US-Arbeits­markt­zah­len

Die monat­li­chen US-Arbeits­markt­zah­len stam­men im Wesent­li­chen aus zwei ver­schie­de­nen Umfra­gen des Bureau of Labor Sta­tis­tics (BLS). Des­halb kön­nen zum Bei­spiel die Zahl der neu geschaf­fe­nen Stel­len und die Arbeits­lo­sen­quo­te im sel­ben Monat unter­schied­li­che Signa­le sen­den.

1. Non­farm Pay­rolls – „Wie vie­le Jobs gibt es?“
Die oft wich­tigs­te Zahl für die Finanz­märk­te ist die Ver­än­de­rung der Non­farm Pay­rolls. Dafür befragt das BLS monat­lich rund 119.000 Unter­neh­men und Behör­den mit etwa 622.000 Betriebs­stät­ten. Erfasst wer­den bezahl­te Stel­len außer­halb der Land­wirt­schaft, ins­be­son­de­re für den Abrech­nungs­zeit­raum, der den 12. des Monats ent­hält.

Ver­ein­facht berech­net das BLS:

Beschäf­ti­gung Vor­mo­nat × geschätz­te Ver­än­de­rung der wei­ter­be­stehen­den Betrie­be
+ Schät­zung für neu ent­stan­de­ne bzw. geschlos­se­ne Unter­neh­men

Für bestehen­de Betrie­be wer­den Unter­neh­men ver­gli­chen, die sowohl für den aktu­el­len als auch den vor­he­ri­gen Monat Daten gelie­fert haben. Zusätz­lich gibt es das soge­nann­te Birth-Death Model, weil neu gegrün­de­te oder gera­de geschlos­se­ne Fir­men noch nicht zuver­läs­sig in der Stich­pro­be auf­tau­chen kön­nen.

Wich­tig: Hier wer­den Jobs und nicht Per­so­nen gezählt. Hat jemand zwei Jobs, taucht die­se Per­son zwei­mal auf. Selb­stän­di­ge und die meis­ten land­wirt­schaft­li­chen Beschäf­tig­ten wer­den dage­gen nicht mit­ge­rech­net.

2. Arbeits­lo­sen­quo­te – „Wie vie­le Men­schen suchen Arbeit?“
Die Arbeits­lo­sen­quo­te kommt aus einer ganz ande­ren Erhe­bung, der Cur­rent Popu­la­ti­on Sur­vey (CPS). Dafür wer­den monat­lich unge­fähr 60.000 Haus­hal­te befragt.

Men­schen ab 16 wer­den dabei in drei Grup­pen ein­ge­teilt:

  • beschäf­tigt
  • arbeits­los
  • nicht Teil der Erwerbs­be­völ­ke­rung

Als arbeits­los gilt grund­sätz­lich jemand, der kei­nen Job hat, für Arbeit ver­füg­bar ist und in den ver­gan­ge­nen vier Wochen aktiv nach Arbeit gesucht hat. Per­so­nen mit tem­po­rä­rer Ent­las­sung und erwar­te­ter Rück­kehr kön­nen eben­falls als arbeits­los gel­ten, ohne aktu­ell gesucht zu haben.

Die offi­zi­el­le Arbeits­lo­sen­quo­te lau­tet dann
:Arbeitslosenquote=ArbeitsloseBescha¨ftigte + Arbeitslose×100\text{Arbeitslosenquote} = \frac{\text{Arbeitslose}} {\text{Beschäftigte + Arbeitslose}} \times 100

Bei­spiel:
160 Mio. Men­schen arbei­ten und 8 Mio. suchen aktiv Arbeit.
8160+8=4,76%\frac{8}{160+8}=4{,}76\%

Die Arbeits­lo­sen­quo­te wäre also rund 4,8 %.

Ein wich­ti­ger Punkt dabei: Wer nicht arbei­tet und auch nicht aktiv sucht, gilt nor­ma­ler­wei­se nicht als arbeits­los, son­dern als „not in the labor force“. Des­halb kann die Arbeits­lo­sen­quo­te bei­spiels­wei­se fal­len, obwohl weni­ger Men­schen beschäf­tigt sind.

War­um Pay­rolls und Arbeits­lo­sen­quo­te manch­mal wider­spre­chen: Die Unter­neh­mens­um­fra­ge misst Jobs, die Haus­halts­um­fra­ge misst Men­schen. Außer­dem ist die Unter­neh­mens­stich­pro­be wesent­lich grö­ßer und die monat­li­che Pay­roll-Ver­än­de­rung sta­tis­tisch deut­lich prä­zi­ser. Nach aktu­el­len BLS-Anga­ben braucht es unge­fähr 122.000 Jobs Ver­än­de­rung, damit die monat­li­che Pay­roll-Bewe­gung auf dem 90-%-Niveau sta­tis­tisch signi­fi­kant ist; bei der Haus­halts­um­fra­ge liegt die ent­spre­chen­de Grö­ßen­ord­nung bei rund 650.000 Per­so­nen.

