Kein Euro fehlt? Wie Fried­rich Merz die Kos­ten der Ukrai­ne-Hil­fe in die Zukunft ver­schiebt

Bun­des­kanz­ler Fried­rich Merz ver­spricht, dass die finan­zi­el­le Unter­stüt­zung der Ukrai­ne nicht zulas­ten der Sozi­al- und Bil­dungs­aus­ga­ben in Deutsch­land gehe. Doch sei­ne Argu­men­ta­ti­on lässt eine ent­schei­den­de Fra­ge unbe­ant­wor­tet: Wer bezahlt die Schul­den und die Zin­sen, mit denen die­se Aus­ga­ben finan­ziert wer­den?

In sei­ner Regie­rungs­er­klä­rung zum Euro­päi­schen Rat am 14. Okto­ber 2026 erklär­te Bun­des­kanz­ler Fried­rich Merz vor dem Deut­schen Bun­des­tag: „Kein Euro, der in die Ukrai­ne fließt, fehlt bei den Sozi­al­aus­ga­ben und den Bil­dungs­aus­ga­ben in unse­rem Land.“ Eine bemer­kens­wert abso­lu­te Aus­sa­ge, die den Ein­druck erweckt, die Unter­stüt­zung der Ukrai­ne habe kei­ner­lei finan­zi­el­le Aus­wir­kun­gen auf die sozia­len und bil­dungs­po­li­ti­schen Mög­lich­kei­ten Deutsch­lands. Doch bei genaue­rer Betrach­tung erweist sich die­se Dar­stel­lung als erheb­lich ver­kürzt. Denn Geld, das heu­te über zusätz­li­che Kre­di­te bereit­ge­stellt wird, ver­schwin­det nicht aus der volks­wirt­schaft­li­chen Rech­nung. Es taucht viel­mehr als Schul­den­last in den Haus­hal­ten der kom­men­den Jah­re wie­der auf.

Merz begrün­de­te sei­ne Aus­sa­ge aus­drück­lich mit der soge­nann­ten Bereichs­aus­nah­me für Ver­tei­di­gungs­aus­ga­ben in der Schul­den­re­gel. Die­se ermög­licht es dem Bund, bestimm­te sicher­heits- und ver­tei­di­gungs­po­li­ti­sche Aus­ga­ben ober­halb einer fest­ge­leg­ten Schwel­le durch zusätz­li­che Kre­di­te zu finan­zie­ren. Auch die Unter­stüt­zung der Ukrai­ne kann unter die­se Rege­lung fal­len. Damit muss die Bun­des­re­gie­rung ent­spre­chen­de Mit­tel nicht zwangs­läu­fig durch unmit­tel­ba­re Kür­zun­gen in ande­ren Berei­chen des Bun­des­haus­halts gegen­fi­nan­zie­ren. Was Merz jedoch uner­wähnt ließ: Eine Aus­nah­me von der Schul­den­brem­se ist kei­ne Aus­nah­me von den wirt­schaft­li­chen Kon­se­quen­zen der Ver­schul­dung.

Kre­di­te sind kei­ne zusätz­li­chen Ein­nah­men, die dem Staat dau­er­haft kos­ten­los zur Ver­fü­gung ste­hen. Sie begrün­den Ver­pflich­tun­gen gegen­über den Gläu­bi­gern. Auf die­se Schul­den fal­len Zin­sen an, und fäl­li­ge Kre­di­te müs­sen ent­we­der getilgt oder durch neue Kre­di­te ersetzt wer­den. Gera­de die Refi­nan­zie­rung birgt Risi­ken, wenn die Zin­sen am Kapi­tal­markt stei­gen. Die finan­zi­el­le Belas­tung ver­schiebt sich dadurch in die Zukunft und trifft die­je­ni­gen, die für die heu­ti­gen Ent­schei­dun­gen spä­ter auf­kom­men müs­sen.

Wie ernst die­se Ent­wick­lung ist, ver­deut­licht die Finanz­pla­nung des Bun­des. Wäh­rend für 2026 Zins­aus­ga­ben von rund 30 Mil­li­ar­den Euro ange­setzt wur­den, sieht die Finanz­pla­nung für 2029 bereits mehr als 60 Mil­li­ar­den Euro jähr­lich vor. Damit wür­de sich die Zins­be­las­tung inner­halb weni­ger Jah­re mehr als ver­dop­peln. Die­se Beträ­ge ste­hen dem Bund nicht mehr für ande­re poli­ti­sche Auf­ga­ben zur Ver­fü­gung. Sie müs­sen auf­ge­bracht wer­den, bevor über zusätz­li­che Inves­ti­tio­nen in Schu­len, Hoch­schu­len, sozia­len Woh­nungs­bau oder die kom­mu­na­le Infra­struk­tur ent­schie­den wer­den kann. Aller­dings sind die­se Zins­aus­ga­ben das Ergeb­nis der gesam­ten Bun­des­ver­schul­dung und kön­nen nicht allein der Ukrai­ne-Unter­stüt­zung zuge­rech­net wer­den.

