Krieg als Aus­weg aus der Ver­schul­dung

Zum bevor­ste­hen­den Krieg der NATO gegen Russ­land

Krieg gilt man­chen als radi­ka­ler Aus­weg aus der Staats­schul­den­fal­le. His­to­risch betrach­tet ist das Gegen­teil wahr­schein­li­cher: Krieg hat Staats­schul­den weit häu­fi­ger erzeugt als besei­tigt. Wo die Schul­den­last tat­säch­lich ver­schwand, geschah das fast nie durch den Krieg selbst, son­dern durch das, was ihm folg­te – Hyper­in­fla­ti­on, Wäh­rungs­schnitt oder offe­ne Repu­dia­ti­on. Genau die­ser Preis macht den Krieg als „Lösung“ so teu­er.

Um die The­se prä­zi­se zu prü­fen, lohnt es sich, die vier zen­tra­len Mecha­nis­men zu tren­nen, über die Krieg theo­re­tisch zur Ent­schul­dung bei­tra­gen könn­te:

  1. Beu­te, Tri­but und Repa­ra­tio­nen (Krieg als Ein­nah­me­quel­le)
  2. Infla­tio­nä­re Ent­wer­tung der in eige­ner Wäh­rung deno­mi­nier­ten Schuld
  3. Repu­dia­ti­on bzw. Default, oft im Zusam­men­hang mit Regime­wech­sel
  4. Ablen­kung – der „diver­sio­na­ry war“ zur Siche­rung der Herr­schaft in der Kri­se

Die fol­gen­den his­to­ri­schen Fäl­le zei­gen, unter wel­chen Bedin­gun­gen die­se Mecha­nis­men (par­ti­ell) funk­tio­nier­ten – und war­um sie in der Regel kra­chend schei­ter­ten.

Es ist sinn­voll, die Mecha­nis­men zu tren­nen.

Die vier Mecha­nis­men

1. Beu­te, Tri­but, Repa­ra­tio­nen (Krieg als Ein­nah­me­quel­le) 2. Infla­tio­nä­re Ent­wer­tung der in eige­ner Wäh­rung deno­mi­nier­ten Schuld 3. Repu­dia­ti­on / Default, oft im Zusam­men­hang mit Regime­wech­sel 4. Ablen­kung – der „diver­sio­na­ry war“ zur Siche­rung der Herr­schaft in der Kri­se

Fäl­le, in denen es (par­ti­ell) funk­tio­nier­te

Rom, 2. Jh. v. Chr. Nach den Beu­te­zü­gen in Make­do­ni­en schaff­te Rom 167 v. Chr. das tri­bu­tum für Bür­ger fak­tisch ab – die Pro­vin­zen finan­zier­ten den Staat. Das ist der Ide­al­typ der „Kriegs­di­vi­den­de“, funk­tio­nier­te aber nur in einer Agrar- und Plün­de­rungs­öko­no­mie mit extrak­ti­ven Pro­vin­zen.

Revo­lu­tio­nä­res und napo­leo­ni­sches Frank­reich. Die Bour­bo­nen schei­ter­ten 1789 an der Schul­den­last aus dem Ame­ri­ka­ni­schen Unab­hän­gig­keits­krieg. Die Lösung der Revo­lu­ti­on: Ent­eig­nung des Kir­chen­be­sit­zes, Assi­gna­ten-Hyper­in­fla­ti­on und 1797 die ban­que­rou­te des deux tiers – ein Schul­den­schnitt von zwei Drit­teln. Danach Napo­le­ons Prin­zip „la guer­re doit nourr­ir la guer­re“: Kon­tri­bu­tio­nen aus Ita­li­en, die Til­si­ter Indem­ni­tät Preu­ßens 1807. Das funk­tio­nier­te etwa ein Jahr­zehnt – bis Russ­land und Spa­ni­en die Rech­nung prä­sen­tier­ten.

