Die Einführung gehebelter börsengehandelter Fonds auf einzelne Aktien hat die Risiken am südkoreanischen Kapitalmarkt deutlich erhöht. Besonders gefragt waren Produkte auf die beiden Halbleiterkonzerne Samsung Electronics und SK Hynix. Diese ETFs sollten die tägliche Kursbewegung der jeweiligen Aktie typischerweise mit dem Faktor zwei abbilden. Steigt die zugrunde liegende Aktie an einem Handelstag um fünf Prozent, legt der Fonds rechnerisch etwa zehn Prozent zu. Bei fallenden Kursen wirkt der Hebel jedoch in gleicher Weise in die Gegenrichtung.
Viele südkoreanische Privatanleger nutzten die Produkte, um an der zuvor außergewöhnlich starken, von der Nachfrage nach Künstlicher Intelligenz getragenen Rally der Chipaktien teilzunehmen. Ein Teil der Investitionen wurde zusätzlich mit Krediten finanziert. Bis Ende Mai beliefen sich die gehebelten Aktienanlagen privater Haushalte nach Angaben der Bank of Korea auf mehr als 60 Billionen Won. Mehr als 350.000 Personen absolvierten innerhalb kurzer Zeit die vorgeschriebene Schulung, die zum Handel mit den neuen Einzelaktien-ETFs berechtigte.
Mit der anschließenden Korrektur der Halbleiterwerte schlug der Hebeleffekt jedoch gegen die Anleger aus. Besonders starke Verluste entstanden, als SK Hynix und Samsung Electronics innerhalb kurzer Zeit zweistellig nachgaben. Ein zweifach gehebelter ETF auf SK Hynix verlor an einem einzelnen Handelstag mehr als 30 Prozent. Anleger, die solche Produkte nicht nur für kurzfristige Handelsstrategien, sondern über mehrere Tage oder Wochen hielten, waren zusätzlich dem sogenannten Pfadabhängigkeitseffekt ausgesetzt. Durch die tägliche Neugewichtung kann der Wert eines gehebelten ETFs in stark schwankenden Märkten auch dann erheblich sinken, wenn sich die zugrunde liegende Aktie über den gesamten Zeitraum nur begrenzt verändert.
Die Folgen blieben nicht auf die einzelnen Fonds und deren Investoren beschränkt. Samsung Electronics und SK Hynix stellen zusammen mehr als die Hälfte der Gewichtung des südkoreanischen Leitindex KOSPI. Starke Kursbewegungen dieser beiden Aktien wirken sich daher unmittelbar und überproportional auf den Gesamtindex aus. Nach Einschätzung südkoreanischer Marktbeobachter ist der Einfluss gehebelter Einzelaktienprodukte auf den Index deshalb größer als in breiter diversifizierten Märkten. Zum Vergleich: Selbst sehr große US-Technologiekonzerne besitzen im S&P 500 eine deutlich geringere Einzelgewichtung.
Hinzu kommt der technische Mechanismus der Fonds. Um ihren vorgesehenen täglichen Hebel aufrechtzuerhalten, müssen die Anbieter ihre Positionen regelmäßig anpassen. Nach fallenden Kursen können dadurch zusätzliche Verkäufe der zugrunde liegenden Aktien oder entsprechender Derivate erforderlich werden. Diese Transaktionen können den bestehenden Abwärtsdruck verstärken. In einer bereits angespannten Marktphase entsteht so ein selbstverstärkender Kreislauf: Sinkende Aktienkurse führen zu Verlusten bei den ETFs, die notwendige Neugewichtung erzeugt weitere Verkaufsaufträge, und diese belasten wiederum Aktien und Index.
Ein solcher Effekt zeigte sich bei mehreren heftigen KOSPI-Rückgängen. Als SK Hynix und Samsung Electronics stark unter Druck gerieten, verlor der Leitindex zeitweise rund acht bis zehn Prozent an einem Tag; der Handel musste vorübergehend unterbrochen werden. Der südkoreanische Volatilitätsindex stieg Ende Juni auf ein Rekordniveau von knapp 98 Punkten, nachdem er Ende 2025 noch bei weniger als 29 Punkten gelegen hatte. Die Schwankungen wurden zwar auch durch Gewinnmitnahmen, ausländische Kapitalabflüsse und veränderte Erwartungen an den globalen KI-Boom ausgelöst. Gehebelte Fonds verstärkten jedoch nach Einschätzung von Analysten und Behörden die Bewegungen.
