War­um der DAX trotz schwa­cher Wirt­schaft neue Rekor­de erreicht

War­um der DAX trotz schwa­cher deut­scher Wirt­schaft auf Rekord­ni­veau steigt

Der DAX hat erst­mals die Mar­ke von 26.000 Punk­ten über­schrit­ten und damit ein neu­es All­zeit­hoch erreicht. Auf den ers­ten Blick wirkt die­ser Rekord wider­sprüch­lich. Wäh­rend der wich­tigs­te deut­sche Akti­en­in­dex steigt, wächst die deut­sche Wirt­schaft nur schwach. Unter­neh­men bau­en Stel­len ab, Inves­ti­tio­nen blei­ben ver­hal­ten und das lang­fris­ti­ge Wachs­tums­po­ten­zi­al sinkt. Der Höhen­flug des DAX lässt sich jedoch erklä­ren, wenn man berück­sich­tigt, dass der Index nur begrenzt die wirt­schaft­li­che Lage Deutsch­lands wider­spie­gelt.

Der wich­tigs­te Grund liegt in der inter­na­tio­na­len Aus­rich­tung der DAX-Kon­zer­ne. Zwar haben die 40 Unter­neh­men ihren Sitz in Deutsch­land, einen gro­ßen Teil ihrer Umsät­ze erzie­len sie jedoch im Aus­land. Vie­le von ihnen sind stär­ker von der Ent­wick­lung in den USA, Chi­na und ande­ren inter­na­tio­na­len Märk­ten abhän­gig als von der deut­schen Bin­nen­kon­junk­tur. Schwa­ches Wachs­tum in Deutsch­land muss des­halb nicht auto­ma­tisch zu fal­len­den Gewin­nen oder Akti­en­kur­sen füh­ren. Der DAX ist weni­ger eine Wet­te auf die deut­sche Volks­wirt­schaft als viel­mehr ein Index inter­na­tio­nal täti­ger Groß­kon­zer­ne.

Beson­ders deut­lich zeigt sich dies bei Unter­neh­men, die von glo­ba­len Wachs­tums­trends pro­fi­tie­ren. Halb­lei­ter­her­stel­ler wie Infi­ne­on hän­gen bei­spiels­wei­se stark vom inter­na­tio­na­len Chip­markt, von Inves­ti­tio­nen in künst­li­che Intel­li­genz und von der welt­wei­ten Nach­fra­ge nach Elek­tro­nik ab. Auch Ver­si­che­run­gen, Indus­trie­kon­zer­ne und export­ori­en­tier­te Unter­neh­men erzie­len erheb­li­che Erlö­se außer­halb Deutsch­lands. Bin­nen­ori­en­tier­te Unter­neh­men sind dage­gen stär­ker von der schwa­chen deut­schen Kon­junk­tur, dem Immo­bi­li­en­markt oder der Kon­sum­zu­rück­hal­tung betrof­fen.

Ein wei­te­rer Grund für den Rekord ist die Ent­wick­lung der Unter­neh­mens­ge­win­ne. Vie­le Kon­zer­ne konn­ten ihre Pro­fi­ta­bi­li­tät sta­bi­li­sie­ren oder ver­bes­sern, obwohl ihre Umsät­ze nicht kräf­tig gestie­gen sind. Mög­lich wur­de dies durch Kos­ten­sen­kun­gen, Preis­er­hö­hun­gen, effi­zi­en­te­re Struk­tu­ren und teil­wei­se auch durch den Abbau von Arbeits­plät­zen. Sol­che Maß­nah­men erhö­hen kurz­fris­tig die Gewinn­mar­gen und kön­nen die Akti­en­kur­se stüt­zen. Für die Gesamt­wirt­schaft sind Stel­len­ab­bau und gerin­ge Inves­ti­tio­nen zwar pro­ble­ma­tisch, für Aktio­nä­re kön­nen sin­ken­de Kos­ten zunächst jedoch posi­tiv sein.

Hin­zu kommt, dass die DAX-Ent­wick­lung stark von weni­gen beson­ders gro­ßen Unter­neh­men geprägt wird. Da die ein­zel­nen Akti­en nach ihrer Markt­ka­pi­ta­li­sie­rung gewich­tet wer­den, haben Kurs­stei­ge­run­gen bei Schwer­ge­wich­ten wie Sie­mens, Alli­anz oder Infi­ne­on einen deut­lich grö­ße­ren Ein­fluss auf den Index als die Ent­wick­lung klei­ne­rer Unter­neh­men. Ein neu­er Rekord bedeu­tet des­halb nicht zwangs­läu­fig, dass die Akti­en aller 40 DAX-Kon­zer­ne glei­cher­ma­ßen gestie­gen sind. Schon eini­ge weni­ge star­ke Titel kön­nen den gesam­ten Index auf einen neu­en Höchst­stand zie­hen.