Außer­dem wer­den die Zah­len nach­träg­lich revi­diert. Die ers­ten Pay­roll-Zah­len basie­ren auf noch unvoll­stän­di­gen Rück­mel­dun­gen. In den fol­gen­den zwei Mona­ten kom­men wei­te­re Unter­neh­mens­mel­dun­gen hin­zu. Zusätz­lich erfolgt jähr­lich ein umfang­rei­cher Bench­mark-Abgleich mit tat­säch­li­chen Beschäf­ti­gungs­da­ten aus den Arbeits­lo­sen­ver­si­che­rungs-Steu­er­re­gis­tern.

Für Anle­ger sind des­halb meist fünf Zah­len gleich­zei­tig inter­es­sant: Non­farm Pay­rolls, Arbeits­lo­sen­quo­te, durch­schnitt­li­cher Stun­den­lohn, durch­schnitt­li­che Wochen­ar­beits­zeit und die Revi­sio­nen der bei­den Vor­mo­na­te. Gera­de die Löh­ne sind für Fed und Anlei­he­märk­te oft min­des­tens genau­so wich­tig wie die rei­ne Job­zahl.

Die US-Arbeits­markt­zah­len sind grund­sätz­lich hoch­wer­tig, aber es gibt eini­ge wich­ti­ge Kri­tik­punk­te – vor allem, wenn man ein­zel­ne Monats­wer­te über­in­ter­pre­tiert.

Die größ­ten Schwä­chen sind:

  • Star­ke Revi­sio­nen: Die ers­te Pay­roll-Schät­zung kann spä­ter deut­lich ver­än­dert wer­den. Beson­ders an Wen­de­punk­ten der Kon­junk­tur sind die ers­ten Zah­len oft weni­ger zuver­läs­sig.
  • Birth-Death-Modell: Neu gegrün­de­te und geschlos­se­ne Unter­neh­men kön­nen nicht sofort voll­stän­dig erfasst wer­den. Des­halb muss das BLS model­lie­ren, wie vie­le Jobs durch Unter­neh­mens­grün­dun­gen bzw. ‑schlie­ßun­gen ent­ste­hen oder ver­schwin­den. Genau die­se Annah­men kön­nen in Rezes­sio­nen oder Boom­pha­sen dane­ben­lie­gen.
  • Zwei Umfra­gen, zwei unter­schied­li­che Bil­der: Pay­rolls zäh­len Arbeits­plät­ze, die Haus­halts­um­fra­ge Per­so­nen. Dadurch kann es vor­kom­men, dass die Pay­rolls stark stei­gen, wäh­rend die Beschäf­ti­gung laut Haus­halts­um­fra­ge fällt. Das ist nicht zwin­gend ein Feh­ler, erschwert aber die Inter­pre­ta­ti­on.
  • Arbeits­lo­sen­quo­te kann irre­füh­rend fal­len: Wenn Arbeits­lo­se auf­ge­ben, nach einem Job zu suchen, ver­las­sen sie sta­tis­tisch die Erwerbs­be­völ­ke­rung. Die Arbeits­lo­sen­quo­te kann dadurch sin­ken, obwohl sich der Arbeits­markt nicht ver­bes­sert hat.
  • Teil­zeit und Qua­li­tät der Jobs: Ein neu­er Job zählt grund­sätz­lich als ein Job – unab­hän­gig davon, ob er gut bezahlt, Voll­zeit, dau­er­haft oder nur weni­ge Stun­den pro Woche ist. Die rei­ne Pay­roll-Zahl sagt des­halb wenig über die Qua­li­tät der Beschäf­ti­gung.
  • Mehr­fach­be­schäf­ti­gung: Hat eine Per­son zwei Jobs, wer­den in den Pay­rolls zwei Stel­len gezählt. Ein Anstieg der Beschäf­ti­gung muss also nicht bedeu­ten, dass ent­spre­chend vie­le zusätz­li­che Men­schen Arbeit gefun­den haben.
  • Sai­son­be­rei­ni­gung: Vie­le Bran­chen schwan­ken stark nach Jah­res­zeit, Fei­er­ta­gen oder Schul­ka­len­der. Die sai­so­na­le Berei­ni­gung ist not­wen­dig, basiert aber auf Model­len und kann bei unge­wöhn­li­chen Ereig­nis­sen Ver­zer­run­gen erzeu­gen.
  • Stich­pro­ben­feh­ler: Bei­de Erhe­bun­gen sind Umfra­gen und kei­ne voll­stän­di­ge Zäh­lung. Gera­de die Haus­halts­um­fra­ge ist rela­tiv klein, sodass monat­li­che Ver­än­de­run­gen stark rau­schen kön­nen.

Ein beson­ders wich­ti­ger Kri­tik­punkt betrifft des­halb die media­le Dar­stel­lung. Eine Schlag­zei­le wie „USA schaf­fen 200.000 neue Jobs“ sug­ge­riert eine Genau­ig­keit, die der ers­te Monats­wert eigent­lich nicht besitzt. Sinn­vol­ler ist es, den 3- oder 6‑Mo­nats-Durch­schnitt, Revi­sio­nen, Arbeits­stun­den, Lohn­wachs­tum, Erwerbs­quo­te und meh­re­re Beschäf­ti­gungs­in­di­ka­to­ren gemein­sam anzu­se­hen.

