Finanzielle Freiheit wird häufig mit sehr großen Vermögen verbunden. Viele denken dabei an mehrere Millionen Euro und an ein Leben, das vollständig aus Kapitalerträgen finanziert wird. Tatsächlich lässt sich die Frage jedoch nüchterner beantworten. Entscheidend ist weniger, wie reich jemand sein muss, sondern wie hoch die eigenen jährlichen Ausgaben sind und welcher Teil davon dauerhaft aus dem Vermögen gedeckt werden soll.
Ein verbreiteter Ausgangspunkt ist die sogenannte 4%-Regel. Sie besagt vereinfacht, dass im ersten Jahr des Ruhestands ungefähr 4 Prozent des vorhandenen Vermögens entnommen werden können. Der dabei ermittelte Betrag wird in den Folgejahren an die Inflation angepasst. Aus dieser Regel ergibt sich die bekannte Multiplikation des jährlichen Finanzbedarfs mit dem Faktor 25. Wer beispielsweise zusätzlich 1.000 Euro pro Monat benötigt, kommt auf einen Jahresbedarf von 12.000 Euro. Multipliziert mit 25 ergibt sich ein erforderliches Vermögen von rund 300.000 Euro.
Die 4%-Regel beruht auf historischen Untersuchungen des US-Kapitalmarkts. Besonders bekannt wurde sie durch die sogenannte Trinity-Studie, die untersuchte, welche Entnahmeraten ein gemischtes Portfolio aus Aktien und Anleihen über verschiedene Zeiträume überstanden hätte. Dabei galt eine Strategie als erfolgreich, wenn nach Ablauf des betrachteten Zeitraums noch Kapital vorhanden war. Die Regel ist daher kein Versprechen und keine Garantie, sondern ein statistischer Orientierungswert auf Grundlage vergangener Marktentwicklungen.
Gerade bei sehr langen Entnahmezeiträumen ist Vorsicht geboten. Wer bereits mit 40 oder 45 Jahren finanziell unabhängig werden möchte, muss möglicherweise 40 Jahre oder länger aus seinem Vermögen leben. Die ursprünglichen Untersuchungen bezogen sich dagegen häufig auf Zeiträume von etwa 30 Jahren. Für einen besonders langen Ruhestand kann deshalb eine niedrigere Entnahmerate von beispielsweise 3 oder 3,5 Prozent sinnvoller sein. Dadurch steigt allerdings der notwendige Kapitalstock deutlich.
Neben der Höhe der Entnahmerate spielt auch die Reihenfolge der Börsenjahre eine wichtige Rolle. Dieses sogenannte Reihenfolgerisiko beschreibt die Gefahr, dass starke Kursverluste direkt zu Beginn der Entnahmephase besonders schwere Folgen haben. Müssen in einem Börsencrash Anteile verkauft werden, wird ein größerer Teil des Portfolios aufgelöst. Dieses Kapital steht bei einer späteren Markterholung nicht mehr zur Verfügung. Ein identischer Kursrückgang zehn oder 15 Jahre später kann deutlich weniger problematisch sein, wenn das Vermögen zuvor bereits gewachsen ist.
In der Praxis gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, laufende Auszahlungen zu organisieren. Eine Variante besteht darin, regelmäßig Anteile eines breit gestreuten Portfolios zu verkaufen. Wirtschaftlich ist dies grundsätzlich unproblematisch, wird von vielen Anlegern jedoch emotional als Kapitalverzehr empfunden. Automatisierte Entnahmepläne können diesen Prozess vereinfachen und dafür sorgen, dass monatlich oder quartalsweise feste Beträge ausgezahlt werden.
Eine andere Möglichkeit sind Fonds mit festgelegten Ausschüttungen. Solche Produkte zahlen regelmäßig einen bestimmten Prozentsatz des Fondsvermögens aus. Dabei ist jedoch wichtig zu verstehen, dass eine Ausschüttung nicht automatisch einer erwirtschafteten Rendite entspricht. Sie kann aus Dividenden, Zinsen, Kursgewinnen oder auch aus der Substanz des Fonds stammen. Eine Ausschüttungsquote von 5 Prozent bedeutet deshalb nicht zwingend, dass das Vermögen dauerhaft mit 5 Prozent verzinst wird.
