Deutschland versteht sich gerne als Leistungsgesellschaft. Wer hart arbeitet, sich anstrengt, Verantwortung übernimmt und unternehmerischen Mut beweist, soll es zu Wohlstand bringen können. So lautet zumindest das Versprechen. Doch die Realität an der Spitze der Vermögenspyramide erzählt eine andere Geschichte. Laut dem „Billionaire Ambitions Report 2025“ der Schweizer Großbank UBS haben lediglich 26 Prozent der deutschen Milliardäre ihr Vermögen selbst aufgebaut. Die übrigen 74 Prozent gehören nicht zu den sogenannten Selfmade-Milliardären. Bei ihnen spielen insbesondere geerbte und über Generationen weitergegebene Vermögen eine entscheidende Rolle. Diese Zahlen werfen eine unbequeme Frage auf: Wie glaubwürdig ist das Versprechen einer Leistungsgesellschaft, wenn an ihrer finanziellen Spitze vor allem die Herkunft über den Reichtum entscheidet?
In Deutschland lebten nach den UBS-Daten 2025 insgesamt 156 Milliardäre. Ihr gemeinsames Vermögen belief sich auf rund 692 Milliarden US-Dollar. Innerhalb eines Jahres wuchs dieser Betrag um knapp 146 Milliarden Dollar. Während viele Beschäftigte versuchen, steigende Lebenshaltungskosten zu bewältigen, während Familien um bezahlbaren Wohnraum kämpfen und Menschen trotz jahrzehntelanger Erwerbsarbeit nur geringe Rücklagen bilden können, konzentrieren sich an der Spitze gewaltige Vermögen. Diese Gegenüberstellung allein beweist noch keine Ungerechtigkeit. Sie zeigt aber, wie unterschiedlich die wirtschaftlichen Ausgangsbedingungen innerhalb derselben Gesellschaft sind.
Besonders bemerkenswert ist der internationale Vergleich. Während in Deutschland nur 26 Prozent der Milliardäre als Selfmade gelten, sind es in Großbritannien 70 Prozent, in Frankreich 57 Prozent und in der Schweiz 56 Prozent. Deutschland fällt damit durch eine besonders starke Bedeutung von Familienvermögen auf. Ausgerechnet in einem Land, das wirtschaftlichen Erfolg so selbstverständlich mit Fleiß, Disziplin und persönlicher Leistung verbindet, ist der Zugang zur höchsten Vermögensklasse auffallend häufig eine Frage der familiären Herkunft.
Natürlich ist nicht jeder Erbe untätig. Familienunternehmen können Arbeitsplätze schaffen, Innovationen fördern und über Generationen erfolgreich geführt werden. Auch geerbtes Vermögen muss verantwortungsvoll verwaltet werden. Doch zwischen dem Aufbau eines Unternehmens aus eigener Kraft und der Übernahme eines bereits milliardenschweren Vermögens besteht ein grundlegender Unterschied. Wer Milliarden erbt, beginnt sein wirtschaftliches Leben unter Bedingungen, von denen andere Menschen nicht einmal träumen können. Er verfügt über Kapital, Beteiligungen, Netzwerke und Sicherheiten, die neue wirtschaftliche Möglichkeiten eröffnen. Wer hingegen ohne Vermögen geboren wird, muss zunächst einmal seinen Lebensunterhalt finanzieren und kann selbst bei hoher Qualifikation oft nur langsam Eigentum aufbauen.
Problematisch wird diese Ungleichheit dort, wo sie durch politische Rahmenbedingungen dauerhaft verfestigt wird. Das deutsche Erbschaftsteuerrecht ermöglicht für begünstigtes Unternehmensvermögen erhebliche Steuerbefreiungen. Unter bestimmten Voraussetzungen können 85 Prozent, in besonderen Fällen sogar 100 Prozent des begünstigten Vermögens steuerfrei übertragen werden. Für große Vermögensübertragungen gelten zusätzliche Regeln und Prüfungen. Befürworter dieser Privilegien verweisen auf den Erhalt von Unternehmen und Arbeitsplätzen. Dieses Anliegen ist ernst zu nehmen. Dennoch bleibt die Frage berechtigt, ob der Schutz von Betrieben tatsächlich eine derart weitreichende steuerliche Begünstigung großer Erbschaften erfordert oder ob gezielte Stundungsregelungen denselben Zweck erfüllen könnten.
Denn hier entsteht ein grundlegender Widerspruch: Einkommen aus Arbeit wird regelmäßig besteuert, während die Übertragung großer Vermögenswerte unter bestimmten Bedingungen weitreichend steuerlich begünstigt sein kann. Die Menschen, die täglich in Unternehmen arbeiten, Produkte herstellen, Menschen pflegen oder Dienstleistungen erbringen, tragen zur wirtschaftlichen Wertschöpfung bei. Trotzdem haben viele von ihnen kaum eine realistische Aussicht, jemals ein nennenswertes Vermögen anzusammeln. Andere erhalten durch Geburt wirtschaftliche Möglichkeiten, für die selbst mehrere Generationen durchschnittlicher Erwerbseinkommen nicht ausreichen würden.
