Aktien mit niedriger Bewertung gelten an der Börse häufig als potenziell interessant. Gemeint sind Unternehmen, deren Aktienkurs im Verhältnis zu fundamentalen Kennzahlen wie Gewinn, Umsatz, Buchwert oder Dividende vergleichsweise niedrig erscheint. Besonders verbreitet ist dabei das Kurs-Gewinn-Verhältnis, kurz KGV. Es setzt den aktuellen Aktienkurs ins Verhältnis zum Gewinn je Aktie und zeigt, wie viel Anleger für einen Euro Unternehmensgewinn bezahlen.
Ein niedriges KGV kann darauf hindeuten, dass eine Aktie günstig bewertet ist. Das allein reicht für eine Anlageentscheidung jedoch nicht aus. Entscheidend ist, warum die Bewertung niedrig ist. Eine Aktie kann unterbewertet sein, weil der Markt die künftige Ertragskraft eines Unternehmens unterschätzt. Sie kann aber auch deshalb günstig erscheinen, weil Investoren sinkende Gewinne, operative Probleme, hohe Schulden, regulatorische Risiken oder ein schwaches Marktumfeld einpreisen.
Für Anleger ist daher die Entwicklung der Gewinne mindestens ebenso wichtig wie die Höhe der Bewertung. Besonders beachtet werden Unternehmen, bei denen die Gewinne oder Gewinnprognosen schneller steigen als der Aktienkurs. In solchen Fällen kann die Bewertung sinken, obwohl die Aktie bereits Kursgewinne erzielt hat. Das Unternehmen wächst dann gewissermaßen in seine Bewertung hinein. Dieser Effekt unterscheidet sich deutlich von Aktien, deren Bewertung nur deshalb fällt, weil der Kurs stark nachgibt.
Eine niedrige Bewertung kann vor allem bei stabilen Geschäftsmodellen, soliden Bilanzen und verlässlichen Erträgen ein positives Signal sein. Unternehmen mit robustem Cashflow, hoher Preissetzungsmacht oder wiederkehrenden Einnahmen können trotz moderater Bewertung attraktiv sein, wenn ihre Ertragsaussichten intakt bleiben. Auch eine nachhaltige Dividendenpolitik kann ein zusätzlicher Hinweis auf finanzielle Stärke sein, ersetzt aber keine Analyse der Geschäftsperspektiven.
Gleichzeitig besteht die Gefahr sogenannter Value Traps. Darunter versteht man Aktien, die auf Basis traditioneller Kennzahlen billig wirken, deren Geschäftsmodell jedoch strukturell unter Druck steht. In solchen Fällen kann eine niedrige Bewertung weniger Ausdruck einer Marktineffizienz sein als vielmehr eine berechtigte Warnung. Fallen die Gewinne stärker als der Aktienkurs, kann sich eine vermeintlich günstige Aktie im Nachhinein als teuer erweisen.
Niedrig bewertete Aktien sollten deshalb nicht isoliert anhand einzelner Kennzahlen beurteilt werden. Aussagekräftiger ist eine Kombination aus Bewertung, Gewinnentwicklung, Bilanzqualität, Marktposition und Branchenaussichten. Auch der Vergleich mit Wettbewerbern ist wichtig, da niedrige Bewertungsmultiplikatoren in manchen Branchen üblich sind, während sie in anderen auf besondere Risiken hinweisen können.
Für Anleger bleibt damit die zentrale Frage nicht, ob eine Aktie optisch günstig ist, sondern ob die niedrige Bewertung fundamental gerechtfertigt ist. Erst wenn stabile oder steigende Gewinne, ein belastbares Geschäftsmodell und ein angemessenes Risikoprofil zusammenkommen, kann eine niedrige Bewertung ein sachlich begründetes Argument für eine Aktie sein.