Attrak­ti­ve Ren­di­ten zwi­schen Kurs­chan­cen und wach­sen­den Risi­ken

US-Staats­an­lei­hen rücken zuneh­mend in den Fokus inter­na­tio­na­ler Inves­to­ren. Mit Ren­di­ten von zeit­wei­se mehr als 5,3 Pro­zent bei zehn­jäh­ri­gen Lauf­zei­ten bie­ten sie ein Zins­ni­veau, das über vie­le Jah­re kaum vor­stell­bar gewe­sen wäre. Für Anle­ger eröff­net sich damit die Mög­lich­keit, attrak­ti­ve lau­fen­de Erträ­ge zu erzie­len und bei künf­tig sin­ken­den Markt­zin­sen zusätz­lich von Kurs­ge­win­nen zu pro­fi­tie­ren. Aller­dings unter­schei­det sich das wirt­schaft­li­che Umfeld erheb­lich von frü­he­ren Hoch­zins­pha­sen. Vor allem die hohe ame­ri­ka­ni­sche Staats­ver­schul­dung, anhal­ten­de Infla­ti­ons­ri­si­ken und die Unsi­cher­heit über die wei­te­re Geld­po­li­tik erschwe­ren die Ein­schät­zung der lang­fris­ti­gen Per­spek­ti­ven.

Ein Blick in die Ver­gan­gen­heit ver­deut­licht das Poten­zi­al, das von einem hohen Aus­gangs­ni­veau der Anlei­he­ren­di­ten aus­ge­hen kann. Im Sep­tem­ber 1981 erreich­te die Ren­di­te zehn­jäh­ri­ger US-Staats­an­lei­hen mit 15,84 Pro­zent ihren his­to­ri­schen Höchst­stand. Anschlie­ßend begann eine fast vier Jahr­zehn­te andau­ern­de Pha­se rück­läu­fi­ger Zin­sen. Anle­ger, die sich früh­zei­tig lang­fris­ti­ge Anlei­hen gesi­chert hat­ten, pro­fi­tier­ten nicht nur von hohen regel­mä­ßi­gen Zins­zah­lun­gen, son­dern auch von erheb­li­chen Wert­stei­ge­run­gen ihrer Wert­pa­pie­re. Der Grund liegt in einem grund­le­gen­den Mecha­nis­mus des Anlei­he­mark­tes: Sin­ken die Markt­zin­sen, gewin­nen bereits aus­ge­ge­be­ne Anlei­hen mit höhe­ren fes­ten Zins­zah­lun­gen an Attrak­ti­vi­tät. Ihre Kur­se stei­gen, wäh­rend umge­kehrt stei­gen­de Markt­zin­sen die Kur­se bestehen­der Anlei­hen belas­ten.

Ob sich eine ver­gleich­ba­re Ent­wick­lung wie­der­ho­len könn­te, hängt wesent­lich von den wirt­schaft­li­chen und finanz­po­li­ti­schen Rah­men­be­din­gun­gen ab. Der jüngs­te Ren­di­te­an­stieg in den USA steht im Zusam­men­hang mit geo­po­li­ti­schen Span­nun­gen, stei­gen­den Ener­gie­prei­sen und der Sor­ge vor einem erneu­ten Infla­ti­ons­schub. Der Iran-Krieg ver­stärkt die Unsi­cher­heit über die künf­ti­ge Preis­ent­wick­lung und beein­flusst die Erwar­tun­gen an die ame­ri­ka­ni­sche Noten­bank. Soll­te der Infla­ti­ons­druck anhal­ten, könn­te sich die Fede­ral Reser­ve gezwun­gen sehen, die Leit­zin­sen län­ger auf einem hohen Niveau zu hal­ten oder erneut anzu­he­ben. Dies wür­de den Spiel­raum für nach­hal­tig sin­ken­de Anlei­he­ren­di­ten begren­zen.

Hin­zu kommt eine zuneh­men­de Kon­kur­renz um Kapi­tal. Der enor­me Inves­ti­ti­ons­be­darf ame­ri­ka­ni­scher Tech­no­lo­gie­un­ter­neh­men, ins­be­son­de­re beim Auf­bau leis­tungs­fä­hi­ger Rechen­zen­tren für künst­li­che Intel­li­genz, erhöht die Nach­fra­ge nach Finan­zie­rungs­mit­teln. Unter­neh­men finan­zie­ren einen Teil die­ser Inves­ti­tio­nen über den Anlei­he­markt und kon­kur­rie­ren damit unmit­tel­bar mit dem ame­ri­ka­ni­schen Staat um die Mit­tel insti­tu­tio­nel­ler und pri­va­ter Inves­to­ren. Je grö­ßer das Ange­bot an Schuld­ver­schrei­bun­gen wird, des­to höhe­re Ren­di­ten könn­ten erfor­der­lich sein, um aus­rei­chend Käu­fer anzu­zie­hen.

