Frank­reich unter Druck: Droht Euro­pa eine neue Staats­schul­den­kri­se?

Die Ner­vo­si­tät an den euro­päi­schen Finanz­märk­ten nimmt wie­der zu. Der Euro hat gegen­über dem Dol­lar deut­lich an Wert ver­lo­ren, die Ren­di­ten fran­zö­si­scher Staats­an­lei­hen sind kräf­tig gestie­gen und zugleich wächst die Sor­ge, dass sich die ange­spann­te Haus­halts­la­ge ein­zel­ner Mit­glied­staa­ten zu einem grö­ße­ren Pro­blem für die gesam­te Euro­zo­ne ent­wi­ckeln könn­te. Von einer neu­en Euro­kri­se wie vor andert­halb Jahr­zehn­ten zu spre­chen, wäre zwar ver­früht. Den­noch zei­gen die Ent­wick­lun­gen, wie schnell hohe Staats­schul­den in Ver­bin­dung mit schwa­chem Wachs­tum und stei­gen­den Finan­zie­rungs­kos­ten zu einem erheb­li­chen wirt­schafts­po­li­ti­schen Risi­ko wer­den kön­nen.

Im Mit­tel­punkt steht der­zeit vor allem Frank­reich. Die Staats­ver­schul­dung lag zuletzt bei rund 119 Pro­zent der jähr­li­chen Wirt­schafts­leis­tung und dürf­te wei­ter stei­gen. Gleich­zei­tig bleibt das Haus­halts­de­fi­zit deut­lich ober­halb der euro­päi­schen Vor­ga­ben. Beson­ders pro­ble­ma­tisch ist dabei nicht allein die Höhe der bereits bestehen­den Schul­den, son­dern deren Dyna­mik. Wenn die Schul­den dau­er­haft schnel­ler wach­sen als die Wirt­schaft, ver­schlech­tert sich die Trag­fä­hig­keit der Staats­fi­nan­zen zuneh­mend.

Hin­zu kom­men deut­lich höhe­re Finan­zie­rungs­kos­ten. Die Ren­di­te zehn­jäh­ri­ger fran­zö­si­scher Staats­an­lei­hen beweg­te sich zeit­wei­se um die Mar­ke von fünf Pro­zent. Damit muss Frank­reich für neue Schul­den wesent­lich höhe­re Zin­sen zah­len als noch vor weni­gen Jah­ren. Die­ser Effekt macht sich aller­dings nicht sofort bei der gesam­ten Staats­ver­schul­dung bemerk­bar. Erst wenn älte­re Anlei­hen aus­lau­fen und durch neue Papie­re ersetzt wer­den müs­sen, stei­gen die durch­schnitt­li­chen Zins­kos­ten Schritt für Schritt. Gera­de dar­in liegt die Gefahr: Hält das höhe­re Zins­ni­veau län­ger an, wächst der Anteil des Staats­haus­halts, der allein für Zins­zah­lun­gen benö­tigt wird.

Die Finanz­märk­te ver­lan­gen inzwi­schen auch einen erheb­lich höhe­ren Risi­ko­auf­schlag gegen­über deut­schen Bun­des­an­lei­hen. Die­ser soge­nann­te Spread zeigt, wie unter­schied­lich Inves­to­ren die Kre­dit­wür­dig­keit der Staa­ten ein­schät­zen. Je grö­ßer der Abstand, des­to höher wird das wahr­ge­nom­me­ne Risi­ko. Der star­ke Anstieg des fran­zö­si­schen Risi­ko­auf­schlags ist des­halb weni­ger Aus­druck einer unmit­tel­bar bevor­ste­hen­den Zah­lungs­un­fä­hig­keit als viel­mehr ein deut­li­ches Warn­si­gnal. Anle­ger erwar­ten eine glaub­wür­di­ge Stra­te­gie zur Sta­bi­li­sie­rung der öffent­li­chen Finan­zen.

