Nein, die USA haben ihre Waffen nicht „aufgebraucht“. Aber sie haben im Iran-Krieg bestimmte besonders wichtige Munitionsbestände so stark reduziert, dass echte Engpässe entstanden sind. Das ist ein erheblicher Unterschied.
Ein Bloomberg-Artikel stützen die Engpass-These ziemlich klar. Hegseth sagte im Juli, der Krieg habe bis dahin etwa 37,5 Mrd. Dollar gekostet. Gleichzeitig beantragte das Pentagon zusätzliche Mittel, darunter 21 Mrd. Dollar, um hochwertige Raketen und andere Munition schneller nachzubeschaffen, die im Krieg „in large numbers“ eingesetzt worden waren. Das ist kein Hinweis darauf, dass das gesamte US-Arsenal leer ist, wohl aber darauf, dass die Verbrauchsraten bei bestimmten Systemen problematisch wurden.
[≈ 67–70 Mrd. $ Iran-/Verteidigungs-Supplemental insgesamt
↳ 21 Mrd. $ davon für Raketen und andere Munition
↳ 2 Mrd. $ für verlorene/beschädigte Ausrüstung
↳ 11,6 Mrd. $ für Drohnen, Satelliten und andere Technologien
↳ Rest für weitere militärische Kosten und Programme.]
Besonders kritisch scheint die Raketenabwehr zu sein. Reuters berichtet aktuell, dass der US-Bestand an Patriot-Abfangraketen durch die Kriege im Nahen Osten stark zurückgegangen sei – um rund 65 % gegenüber dem vorherigen Bestand. Gleichzeitig ist die weltweite Nachfrage extrem hoch, weil auch Ukraine und Golfstaaten große Mengen benötigen. Bereits Anfang März berichtete die Washington Post, dass die USA innerhalb weniger Tage Hunderte Patriot‑, THAAD- und andere hochwertige Flugkörper eingesetzt hatten und zeitweise erwägen mussten, welche anfliegenden Ziele überhaupt noch abgefangen werden sollten.
Dazu kommen Tomahawk-Marschflugkörper und THAAD-Abfangraketen. Eine spätere Analyse kam zu dem Ergebnis, dass es bei Tomahawk, Patriot und THAAD mindestens mehrere Jahre dauern könnte, die verbrauchten Bestände wieder vollständig aufzufüllen. Das Problem ist also weniger „Amerika besitzt keine Raketen mehr“, sondern vielmehr: Die Produktion kann mit dem Kriegsverbrauch bestimmter High-End-Waffen nicht mithalten.
Und genau hier wird dein zweiter Bloomberg-Artikel interessant. Bloomberg schreibt, dass Trump Ende Juli einen geplanten großen neuen Angriff auf Iran absagte und dass laut Washington Post Knappheit bei wichtigen Raketen und Luftverteidigungssystemen ein Grund dafür gewesen sei. Trump selbst bestritt allerdings, dass es Engpässe gebe. Das bedeutet: Die Behauptung ist politisch umstritten, aber sie beruht nicht nur auf Spekulation.
Die beste Formulierung wäre daher:
The US did not run out of weapons in the Iran War. It did, however, burn through a very large share of several critical missile inventories, especially Patriot and THAAD interceptors and some long-range strike weapons, creating shortages serious enough to constrain military planning.
Das ist militärisch durchaus bedeutsam. Ein Arsenal kann insgesamt riesig sein und trotzdem operativ eingeschränkt werden, wenn beispielsweise noch Bomben und Artilleriemunition vorhanden sind, aber die für eine konkrete Mission benötigten THAAD‑, Patriot- oder Tomahawk-Flugkörper fehlen. Außerdem müssen die USA Reserven für andere Kriegsschauplätze – insbesondere einen möglichen Konflikt im Indo-Pazifik – zurückhalten. „Noch 35 % Patriot übrig“ bedeutet daher nicht automatisch, dass diese 35 % alle für Iran verfügbar wären.
Fazit: „The USA used up its weapons“ ist übertrieben. „The Iran war seriously depleted key US missile stockpiles and exposed a production-capacity problem“ trifft die Lage wesentlich besser.