Diese Entwicklung hat Folgen, die über private Vermögensverhältnisse hinausreichen. Große Vermögen bedeuten nicht nur Konsummöglichkeiten, sondern auch wirtschaftliche Macht. Wer erhebliche Unternehmensanteile besitzt, kann Investitionsentscheidungen beeinflussen, Kapitalströme lenken und über Beteiligungen wirtschaftlichen Einfluss ausüben. Wenn solche Positionen überwiegend innerhalb weniger Familien weitergegeben werden, entsteht das Risiko einer dauerhaften Konzentration wirtschaftlicher Entscheidungsmacht. Demokratische Gleichheit vor dem Gesetz beseitigt diese Unterschiede wirtschaftlicher Einflussmöglichkeiten nicht automatisch.
Die Zahlen der Bundesbank unterstreichen das strukturelle Problem. Nach ihrer Vermögensuntersuchung für 2023 verfügten die vermögendsten zehn Prozent der privaten Haushalte über einen weit überwiegenden Anteil des Nettovermögens, während die ärmere Hälfte zusammen nur auf einen sehr kleinen Bruchteil kam. Die Unterschiede entstehen nicht ausschließlich durch Erbschaften. Einkommen, Immobilienbesitz, Unternehmensbeteiligungen und langfristige Kapitalerträge spielen ebenfalls eine Rolle. Doch große Erbschaften können bestehende Unterschiede über Generationen hinweg stabilisieren und verstärken.
Es geht bei dieser Kritik nicht darum, unternehmerische Leistung geringzuschätzen oder Menschen für ihren familiären Hintergrund verantwortlich zu machen. Ebenso wenig ist Vermögen an sich ein gesellschaftliches Problem. Unternehmen benötigen Kapital, Investitionen schaffen Arbeitsplätze, und Eigentum ist ein wichtiger Bestandteil wirtschaftlicher Freiheit. Die entscheidende Frage lautet vielmehr, ob wirtschaftliche Chancen ausreichend offenstehen oder ob sich Wohlstand zunehmend in bereits vermögenden Familien reproduziert.
Eine Gesellschaft, die sich ernsthaft als Leistungsgesellschaft versteht, müsste deshalb stärker darauf achten, dass Bildung, beruflicher Aufstieg, Unternehmensgründungen und Vermögensbildung nicht maßgeblich vom Elternhaus abhängen. Dazu gehört auch eine sachliche Diskussion darüber, wie sehr große Erbschaften besteuert werden sollten, ohne wirtschaftlich tragfähige Familienunternehmen zu gefährden. Entscheidend ist nicht, Erfolge zu bestrafen, sondern nachvollziehbare Regeln zu schaffen, unter denen Leistung und Herkunft nicht dauerhaft in einem derart ungleichen Verhältnis stehen.
Die UBS-Analyse ist deshalb mehr als eine Statistik über außergewöhnlich reiche Menschen. Sie hält dem deutschen Selbstverständnis einen Spiegel vor. Wenn fast drei Viertel der Milliardäre ihr Vermögen nicht selbst aufgebaut haben, lässt sich extremer Reichtum kaum überzeugend allein mit persönlichem Fleiß und individueller Leistung erklären.
Eine Gesellschaft, in der harte Arbeit als Schlüssel zum Wohlstand gilt, die größten Vermögen aber überwiegend über Generationen weitergegeben werden, muss sich fragen, ob sie tatsächlich Leistung belohnt – oder vor allem den Besitz der richtigen Vorfahren.
Am Ende geht es nicht um Neid auf Reiche, sondern um die Glaubwürdigkeit eines gesellschaftlichen Grundversprechens: dass die Zukunft eines Menschen nicht schon wesentlich durch seinen familiären Hintergrund bestimmt sein sollte. Solange die wirtschaftliche Herkunft so stark über die Chancen auf außergewöhnlichen Reichtum entscheidet, bleibt dieses Versprechen zumindest an der Spitze der Vermögensverteilung unerfüllt.
Quelle: Billionaire Ambitions Report 2025
Der „Billionaire Ambitions Report 2025“ von UBS („The rise of a new generation“) analysiert die weltweite Vermögensentwicklung von Milliardären (Datenbasis bis April 2025) sowie die Ansichten einer exklusiven Befragung von 87 Milliardärs-Kunden.
1. Rekordzahlen: Mehr Milliardäre und neues Vermögenshoch
- Gesamtvermögen: Stieg um 13 % von 13,97 auf einen Rekordwert von 15,8 Billionen US-Dollar (der zweithöchste jährliche Zuwachs nach 2021).
