Die Schweiz gilt als eines der reichsten Länder der Welt. Hohe Löhne, stabile Staatsfinanzen, eine starke Währung und beeindruckende Vermögen prägen das Bild, das man im Ausland von diesem Land hat. Und ja, dieses Bild stimmt in weiten Teilen. Die Menschen in der Schweiz verfügen im Durchschnitt über außergewöhnlich viel Geld. Aber wer einmal genauer hinschaut, stellt schnell fest, dass die Wirklichkeit deutlich vielschichtiger ist. Zwischen dem, was Statistiken versprechen, und dem, was am Ende des Monats tatsächlich übrig bleibt, klafft manchmal eine überraschend große Lücke.
Vermögen und seine Tücken
Beginnen wir mit der Zahl, die regelmäßig für Staunen sorgt: Mehr als 900.000 US-Dollar Vermögen pro erwachsener Person – damit liegt die Schweiz weltweit unangefochten an der Spitze. Klingt beeindruckend, und das ist es auch. Allerdings beschreibt dieser Wert nicht wirklich den typischen Schweizer Haushalt.
Das Problem liegt in der Berechnung selbst. Wenn einige wenige Menschen über astronomische Vermögen verfügen, zieht das den Durchschnitt nach oben – auch wenn der Großteil der Bevölkerung weit darunter liegt. Aussagekräftiger ist deshalb der Median, also jener Wert, bei dem genau die Hälfte der Bevölkerung mehr und die andere Hälfte weniger besitzt. Dieser Wert liegt in der Schweiz spürbar niedriger als der Durchschnitt. Im internationalen Vergleich bleibt er dennoch hoch. Die Schweiz ist also tatsächlich ein reiches Land – nur ist dieser Reichtum deutlich ungleicher verteilt, als die spektakuläre Durchschnittszahl vermuten lässt.
Hinzu kommt eine weitere wichtige Unterscheidung: Vermögen ist nicht dasselbe wie frei verfügbares Geld. Ein erheblicher Teil des Schweizer Privatvermögens steckt in Immobilien oder in der beruflichen Altersvorsorge. Beides ist wichtig, aber keines davon lässt sich mal eben für den Alltag ausgeben. Was für den tatsächlichen Lebensstandard zählt, ist letztlich das Geld, das nach allen laufenden Ausgaben noch übrig bleibt.
Hohe Löhne, hohe Preise
Ähnlich verhält es sich mit den Einkommen. Schweizer Löhne gehören zu den höchsten weltweit, und wer aus Deutschland oder Österreich herüberblickt, reibt sich manchmal die Augen. Doch die Lebenshaltungskosten ziehen in der Gegenbewegung mit. Lebensmittel, Restaurantbesuche, Dienstleistungen, Wohnen – all das ist in der Schweiz deutlich teurer als bei den Nachbarn. Das allgemeine Preisniveau liegt rund 50 bis 60 Prozent über dem in Deutschland oder Österreich.
Das bedeutet nicht, dass der Einkommensvorteil vollständig verschwindet. Auch nach dieser Korrektur verdienen Schweizer Beschäftigte im Durchschnitt mehr als ihre deutschen oder österreichischen Kollegen. Aber der Abstand schrumpft erheblich. Was auf dem Papier wie ein enormer Wohlstandsvorsprung aussieht, reduziert sich nach Berücksichtigung der Preise auf einen deutlich nüchterneren realen Vorteil.
Und selbst dieser Vorteil wird teilweise mit mehr Arbeit erkauft. In der Schweiz wird im Schnitt knapp 200 Stunden mehr pro Jahr gearbeitet als in Deutschland. Hinzu kommen häufig längere Wochenarbeitszeiten und weniger Urlaubstage. Das heißt: Der höhere Lohn hängt nicht ausschließlich damit zusammen, dass jede einzelne Arbeitsstunde produktiver wäre, sondern auch schlicht damit, dass mehr davon geleistet wird.
Wenn Gesundheit direkt ins Geld geht
Wer in der Schweiz lebt, merkt spätestens beim Blick auf die Krankenversicherungsrechnung, dass das Sozialsystem hier anders funktioniert als in den meisten europäischen Ländern. In Deutschland oder Österreich richtet sich der Beitrag zur Krankenversicherung nach dem Einkommen. In der Schweiz hingegen zahlt jede versicherte Person eine fixe monatliche Prämie – unabhängig davon, ob jemand viel oder wenig verdient.
Für eine Familie mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern summiert sich das schnell auf rund 1.200 Franken pro Monat – allein für die Grundprämien. Haushalte mit kleineren und mittleren Einkommen können allerdings sogenannte Prämienverbilligungen beantragen, die je nach Kanton unterschiedlich hoch ausfallen. Die Bruttozahl allein beschreibt also nicht, was jede Familie tatsächlich bezahlt.
Dazu kommen Eigenkosten bei der Behandlung selbst. Jede versicherte Person wählt eine jährliche Franchise, also einen Selbstbehalt, der im Krankheitsfall zuerst aus eigener Tasche bezahlt wird. Wer die höchste Variante von 2.500 Franken wählt und dazu noch den gesetzlichen Selbstbehalt einrechnet, kann im schlechten Fall bis zu 3.200 Franken selbst tragen. Das ist nicht die Regel, aber es ist auch kein Einzelfall.
