War­um die Anlei­he­märk­te welt­weit unter Druck ste­hen

An den inter­na­tio­na­len Anlei­he­märk­ten stei­gen die Ren­di­ten der­zeit auf Niveaus, die in eini­gen Län­dern seit vie­len Jah­ren oder sogar Jahr­zehn­ten nicht mehr erreicht wur­den. Beson­ders deut­lich zeigt sich die­se Ent­wick­lung in Japan, wo die Ren­di­te zehn­jäh­ri­ger Staats­an­lei­hen erst­mals seit 1996 wie­der die Mar­ke von drei Pro­zent erreicht hat. Auch in Groß­bri­tan­ni­en, Deutsch­land, Frank­reich und den Ver­ei­nig­ten Staa­ten sind die Finan­zie­rungs­kos­ten deut­lich gestie­gen. Hin­ter die­ser Ent­wick­lung steht kein ein­zel­ner Aus­lö­ser, son­dern ein Zusam­men­spiel aus anhal­ten­den Infla­ti­ons­sor­gen, der Erwar­tung höhe­rer Leit­zin­sen, wach­sen­den Staats­schul­den und einem außer­ge­wöhn­lich hohen Ange­bot neu­er Anlei­hen.

Ein wesent­li­cher Fak­tor ist die Sor­ge, dass die Infla­ti­on län­ger erhöht blei­ben könn­te als bis­lang erwar­tet. Stei­gen­de Ölprei­se ver­stär­ken die­sen Ein­druck zusätz­lich, weil höhe­re Ener­gie­kos­ten auf vie­le Berei­che der Wirt­schaft aus­strah­len kön­nen. Wenn Anle­ger damit rech­nen, dass Zen­tral­ban­ken auf eine hart­nä­cki­ge Infla­ti­on mit wei­te­ren Zins­er­hö­hun­gen reagie­ren, ver­lie­ren bereits aus­ge­ge­be­ne Anlei­hen mit nied­ri­ge­ren Zin­sen an Attrak­ti­vi­tät. Ihre Kur­se gera­ten unter Druck, wäh­rend ihre Ren­di­ten stei­gen. Genau die­ser Zusam­men­hang prägt der­zeit die Märk­te: Je stär­ker die Erwar­tung dau­er­haft höhe­rer Zin­sen, des­to grö­ßer der Druck auf bestehen­de Anlei­he­kur­se.

Hin­zu kommt die wach­sen­de Ver­schul­dung vie­ler gro­ßer Volks­wirt­schaf­ten. In den Ver­ei­nig­ten Staa­ten ist der öffent­li­che Schul­den­stand inzwi­schen auf mehr als 40 Bil­lio­nen Dol­lar gestie­gen. Auch in ande­ren Indus­trie­län­dern lie­gen die Schul­den­quo­ten auf sehr hohem Niveau. Für Inves­to­ren bedeu­tet dies, dass immer grö­ße­re Men­gen neu­er Staats­an­lei­hen am Markt plat­ziert wer­den müs­sen. Ein höhe­res Ange­bot trifft dabei auf Anle­ger, die ange­sichts von Infla­ti­on und finan­zi­el­len Risi­ken eine höhe­re Ver­zin­sung ver­lan­gen. Regie­run­gen müs­sen des­halb zuneh­mend höhe­re Zin­sen bie­ten, um ihre Schuld­ti­tel attrak­tiv zu hal­ten.

