach­tungs­be­dürf­tig (§ 3 Abs. 8). Ein­griffs­in­ten­si­ve Maß­nah­men dür­fen nur bei Vor­lie­gen der ent­spre­chen­den Schwel­le erfol­gen.
  • Prüf­fäl­le und Ver­dachts­fäl­le: Gesetz­li­che Fixie­rung von Vor­prü­fun­gen (Prüf­fäl­le: max. 2 Jah­re, Ver­län­ge­rung bis zu 4 Jah­re nur mit Zustim­mung der Amts­lei­tung; kei­ne ND-Mit­tel) und Ver­dachts­fäl­len (Über­prü­fung nach 3 Jah­ren; Fort­füh­rung über 5 Jah­re hin­aus nur mit BMI-Zustim­mung).
  • Akti­ve Schutz­maß­nah­men (§ 59): Das BfV erhält bei beson­de­ren Bedro­hun­gen (Ter­ro­ris­mus, schwe­re Sabotage/Spionage frem­der Mäch­te) die Befug­nis zu eng umgrenz­ten, ver­deck­ten aktio­nel­len Ein­wir­kun­gen (z. B. Unbrauch­bar­ma­chen von Tat­mit­teln, Manipulation/Löschung/Umleitung von Daten­strö­men), jedoch ohne Zwangs­an­wen­dung gegen Per­so­nen.
  • Eigen­si­che­rung & Droh­nen­ab­wehr (§§ 63–66): Eige­ne Befug­nis­se zum Lie­gen­schafts- und Per­so­nen­schutz, inkl. Anwen­dung unmit­tel­ba­ren Zwangs durch geschul­te Voll­zugs­kräf­te sowie Abwehr von Droh­nen im 100-Meter-Radi­us.
  • Kern­be­reichs­schutz & Berufs­ge­heim­nis­trä­ger (§§ 31, 32): Umfas­sen­der Schutz höchst­per­sön­li­cher Lebens­ge­stal­tung sowie von Anwäl­ten, Geist­li­chen und Jour­na­lis­ten bereits auf der Erhe­bungs­ebe­ne; Vor­la­ge­pflich­ten an den UKRat im Zwei­fels­fall.

B. Neu­fas­sung des BND-Geset­zes (BNDG – Art. 2)

  • Ent­flech­tung vom Ver­fas­sungs­schutz­recht: Das BND-Gesetz wird eigen­stän­dig aus­ge­stal­tet; die bis­he­ri­gen Ver­wei­se auf das BVerfSchG ent­fal­len.
  • Zwei­stu­fi­ge stra­te­gi­sche Auf­klä­rung (§§ 30 ff.):
    1. Stu­fe 1 (Erhebung/vorübergehende Spei­che­rung): Breit ange­leg­te Erfas­sung von Daten­strö­men und Spei­che­rung für bis zu 6 Mona­te.
    2. Stu­fe 2 (Ein­sicht­nah­me): Geziel­ter Zugriff anhand for­ma­li­sier­ter Such­be­grif­fe bei Vor­lie­gen tat­säch­li­cher Anhalts­punk­te.
  • Schutz von Inlands­da­ten: Ver­bot der Erhe­bung rei­ner Inlands­kom­mu­ni­ka­ti­on (mit engen Aus­nah­men für Cyber­an­grif­fe, Not­si­tua­tio­nen oder auto­ma­ti­sier­te Anony­mi­sie­rung). Bei Per­so­nen mit qua­li­fi­zier­tem Inlands­be­zug gel­ten stren­ge­re Schwel­len und geson­der­te Kenn­zeich­nungs-/Lösch­pflich­ten.
  • Erwei­ter­te nach­rich­ten­dienst­li­che Maß­nah­men (§§ 49–51): Ermäch­ti­gung zu akti­ven Ein­wir­kun­gen im Aus­land (“Hack­backs”, Stö­rung von Infra­struk­tu­ren) gegen frem­de Mäch­te bei spe­zi­fi­schen Gefähr­dungs­la­gen auf Basis einer Grund­an­ord­nung des BND und mit Zustim­mung des Kanz­ler­amts.
  • Ein­satz von KI & moder­ne Daten­nut­zung (§§ 52 ff.): Gesetz­li­cher Rah­men für KI-Anwen­dun­gen, Per­so­nen­da­ten­ban­ken und auto­ma­ti­sier­te Aus­wer­tun­gen (unter Aus­schluss dis­kri­mi­nie­ren­der Algo­rith­men und unter Rich­ter­auf­sicht).
  • Spei­cher- und Lösch­fris­ten (§ 56): Anhe­bung der Regel-Lösch­prüf­frist von 10 auf 15 Jah­re zur Gewähr­leis­tung lang­fris­ti­ger Aus­wer­tungs­fä­hig­keit bei Aus­lands­phä­no­me­nen.

