„Death Wish“

„Death Wish“ / „Ein Mann sieht rot“ (Micha­el Win­ner, 1974) ist vor­der­grün­dig ein düs­te­rer Kri­mi­nal- und Rache­thril­ler mit Charles Bron­son. Film­his­to­risch ist er aber vor allem ein Schlüs­sel­werk des Vigi­lan­ten­films – und gesell­schafts­po­li­tisch ein ziem­lich auf­schluss­rei­ches Pro­dukt der ame­ri­ka­ni­schen 1970er Jah­re. Das BFI bezeich­net ihn ent­spre­chend als kon­tro­ver­sen Vigi­lan­ten-Thril­ler; schon bei Erschei­nen wur­de hef­tig dar­über gestrit­ten, ob er Selbst­jus­tiz ledig­lich dar­stellt oder gera­de­zu legi­ti­miert.

Wor­um es eigent­lich geht

Paul Ker­sey ist zunächst gera­de kein typi­scher Bron­son-Rächer. Er ist ein bür­ger­li­cher New Yor­ker Archi­tekt, poli­tisch eher libe­ral, ehe­ma­li­ger Kriegs­dienst­ver­wei­ge­rer und zunächst gegen Gewalt ein­ge­stellt. Nach­dem sei­ne Frau bei einem Über­fall getö­tet und sei­ne Toch­ter schwer trau­ma­ti­siert wird, ver­liert er das Ver­trau­en dar­in, dass Poli­zei und Rechts­staat ihn bezie­hungs­wei­se die Gesell­schaft schüt­zen kön­nen. Er beginnt nachts bewaff­net durch New York zu gehen und erschießt Stra­ßen­räu­ber.

Der ent­schei­den­de Punkt dabei: Ker­sey sucht nicht die Män­ner, die sei­ne Fami­lie über­fal­len haben. Das unter­schei­det Death Wish von einem gewöhn­li­chen Rache­film. Sei­ne Gewalt rich­tet sich zuneh­mend gegen belie­bi­ge Kri­mi­nel­le. Aus per­sön­li­cher Trau­er wird ein pri­va­ter „Krieg gegen das Ver­bre­chen“. Genau dadurch wird der Film poli­tisch inter­es­sant. Auch das BFI hebt her­vor, dass Ker­seys Han­deln über per­sön­li­che Rache hin­aus­geht.

Gesell­schafts­po­li­tisch: die Kri­se des libe­ra­len Staa­tes

Der Film kon­stru­iert eine ziem­lich kla­re Aus­gangs­la­ge: Der Staat schützt den Bür­ger nicht mehr. Poli­zei und Jus­tiz erschei­nen über­for­dert; die Stadt wirkt gefähr­lich, schmut­zig und teil­wei­se außer Kon­trol­le.

Dar­auf gibt der Film eine radi­kal indi­vi­dua­lis­ti­sche Ant­wort:

Wenn öffent­li­che Ord­nung ver­sagt, nimmt der ein­zel­ne Bür­ger die Gewalt selbst in die Hand.

Das ent­spricht einem zen­tra­len Motiv des ame­ri­ka­ni­schen „law and order“-Diskurses jener Zeit: Angst vor stei­gen­der Kri­mi­na­li­tät, vor urba­nem Ver­fall und vor dem Ver­lust gesell­schaft­li­cher Kon­trol­le.

Ker­sey ver­kör­pert dabei den Über­gang vom libe­ra­len Groß­stadt­bür­ger zum bewaff­ne­ten Selbst­schüt­zer. Des­halb wur­de Death Wish häu­fig als kon­ser­va­ti­ver oder rech­ter Film gele­sen. Roger Ebert bezeich­ne­te ihn sei­ner­zeit sogar als eine Art Wer­bung für Vigi­lan­tis­mus und pri­va­ten Waf­fen­be­sitz.