Mit den inzwischen verfügbaren Daten lässt sich das deutlich genauer quantifizieren. Wichtig: Die exakten US-Bestände sind geheim. Die Zahlen unten sind daher Schätzungen aus öffentlich bekannten Beschaffungsdaten, CSIS-Berechnungen und aktuellen Reuters-Berichten.
| Waffensystem | Lage vor / zu Beginn des Kriegs | Verbrauch bzw. aktueller Stand | Wiederauffüllung |
|---|---|---|---|
| Patriot | grob ~2.200–2.300 moderne Interzeptoren | bis Ende Juli etwa 65 % des Bestands verbraucht; CSIS schätzte <1.000 verbleibend | mindestens ~3 Jahre |
| THAAD | einige hundert Interzeptoren | CSIS: Ende Juli etwa 250 verbleibend; Reuters zufolge mindestens 38 % unter Vorkriegsniveau | etwa bis Ende 2029 |
| Tomahawk | mehrere Tausend | etwas weniger als die Hälfte des weltweiten US-Bestands verbraucht; mehr als 1.000 im Iran-Krieg eingesetzt | etwa bis Ende 2030 |
| PrSM | kleiner Bestand, da neues System | Reuters: praktisch der gesamte verfügbare Bestand aufgebraucht | Monate bis ~1 Jahr, aber aktuelle Lage besonders knapp |
| ATACMS | älteres System, Produktion läuft aus | Reuters: ebenfalls praktisch vollständig aufgebraucht | problematisch, weil durch PrSM ersetzt wird |
| JASSM | relativ großer Bestand | >1.100 eingesetzt laut CSIS | ungefähr ~1 Jahr |
| SM‑3 / SM‑6 | begrenzte Bestände | weniger stark belastet als Patriot/THAAD | etwa 2–3 Jahre |
Die inzwischen wichtigste neue Information stammt von Reuters vom 4./5. August. Drei mit den Daten vertraute Personen sagten Reuters, dass die USA während des fünfmonatigen Iran-Krieges einen Großteil ihrer Langstrecken-Präzisionswaffen eingesetzt hätten. Bei ATACMS und PrSM sei „virtually all“ des verfügbaren Bestands verwendet worden. Reuters berichtet außerdem von knapp 50 % des globalen Tomahawk-Bestands sowie von rund 65 % Verbrauch bei Patriot.
Das verändert die Bewertung gegenüber dem Stand der ersten Kriegswochen erheblich.
1. Patriot: wahrscheinlich das gravierendste unmittelbare Problem
CSIS schätzte Ende Juli, dass die US-Bestände inzwischen auf unter 1.000 Patriot-Interzeptoren gefallen waren. Gleichzeitig gab es nur noch rund 250 THAAD-Interzeptoren. Beide Systeme haben bei der Abwehr iranischer ballistischer Raketen eine Funktion, für die es nur begrenzte Ersatzmöglichkeiten gibt.
Reuters ging wenige Tage später noch weiter: Zwischen Februar und Juli seien etwa 65 % der Patriot-Interzeptoren verbraucht worden; zwei Quellen mit Kenntnis interner US-Daten sagten Reuters, die CSIS-Schätzung stimme ungefähr mit den internen Zahlen überein.
Das ist strategisch erheblich. Wenn beispielsweise rund 2.300 geeignete Interzeptoren vorhanden waren und 65 % verbraucht wurden, ergibt das rechnerisch:
2.300 × 0,65 ≈ 1.495 verbraucht
und nur noch ungefähr
805 verbleibend.
Das passt ziemlich gut zur CSIS-Aussage „under 1,000“.
Dabei darf man die verbleibenden ~800 aber nicht mit 800 frei verfügbaren Iran-Raketen gleichsetzen. Einige müssen für andere Einsatzgebiete, Ausbildung und strategische Reserven vorgehalten werden.
2. THAAD: noch problematischer wegen der winzigen Produktionsrate
THAAD ist besonders kritisch, weil der Bestand von vornherein klein war.
CSIS schätzte Ende Juli noch ungefähr 250 Interzeptoren. Reuters berichtete kurz darauf, die Bestände seien mindestens 38 % niedriger als zu Kriegsbeginn.
Der industrielle Engpass ist hier extrem. CSIS zufolge läuft die Produktion derzeit bei nur ungefähr 96 THAAD-Interzeptoren pro Jahr. Lockheed Martin will die Kapazität irgendwann auf etwa 400 jährlich steigern, aber der Ausbau braucht Zeit. Die Army hat deshalb für FY2027 gleich 857 neue THAADs beantragt. Deren Auslieferung soll allerdings erst ungefähr Mitte 2029 beginnen; CSIS erwartet die vollständige Wiederherstellung der im Iran-Krieg verbrauchten Bestände erst gegen Ende 2029.
Das illustriert das Kernproblem sehr gut:
Raketen können innerhalb von Wochen verschossen werden, deren Ersatzproduktion dauert Jahre.