Genau hier liegt das poli­ti­sche Pro­blem. Eine Kon­so­li­die­rung des fran­zö­si­schen Staats­haus­halts wür­de ent­we­der Aus­ga­ben­kür­zun­gen, höhe­re Ein­nah­men oder struk­tu­rel­le Refor­men erfor­dern. Beson­ders Sozi­al­aus­ga­ben und Ren­ten­sys­te­me gera­ten dabei zwangs­läu­fig in den Blick. Sol­che Refor­men sind poli­tisch jedoch aus­ge­spro­chen schwie­rig. Frank­reich ver­fügt über eine aus­ge­präg­te Pro­test­kul­tur, und Ein­schnit­te bei sozia­len Leis­tun­gen oder beim Ren­ten­ein­tritts­al­ter sto­ßen regel­mä­ßig auf erheb­li­chen Wider­stand. Gleich­zei­tig erschwe­ren unsi­che­re poli­ti­sche Mehr­hei­ten eine lang­fris­ti­ge finanz­po­li­ti­sche Stra­te­gie.

Ande­re hoch­ver­schul­de­te Euro­län­der befin­den sich der­zeit in einer etwas ande­ren Lage. Spa­ni­en pro­fi­tiert trotz poli­ti­scher Unsi­cher­hei­ten von ver­gleichs­wei­se kräf­ti­gem Wirt­schafts­wachs­tum und konn­te sei­ne Schul­den­quo­te zuletzt redu­zie­ren. Ita­li­en weist zwar wei­ter­hin eine sehr hohe Staats­ver­schul­dung auf, erzielt jedoch vor Zins­zah­lun­gen einen Haus­halts­über­schuss und ver­fügt damit über eine güns­ti­ge­re Aus­gangs­la­ge als Frank­reich. Den­noch besteht grund­sätz­lich die Gefahr einer Anste­ckung. Wenn Inves­to­ren das Ver­trau­en nicht nur in ein ein­zel­nes Land, son­dern gene­rell in hoch­ver­schul­de­te Euro­staa­ten ver­lie­ren, könn­ten auch dort die Ren­di­ten stei­gen.

Eine wesent­li­che Rol­le spielt in die­sem Zusam­men­hang die Euro­päi­sche Zen­tral­bank. Sie ver­fügt über Instru­men­te, mit denen sie im Kri­sen­fall Staats­an­lei­hen ein­zel­ner Mit­glied­staa­ten kau­fen und damit extre­me Ver­wer­fun­gen an den Finanz­märk­ten begren­zen kann. Das soge­nann­te Trans­mis­si­on Pro­tec­tion Instru­ment soll ins­be­son­de­re ver­hin­dern, dass stark stei­gen­de Risi­ko­auf­schlä­ge die ein­heit­li­che Wir­kung der Geld­po­li­tik inner­halb der Euro­zo­ne gefähr­den.

Ein Ein­grei­fen der EZB wäre jedoch nicht unpro­ble­ma­tisch. Wer­den die Finan­zie­rungs­kos­ten eines hoch­ver­schul­de­ten Staa­tes durch Anlei­he­käu­fe künst­lich gedrückt, könn­te der poli­ti­sche Druck zur Kon­so­li­die­rung nach­las­sen. Markt­me­cha­nis­men erfül­len schließ­lich auch eine dis­zi­pli­nie­ren­de Funk­ti­on: Staa­ten mit unso­li­der Haus­halts­po­li­tik müs­sen höhe­re Zin­sen zah­len. Wird die­ser Mecha­nis­mus dau­er­haft außer Kraft gesetzt, könn­ten Regie­run­gen ver­sucht sein, not­wen­di­ge Refor­men auf­zu­schie­ben.

