Die Debatte über die Arbeitsleistung in Deutschland wird häufig mit zugespitzten Aussagen geführt. Bundeskanzler Friedrich Merz hat wiederholt eine höhere wirtschaftliche Leistung angemahnt. Eine aktuelle Mitteilung des Statistischen Bundesamtes scheint dem zunächst zu widersprechen: Im Jahr 2025 arbeiteten 7,1 Prozent der rund 30 Millionen Vollzeiterwerbstätigen gewöhnlich mindestens 49 Stunden pro Woche. Die durchschnittliche Arbeitszeit der Vollzeiterwerbstätigen lag bei 40,2 Stunden. Besonders häufig waren Selbstständige mit Beschäftigten von überlangen Arbeitszeiten betroffen. In dieser Gruppe arbeiteten 44,5 Prozent mindestens 49 Stunden pro Woche, bei Solo-Selbstständigen waren es 23 Prozent. Unter den abhängig beschäftigten Vollzeitkräften lag der Anteil hingegen bei 4,1 Prozent.
Die Zahlen belegen, dass ein erheblicher Teil der Erwerbstätigen hohen zeitlichen Belastungen ausgesetzt ist. Sie zeigen jedoch nicht, wie groß das gesamte Arbeitsvolumen der deutschen Volkswirtschaft ist. Die Destatis-Angaben zu überlangen Arbeitszeiten beziehen sich ausschließlich auf Vollzeiterwerbstätige. Teilzeitbeschäftigte, Erwerbslose und Personen außerhalb des Arbeitsmarktes werden in dieser Kennzahl nicht berücksichtigt. Auch sagt der Anteil der Beschäftigten mit mindestens 49 Wochenstunden wenig darüber aus, wie viele Stunden alle Erwerbstätigen im Durchschnitt über ein gesamtes Jahr leisten.
Merz hat seine Position in einer Pressekonferenz im Juli 2025 entsprechend differenziert. Er bestritt, pauschal gesagt zu haben, „die Deutschen“ arbeiteten zu wenig. Seine Aussage beziehe sich vielmehr darauf, dass Deutschland insgesamt eine höhere wirtschaftliche Leistung erbringen müsse. Dabei verwies er sowohl auf die im internationalen Vergleich geringere Zahl geleisteter Arbeitsstunden als auch auf Produktivität und die Integration von Menschen in den Arbeitsmarkt.
Damit beziehen sich die Statistik und die politische Aussage auf unterschiedliche Ebenen. Destatis beschreibt die individuelle Wochenarbeitszeit bestimmter Beschäftigtengruppen. Merz spricht vor allem über das gesamtwirtschaftliche Arbeitsangebot und die daraus entstehende Wertschöpfung. Ein Land kann einen hohen Anteil stark belasteter Beschäftigter haben und zugleich ein vergleichsweise geringes durchschnittliches Arbeitsvolumen je Einwohner oder Erwerbstätigem aufweisen. Dazu können ein hoher Teilzeitanteil, eine geringe Erwerbsbeteiligung einzelner Bevölkerungsgruppen, Arbeitslosigkeit oder längere Phasen ohne Erwerbstätigkeit beitragen.
Auch die Destatis-Mitteilung verdeutlicht diese ungleiche Verteilung. Rund 13 Millionen Menschen arbeiteten 2025 in Teilzeit. Von ihnen gaben 4,9 Prozent an, keine Vollzeitstelle gefunden zu haben und deshalb unfreiwillig in Teilzeit beschäftigt zu sein. Der Anteil ist seit 2015 deutlich gesunken, zeigt aber, dass eine Ausweitung der Arbeitszeit nicht allein von der individuellen Bereitschaft abhängt. Arbeitsplatzangebot, Kinderbetreuung, Pflegeverpflichtungen, Qualifikation und betriebliche Arbeitszeitmodelle beeinflussen ebenfalls, wie viele Stunden Menschen arbeiten können.
Hinzu kommt, dass Arbeitszeit und wirtschaftliche Leistung nicht gleichgesetzt werden können. Für die Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft ist neben der Zahl der Beschäftigten und ihrer Arbeitsstunden vor allem die Produktivität entscheidend. Investitionen, technische Ausstattung, Qualifikation, Unternehmensorganisation und Bürokratie können den wirtschaftlichen Ertrag einer Arbeitsstunde erheblich beeinflussen. Eine Verlängerung der Arbeitszeit führt deshalb nicht automatisch zu einem proportionalen Anstieg der Wertschöpfung.
Ein unmittelbarer statistischer Widerspruch zwischen der Destatis-Meldung und den Aussagen des Bundeskanzlers besteht somit nicht. Die Zahlen widersprechen jedoch einer pauschalen Darstellung, nach der Beschäftigte in Deutschland generell zu wenig arbeiteten oder nicht leistungsbereit seien. Sie zeigen vielmehr ein differenziertes Bild: Während einige Berufs- und Erwerbsgruppen sehr lange arbeiten, ist das verfügbare Arbeitsvolumen an anderer Stelle nicht vollständig ausgeschöpft. Eine sachgerechte Debatte müsste deshalb zwischen individueller Arbeitsbelastung, Erwerbsbeteiligung, Jahresarbeitszeit und Produktivität unterscheiden.