Ich wür­de die Sache aller­dings etwas dif­fe­ren­zier­ter for­mu­lie­ren: Der Film besitzt eine kon­ser­va­ti­ve poli­ti­sche Dra­ma­tur­gie, aber kei­ne aus­ge­ar­bei­te­te poli­ti­sche Theo­rie. Auch das BFI weist dar­auf hin, dass eine ein­fa­che Glei­chung „libe­ral = unbe­waff­net, kon­ser­va­tiv = bewaff­net“ dem Film nicht voll­stän­dig gerecht wird.

Der viel­leicht pro­ble­ma­tischs­te Gedan­ke des Films

Win­ner baut die Geschich­te so, dass Ker­seys Selbst­jus­tiz prak­tisch funk­tio­niert.

Nach­dem der „Vigi­lan­te“ aktiv wird, wird er zum Volks­hel­den. Die Bevöl­ke­rung sym­pa­thi­siert mit ihm; die Poli­zei gerät poli­tisch unter Druck. Selbst die insti­tu­tio­nel­len Ver­tre­ter des Rechts wir­ken schließ­lich nicht völ­lig über­zeugt davon, dass man ihn tat­säch­lich aus dem Ver­kehr zie­hen soll­te. Roger Ebert sah gera­de dar­in die ideo­lo­gi­sche Bri­sanz des Films.

Damit ent­steht ein gefähr­lich ein­fa­cher poli­ti­scher Kurz­schluss:

Kri­mi­na­li­tät → Staat ver­sagt → bewaff­ne­ter Bür­ger han­delt → Kri­mi­na­li­tät geht zurück.

Der Film beschäf­tigt sich kaum mit Ursa­chen von Kri­mi­na­li­tät – Armut, sozia­le Ungleich­heit, Dro­gen, Stadt­pla­nung, Arbeits­lo­sig­keit oder Prä­ven­ti­on. Die Täter sind meist kei­ne aus­ge­ar­bei­te­ten Figu­ren, son­dern erschei­nen als anony­me Bedro­hun­gen des öffent­li­chen Raums.

Dadurch ver­wan­delt der Film ein kom­ple­xes gesell­schaft­li­ches Pro­blem in ein Pro­blem von Ord­nung ver­sus Unord­nung.

Des­halb kann man ihn auch als „Urban Wes­tern“ sehen

Das ist mei­ner Ansicht nach eine beson­ders hilf­rei­che Les­art.

Im klas­si­schen Wes­tern gibt es die Fron­tier: Der Staat ist schwach, das Gesetz reicht nicht weit genug, also stellt ein bewaff­ne­ter Mann die Ord­nung selbst her.

Death Wish über­trägt die­ses Modell nach Man­hat­tan:

Prä­rie → Groß­stadt
Ban­di­ten → Stra­ßen­räu­ber
She­riff fehlt → Poli­zei ist macht­los
Revol­ver­held → Paul Ker­sey

Die nächt­li­chen Stra­ßen und U‑Bahnen wer­den zur moder­nen Fron­tier.

Und Charles Bron­son ist dafür natür­lich eine ent­schei­den­de Beset­zung. Gera­de weil das Publi­kum ihn bereits als har­ten Action­dar­stel­ler kann­te, war­tet man bei­na­he dar­auf, dass aus dem fried­li­chen Archi­tek­ten der bewaff­ne­te Bron­son wird.

Das ist beson­ders inter­es­sant im Ver­gleich zur Roman­vor­la­ge

Bri­an Gar­fields Roman „Death Wish“ von 1972 war wesent­lich skep­ti­scher gegen­über Selbst­jus­tiz. Gar­field war mit Win­ners Ver­fil­mung aus­ge­spro­chen unzu­frie­den, weil er den Ein­druck hat­te, der Film habe sei­ne Kri­tik am Vigi­lan­tis­mus prak­tisch umge­dreht.

Das ist für die Inter­pre­ta­ti­on wich­tig.

Im Roman ist die inter­es­san­te Fra­ge eher:

„Was pas­siert mit einem nor­ma­len Men­schen, wenn Trau­er und Angst ihn zum Vigi­lan­ten machen?“

Win­ners Film ver­schiebt die Fra­ge stär­ker in Rich­tung:

„Was pas­siert, wenn ein nor­ma­ler Bür­ger end­lich zurück­schlägt?“

Das klingt ähn­lich, ist poli­tisch aber etwas völ­lig ande­res.

