Der „Große Austausch“ – französisch Le Grand Remplacement, englisch The Great Replacement – bezeichnet eine rechtsextreme und rassistische Verschwörungserzählung. Im Kern behauptet sie, die angestammte beziehungsweise in vielen Varianten als „weiß“ definierte Bevölkerung europäischer Gesellschaften werde durch Einwanderung und demografische Veränderungen gezielt verdrängt oder ersetzt. Verantwortlich dafür seien angeblich politische, wirtschaftliche oder gesellschaftliche Eliten, die diesen Prozess bewusst förderten oder steuerten. In manchen Varianten werden Regierungen, die Europäische Union, die Vereinten Nationen oder sogenannte „Globalisten“ als Drahtzieher dargestellt; antisemitische Ausprägungen schreiben die angebliche Steuerung ausdrücklich Juden zu. Die einzelnen Versionen unterscheiden sich jedoch deutlich voneinander. Nicht jede Variante enthält dieselben Akteure, und nicht alle behaupten einen einheitlichen, zentral organisierten Geheimplan.
Bekannt gemacht wurde der Begriff vor allem durch den französischen Schriftsteller Renaud Camus, der 2011 das Buch Le Grand Remplacement veröffentlichte. Camus beschreibt darin eine angebliche Verdrängung der französischen und europäischen Bevölkerung durch außereuropäische Einwanderung, insbesondere aus muslimisch geprägten Ländern. Die zugrunde liegenden Vorstellungen sind jedoch älter. Zu den ideologischen Vorläufern und verwandten Traditionslinien zählen Jean Raspails rassistischer Roman Das Heerlager der Heiligen von 1973, die in den 2000er-Jahren verbreitete „Eurabia“-These von Bat Ye’or sowie ältere völkische Vorstellungen von „Umvolkung“. Ebenfalls verwandt ist die antisemitische Verschwörungserzählung vom sogenannten „Kalergi-Plan“, nach der europäische Eliten angeblich eine ethnische Vermischung und Auflösung der europäischen Völker anstrebten.
Die zentrale Fehlannahme des „Großen Austauschs“ besteht nicht darin, dass demografischer Wandel bestritten oder erfunden würde. Migration, Geburtenraten, Alterung, Urbanisierung und gesellschaftliche Veränderungen beeinflussen tatsächlich die Zusammensetzung von Bevölkerungen. Darüber kann und muss in demokratischen Gesellschaften politisch gestritten werden. Die Verschwörungserzählung geht jedoch einen entscheidenden Schritt weiter: Sie deutet solche Entwicklungen als Ergebnis einer bewussten Strategie zur ethnischen Verdrängung oder „Ersetzung“ der bisherigen Bevölkerung. Für die Behauptung eines solchen koordinierten Plans gibt es keine belastbaren Belege. Tatsächliche Migrationspolitik entsteht vielmehr aus wechselnden Regierungen, rechtlichen Verpflichtungen, wirtschaftlichen Interessen, internationalen Krisen, gesellschaftlichen Konflikten und politischen Mehrheiten. Sie ist häufig widersprüchlich und in vielen Staaten zugleich von restriktiven Maßnahmen geprägt.
Typisch für die Erzählung ist außerdem ein ethnisch-völkisches Verständnis von Gesellschaft. Zugehörigkeit wird dabei nicht in erster Linie über Staatsbürgerschaft, gemeinsame Institutionen oder gesellschaftliche Teilhabe definiert, sondern über Abstammung, Herkunft, Religion oder vermeintliche ethnische Homogenität. Eingewanderte Menschen und teilweise auch deren Kinder oder Enkel werden dadurch grundsätzlich als Fremdkörper dargestellt, selbst wenn sie Staatsbürger des jeweiligen Landes sind. Gerade dieser Gedanke einer dauerhaft ethnisch definierten „eigentlichen Bevölkerung“ unterscheidet das Narrativ von einer normalen politischen Debatte über Umfang, Steuerung oder Folgen von Migration.
Politisch wirksam wurde die Erzählung unter anderem dadurch, dass reale Ereignisse in ihr als Belege für einen angeblichen Austauschplan interpretiert werden. Dazu gehören beispielsweise die Aufnahme vieler Geflüchteter in Europa im Jahr 2015 oder der UN-Migrationspakt von 2018. Aus politischen Entscheidungen, internationalen Vereinbarungen oder demografischen Entwicklungen wird dabei jedoch eine Absicht zur „Ersetzung“ der Bevölkerung abgeleitet, ohne dass dafür entsprechende Beweise vorliegen.
Besonders problematisch ist die Vorstellung eines „Großen Austauschs“, weil sie gesellschaftliche Veränderungen als existenzielle Bedrohung deutet. In radikalisierten Varianten wird sogar von einem angeblichen „weißen Genozid“ oder einer bevorstehenden Vernichtung europäischer Völker gesprochen. Solche Vorstellungen haben mehrfach rechtsextremen Terroristen als ideologischer Bezugspunkt oder Rechtfertigung für Gewalt gedient. Der Attentäter von Christchurch in Neuseeland ermordete 2019 insgesamt 51 Menschen; sein Manifest trug den Titel The Great Replacement. Auch die Täter von El Paso 2019 und Buffalo 2022 bezogen sich auf Vorstellungen eines angeblichen ethnischen Austauschs oder einer Verdrängung der weißen Bevölkerung. Der Attentäter von Halle 2019 vertrat ebenfalls antisemitische und rassistische Vorstellungen eines angeblich von Juden geförderten „white genocide“. Diese Fälle zeigen, wie aus einer Verschwörungserzählung ein Weltbild entstehen kann, in dem Gewalt als vermeintliche Selbstverteidigung dargestellt wird.
In Deutschland wird die Vorstellung eines „Bevölkerungsaustauschs“ besonders von der Identitären Bewegung und anderen Akteuren der extremen Rechten verbreitet. Auch einzelne Politiker und Funktionäre der AfD haben Begriffe wie „Bevölkerungsaustausch“ oder „Umvolkung“ verwendet. Eng damit verbunden ist in Teilen der extremen Rechten das Konzept der „Remigration“. Der Begriff selbst ist allerdings nicht zwangsläufig rechtsextrem, da er in Wissenschaft und Migrationspolitik auch allgemein Rückwanderung bezeichnen kann. Problematisch ist insbesondere die von Akteuren wie Martin Sellner vertretene Variante, nach der auch Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit aufgrund ihrer Herkunft oder kulturellen Zugehörigkeit dauerhaft als nicht zur eigentlichen Bevölkerung gehörig betrachtet und zur Auswanderung gedrängt werden sollen. Größere öffentliche Aufmerksamkeit erhielt diese Debatte nach Berichten über ein Treffen rechtsextremer und rechtskonservativer Akteure in Potsdam im November 2023, die Anfang 2024 veröffentlicht wurden.
Der „Große Austausch“ vermischt somit reale demografische und gesellschaftliche Veränderungen mit einer unbelegten Vorstellung gezielter ethnischer Verdrängung. Seine verschiedenen Ausprägungen sind rassistisch, teilweise zusätzlich antisemitisch und beruhen auf der Vorstellung, gesellschaftliche Zugehörigkeit werde wesentlich durch Abstammung und Herkunft bestimmt. Die politische Auseinandersetzung über Migration, Integration, Grenzschutz oder demografischen Wandel ist davon grundsätzlich zu unterscheiden. Sie wird erst dann zur Verschwörungserzählung, wenn aus diesen realen Fragen ohne Belege ein absichtlich gesteuerter Plan zur Ersetzung einer ethnisch definierten Bevölkerung konstruiert wird.