C. Gesetz über den Unab­hän­gi­gen Kon­troll­rat (UKRatG – Art. 3)

  • Neu­es Stamm­ge­setz für den UKRat: Der UKRat wird als minis­te­ri­al­freie obers­te Bun­des­be­hör­de mit Sitz in Ber­lin gere­gelt.
  • Zwei-Säu­len-Modell (§ 5):
    1. Gerichts­ähn­li­ches Kon­troll­organ: Besteht aus 9 Mit­glie­dern (mind. 7 Berufs­rich­ter der obers­ten Bun­des­ge­rich­te, 2 wei­te­re erfah­re­ne Juristen/Beamte ab B 6). Zustän­dig für die ver­bind­li­che Vor­ab­kon­trol­le ein­griffs­in­ten­si­ver Maß­nah­men (Wohn­raum­über­wa­chung, Online-Durch­su­chung, lang­fris­ti­ge Über­wa­chun­gen) und Ein­zel­fall­kon­trol­len.
    2. Admi­nis­tra­ti­ves Kon­troll­organ: Zustän­dig für die pro­zess­be­glei­ten­de, struk­tur­be­zo­ge­ne daten­schutz­recht­li­che Kon­trol­le der Diens­te anhand eines vom Senat beschlos­se­nen Prüf­pro­gramms (bis zu 24 Mona­te).
  • Ver­fah­rens­straf­fung: Ein­füh­rung von fakul­ta­ti­ven Ein­zel­rich­ter­ent­schei­dun­gen bei Eilbedürftigkeit/Gefahr im Ver­zug (§ 31).

D. Wei­te­re wesent­li­che Ände­run­gen & Auf­he­bun­gen (Art. 4–24)

  • Außer­kraft­tre­ten des Arti­kel 10-Geset­zes (G 10): Die Befug­nis­se zur Post- und Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­über­wa­chung wer­den direkt in das BVerfSchG, BNDG und MAD-Gesetz inte­griert; die G 10-Kom­mis­si­on wird auf­ge­löst.
  • Ände­rung des MAD-Geset­zes (Art. 5): Über­nah­me der G 10-Befug­nis­se und Unter­stel­lung der Rechts­kon­trol­le unter den UKRat.
  • Infor­ma­ti­ons­frei­heits­ge­setz (Art. 7): Voll­stän­di­ger Aus­schluss des Infor­ma­ti­ons­zu­gangs (Bereichs­aus­nah­me) für alle Nach­rich­ten­diens­te, den UKRat sowie die Fach­auf­sichts- und Koor­di­nie­rungs­stel­len bei nach­rich­ten­dienst­li­chen Vor­gän­gen.
  • Kriegs­waf­fen­kon­troll­ge­setz (Art. 6): Frei­stel­lung des BND von kriegs­waf­fen­kon­troll­recht­li­chen Geneh­mi­gun­gen für den Eigen­schutz in Kri­sen­re­gio­nen.
  • Span­nungs- und Ver­tei­di­gungs­fall (§ 75 BVerfSchG, §§ 125 ff. BNDG): Erwei­ter­te Befug­nis­se, ver­ein­fach­te Anord­nungs­ver­fah­ren und Aus­set­zung von Doku­men­ta­ti­ons-/Lösch­pflich­ten in Not­stands­la­gen.

3. Kos­ten und Erfül­lungs­auf­wand

  • Bun­des­ver­wal­tung (jähr­lich): ca. 346 Mio. Euro
    • Bun­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz: ~302 Mio. Euro (Per­so­nal, IT-Betrieb, Sach­mit­tel).
    • Bun­des­nach­rich­ten­dienst: ~35 Mio. Euro.
    • Unab­hän­gi­ger Kon­troll­rat: ~8,9 Mio. Euro (37 Planstellen/Stellen).
  • Bun­des­ver­wal­tung (ein­ma­lig): ca. 187 Mio. Euro
    • BfV: ~145 Mio. Euro (IT-Anpas­sung ~94 Mio. €, Eigen­si­che­rung ~51 Mio. €).
    • BND: ~40 Mio. Euro (IT-Infra­struk­tur).
    • UKRat: ~1,6 Mio. Euro (gesi­cher­te VS-Infra­struk­tur).
  • Wirt­schaft: Jähr­li­cher Erfül­lungs­auf­wand von ca. 50.000 Euro (wird durch Kos­ten­er­stat­tun­gen kom­pen­siert).
  • Büro­kra­tie­brem­se (“One in, one out”): Das Vor­ha­ben ist aus­ge­nom­men, da es der Gefah­ren­ab­wehr und der staat­li­chen Sicher­heits­ar­chi­tek­tur dient.

4. Stel­lung­nah­men (NKR und Bun­des­re­gie­rung)

  • Natio­na­ler Nor­men­kon­troll­rat (NKR): Kri­ti­siert die man­geln­de Trans­pa­renz bei der Berech­nung des Auf­wands für die Wirt­schaft (feh­len­de Fallzahlen/Lohnkostensätze) und das Feh­len kon­kre­ter Eva­lu­ie­rungs­kri­te­ri­en. Erhebt wegen der Sicher­heits- und Geheim­hal­tungs­in­ter­es­sen jedoch kei­ne for­ma­len Ein­wän­de gegen den Erfül­lungs­auf­wand.
  • Gegen­äu­ße­rung der Bun­des­re­gie­rung: Eine geson­der­te for­ma­li­sier­te Eva­lu­ie­rung wird abge­lehnt, da die Anwen­dung der Befug­nis­se ohne­hin der stän­di­gen par­la­men­ta­ri­schen, admi­nis­tra­ti­ven und gericht­li­chen Kon­trol­le (insb. durch den UKRat und das PKGr) unter­liegt.

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