Deutsch­land 1914–1923. Das Reich finan­zier­te den Krieg ganz über­wie­gend über Inlands­an­lei­hen, in der aus­drück­li­chen Erwar­tung, ein Sieg­frie­den wer­de die Rech­nung über Repa­ra­tio­nen beglei­chen. Die Erwar­tung war falsch, aber die Inlands­schuld ver­schwand trotz­dem – in der Hyper­in­fla­ti­on 1923. Preis: Ver­nich­tung des bür­ger­li­chen Geld­ver­mö­gens und eine der schwers­ten Legi­ti­ma­ti­ons­kri­sen der Wei­ma­rer Repu­blik.

Sowjet­russ­land 1918. Voll­stän­di­ge Repu­dia­ti­on der Zaren­schul­den. Wirk­sam – aber der Preis war jahr­zehn­te­lan­ger Aus­schluss von den inter­na­tio­na­len Kapi­tal­märk­ten.

NS-Deutsch­land. Der inter­es­san­tes­te Fall, weil hier die Kau­sa­li­tät expli­zit ist: Die Auf­rüs­tung ab 1933 wur­de über ver­deck­te Instru­men­te (MEFO-Wech­sel, Reichs­bank­kre­di­te) und wach­sen­de Schul­den finan­ziert, wobei die Expan­si­on selbst zum Refi­nan­zie­rungs­plan wur­de. Ab 1940 tru­gen Besat­zungs­kos­ten, Clea­ring­schul­den und Plün­de­rung – Frank­reich allein steu­er­te einen zwei­stel­li­gen Pro­zent­satz der deut­schen Kriegs­aus­ga­ben bei – sub­stan­zi­ell zur Finan­zie­rung bei (dazu Götz Aly, Hit­lers Volks­staat; Adam Too­ze, Öko­no­mie der Zer­stö­rung). Das Modell funk­tio­nier­te solan­ge, wie neue Gebie­te erobert wur­den – es war ein Schnee­ball­sys­tem. End­sta­ti­on: Wäh­rungs­re­form 1948 und Lon­do­ner Schul­den­ab­kom­men 1953.

Japan. Staats­schuld von rund 200 % des BIP 1944, ent­wer­tet durch Infla­ti­on 1945–49 plus Ver­mö­gens­ab­ga­be. Wie­der: Die Schuld ver­schwand durch die Nie­der­la­ge, nicht durch den Krieg.

Fäl­le, in denen es kra­chend schei­ter­te

Irak 1990. Das Lehr­buch­bei­spiel. Nach dem Iran-Irak-Krieg saß Sad­dam Hus­sein auf etwa 80 Mrd. USD Schul­den, ein gro­ßer Teil davon bei Kuwait und Sau­di-Ara­bi­en. Er for­der­te Schul­den­er­lass, Ölpreis­dis­zi­plin und Kom­pen­sa­ti­on für angeb­li­che kuwai­ti­sche Über­för­de­rung – und mar­schier­te ein, als er sie nicht bekam. Ergeb­nis: Nie­der­la­ge, Sank­tio­nen, Repa­ra­ti­ons­ver­pflich­tun­gen, Regi­meen­de 2003.

Argen­ti­ni­en 1982. Malvinas/Falkland wäh­rend Schul­den­kri­se und Hyper­in­fla­ti­on – der klas­si­sche Ablen­kungs­krieg. Die Jun­ta fiel bin­nen Mona­ten; die Schul­den­kri­se blieb und eska­lier­te 1989.

Spa­ni­sche Habs­bur­ger. Trotz ame­ri­ka­ni­schem Sil­ber und mili­tä­ri­scher Domi­nanz: Staats­bank­rot­te 1557, 1560, 1575, 1596, 1607, 1627, 1647. Krieg war hier der Motor der Insol­venz, nicht ihr Aus­weg.

Groß­bri­tan­ni­en 1815. Der kla­re Sie­ger stand mit rund 200 % Schul­den­quo­te da und brauch­te ein Jahr­hun­dert Pri­mär­über­schüs­se und Wachs­tum zum Abbau – beglei­tet von Defla­ti­on, Corn Laws und mas­si­ven Sozi­al­kon­flik­ten.