Die größ­te struk­tu­rel­le Her­aus­for­de­rung liegt jedoch in der ame­ri­ka­ni­schen Staats­ver­schul­dung. Wäh­rend die am Markt aus­ste­hen­den Staats­schul­den 1981 ledig­lich rund 25 Pro­zent der Wirt­schafts­leis­tung ent­spra­chen, wird für 2026 bereits eine Quo­te von etwa 101 Pro­zent erwar­tet. Bis 2036 könn­te die­ser Wert auf rund 120 Pro­zent stei­gen. Damit nimmt nicht nur der Finan­zie­rungs­be­darf des Staa­tes kon­ti­nu­ier­lich zu, son­dern auch die Belas­tung des Bun­des­haus­halts durch Zins­zah­lun­gen. Die jähr­li­chen Net­toz­ins­aus­ga­ben dürf­ten zunächst die Mar­ke von einer Bil­li­on Dol­lar errei­chen und könn­ten bis 2036 auf etwa 2,1 Bil­lio­nen Dol­lar anwach­sen.

Die­se Ent­wick­lung beein­flusst die Bewer­tung ame­ri­ka­ni­scher Staats­an­lei­hen zuneh­mend. Zwar gel­ten die Ver­ei­nig­ten Staa­ten auf­grund ihrer wirt­schaft­li­chen Leis­tungs­fä­hig­keit und der inter­na­tio­na­len Bedeu­tung des Dol­lars wei­ter­hin als beson­ders bedeu­ten­der Schuld­ner. Den­noch müs­sen Inves­to­ren berück­sich­ti­gen, dass eine dau­er­haft stei­gen­de Ver­schul­dung höhe­re Risi­ko­auf­schlä­ge nach sich zie­hen kann. Selbst wenn die Infla­ti­on zurück­geht und die Noten­bank ihre Geld­po­li­tik lockert, könn­ten lang­fris­ti­ge Anlei­he­ren­di­ten des­halb auf einem ver­gleichs­wei­se hohen Niveau ver­har­ren. Eine Wie­der­ho­lung der außer­ge­wöhn­li­chen Anlei­he-Hausse, die Anfang der 1980er-Jah­re ihren Aus­gang nahm, erscheint unter die­sen Vor­aus­set­zun­gen wenig wahr­schein­lich.

Für Anle­ger bedeu­tet dies aller­dings nicht, dass ame­ri­ka­ni­sche Staats­an­lei­hen an Attrak­ti­vi­tät ver­lie­ren müs­sen. Das gegen­wär­tig hohe Ren­di­te­ni­veau bie­tet bereits für sich genom­men inter­es­san­te Ertrags­mög­lich­kei­ten. Wer eine Anlei­he erwirbt und bis zur Fäl­lig­keit hält, kann sich die beim Kauf maß­geb­li­che nomi­na­le Ren­di­te in Dol­lar grund­sätz­lich sichern, sofern der ame­ri­ka­ni­sche Staat sei­nen Zah­lungs­ver­pflich­tun­gen nach­kommt. Zwi­schen­zeit­li­che Kurs­schwan­kun­gen spie­len in die­sem Fall eine gerin­ge­re Rol­le als bei Anle­gern, die ihre Wert­pa­pie­re vor­zei­tig ver­kau­fen möch­ten.

Zusätz­li­che Chan­cen ent­ste­hen, wenn sich die wirt­schaft­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen ent­span­nen. Eine nach­las­sen­de Infla­ti­on, eine schwä­che­re Kon­junk­tur oder eine geld­po­li­ti­sche Locke­rung könn­ten die Markt­ren­di­ten sin­ken las­sen. Dadurch wür­den bestehen­de Anlei­hen mit ver­gleichs­wei­se hohen Zins­zah­lun­gen an Wert gewin­nen. Beson­ders aus­ge­prägt ist die­ser Effekt bei Wert­pa­pie­ren mit lan­gen Rest­lauf­zei­ten. Sie reagie­ren stär­ker auf Ver­än­de­run­gen des all­ge­mei­nen Zins­ni­veaus und bie­ten des­halb ein grö­ße­res Kurs­ge­winn­po­ten­zi­al. Aller­dings gilt die­ser Zusam­men­hang in bei­de Rich­tun­gen: Soll­ten die Ren­di­ten wei­ter stei­gen, wären bei lang­lau­fen­den Anlei­hen ent­spre­chend hohe Kurs­ver­lus­te mög­lich.