3. Tomahawk: vermutlich mehr als 1.000 verschossen
Hier sind die absoluten Zahlen besonders beeindruckend.
Bereits nach den ersten vier Wochen berichtete CSIS von mehr als 850 Tomahawk-Einsätzen. Die spätere CSIS-Berechnung spricht von mehr als 1.000 Tomahawks, die im Iran-Krieg verbraucht wurden.
Reuters berichtet inzwischen, eine mit den Beständen vertraute Quelle schätze den Verbrauch auf knapp die Hälfte des gesamten globalen US-Tomahawk-Bestands. Reuters konnte diese genaue Zahl nicht unabhängig bestätigen.
Das Problem ist wiederum die Produktion. Über die vergangenen zehn Fiskaljahre wurden durchschnittlich gerade einmal 86 Tomahawks pro Jahr beschafft; die jüngste Produktionsrate lag unter 200 jährlich. Die USA wollen die Produktion jetzt massiv erhöhen und haben 785 Tomahawks für FY2027 beantragt. Aber wegen einer Produktionsvorlaufzeit von ungefähr 34 Monaten beginnen diese neuen Raketen laut CSIS voraussichtlich erst 2030 in größerer Zahl einzutreffen. Vorkriegsniveau: ungefähr Ende 2030.
Das heißt vereinfacht:
Der Iran-Krieg hat in wenigen Monaten ungefähr ein Jahrzehnt historischer Tomahawk-Beschaffung verbraucht.
Nicht exakt ein Jahrzehnt Produktionskapazität, weil die Fertigung nun hochgefahren wird – aber die Größenordnung verdeutlicht das Problem.
4. PrSM und ATACMS: hier kommt „aufgebraucht“ tatsächlich nahe an die Realität
Das ist der Punkt, der die ursprüngliche Frage inzwischen interessanter macht.
Reuters berichtet unter Berufung auf zwei mit den Daten vertraute Personen:
Die USA hätten „virtually all“ ihrer ATACMS und PrSM eingesetzt.
Die genaue verbleibende Stückzahl wurde nicht genannt.
Das bedeutet nicht notwendigerweise null Raketen, aber militärisch kann „praktisch alles“ durchaus bedeuten, dass kein Bestand mehr vorhanden ist, den man ohne erhebliche strategische Risiken für neue Operationen freigeben möchte.
Bei PrSM gibt es allerdings einen Sonderfaktor: Das System ist neu und der Vorkriegsbestand war ohnehin klein. CSIS weist darauf hin, dass die Army erst 2025 die volle Produktions- und Einsatzfreigabe erhielt. Deshalb kann dieser Bestand vergleichsweise schnell wieder wachsen.
ATACMS wiederum wird ohnehin durch PrSM ersetzt.
5. JASSM sieht vergleichsweise besser aus
Von der luftgestützten JASSM wurden laut CSIS ebenfalls mehr als 1.100 Stück eingesetzt. Das klingt katastrophal, ist relativ gesehen aber weniger problematisch, weil die USA davon vor dem Krieg einen erheblich größeren Bestand hatten und die Produktionslinie bereits relativ gut läuft.
CSIS erwartet deshalb eine Wiederherstellung wesentlich schneller als bei Patriot, THAAD oder Tomahawk.
Das erklärt übrigens auch, weshalb „wie viele Raketen wurden verschossen?“ allein wenig aussagt.
1.100 verschossene JASSMs können industriell weniger problematisch sein als 200 verschossene THAADs.
Was heißt das für einen möglichen Krieg gegen China?
Das ist eigentlich die strategisch wichtigste Konsequenz.
CSIS formuliert das bemerkenswert deutlich: Die USA verfügten nach der ersten Phase des Iran-Kriegs weiterhin über genügend Munition für „any plausible scenario in the Iran war“, aber die reduzierten Bestände hätten ein „window of vulnerability“ für einen möglichen Krieg im westlichen Pazifik geschaffen.
Und dieses Problem existierte teilweise bereits vor dem Iran-Krieg. CSIS zufolge galten die Bestände bestimmter Langstreckenwaffen schon vorher als unzureichend für einen längeren Krieg gegen einen Peer Competitor. Der Iran-Krieg verschärfte das Problem erheblich.
Das ist der entscheidende strategische Unterschied:
Kann Amerika Iran weiter bekämpfen?
Ja.
Kann Amerika dabei völlig unbekümmert weitere Tausende seiner hochwertigsten Raketen verschießen?
Nein.
