Das Massaker von Mỹ Lai gehört zu den bekanntesten Kriegsverbrechen des Vietnamkriegs. Am 16. März 1968 drangen US-Soldaten der Charlie Company in das südvietnamesische Gebiet Sơn Mỹ ein. Statt auf die erwarteten feindlichen Kämpfer trafen sie dort überwiegend auf unbewaffnete Zivilisten. Dennoch wurden innerhalb weniger Stunden mehrere hundert Menschen getötet, darunter Frauen, Kinder und ältere Menschen. Die genaue Zahl der Opfer ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Die Untersuchung der US-Armee kam zu dem Ergebnis, dass mindestens 175 Menschen getötet wurden und die tatsächliche Zahl bei über 400 liegen könnte.
Die Ereignisse von Mỹ Lai zeigen besonders deutlich, welche Folgen die Entmenschlichung des Gegners und der Verlust moralischer Grenzen im Krieg haben können. Bei den Taten handelte es sich nicht lediglich um einzelne Schüsse in einer unübersichtlichen Gefechtssituation. Die spätere Untersuchung der US-Armee dokumentierte unter anderem vorsätzliche Tötungen von Zivilisten, Misshandlungen und sexuelle Gewalt. Häuser wurden zerstört, Nutztiere getötet und Menschen, die keine erkennbare Bedrohung darstellten, erschossen. Damit kann das Geschehen nicht überzeugend als bloßes Fehlverhalten eines einzelnen Soldaten erklärt werden. Zahlreiche Angehörige der Einheit waren beteiligt oder wurden Zeugen der Verbrechen.
Gleichzeitig zeigt Mỹ Lai, dass Soldaten selbst unter extremen Bedingungen Handlungsspielräume besitzen. Der amerikanische Hubschrauberpilot Hugh Thompson und seine Besatzung erkannten während des Einsatzes, dass Zivilisten getötet wurden. Sie griffen ein, brachten Dorfbewohner in Sicherheit und trugen nach Angaben der US-Armee dazu bei, mindestens zehn Menschen zu retten. Jahrzehnte später wurden Thompson und seine Besatzungsmitglieder für dieses Verhalten ausgezeichnet. Ihr Eingreifen widerspricht der Vorstellung, Soldaten hätten in einer solchen Situation grundsätzlich keine andere Möglichkeit gehabt, als Befehlen zu folgen.
Besonders problematisch war auch der Umgang der militärischen Führung mit dem Massaker. Die Verbrechen wurden zunächst nicht umfassend öffentlich gemacht. Eine spätere Untersuchung unter General William R. Peers stellte nicht nur schwerwiegende Verbrechen fest, sondern identifizierte auch zahlreiche Personen, die an einer Vertuschung beteiligt gewesen sein oder ihre Pflichten verletzt haben könnten. Die Untersuchung kam beispielsweise zu dem Ergebnis, dass Berichte verfälscht und Informationen unterdrückt worden waren. Erst 1969 wurde das Massaker einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Der Journalist Seymour Hersh spielte bei der Aufdeckung eine zentrale Rolle und erhielt für seine Berichterstattung später den Pulitzer-Preis.
Auch die juristische Aufarbeitung wirft Fragen nach militärischer Verantwortung auf. First Lieutenant William L. Calley wurde 1971 wegen des vorsätzlichen Mordes an mindestens 22 vietnamesischen Zivilisten schuldig gesprochen und zunächst zu lebenslanger Haft verurteilt. Von zahlreichen Soldaten und Offizieren, gegen die im Zusammenhang mit dem Massaker oder dessen Vertuschung ermittelt wurde, blieb Calley jedoch der einzige, der wegen einer direkten Beteiligung an den Tötungen verurteilt wurde. Seine Strafe wurde zudem zunächst auf 20 und später auf zehn Jahre reduziert; 1974 wurde er auf Bewährung entlassen. Präsident Richard Nixon hatte bereits kurz nach dem Urteil eingegriffen und angeordnet, dass Calley statt im Militärgefängnis unter Hausarrest gestellt wurde. Aufzeichnungen aus dem Weißen Haus zeigen, dass dabei auch die öffentliche und politische Wirkung des Falles eine Rolle spielte.
Gerade deshalb wäre es zu einfach, Mỹ Lai ausschließlich als Verbrechen eines einzelnen Offiziers darzustellen. Calley trug persönliche Verantwortung für seine Taten, doch die Ereignisse offenbaren zugleich ein umfassenderes Versagen: Soldaten beteiligten sich an der Gewalt, Vorgesetzte verhinderten sie nicht ausreichend, und Teile der militärischen Führung gingen anschließend nur unzureichend gegen Verantwortliche vor. Die begrenzte Zahl tatsächlicher Verurteilungen steht in deutlichem Gegensatz zum Ausmaß der dokumentierten Verbrechen.
Das Massaker von Mỹ Lai wurde deshalb zu einem Symbol für die moralischen und rechtlichen Gefahren des Vietnamkriegs. Es zeigt, weshalb auch im Krieg verbindliche Regeln gelten müssen und weshalb der Hinweis auf Befehle persönliche Verantwortung nicht automatisch aufhebt. Ebenso zeigt der Fall die Bedeutung unabhängiger Untersuchungen und kritischer Medien: Ohne interne Hinweisgeber, Ermittlungen und die Arbeit von Journalisten wäre das tatsächliche Ausmaß der Verbrechen möglicherweise wesentlich länger verborgen geblieben. Die entscheidende Lehre aus Mỹ Lai liegt deshalb nicht nur in der Verurteilung einzelner Täter, sondern auch in der Frage, wie militärische Strukturen verhindern können, dass Gewalt gegen Zivilisten ermöglicht, geduldet oder anschließend verschleiert wird.