Und dann kommt noch die Klas­sen- und Ras­sen­fra­ge

Ker­sey ist ein erfolg­rei­cher wei­ßer Mit­tel­schichts­mann. Die Bedro­hung erscheint über­wie­gend aus einem anony­mi­sier­ten, sozi­al mar­gi­na­li­sier­ten Groß­stadt­mi­lieu.

Des­halb lässt sich der Film auch als Aus­druck einer spe­zi­fi­schen Mit­tel­schichts­angst vor der ame­ri­ka­ni­schen Groß­stadt der frü­hen 1970er lesen. Kri­ti­ker haben Death Wish des­halb zusam­men mit Fil­men wie Dir­ty Har­ry oder spä­ter Taxi Dri­ver als Teil eines Kinos betrach­tet, in dem der urba­ne Raum als bedroh­lich und dem „ordent­li­chen“ Bür­ger ent­frem­det erscheint. Das BFI dis­ku­tiert genau die­se Tra­di­ti­ons­li­nie des Vigi­lan­ten­films.

Der Unter­schied zu Taxi Dri­ver ist aller­dings erheb­lich: Scor­se­ses Film macht Tra­vis Bick­les Wahr­neh­mung der Stadt selbst zum Pro­blem. Bei Death Wish wird Ker­seys Wahr­neh­mung der Stadt wesent­lich weni­ger grund­sätz­lich infra­ge gestellt.

Das macht Win­ners Film poli­tisch bri­san­ter.

Was ich an „Death Wish“ beson­ders inter­es­sant fin­de

Er funk­tio­niert gleich­zei­tig auf drei Ebe­nen:

Psy­cho­lo­gisch: Ein Mann ver­ar­bei­tet Trau­er, Ohn­macht und Angst durch Gewalt.

Mytho­lo­gisch: Der Wes­tern­held kehrt als bewaff­ne­ter Groß­stadt­bür­ger zurück.

Poli­tisch: Der Film stellt die Fra­ge, was pas­siert, wenn Bür­ger das Ver­trau­en in Poli­zei, Jus­tiz und staat­li­ches Gewalt­mo­no­pol ver­lie­ren.

Und gera­de des­halb ist „Ein Mann sieht rot“ als deut­scher Titel eigent­lich irre­füh­rend. Er klingt nach einem Mann, der aus Wut Amok läuft.

Death Wish bedeu­tet dage­gen wört­lich unge­fähr „Todes­sehn­sucht“. Das passt wesent­lich bes­ser: Ker­sey pro­vo­ziert Situa­tio­nen, in denen ent­we­der er oder ein ande­rer ster­ben wird. Es geht nicht nur um Wut, son­dern um eine zuneh­mend patho­lo­gi­sche Bezie­hung zu Gewalt und Tod.

Des­halb wür­de ich Death Wish nicht pri­mär als Rache­film ein­ord­nen. Er ist ein düs­te­rer urba­ner Vigi­lan­ten-Wes­tern über den Zusam­men­bruch des Ver­trau­ens in gesell­schaft­li­che Insti­tu­tio­nen – ver­packt als sehr effek­ti­ver Charles-Bron­son-Thril­ler. Genau die­se Kom­bi­na­ti­on erklärt, war­um der Film 1974 zugleich ein gro­ßer Publi­kums­er­folg und ein poli­ti­scher Skan­dal wur­de.

Beson­ders ergie­big wäre übri­gens ein direk­ter Ver­gleich „Death Wish“ (1974) – „Dir­ty Har­ry“ (1971) – „Taxi Dri­ver“ (1976). Die drei Fil­me zei­gen drei sehr unter­schied­li­che Ant­wor­ten auf prak­tisch die­sel­be ame­ri­ka­ni­sche Groß­stadt­angst der 1970er.


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