Genau hier liegt der grund­le­gen­de Wider­spruch in der Argu­men­ta­ti­on des Bun­des­kanz­lers. Wenn heu­te zusätz­li­che Aus­ga­ben kre­dit­fi­nan­ziert wer­den, kön­nen zwar unmit­tel­ba­re Haus­halts­kür­zun­gen ver­mie­den wer­den. Die dar­aus ent­ste­hen­den Finan­zie­rungs­kos­ten schrän­ken aber den Hand­lungs­spiel­raum spä­te­rer Regie­run­gen ein. Die Behaup­tung, dass des­halb kein Euro bei Sozi­al- und Bil­dungs­aus­ga­ben feh­le, ist zumin­dest lang­fris­tig nicht halt­bar. Denn jeder Euro, den der Staat künf­tig für Zin­sen aus­ge­ben muss, kann nicht gleich­zei­tig für ande­re Auf­ga­ben ver­wen­det wer­den.

Beson­ders pro­ble­ma­tisch ist die­se Ent­wick­lung vor dem Hin­ter­grund der ohne­hin ange­spann­ten öffent­li­chen Haus­hal­te. Deutsch­land steht vor erheb­li­chen finan­zi­el­len Her­aus­for­de­run­gen. Die gesetz­li­che Ren­ten­ver­si­che­rung, die Pfle­ge­ver­si­che­rung und das Gesund­heits­sys­tem gera­ten durch die demo­gra­fi­sche Ent­wick­lung zuneh­mend unter Druck. Gleich­zei­tig besteht ein beträcht­li­cher Inves­ti­ti­ons­be­darf bei Schu­len, Hoch­schu­len, Ver­kehrs­we­gen und der öffent­li­chen Infra­struk­tur. Vie­le Kom­mu­nen kämp­fen schon heu­te mit struk­tu­rel­len Haus­halts­pro­ble­men. In die­ser Situa­ti­on zusätz­li­che lang­fris­ti­ge Ver­pflich­tun­gen auf­zu­bau­en, ohne die dar­aus ent­ste­hen­den Ziel­kon­flik­te offen anzu­spre­chen, erschwert eine ehr­li­che Dis­kus­si­on über die finan­zi­el­len Prio­ri­tä­ten des Staa­tes.

Der Bun­des­rech­nungs­hof warnt seit Jah­ren vor den Fol­gen wach­sen­der Zins­las­ten und einer zuneh­men­den Ein­schrän­kung der finanz­po­li­ti­schen Hand­lungs­fä­hig­keit. Dahin­ter steht eine ein­fa­che haus­halts­po­li­ti­sche Rea­li­tät: Je grö­ßer der Anteil fest gebun­de­ner Aus­ga­ben wird, des­to klei­ner wird der Spiel­raum für poli­ti­sche Gestal­tung. Wer­den die­se Ver­pflich­tun­gen immer umfang­rei­cher, müs­sen künf­ti­ge Regie­run­gen mög­li­cher­wei­se Leis­tun­gen begren­zen, Steu­ern erhö­hen, zusätz­li­che Schul­den auf­neh­men oder Inves­ti­tio­nen zurück­stel­len. Wel­che Maß­nah­men tat­säch­lich ergrif­fen wer­den, ist eine poli­ti­sche Ent­schei­dung. Dass höhe­re Finan­zie­rungs­kos­ten die ver­füg­ba­ren Mög­lich­kei­ten ein­schrän­ken, lässt sich dage­gen kaum bestrei­ten.

Auch die Fra­ge der Gene­ra­tio­nen­ge­rech­tig­keit erhält dadurch eine beson­de­re Bedeu­tung. Aus­ge­rech­net Merz beton­te in der­sel­ben Regie­rungs­er­klä­rung, dass Kin­der und Jugend­li­che nicht immer grö­ße­re Las­ten schul­tern dürf­ten. Er sprach von einer Gerech­tig­keits­lü­cke zwi­schen den Gene­ra­tio­nen, die ohne ent­schlos­se­nes Han­deln wei­ter wach­sen wer­de. Die­ses Argu­ment steht in einem Span­nungs­ver­hält­nis zu einer Finanz­po­li­tik, die gegen­wär­ti­ge Aus­ga­ben in erheb­li­chem Umfang über zusätz­li­che Kre­di­te ermög­licht. Denn die kom­men­den Gene­ra­tio­nen müs­sen nicht nur ihre eige­nen staat­li­chen Auf­ga­ben finan­zie­ren, son­dern auch die Zin­sen und Refi­nan­zie­rungs­ri­si­ken über­neh­men, die aus heu­ti­gen Haus­halts­ent­schei­dun­gen ent­ste­hen.

