Wahrscheinlichkeiten und Warnzeichen
„Record Stock Market, and National Security, driven by our Great TARIFFS. I am predicting 100,000 on the DOW by the end of my Term. REMEMBER, TRUMP WAS RIGHT ABOUT EVERYTHING! I hope the United States Supreme Court is watching“
An der Börse scheint manchmal alles möglich. Kursziele, die heute absurd wirken, können wenige Jahre später Realität sein. Gleichzeitig können scheinbar sichere Erwartungen innerhalb weniger Wochen zerbrechen. Genau darin liegt das Problem vieler Börsenprognosen: Sie vermitteln eine Präzision, die es an den Finanzmärkten nicht gibt.
Für einen Anleger muss man den Dow im Jahr 2029 gar nicht korrekt vorhersagen. Viel wichtiger ist es, ein Portfolio zu besitzen, mit dem man sowohl einen Dow bei 35.000 als auch bei 100.000 finanziell und psychologisch aushalten kann.
Das klingt zunächst wenig spektakulär. Schließlich beschäftigen sich Anleger, Analysten und Finanzmedien ständig mit der Frage, wo der Aktienmarkt in sechs Monaten, einem Jahr oder am Ende einer Präsidentschaft stehen könnte. Doch gerade diese Fixierung auf konkrete Kursziele führt leicht in die Irre. Niemand kennt die zukünftige Entwicklung von Unternehmensgewinnen, Zinsen, Inflation, technologischen Durchbrüchen, politischen Entscheidungen oder geopolitischen Krisen genau genug, um daraus zuverlässig einen Indexstand für einen bestimmten Tag abzuleiten.
Natürlich bedeutet das nicht, dass Fundamentaldaten oder historische Erfahrungen nutzlos wären. Ganz im Gegenteil. Hohe Bewertungen, eine zunehmende Verschuldung der Anleger, Euphorie, extrem niedrige Risikoprämien oder eine schwächere wirtschaftliche Entwicklung können wichtige Warnzeichen sein. Sie können darauf hindeuten, dass das Verhältnis zwischen möglichen Chancen und Risiken ungünstiger geworden ist.
Aber Warnzeichen sind keine Termine.
Ein hoch bewerteter Aktienmarkt kann fallen. Er kann aber zunächst auch noch 20, 30 oder 50 Prozent weiter steigen. Eine Spekulationsblase kann offensichtlich erscheinen und trotzdem wesentlich länger bestehen bleiben, als ihre Kritiker erwarten. Umgekehrt kann ein vermeintlich günstiger Markt noch deutlich billiger werden. Wer aus einem Warnsignal unmittelbar eine konkrete Prognose ableitet, verwechselt Wahrscheinlichkeit mit Gewissheit.
Genau hier liegt eine der größten Herausforderungen des Investierens. Menschen möchten wissen, was passieren wird. Der Markt bietet ihnen jedoch meistens nur Wahrscheinlichkeiten. Ein Anleger kann feststellen, dass bestimmte Risiken gestiegen sind. Er kann aber nicht zuverlässig wissen, wann sich diese Risiken in fallenden Kursen niederschlagen.
Nehmen wir das Beispiel eines extrem hoch bewerteten Aktienmarktes. Historisch betrachtet sprechen hohe Bewertungen häufig für niedrigere langfristige Renditen. Daraus lässt sich eine vernünftige Aussage ableiten: Wer heute sehr teuer kauft, sollte seine Renditeerwartungen möglicherweise reduzieren und mit stärkeren Schwankungen rechnen. Daraus folgt aber nicht automatisch, dass morgen oder im nächsten Jahr ein Crash beginnt.
Dasselbe gilt für steigende Margin-Schulden, ausgeprägten Optimismus oder andere typische Warnzeichen. Sie können anzeigen, dass Anleger zunehmend Risiken eingehen. Solche Entwicklungen verdienen Aufmerksamkeit. Doch auch sie sind keine zuverlässigen Instrumente zur Bestimmung des nächsten Börsenhochs.