Anders als manch­mal dar­ge­stellt, ist ein lau­fen­des euro­päi­sches Defi­zit­ver­fah­ren aller­dings kein auto­ma­ti­sches Aus­schluss­kri­te­ri­um für ein Ein­grei­fen der EZB. Ent­schei­dend wäre eine umfas­sen­de­re Bewer­tung der wirt­schafts- und finanz­po­li­ti­schen Situa­ti­on sowie der Fra­ge, ob ein Land die euro­päi­schen Vor­ga­ben und erfor­der­li­chen Kor­rek­tur­maß­nah­men ernst­haft ver­folgt. Der Zen­tral­bank ver­bleibt des­halb ein erheb­li­cher Ermes­sens­spiel­raum.

Zusätz­lich erschwert die Infla­ti­ons­ent­wick­lung die Situa­ti­on. Die Teue­rungs­ra­te in der Euro­zo­ne lag zuletzt deut­lich über dem mit­tel­fris­ti­gen Ziel der EZB von zwei Pro­zent. Bleibt der Infla­ti­ons­druck bestehen, könn­te eine straf­fe­re Geld­po­li­tik not­wen­dig wer­den. Höhe­re Leit­zin­sen wür­den jedoch gleich­zei­tig die Finan­zie­rungs­kos­ten der Staa­ten wei­ter erhö­hen. Die EZB bewegt sich damit in einem klas­si­schen Ziel­kon­flikt: Einer­seits muss sie die Preis­sta­bi­li­tät sichern, ande­rer­seits kön­nen höhe­re Zin­sen bestehen­de Pro­ble­me hoch­ver­schul­de­ter Län­der ver­schär­fen.

Deutsch­land bleibt inner­halb der Euro­zo­ne ver­gleichs­wei­se soli­de auf­ge­stellt, besitzt aber weni­ger finanz­po­li­ti­schen Spiel­raum als wäh­rend der euro­päi­schen Schul­den­kri­se Anfang der 2010er-Jah­re. Die deut­sche Staats­schul­den­quo­te liegt der­zeit noch deut­lich unter der fran­zö­si­schen und bewegt sich im Bereich von gut 60 Pro­zent der Wirt­schafts­leis­tung. Durch stei­gen­de Aus­ga­ben für Ver­tei­di­gung, Infra­struk­tur und Sozi­al­leis­tun­gen dürf­te sie in den kom­men­den Jah­ren aller­dings wach­sen. Aus­sa­gen, Deutsch­land wer­de schon in weni­gen Jah­ren Schul­den­quo­ten von 80 oder 90 Pro­zent errei­chen, sind des­halb kei­ne aktu­el­le Bestands­auf­nah­me, son­dern mög­li­che Sze­na­ri­en für den Fall einer dau­er­haft sehr expan­si­ven Finanz­po­li­tik.

Auch der schwä­che­re Euro ist für sich genom­men noch kein Zei­chen einer Wäh­rungs­kri­se. Wech­sel­kur­se von etwas mehr als einem Dol­lar je Euro hat es in den ver­gan­ge­nen Jah­ren mehr­fach gege­ben. Bemer­kens­wert ist viel­mehr, dass der Euro trotz der eben­falls pro­ble­ma­ti­schen US-Staats­fi­nan­zen gegen­über dem Dol­lar unter Druck gera­ten ist. Die Ver­ei­nig­ten Staa­ten wei­sen hohe Defi­zi­te und eine schnell wach­sen­de Staats­ver­schul­dung auf, pro­fi­tie­ren jedoch wei­ter­hin von kräf­ti­ge­rem Wirt­schafts­wachs­tum und von der beson­de­ren Stel­lung des Dol­lars als wich­tigs­te inter­na­tio­na­le Reser­ve­wäh­rung.