Viele Anleger bevorzugen Dividendenstrategien, weil sie dadurch möglichst keine Anteile verkaufen müssen. Doch auch dieser Ansatz hat Nachteile. Die Ausschüttungsrenditen breit gestreuter Dividenden-ETFs liegen häufig deutlich unter 4 Prozent. Wer allein aus Ausschüttungen 12.000 Euro netto pro Jahr erzielen möchte, benötigt deshalb möglicherweise 500.000 oder sogar mehr als 600.000 Euro. Der genaue Betrag hängt von der aktuellen Ausschüttungsrendite, den Steuern, dem Sparer-Pauschbetrag und der steuerlichen Teilfreistellung des Fonds ab.
Ob eine Dividende ausgezahlt oder ein kleiner Teil des Portfolios verkauft wird, ist aus wirtschaftlicher Sicht weniger unterschiedlich, als es zunächst erscheint. In beiden Fällen wird dem Vermögen Liquidität entnommen. Für den langfristigen Erfolg sind deshalb vor allem die Gesamtrendite, die Kosten, die Diversifikation und die Höhe der Entnahmen entscheidend. Eine hohe Ausschüttung allein macht eine Anlagestrategie nicht automatisch sicherer.
Auch selbst gesteuerte Mischportfolios können für die Entnahmephase geeignet sein. Ein Portfolio aus Aktien, Anleihen und gegebenenfalls weiteren Anlageklassen kann in guten Marktphasen wachsen und in schwächeren Jahren stabilisierend wirken. Historische Rückrechnungen zeigen, dass manche Portfolios trotz regelmäßiger Entnahmen über längere Zeiträume nicht geschrumpft sind. Solche Ergebnisse dürfen jedoch nicht überbewertet werden. Sie hängen stark vom gewählten Startzeitpunkt, der Marktentwicklung, den Kosten, den Steuern und der konkreten Entnahmeregel ab.
Bei der Berechnung des benötigten Vermögens sollten außerdem weitere Einkünfte berücksichtigt werden. Wer später eine gesetzliche Rente, eine Pension, Mieteinnahmen oder andere regelmäßige Einnahmen erhält, muss nicht den gesamten Lebensunterhalt aus dem Depot finanzieren. Ebenso sollten Steuern, Krankenversicherung, Inflation, größere einmalige Ausgaben und eine ausreichende Liquiditätsreserve eingeplant werden. Die einfache Multiplikation mit 25 liefert daher lediglich einen ersten Richtwert.
Die eigentliche Stärke der 4%-Regel liegt darin, eine abstrakte Vorstellung in eine konkrete Zahl zu übersetzen. Finanzielle Freiheit beginnt nicht zwingend mit einem siebenstelligen Vermögen. Sie beginnt mit einer realistischen Einschätzung der eigenen Ausgaben und der Frage, wie viel zusätzliches Einkommen erforderlich ist, um bestimmte Freiheiten zu gewinnen. Das kann der vollständige Ruhestand sein, aber auch eine Reduzierung der Arbeitszeit, ein längeres Sabbatical oder mehr Sicherheit im Alltag.
Wer seine finanzielle Unabhängigkeit plant, sollte die 4%-Regel daher nicht als starre Vorgabe verstehen. Sie ist ein hilfreicher Ausgangspunkt, muss aber an die persönliche Lebenssituation, die Länge des Anlagehorizonts und die eigene Risikobereitschaft angepasst werden. Je flexibler die Ausgaben sind und je vorsichtiger die Entnahmerate gewählt wird, desto robuster kann die Strategie sein. Am Ende entscheidet nicht allein die Höhe des Vermögens, sondern das Zusammenspiel aus Ausgaben, Anlagestruktur, Entnahmen und persönlicher Planung.