Deshalb sollte die entscheidende Frage für einen langfristigen Anleger nicht lauten: „Wo steht der Dow 2029?“ Die bessere Frage lautet: „Was passiert mit meinem Vermögen, wenn meine Erwartungen völlig falsch sind?“
Wer beispielsweise nur dann ruhig schlafen kann, wenn die Kurse weiter steigen, besitzt möglicherweise mehr Aktienrisiko, als er tatsächlich verkraftet. Wer dagegen aus Angst vor einem möglichen Crash vollständig aus dem Markt aussteigt, geht ein anderes Risiko ein: Er könnte jahrelange Kurssteigerungen verpassen. Beide Extreme beruhen letztlich auf derselben Hoffnung – der Hoffnung, die Zukunft richtig vorhersehen zu können.
Eine robuste Anlagestrategie versucht deshalb nicht, ausschließlich für ein einziges Zukunftsszenario optimiert zu sein. Sie akzeptiert Unsicherheit.
Der Dow könnte bis 2029 tatsächlich in Richtung 100.000 Punkte steigen. Dafür müssten außergewöhnlich starke Renditen erzielt werden, doch an der Börse sind außergewöhnliche Entwicklungen keineswegs ausgeschlossen. Produktivitätsfortschritte durch künstliche Intelligenz, stark steigende Unternehmensgewinne oder günstige finanzielle Rahmenbedingungen könnten die Kurse weiter antreiben.
Ebenso denkbar ist jedoch eine völlig andere Entwicklung. Eine Rezession, hartnäckige Inflation, steigende Zinsen, geopolitische Konflikte oder eine Neubewertung hoch bewerteter Unternehmen könnten einen deutlichen Rückgang auslösen. Auch ein Dow von 35.000 wäre deshalb kein Szenario, das ein Anleger grundsätzlich ignorieren sollte.
Die Aufgabe besteht nicht darin, heute zu entscheiden, welches dieser Szenarien mit Sicherheit eintreten wird. Die Aufgabe besteht darin, auf beide vorbereitet zu sein.
Das kann bedeuten, Risiken zu streuen, keine übermäßige Verschuldung einzugehen, ausreichend Liquidität vorzuhalten und die Aktienquote so zu wählen, dass auch größere Verluste verkraftbar bleiben. Ebenso wichtig ist die psychologische Seite. Ein theoretisch perfektes Portfolio nützt wenig, wenn der Anleger es während eines Börsencrashs aus Angst verkauft.
Gerade deshalb sind Schwankungen nicht nur eine mathematische Größe. Sie sind ein Test der eigenen Risikotoleranz. Wer bei einem Rückgang von 30 oder 40 Prozent nachts nicht mehr schlafen kann und ständig über einen Verkauf nachdenkt, sollte dieses Szenario nicht erst während des nächsten Crashs berücksichtigen.
Gutes Investieren bedeutet daher nicht, jede Wendung des Marktes vorauszusehen. Es bedeutet, die eigene Strategie so zu gestalten, dass eine falsche Prognose nicht zur finanziellen Katastrophe wird.
Historische Daten können dabei helfen. Bewertungen können helfen. Konjunkturindikatoren können helfen. Auch Warnzeichen wie Euphorie oder übermäßige Verschuldung können wertvolle Informationen liefern. Man sollte ihnen nur nicht mehr Präzision zuschreiben, als sie tatsächlich besitzen.
Geschichte liefert Wahrscheinlichkeiten und Warnzeichen, aber keinen Fahrplan.
Vielleicht steht der Dow 2029 bei 35.000 Punkten. Vielleicht bei 60.000. Vielleicht tatsächlich bei 100.000. Heute darüber zu diskutieren kann interessant sein. Für den langfristigen Anlageerfolg ist eine andere Frage jedoch wesentlich wichtiger: Ist das eigene Portfolio so konstruiert, dass man auch dann an seiner Strategie festhalten kann, wenn die eigene Prognose vollkommen falsch war?
Wer diese Frage überzeugend mit Ja beantworten kann, ist wahrscheinlich besser vorbereitet als jemand, der zufällig das richtige Kursziel für 2029 nennt.