Für Privatanleger waren die Konsequenzen besonders schwerwiegend. Viele hatten erst nach starken Kursanstiegen investiert und mussten anschließend überproportionale Verluste hinnehmen. Kreditfinanzierte Positionen erhöhten das Risiko zusätzlich, da neben Kursverlusten auch Zinskosten und mögliche Nachschussforderungen anfielen. Mitte Juli lagen die kreditfinanzierten KOSPI-Investitionen privater Anleger weiterhin bei rund 28 Billionen Won. Damit bestand die Gefahr, dass weitere Kursrückgänge zu erzwungenen Verkäufen führen und den Markt erneut belasten könnten.
Die südkoreanische Finanzaufsicht bewertet Einzelaktien-ETFs mit Hebel inzwischen ausdrücklich als Hochrisikoprodukte. Sie prüft strengere Vorgaben, eine bessere Risikoaufklärung und mögliche Beschränkungen bei der Vermarktung. Eine vorübergehende Aussetzung des Handels gilt dagegen als problematisch, weil sie bestehende Anlegerpositionen blockieren und zusätzliche Marktverwerfungen auslösen könnte. Die Behörden stehen damit vor der Aufgabe, den Zugang zu spekulativen Produkten zu begrenzen, ohne durch kurzfristige Eingriffe neue Liquiditäts- und Preisrisiken zu schaffen.
Der Fall verdeutlicht, dass gehebelte Einzelaktien-ETFs nicht nur das individuelle Verlustrisiko erhöhen. In einem stark konzentrierten Aktienmarkt können sie über ihre Handels- und Anpassungsmechanismen auch die Schwankungen der zugrunde liegenden Aktien und damit des gesamten Leitindex verstärken. Die Verluste der Anleger und die Instabilität des Marktes sind deshalb zwei miteinander verbundene Aspekte desselben Risikokomplexes.
Was sind leveraged ETFs?
- Leveraged ETFs vervielfachen die täglichen Kursbewegungen eines Basiswerts – meist um das 2‑ bis 5‑Fache.
- Sie nutzen Futures und Swaps, also gehebelte Derivate, um diese verstärkten Bewegungen zu erzeugen.
- Gewinne steigen stärker, aber Verluste ebenfalls.
- Durch tägliches Rebalancing entsteht ein Feedback‑Loop, der Kursbewegungen verstärkt und die Volatilität erhöht.
Warum treiben sie die AI‑Rally?
- Besonders beliebt sind Single‑Stock leveraged ETFs auf südkoreanische Chip‑Giganten Samsung Electronics und SK Hynix.
- Diese ETFs ziehen enorme Kapitalströme an und beeinflussen die Kurse der zugrunde liegenden Aktien stark.
- Das tägliche Rebalancing führt zu massiven Kauf‑ und Verkaufswellen, die die Kurse zusätzlich bewegen.
Was passiert in Südkorea?
- Samsung und SK Hynix machen über die Hälfte des KOSPI‑Index aus.
- An manchen Tagen entfallen über 80 % des gesamten Handelsvolumens auf diese beiden Aktien.
- Die Volatilität des KOSPI ist extrem gestiegen – der KSVKOSPI‑Index erreichte Rekordwerte nahe 98.
- Der größte ETF dieser Art (CSOP SK Hynix 2x) hat HK$51,8 Mrd. AUM und beeinflusst die Märkte stark.
Wer handelt diese Produkte?
- Offiziell richten sich die Produkte an professionelle Trader.
- Viele Retail‑Investoren steigen trotzdem ein, um schnelle Gewinne zu erzielen.
- Langfristig sind sie ungeeignet, da Kosten und tägliche Hebel‑Anpassungen die Performance verwässern.
Was sagen die Behörden?
- Die südkoreanische Finanzaufsicht hat neue Maßnahmen angekündigt:
- Werbeverbote für Single‑Stock leveraged ETFs
- Warnungen vor neuen Produkten
- Die Finanzaufsicht räumt ein, dass die Genehmigungen „hastig“ erteilt wurden, um Retail‑Investoren zurückzugewinnen.
Kurzfazit
Leveraged ETFs verstärken Marktbewegungen und ziehen enorme Kapitalströme an – besonders im AI‑Hardware‑Sektor rund um Samsung und SK Hynix. Das führt zu extremen Kursausschlägen, Rekordvolatilität und wachsender regulatorischer Sorge.
Wenn du möchtest, kann ich dir auch eine noch kürzere Zusammenfassung, eine grafische Darstellung der Mechanik, oder eine Bewertung der Risiken für Privatanleger erstellen.