Kinderbetreuung: Teuer, aber differenziert
Wer Kinder hat und arbeiten möchte, steht in der Schweiz vor einem anderen Problem. Ein Vollzeitplatz in einer Kindertagesstätte kann in größeren Städten monatlich deutlich mehr als 2.000 Franken kosten. Bei zwei Kindern im Kita-Alter ergibt sich daraus schnell eine Summe, die sich wie ein zweites Wohnungsmiete anfühlt.
Allerdings wäre es ungenau, diese Zahlen ohne Einschränkung so stehen zu lassen. Viele Kantone und Gemeinden bezuschussen Betreuungsplätze einkommensabhängig. Der Preis, den eine Familie tatsächlich zahlt, kann deshalb erheblich unter dem Listenpreis liegen. Wie immer gilt also: Die Gesamtbelastung hängt stark vom Einkommen, dem Wohnort und den persönlichen Umständen ab.
Wohnen und Schulden
Rund 36 Prozent der dauerhaft bewohnten Wohnungen in der Schweiz werden vom Eigentümer selbst genutzt. Damit hat die Schweiz eine der niedrigsten Wohneigentumsquoten in ganz Europa. Die meisten Menschen wohnen zur Miete, und die Immobilienpreise sind für viele schlicht unerreichbar hoch. Gleichzeitig sind die privaten Haushalte im internationalen Vergleich stark verschuldet – vor allem durch Hypotheken.
Dazu trug lange ein steuerliches Kuriosum bei: Wohneigentümer mussten einen sogenannten Eigenmietwert als fiktives Einkommen versteuern, durften dafür aber die Hypothekarzinsen steuerlich abziehen. Für manche Eigentümer war es dadurch günstiger, die Hypothek bewusst nicht vollständig zurückzuzahlen. Wer behauptet, dieses System habe alle Eigentümer systematisch zur Verschuldung gezwungen, übertreibt – aber es hat für bestimmte Konstellationen tatsächlich Anreize gesetzt, die in anderen Ländern unüblich wären. Inzwischen läuft dieses Modell aus: Der Eigenmietwert wird abgeschafft, gleichzeitig werden die Abzugsmöglichkeiten für Schuldzinsen eingeschränkt.
Pensionskassen und Wohnungsmarkt
Eine besondere Eigenheit des Schweizer Systems ist die Rolle der Pensionskassen. Sie verwalten Vorsorgevermögen von weit über einer Billion Franken und investieren einen beträchtlichen Teil davon in heimische Immobilien. Damit entsteht eine ungewöhnliche Konstellation: Wer in der Schweiz arbeitet, spart über die berufliche Vorsorge Kapital an, das unter anderem in den Immobilienmarkt fließt – also möglicherweise in die Stadt, in der man selbst zur Miete wohnt.
Das klingt nach einem Interessenkonflikt, und das ist es in gewisser Weise auch. Trotzdem wäre es übertrieben, daraus eine allgemeine Regel zu machen. Dass einzelne Sanierungen oder Neubauprojekte nach einer Neuvermietung zu deutlich höheren Mieten führen können, stimmt. Eine systematische Politik, bei der Pensionskassen Wohnungen gezielt räumen lassen, um danach die Mieten zu verdoppeln, lässt sich daraus jedoch nicht ableiten. Und eine gesetzliche Pflicht, mit einzelnen Immobilien eine bestimmte Rendite zu erzielen, gibt es nicht. Vorsorgeeinrichtungen müssen ihr Geld sicher, ausgewogen und ertragsorientiert anlegen – was das im Einzelfall für eine konkrete Liegenschaft bedeutet, ist damit nicht festgelegt.
Was am Ende zählt
Das Bild, das sich aus all dem ergibt, ist weder das einer bloßen statistischen Illusion noch das eines Landes im grenzenlosen Wohlstand. Die Schweiz ist objektiv reich: Die Einkommen sind hoch, die Vermögen sind groß, die Wirtschaft ist leistungsstark. Gleichzeitig sind Wohnen, Gesundheit und Kinderbetreuung so teuer, dass ein erheblicher Teil dieses Einkommens schnell wieder weg ist.
Die entscheidende Frage ist deshalb weniger, ob die Schweiz reich ist – das ist sie –, sondern wer von diesem Reichtum wie stark profitiert. Für gut verdienende Einzelpersonen oder kinderlose Doppelverdiener kann das Modell äußerst attraktiv sein. Für Familien mit mehreren Kindern, hohen Wohnkosten oder größerem Gesundheitsbedarf sieht die Rechnung hingegen schnell weniger rosig aus.
Der wahre Schweizer Wohlstand liegt irgendwo zwischen den Zeilen der Statistik. Er ist real, aber er ist auch nicht selbstverständlich. Wer die Schweiz nur durch die Brille der Löhne betrachtet, unterschätzt die Kosten. Wer nur auf Mieten und Krankenkassenprämien starrt, unterschätzt die Einkommen. Die Wahrheit liegt – wie so oft – genau dazwischen.