Auch die Berech­nungs­me­tho­de begüns­tigt lang­fris­tig stei­gen­de Index­stän­de. Der gewöhn­lich zitier­te DAX ist ein Per­for­mance­index. Divi­den­den wer­den rech­ne­risch so behan­delt, als wür­den Anle­ger sie unmit­tel­bar wie­der in die jewei­li­gen Akti­en inves­tie­ren. Dadurch ent­hält der Index nicht nur Kurs­ge­win­ne, son­dern auch die über Jah­re aus­ge­schüt­te­ten und wie­der­an­ge­leg­ten Divi­den­den. Bei einer durch­schnitt­li­chen Divi­den­den­ren­di­te von meh­re­ren Pro­zent pro Jahr ent­steht lang­fris­tig ein erheb­li­cher Zin­ses­zins­ef­fekt. Ein direk­ter Ver­gleich des DAX mit aus­län­di­schen Kurs­in­di­zes, bei denen Divi­den­den nicht berück­sich­tigt wer­den, kann des­halb irre­füh­rend sein.

Unter­stützt wird der Akti­en­markt außer­dem von der Erwar­tung sin­ken­der Infla­ti­ons- und Zins­ri­si­ken. Inves­to­ren hof­fen dar­auf, dass sich geo­po­li­ti­sche Span­nun­gen nicht wei­ter ver­schär­fen, Ener­gie­prei­se zurück­ge­hen und die Noten­ban­ken auf zusätz­li­che Zins­er­hö­hun­gen ver­zich­ten kön­nen. Nied­ri­ge­re Zin­sen machen Akti­en im Ver­gleich zu Anlei­hen attrak­ti­ver und erhö­hen rech­ne­risch den heu­ti­gen Wert zukünf­ti­ger Unter­neh­mens­ge­win­ne. Ein Teil des Rekords beruht daher nicht nur auf aktu­el­len Ergeb­nis­sen, son­dern auch auf opti­mis­ti­schen Erwar­tun­gen für die kom­men­den Mona­te.

Die star­ke Ent­wick­lung des DAX darf den­noch nicht mit einer all­ge­mei­nen wirt­schaft­li­chen Stär­ke Deutsch­lands ver­wech­selt wer­den. Ein Blick auf klei­ne­re und mit­tel­gro­ße bör­sen­no­tier­te Unter­neh­men zeigt ein deut­lich schwä­che­res Bild. MDAX und SDAX ent­hal­ten mehr Fir­men, die stär­ker von der deut­schen und euro­päi­schen Kon­junk­tur abhän­gig sind. Ihre lang­fris­ti­ge Ent­wick­lung blieb deut­lich hin­ter der des DAX zurück. Dort wer­den die struk­tu­rel­len Pro­ble­me Deutsch­lands sicht­ba­rer: hohe Ener­gie­prei­se, Fach­kräf­te­man­gel, gerin­ge Pro­duk­ti­vi­täts­zu­wäch­se, Büro­kra­tie und zurück­hal­ten­de Inves­ti­tio­nen.

Der DAX-Rekord ist somit kein Beleg für einen kräf­ti­gen Auf­schwung der deut­schen Wirt­schaft. Er zeigt viel­mehr, dass inter­na­tio­nal erfolg­rei­che Groß­kon­zer­ne auch in einem schwa­chen hei­mi­schen Umfeld wach­sen oder ihre Gewin­ne sta­bi­li­sie­ren kön­nen. Glo­ba­le Umsät­ze, Kos­ten­dis­zi­plin, star­ke Ein­zel­wer­te, wie­der­an­ge­leg­te Divi­den­den und die Hoff­nung auf güns­ti­ge­re Zin­sen haben den Index auf ein neu­es All­zeit­hoch getra­gen. Der ver­meint­li­che Wider­spruch löst sich damit auf: Auf dem DAX steht Deutsch­land, wirt­schaft­lich steckt in ihm jedoch ein gro­ßer Teil der Welt.


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