Die stei­gen­den Ren­di­ten haben weit­rei­chen­de Fol­gen. Staats­an­lei­hen die­nen als Refe­renz für zahl­rei­che ande­re Finan­zie­rungs­kos­ten in einer Volks­wirt­schaft. Ver­teu­ern sich lang­fris­ti­ge Staats­an­lei­hen, stei­gen häu­fig auch die Zin­sen für Hypo­the­ken, Auto­kre­di­te, Stu­di­en­kre­di­te und Unter­neh­mens­fi­nan­zie­run­gen. Dadurch wird Kre­dit­auf­nah­me unat­trak­ti­ver, Inves­ti­tio­nen kön­nen zurück­ge­hen und der pri­va­te Kon­sum wird gedämpft. Gleich­zei­tig gera­ten auch die öffent­li­chen Haus­hal­te unter zusätz­li­chen Druck, weil aus­lau­fen­de Schul­den zu höhe­ren Zins­sät­zen refi­nan­ziert wer­den müs­sen. Beson­ders für hoch ver­schul­de­te Staa­ten kann sich dar­aus ein Kreis­lauf ent­wi­ckeln, in dem stei­gen­de Zins­aus­ga­ben den finan­zi­el­len Spiel­raum wei­ter ein­schrän­ken.

Ein zusätz­li­cher und unge­wöhn­li­cher Fak­tor kommt der­zeit aus der Tech­no­lo­gie­bran­che. Gro­ße Kon­zer­ne inves­tie­ren enor­me Sum­men in künst­li­che Intel­li­genz, Rechen­zen­tren und die dafür not­wen­di­ge Infra­struk­tur. Um die­se Inves­ti­tio­nen zu finan­zie­ren, neh­men eini­ge der größ­ten Tech­no­lo­gie­un­ter­neh­men erheb­li­che Beträ­ge über den Anlei­he­markt auf. Alpha­bet, Ama­zon, Meta, Micro­soft und Ora­cle haben in die­sem Jahr bereits Schuld­ti­tel im Umfang von rund 220 Mil­li­ar­den Dol­lar aus­ge­ge­ben. Das ist mehr als dop­pelt so viel wie im Vor­jahr. Ins­ge­samt hat die welt­wei­te Aus­ga­be von Unter­neh­mens­an­lei­hen dadurch Rekord­wer­te erreicht. Auch hier wirkt der grund­le­gen­de Markt­me­cha­nis­mus: Je grö­ßer das Ange­bot an neu­en Anlei­hen, des­to höher muss in der Regel die ange­bo­te­ne Ren­di­te sein, damit genü­gend Käu­fer gefun­den wer­den.

Regie­run­gen und Zen­tral­ban­ken ver­fü­gen zwar über Mög­lich­kei­ten, star­ke Ver­wer­fun­gen an den Märk­ten abzu­fe­dern. Finanz­mi­nis­te­ri­en kön­nen bei­spiels­wei­se eige­ne Anlei­hen zurück­kau­fen, wäh­rend Zen­tral­ban­ken in außer­ge­wöhn­li­chen Situa­tio­nen direkt am Markt inter­ve­nie­ren kön­nen. Sol­che Maß­nah­men kön­nen kurz­fris­tig für Sta­bi­li­tät sor­gen, ändern jedoch wenig an den struk­tu­rel­len Ursa­chen. Solan­ge hohe Schul­den­stän­de, Infla­ti­ons­ri­si­ken und ein gro­ßes Ange­bot neu­er Anlei­hen bestehen blei­ben, dürf­te auch der Druck auf die lang­fris­ti­gen Ren­di­ten anhal­ten.

Der gegen­wär­ti­ge Aus­ver­kauf an den Anlei­he­märk­ten ist des­halb weni­ger als plötz­li­che Panik zu ver­ste­hen, son­dern viel­mehr als umfas­sen­de Neu­be­wer­tung lang­fris­ti­ger Risi­ken. Anle­ger ver­lan­gen eine höhe­re Ent­schä­di­gung dafür, Kapi­tal über vie­le Jah­re zu ver­lei­hen. Ent­schei­dend wird sein, ob es Regie­run­gen gelingt, ihre Ver­schul­dung glaub­wür­dig zu begren­zen und zugleich das Wirt­schafts­wachs­tum zu stär­ken. Erst wenn die Erwar­tun­gen an Infla­ti­on, Zin­sen und Staats­fi­nan­zen wie­der sta­bi­ler wer­den, dürf­te sich auch an den Anlei­he­märk­ten nach­hal­tig Ent­span­nung ein­stel­len.


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