Sind einzelne Munitionsarten praktisch leer?
Nach Reuters offenbar ja – insbesondere ATACMS und PrSM.
Sind die USA insgesamt „out of weapons“?
Nein. Sie besitzen weiterhin enorme Bestände an Flugzeugen, Bomben, Raketen, Artillerie, Seestreitkräften und nuklearen Waffen.
Ist die Fähigkeit zu einem zweiten großen High-End-Krieg gleichzeitig deutlich schlechter geworden?
Das ist die wesentlich ernstere Schlussfolgerung, und genau davor warnt CSIS.
Dein Bloomberg-Artikel passt dazu: Das Pentagon fordert 21 Mrd. Dollar allein zur beschleunigten Beschaffung von Raketen und anderer Munition, die während des Krieges in großen Mengen eingesetzt wurde.
Das Überraschende daran
Das eigentliche amerikanische Problem ist gegenwärtig nicht Geld. CSIS bringt es ziemlich prägnant auf den Punkt: „the problem today isn’t money; it’s time.“ Produktionslinien, Zulieferketten, Fachkräfte und jahrelange Lead Times lassen sich nicht dadurch umgehen, dass der Kongress morgen weitere $50 oder $100 Milliarden bewilligt.
Deshalb würde ich meine vorherige Antwort inzwischen sogar etwas verschärfen:
„The US used up its weapons“ = falsch.
Aber:
„The US has effectively exhausted some categories of long-range precision weapons and consumed roughly half or more of several of its most strategically valuable missile inventories“ = nach dem Informationsstand vom 8. August 2026 ziemlich gut belegt.
Und genau deshalb könnte der Iran-Krieg für Washington militärstrategisch viel kostspieliger sein als die $37,5 Mrd. unmittelbaren Kriegskosten, die Hegseth im Juli genannt hat.
Quellen: CSIS, Reuters, Bloomberg
Trumps Strategie
Die Kritikpunkte lassen sich wie folgt zusammenfassen:
- „Erst schießen, dann zählen“: Trumps Vorgehen wird als ein Prinzip beschrieben, bei dem erst angegriffen, dann eine Pressekonferenz gegeben und erst im Nachhinein nach der Finanzierung und dem Nachschub gefragt wird. Dieses Verhalten wird eher mit einem emotionalen „Shopping-Trip“ als mit einer fundierten Militärstrategie verglichen.
- Fehlen einer koordinierten Planung: Unter normalen Umständen müssten Regierung, Militär und Kongress vorab Ziele festlegen, wie etwa die Dauer des Einsatzes, den Raketenbedarf und den Schutz von Verbündeten. Trump wird vorgeworfen, den Krieg ohne spezielle Genehmigung und ohne einen abgestimmten Finanzierungs‑, Produktions- und Nachschubplan begonnen zu haben.
- Mangelnder Exit-Plan: Ein zentraler Kritikpunkt ist das völlige Fehlen eines sogenannten „Exit-Plans“, also einer Strategie, wie man aus dem Krieg wieder herauskommt. Die Quelle behauptet überspitzt, die aktuelle Regierung wisse gar nicht, was ein „Exit“ überhaupt sei.
- Wirtschaftliche Unvernunft: Trump wird vorgeworfen, seine Erfahrung mit Wirtschaftspleiten aus seinem Privatimperium nun auf die US-Wirtschaft zu übertragen. Die Entscheidung für den Konflikt wird als eine der wirtschaftlich katastrophalsten bezeichnet, insbesondere da teure Abfangraketen (ca. 4 Millionen Dollar pro Stück) gegen billige iranische Drohnen eingesetzt werden, was als „Pleite-Beschießung“ der USA tituliert wird.
- Umgehung des Kongresses: Er griff den Iran an, ohne dass der Kongress diesen Krieg genehmigt hatte. Später soll er abtrünnige Republikaner persönlich unter Druck gesetzt haben, um Resolutionen, die ihn zum Stopp der Kampfhandlungen aufforderten, zu seinen Gunsten zu kippen.
- Logistisches Versagen: Die Strategie hat dazu geführt, dass die Bestände an wichtigen Waffen (z. B. 80 % der Abfangraketen, 50 % der Patriot- und Tomahawk-Raketen) gefährlich tief gesunken sind, während die Produktion nur sehr langsam anläuft.
Zusammenfassend wird kritisiert, dass Trump durch Unwissenheit und mangelnde strategische Weitsicht die USA militärisch und wirtschaftlich schwäche, anstatt eine verantwortungsvolle Großmachtpolitik zu betreiben.