Kür­ze­re Lauf­zei­ten bie­ten dem­ge­gen­über eine gerin­ge­re Zins­sen­si­ti­vi­tät und damit ten­den­zi­ell sta­bi­le­re Kurs­ver­läu­fe. Dafür müs­sen Anle­ger das Risi­ko berück­sich­ti­gen, dass frei wer­den­des Kapi­tal nach der Fäl­lig­keit mög­li­cher­wei­se nur noch zu nied­ri­ge­ren Zins­sät­zen wie­der­an­ge­legt wer­den kann. Die Wahl der Lauf­zeit hängt somit maß­geb­lich davon ab, ob der Schwer­punkt auf kal­ku­lier­ba­ren Zins­er­trä­gen, einer Begren­zung von Kurs­schwan­kun­gen oder der geziel­ten Nut­zung mög­li­cher Kurs­ge­win­ne liegt.

Für Inves­to­ren aus dem Euro­raum kommt ein wei­te­rer ent­schei­den­der Fak­tor hin­zu: das Wech­sel­kurs­ri­si­ko. Ame­ri­ka­ni­sche Staats­an­lei­hen wer­den in US-Dol­lar gehan­delt. Ihre tat­säch­li­che Wert­ent­wick­lung aus Sicht eines Euro-Anle­gers hängt des­halb nicht nur von den Zins­er­trä­gen und mög­li­chen Kurs­ver­än­de­run­gen ab, son­dern auch von der Ent­wick­lung des Dol­lars gegen­über dem Euro. Wer­tet die ame­ri­ka­ni­sche Wäh­rung wäh­rend der Hal­te­dau­er ab, kann dies den Ren­di­te­vor­sprung gegen­über deut­schen Bun­des­an­lei­hen erheb­lich ver­rin­gern oder sogar voll­stän­dig auf­zeh­ren. Umge­kehrt wür­de ein stär­ke­rer Dol­lar die Gesamt­ren­di­te in Euro ver­bes­sern.

Die­ser Zusam­men­hang gewinnt ins­be­son­de­re des­halb an Bedeu­tung, weil inzwi­schen auch deut­sche Bun­des­an­lei­hen wie­der ein höhe­res Zins­ni­veau bie­ten. Zehn­jäh­ri­ge Bun­des­an­lei­hen erreich­ten zuletzt Ren­di­ten von rund 3,65 Pro­zent und stel­len damit erneut eine ernst zu neh­men­de Alter­na­ti­ve für sicher­heits­ori­en­tier­te Anle­ger dar. Zwar fällt die nomi­na­le Ver­zin­sung ame­ri­ka­ni­scher Staats­an­lei­hen wei­ter­hin höher aus, doch muss die­ser Vor­teil gegen das zusätz­li­che Wäh­rungs­ri­si­ko abge­wo­gen wer­den. Eine Absi­che­rung des Wech­sel­kur­ses kann das Risi­ko redu­zie­ren, ver­ur­sacht aller­dings Kos­ten, die den Ren­di­te­vor­sprung eben­falls schmä­lern kön­nen.

Ins­ge­samt ergibt sich für US-Staats­an­lei­hen ein dif­fe­ren­zier­tes Bild. Das erhöh­te Zins­ni­veau schafft attrak­ti­ve Vor­aus­set­zun­gen für lang­fris­tig ori­en­tier­te Inves­to­ren und eröff­net bei einem spä­te­ren Rück­gang der Markt­ren­di­ten zusätz­li­che Kurs­chan­cen. Gleich­zei­tig spre­chen die hohe Staats­ver­schul­dung, der wach­sen­de Finan­zie­rungs­be­darf und die wei­ter­hin bestehen­den Infla­ti­ons­ri­si­ken gegen die Erwar­tung einer dau­er­haft star­ken Auf­wärts­be­we­gung der Anlei­he­kur­se.

Ein schritt­wei­ser Ein­stieg kann daher sinn­vol­ler erschei­nen als eine umfang­rei­che Posi­tio­nie­rung auf einen bestimm­ten Zins­ver­lauf. Ent­schei­dend sind eine zur indi­vi­du­el­len Risi­ko­be­reit­schaft pas­sen­de Lauf­zei­tenstruk­tur, ein rea­lis­ti­scher Anla­ge­ho­ri­zont und eine sorg­fäl­ti­ge Berück­sich­ti­gung der Wäh­rungs­ent­wick­lung. US-Staats­an­lei­hen bie­ten der­zeit die Mög­lich­keit, attrak­ti­ve lau­fen­de Erträ­ge mit poten­zi­el­len Kurs­ge­win­nen zu ver­bin­den. Ihr eigent­li­cher Anla­ge­wert liegt jedoch weni­ger in der Hoff­nung auf eine Wie­der­ho­lung his­to­ri­scher Aus­nah­me­ent­wick­lun­gen als viel­mehr in der Chan­ce, ein ver­gleichs­wei­se hohes Zins­ni­veau unter kon­trol­lier­ba­ren Risi­ken lang­fris­tig zu nut­zen.


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