Die der­zei­ti­ge Situa­ti­on unter­schei­det sich des­halb deut­lich von der Euro­kri­se der Jah­re 2010 bis 2012. Damals ver­lo­ren meh­re­re Staa­ten nahe­zu gleich­zei­tig den Zugang zu einer trag­fä­hi­gen Finan­zie­rung ihrer Schul­den und muss­ten durch euro­päi­sche Hilfs­pro­gram­me gestützt wer­den. Heu­te sind die Pro­ble­me stär­ker auf ein­zel­ne Staa­ten kon­zen­triert, und die insti­tu­tio­nel­len Schutz­me­cha­nis­men der Euro­zo­ne sind wesent­lich umfang­rei­cher. Gleich­zei­tig hat sich die Aus­gangs­la­ge ver­än­dert: Frank­reich, das damals noch zu den finan­zi­ell sta­bi­le­ren gro­ßen Mit­glied­staa­ten gehör­te, ist inzwi­schen selbst zu einem der zen­tra­len Risi­ko­fak­to­ren gewor­den.

Ent­schei­dend wird daher sein, ob es den euro­päi­schen Staa­ten gelingt, ihre Haus­hal­te lang­fris­tig auf einen trag­fä­hi­gen Kurs zu brin­gen. Hohe Staats­schul­den sind nicht auto­ma­tisch eine Kri­se, solan­ge Wirt­schafts­wachs­tum, Ein­nah­men und Finan­zie­rungs­kos­ten in einem beherrsch­ba­ren Ver­hält­nis ste­hen. Gefähr­lich wird es, wenn schwa­ches Wachs­tum, hohe Defi­zi­te und stei­gen­de Zin­sen gleich­zei­tig auf­tre­ten.

Auch die Vor­stel­lung, Staa­ten könn­ten Schul­den­pro­ble­me letzt­lich ein­fach durch die Schaf­fung zusätz­li­chen Gel­des lösen, greift zu kurz. Eine dau­er­haf­te mone­tä­re Finan­zie­rung staat­li­cher Defi­zi­te wür­de das Risi­ko höhe­rer Infla­ti­on erheb­lich erhö­hen. Zwar redu­ziert Infla­ti­on den rea­len Wert bestehen­der Schul­den, gleich­zei­tig ver­lie­ren jedoch Ein­kom­men und Erspar­nis­se an Kauf­kraft. Noch schwe­rer wiegt der mög­li­che Ver­trau­ens­ver­lust in die Wäh­rung und in die Unab­hän­gig­keit der Zen­tral­bank.

Euro­pa steht damit nicht unmit­tel­bar vor einer Wie­der­ho­lung der gro­ßen Staats­schul­den­kri­se. Die Ent­wick­lung in Frank­reich zeigt jedoch, wie schnell finanz­po­li­ti­sche Pro­ble­me an den Kapi­tal­märk­ten sicht­bar wer­den kön­nen. Blei­ben Refor­men und eine glaub­wür­di­ge Begren­zung der Defi­zi­te aus, dürf­ten die Finan­zie­rungs­kos­ten hoch blei­ben und der Druck wei­ter stei­gen. Die eigent­li­che Her­aus­for­de­rung besteht des­halb weni­ger dar­in, kurz­fris­tig die Märk­te zu beru­hi­gen, son­dern dar­in, die öffent­li­chen Finan­zen so zu sta­bi­li­sie­ren, dass ein Ein­grei­fen der Zen­tral­bank gar nicht erst not­wen­dig wird.


Wie hilf­reich war die­ser Bei­trag?

Kli­cke auf die Ster­ne um zu bewer­ten!

Durch­schnitt­li­che Bewer­tung 0 / 5. Anzahl Bewer­tun­gen: 0

Bis­her kei­ne Bewer­tun­gen! Sei der Ers­te, der die­sen Bei­trag bewer­tet.

Es tut uns leid, dass der Bei­trag für dich nicht hilf­reich war!

Las­se uns die­sen Bei­trag ver­bes­sern!

Wie kön­nen wir die­sen Bei­trag ver­bes­sern?

Disclaimer: Dieser Beitrag dient lediglich zu allgemeinen Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Bitte konsultieren Sie vor jeder Anlageentscheidung einen unabhängigen Finanzberater