Kurz gesagt: Die Daten sind nicht „gefälscht“ oder grund­sätz­lich schlecht – aber der ein­zel­ne monat­li­che Head­line-Wert ist wesent­lich unsi­che­rer, als er häu­fig dar­ge­stellt wird.

Das Birth-Death-Modell ist des­halb umstrit­ten, weil das BLS neue Unter­neh­mens­grün­dun­gen und Betriebs­schlie­ßun­gen nicht sofort voll­stän­dig beob­ach­ten kann. Genau die­se Unter­neh­men sind aber für die monat­li­che Beschäf­ti­gungs­ent­wick­lung wich­tig.

Das Pro­blem ist zeit­lich: Wenn heu­te ein neu­es Unter­neh­men ent­steht und 20 Leu­te ein­stellt, ist es mög­li­cher­wei­se noch gar nicht im Stich­pro­ben­rah­men der Unter­neh­mens­um­fra­ge ent­hal­ten. Umge­kehrt kann ein Betrieb schlie­ßen und nicht mehr ant­wor­ten; das BLS weiß dann zunächst nicht sicher, ob er wirk­lich geschlos­sen wur­de oder nur ver­spä­tet mel­det. Des­halb wird ein Teil die­ser „Gebur­ten“ und „Tode“ von Unter­neh­men model­liert.

Die zen­tra­le Kri­tik lau­tet: Das Modell ori­en­tiert sich zwangs­läu­fig stark an his­to­ri­schen Mus­tern. In nor­ma­len Zei­ten funk­tio­niert das rela­tiv gut. An kon­junk­tu­rel­len Wen­de­punk­ten kann es aber pro­ble­ma­ti­scher wer­den. Wenn bei­spiels­wei­se plötz­lich sehr vie­le Fir­men schlie­ßen, wäh­rend das Modell noch von typi­schen his­to­ri­schen Grün­dungs- und Schlie­ßungs­mus­tern aus­geht, kann die ers­te Beschäf­ti­gungs­schät­zung zu opti­mis­tisch aus­fal­len. Umge­kehrt kann ein über­ra­schend kräf­ti­ger Auf­schwung zunächst unter­schätzt wer­den.

Ein ver­ein­fach­tes Bei­spiel: Ange­nom­men, beob­ach­te­te Unter­neh­men mel­den net­to +100.000 Jobs. Das Modell schätzt zusätz­lich, dass durch noch nicht erfass­te Unter­neh­mens­grün­dun­gen und ‑schlie­ßun­gen net­to +50.000 Jobs hin­zu­ge­kom­men sind. Dann könn­te die ver­öf­fent­lich­te Ent­wick­lung unge­fähr bei +150.000 lie­gen. Stellt sich spä­ter anhand umfas­sen­der Steu­er- und Sozi­al­ver­si­che­rungs­da­ten her­aus, dass der tat­säch­li­che Net­to­ef­fekt nur +10.000 betrug, muss die Beschäf­ti­gung nach unten revi­diert wer­den.

Wich­tig ist aber eine häu­fi­ge Fehl­in­ter­pre­ta­ti­on: Das BLS addiert nicht ein­fach jeden Monat eine frei erfun­de­ne fes­te Zahl neu­er Jobs. Die Birth-Death-Kom­po­nen­te ist Teil eines sta­tis­ti­schen Schätz­ver­fah­rens und wird spä­ter gegen deut­lich voll­stän­di­ge­re admi­nis­tra­ti­ve Beschäf­ti­gungs­da­ten bench­mark­ed.

Der stärks­te Ein­wand ist daher weni­ger „das Modell ist mani­pu­liert“, son­dern:

Gera­de dann, wenn sich die Wirt­schaft abrupt ver­än­dert, sind his­to­ri­sche Bezie­hun­gen am wenigs­ten ver­läss­lich – und genau dann inter­es­sie­ren uns die Arbeits­markt­da­ten am meis­ten.

Des­halb schau­en pro­fes­sio­nel­le Beob­ach­ter bei auf­fäl­li­gen Pay­roll-Zah­len häu­fig stär­ker auf Revi­sio­nen, Unter­neh­mens­in­sol­ven­zen, Arbeits­lo­sen­an­sprü­che, Haus­halts­be­schäf­ti­gung und spä­te­re Bench­mark-Revi­sio­nen, statt nur den ers­ten NFP-Wert zu neh­men.

Ein sehr gutes Bei­spiel dafür war die Pan­de­mie 2020: Mas­si­ve Unter­neh­mens­schlie­ßun­gen pass­ten zeit­wei­se kaum zu nor­ma­len his­to­ri­schen Mus­tern. Sol­che Pha­sen zei­gen ziem­lich deut­lich, wo die Gren­zen des Modells lie­gen.


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