Das sys­te­ma­ti­sche Mus­ter

Reinhart/Rogoff (This Time Is Dif­fe­rent) iden­ti­fi­zie­ren Krie­ge als den klas­si­schen Aus­lö­ser von Staats­schul­den­kri­sen und Zah­lungs­aus­fäl­len. Der moder­ne Staats­schul­den­markt selbst ist eine Kriegs­fi­nan­zie­rungs­in­sti­tu­ti­on – die nie­der­län­di­sche und die bri­ti­sche „Finan­cial Revo­lu­ti­on“ ent­stan­den, um Krie­ge zu bezah­len.

Drei Grün­de, war­um die Rech­nung struk­tu­rell nicht auf­geht:

Krie­ge sind teu­er, bevor sie etwas ein­brin­gen. Die Vor­fi­nan­zie­rung ver­schärft die Schul­den­la­ge sofort; der erhoff­te Ertrag ist unsi­cher und liegt in der Zukunft. Für einen Staat in der Schul­den­fal­le ist das die schlech­tes­te denk­ba­re Risi­ko­struk­tur.

Erobe­rung zahlt sich in moder­nen Öko­no­mien kaum aus. Wert­schöp­fung steckt in Human­ka­pi­tal, Insti­tu­tio­nen, Netz­wer­ken und Lie­fer­ket­ten – alles Din­ge, die man nicht abtrans­por­tie­ren kann und die unter Besat­zung und Wider­stand kol­la­bie­ren (Nor­man Angell, The Gre­at Illu­si­on, 1910; dif­fe­ren­zier­ter Peter Liber­man, Does Con­quest Pay?, der kurz­fris­ti­ge Erträ­ge nur für hoch­re­pres­si­ve Besat­zungs­re­gime fin­det).

Alle Ent­las­tungs­me­cha­nis­men funk­tio­nie­ren auch ohne Krieg. Infla­ti­on, Res­truc­tu­ring, Finan­cial Repres­si­on, Wachs­tum: Die USA und Groß­bri­tan­ni­en senk­ten ihre Nach­kriegs­schul­den­quo­ten nach 1945 vor allem durch nega­ti­ve Real­zin­sen, Kapi­tal­ver­kehrs­kon­trol­len und nomi­na­les Wachs­tum. Dafür brauch­te es kei­nen wei­te­ren Krieg – nur Zeit und insti­tu­tio­nel­le Kon­trol­le über die Zins­kur­ve.

Zur Ablen­kungs­hy­po­the­se ist die poli­tik­wis­sen­schaft­li­che Empi­rie gemischt: Es gibt Bele­ge für Ral­ly-around-the-flag-Effek­te und für erhöh­te Kon­flikt­be­reit­schaft unter innen­po­li­ti­schem Druck, aber Auto­kra­tien in wirt­schaft­li­cher Not ver­lie­ren sol­che Krie­ge häu­fig – und Kriegs­nie­der­la­gen sind einer der stärks­ten Prä­dik­to­ren für Regime­sturz.

Fazit

Wenn man die The­se prä­zi­se for­mu­lie­ren will, lau­tet sie nicht „Krieg löst Schul­den­pro­ble­me“, son­dern: Krieg ist ein Mecha­nis­mus, um Schul­den­pro­ble­me so weit zu eska­lie­ren, dass die poli­ti­schen Kos­ten eines Schul­den­schnitts oder einer Wäh­rungs­ver­nich­tung nicht mehr ins Gewicht fal­len. Das ist eine Beschrei­bung von Staats­ver­sa­gen, nicht von Wirt­schafts­po­li­tik.

His­to­risch pro­fi­tier­ten von die­sem Weg fast nie die ver­schul­de­ten Staa­ten selbst, son­dern allen­falls ein­zel­ne Regime – kurz­fris­tig und meist nur bis zur ers­ten ver­lo­re­nen Schlacht. Der ein­zi­ge Fall, in dem eine hoch­ver­schul­de­te Macht dau­er­haft Nut­zen zog, war Napo­le­ons Frank­reich zwi­schen 1796 und 1807, und die Bilanz von 1815 hat auch die­sen Ertrag getilgt.


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