Dabei geht es nicht dar­um, die Unter­stüt­zung der Ukrai­ne grund­sätz­lich infra­ge zu stel­len oder ihre sicher­heits­po­li­ti­sche Bedeu­tung zu bestrei­ten. Es gibt nach­voll­zieh­ba­re Grün­de, einem ange­grif­fe­nen euro­päi­schen Staat mili­tä­risch und finan­zi­ell bei­zu­ste­hen. Eben­so lässt sich argu­men­tie­ren, dass die­se Unter­stüt­zung auch deut­schen Sicher­heits­in­ter­es­sen dient und lang­fris­tig höhe­re Kos­ten ver­hin­dern könn­te. Doch selbst eine poli­tisch und sicher­heits­po­li­tisch begrün­de­te Aus­ga­be ver­liert dadurch nicht ihren Preis. Wer staat­li­ches Han­deln ver­ant­wor­tet, soll­te des­halb sowohl des­sen Nut­zen als auch des­sen Finan­zie­rung und lang­fris­ti­ge Aus­wir­kun­gen offen benen­nen.

Gera­de in einer par­la­men­ta­ri­schen Demo­kra­tie muss es mög­lich sein, über die Kos­ten unter­schied­li­cher poli­ti­scher Prio­ri­tä­ten zu spre­chen, ohne jede Kri­tik an der Finan­zie­rung auto­ma­tisch als Ableh­nung der zugrun­de lie­gen­den Zie­le zu behan­deln. Die Fra­ge, wie viel Unter­stüt­zung Deutsch­land leis­ten kann, wie sie finan­ziert wird und wel­che Belas­tun­gen dadurch ent­ste­hen, ist kei­ne Neben­sa­che. Sie gehört ins Zen­trum einer ver­ant­wor­tungs­vol­len Haus­halts­de­bat­te.

Merz stellt dage­gen einen haus­halts­tech­ni­schen Mecha­nis­mus so dar, als sei damit der wirt­schaft­li­che Ziel­kon­flikt bereits auf­ge­löst. Tat­säch­lich erlaubt die Bereichs­aus­nah­me ledig­lich, zusätz­li­che Kre­di­te auf­zu­neh­men, ohne unmit­tel­bar an ande­rer Stel­le ent­spre­chen­de Ein­spa­run­gen vor­neh­men zu müs­sen. Sie garan­tiert weder dau­er­haft nied­ri­ge Zin­sen noch unbe­grenz­te staat­li­che Ein­nah­men und schon gar nicht, dass die Finan­zie­rungs­kos­ten künf­ti­ge Sozi­al- und Bil­dungs­haus­hal­te unbe­rührt las­sen.

Ob Deutsch­land ange­sichts stei­gen­der Schul­den und Zins­las­ten in eini­gen Jah­ren tat­säch­lich zu erheb­li­chen Kür­zun­gen gezwun­gen sein wird, lässt sich heu­te nicht mit Sicher­heit vor­her­sa­gen. Wirt­schafts­wachs­tum, Steu­er­ein­nah­men, Zins­ent­wick­lung und poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen wer­den dar­über mit­be­stim­men. Doch gera­de die­se Unsi­cher­heit spricht gegen die kate­go­ri­sche Behaup­tung des Bun­des­kanz­lers.

Die ent­schei­den­de Fra­ge lau­tet daher nicht, ob Deutsch­land heu­te zusätz­li­che Mil­li­ar­den für die Ukrai­ne bereit­stel­len kann. Sie lau­tet, wel­che Ver­pflich­tun­gen damit ent­ste­hen und wer sie mor­gen tra­gen muss. Eine Finan­zie­rung auf Kre­dit ver­hin­dert nicht, dass Kos­ten anfal­len. Sie ver­än­dert ledig­lich den Zeit­punkt, zu dem die­se Kos­ten in den öffent­li­chen Haus­hal­ten sicht­bar wer­den.

Wenn Fried­rich Merz erklärt, kein Euro für die Ukrai­ne feh­le bei den Sozi­al- und Bil­dungs­aus­ga­ben, beschreibt er allen­falls die Mög­lich­keit, unmit­tel­ba­re Kür­zun­gen durch zusätz­li­che Schul­den zu ver­mei­den. Eine Zusi­che­rung für die Zukunft kann er dar­aus nicht ablei­ten. Wer Gene­ra­tio­nen­ge­rech­tig­keit zum poli­ti­schen Maß­stab erhebt, muss auch die finan­zi­el­len Kon­se­quen­zen der heu­ti­gen Kre­dit­auf­nah­me berück­sich­ti­gen. Denn Schul­den mögen poli­ti­sche Kon­flik­te in der Gegen­wart ent­schär­fen. Sie besei­ti­gen sie nicht. Sie ver­la­gern einen Teil davon auf die Steu­er­zah­ler und Haus­hal­te von mor­gen.


“Also es braucht sich kei­ne Sor­gen zu machen. Wir müs­sen schon ein biss­chen in die Hän­de spu­cken, aber wir wer­den das mit­ein­an­der schaf­fen.”

Johann Wade­phul (CDU), Bun­des­au­ßen­mi­nis­ter bei May­brit Ill­ner 15.10.2026


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