1. Kernaussagen
- 2025 verzeichnet Deutschland mit 17.604 Insolvenzen den höchsten Stand seit 20 Jahren – höher als während der Finanzkrise 2009.
- Täglich im Schnitt 48 Unternehmenspleiten.
- Großinsolvenzen (Umsatz >10 Mio. €) +25 % auf 471 Fälle, seit 2021 nahezu verdreifacht.
- Keine Trendwende 2026 erwartet, vielmehr weiterer Anstieg um 10–20 %.
2. Zahlen und Fakten
2.1 Gesamtinsolvenzen
- 17.604 Insolvenzen 2025 (Personen- und Kapitalgesellschaften) – höchster Wert seit 2005.
- Dezember 2025: 1.519 Insolvenzen, +75 % gegenüber einem durchschnittlichen Vor-Corona-Dezember.
- Betroffene Arbeitsplätze: ca. 170.000 (IWH) bzw. 285.000 (Creditreform-Schätzung, Handelsblatt).
2.2 Großinsolvenzen
- 471 Großunternehmen insolvent (+25 % ggü. Vorjahr).
- Prognose 2026: 530 Fälle möglich.
- Rettungsquote sinkt: nur noch ~44 % der Großinsolvenzen können saniert werden.
3. Besonders betroffene Branchen
3.1 Verarbeitende Industrie (Schwerpunktproblem)
- Metallwarenhersteller: 65 Großinsolvenzen (Negativrekord).
- Automobilzulieferer: anhaltend hohe Zahlen, große Fälle wie Kiekert, Schlote.
- Maschinenbau: 4. Jahr in Folge Umsatzrückgänge, Weltmarktführer wie Mayer & Cie. schließen.
- Elektrotechnik/Solar: +77 % Insolvenzen, Meyer Burger als prominentes Beispiel.
3.2 Bau, Immobilien, Gastgewerbe
- Stark betroffen laut IWH und BILD – Zinsanstieg 2022 traf diese Sektoren besonders.
3.3 Handel und Autohäuser
- Autohändler: Verdreifachung der Großinsolvenzen (32 Fälle).
- Strukturwandel (Onlineplattformen, Agenturmodell der Hersteller) verschärft Lage.
3.4 Lebensmittel, Bäckereien, Brauereien
- Fleischverarbeiter, Bäckereien, Brauereien unter massivem Kosten- und Preisdruck.
3.5 Gesundheitswesen & Zeitarbeit
- Krankenhäuser/Pflege: +39 % Großinsolvenzen, 70 % der Kliniken schreiben Verluste.
- Zeitarbeit: steigende Insolvenzen durch Personalabbau in der Industrie.
4. Ursachen – was treibt die Pleitewelle?
4.1 Wegfall der „Schonfrist“
- Pandemiehilfen & Niedrigzinsen hatten Insolvenzen künstlich niedrig gehalten.
- Seit 2022 wirken Zinsanstieg und Subventionsende voll durch.
4.2 Strukturelle Standortprobleme
- Hohe Energie- und Lohnkosten, Bürokratie, Fachkräftemangel, schwache Investitionen.
- Wettbewerbsdruck aus China (insb. Maschinenbau, Auto, Solar).
- US-Zölle und geopolitische Unsicherheit belasten Exportindustrien.
4.3 Nachfrageschwäche
- Konsumzurückhaltung im Inland, schwacher Auftragseingang.
5. Prognosen für 2026
- IWH-Frühindikatoren steigen weiter – keine Entspannung im 1. Quartal 2026.
- Falkensteg, WELT, Handelsblatt: weiterer Anstieg der Großinsolvenzen um 10–20 %.
- Creditreform/Atradius: bis zu 30.000 Insolvenzen möglich, Niveau der Finanzkrise.
6. Kritische Einordnung
6.1 Übertreibung oder reale Strukturkrise?
Der häufig verwendete Begriff „struktureller Kollaps“ (Eckhardt) ist drastisch – aber angesichts:
- breiter Branchenbetroffenheit,
- sinkender Sanierungsquoten,
- gleichzeitiger Kosten- und Wettbewerbsbelastung
nicht nur mediale Zuspitzung, sondern ökonomisch plausibel begründet.
6.2 Gegenargument: „Marktbereinigung ist normal“
IWH betont zu Recht, dass Insolvenzen Teil der Marktwirtschaft sind.
Aber:
- Die Gleichzeitigkeit von Strukturwandel, Energiepreisschock, geopolitischem Druck und Investitionsstau unterscheidet die aktuelle Lage deutlich von „normalen“ Zyklen.
- Die sinkende Rettungsquote zeigt, dass es nicht nur um ineffiziente Firmen geht, sondern zunehmend um grundsätzlich tragfähige Geschäftsmodelle, die unter Standortnachteilen leiden.
6.3 Politische Dimension
Mehrere Quellen betonen, dass staatliche Infrastrukturprogramme bisher kaum Wirkung entfalten.
Hier liegt ein zentrales Risiko:
- Wenn Investitionsimpulse zu spät kommen, beschleunigt das De-Industrialisierungstendenzen, die später kaum reversibel sind.
7. Gesamtfazit
Die Dokumente zeichnen kein kurzfristiges Krisenbild, sondern ein tiefgreifendes strukturelles Problem der deutschen Wirtschaft:
- Rekordinsolvenzen 2025 sind kein Nachhall der Pandemie, sondern Ausdruck realer Wettbewerbs- und Standortschwächen.
- 2026 droht eine weitere Eskalation, insbesondere bei industriellen Kernbranchen.
- Die Kombination aus hohen Kosten, schwacher Nachfrage, globalem Wettbewerbsdruck und politischer Trägheit ist ökonomisch hochgefährlich.
Kurz gesagt:
Es handelt sich weniger um eine Konjunkturdelle als um eine systemische Belastungsprobe für das Geschäftsmodell „Standort Deutschland“.
Quelle: IWH