- Anzahl der Milliardäre: Wuchs um 8,8 % auf 2.919 Personen (2024: 2.682).
- Zwei Haupttreiber:
- Self-Made-Boom: 196 Personen wurden aus eigener Kraft Milliardäre (zusammen 386,5 Mrd. USD). Getrieben nicht nur von KI, sondern von breit gestreuten Branchen (Genetik, LNG, Software, Gastronomie).
- Erbschaftswelle: 91 Personen wurden durch Erbschaften zu Milliardären – mit einem Rekord-Erbvolumen von 297,8 Mrd. USD (+36 % ggü. 2024).
2. Die „Große Vermögensübertragung“ (Great Wealth Transfer)
- Ausblick bis 2040: Milliardäre ab 70 Jahren werden in den nächsten 15 Jahren schätzungsweise 6,9 Billionen USD weitergeben. Mindestens 5,9 Billionen USD davon gehen direkt oder über Ehepartner an Nachkommen.
- Geografische Verteilung des Erbes:
- Nordamerika (v. a. USA): ca. 2,84 Billionen USD.
- Westeuropa: ca. 1,30 Billionen USD (angeführt von Frankreich, Deutschland und der Schweiz).
- Asien-Pazifik: über 1,17 Billionen USD (stärkster Markt: Indien mit 382,4 Mrd. USD, gefolgt von Greater China mit 407 Mrd. USD).
3. Regionale Gewinner und Verlierer
- Nordamerika / USA: Unangefochtene Spitze. Die USA verzeichnen 924 Milliardäre (+10,7 %) mit einem Vermögen von fast 6,9 Billionen USD (+18,0 %).
- Europa (EMEA):
- Deutschland sticht heraus: Das deutsche Milliardärsvermögen sprang um +26,7 % auf 692,1 Mrd. USD (156 Milliardäre). Getrieben wurde dies u. a. durch Vermögenserbschaften zweier großer Pharmafamilien.
- Frankreich verliert: Vermögen sank um -11,6 % auf 508,6 Mrd. USD, primär durch Kurskorrekturen im Luxusgütersektor (Bernard Arnault, Françoise Bettencourt).
- Schweiz: Zweitreichster Markt Westeuropas mit 518,4 Mrd. USD (+4,4 %).
- Asien-Pazifik:
- China: Zuwachs auf 1,77 Billionen USD (+22,2 %, 470 Milliardäre), trotz starker Volatilität.
- Singapur: Starker Aufsteiger mit einem Vermögensplus von +66,4 % (auf 258,8 Mrd. USD).
4. Sektoren und Geschlechterdynamik
- Branchen:
- Technologie: Wuchs um 23,8 % auf 3,0 Billionen USD – getrieben von Unternehmen der KI-Welle (Nvidia, Meta, Oracle).
- Industrie (Industrials): Erzielte mit +27,1 % das schnellste Wachstum (u. a. durch SpaceX/Elon Musk und BYD).
- Konsum & Handel: Verlangsamte sich (+5,3 %), bleibt mit 3,1 Billionen USD aber vorerst der größte Sektor.
- Frauen auf der Überholspur:
- Weltweit gibt es 374 Milliardärinnen gegenüber 2.545 Männern.
- Das Durchschnittsvermögen der Frauen wuchs mit 8,4 % (auf 5,2 Mrd. USD) jedoch mehr als doppelt so schnell wie das der Männer (+3,2 % auf 5,4 Mrd. USD).
- Frauen erben ihr Vermögen deutlich häufiger (bei den Neu-Milliardärinnen machten Erbinnen fast zwei Drittel aus).
5. Ergebnisse der Milliardärs-Umfrage (Werte, Strategie & Risiken)
- Einstellung zum Nachwuchs:
- 82 % wollen, dass ihre Kinder ihren eigenen Weg gehen und eigenständige Fähigkeiten entwickeln, anstatt sich auf das Erbe zu verlassen.
- Nur 43 % legen Wert darauf, dass die Kinder das bestehende Familienunternehmen zwingend fortführen.
- Steigende Langlebigkeit:
- 81 % erwarten, länger zu leben als noch vor zehn Jahren gedacht (44 % sogar deutlich länger).
- Folge: Regelmäßigere Überarbeitung von Testamenten/Trusts (58 %) und Ausrichtung auf wesentlich längerfristige Anlagehorizonte (42 %).
- Hohe Mobilität:
- 36 % sind bereits umgezogen, weitere 9 % ziehen es in Betracht (bei unter 54-Jährigen sind es 44 % bzw. 15 %).
- Hauptgründe: Bessere Lebensqualität (36 %), Geopolitik (36 %) und Steueroptimierung (35 %).
- Anlagetrends & Größte Sorgen (nächste 12 Monate):
- Investitionen: Beliebt sind direkte Private-Equity-Beteiligungen (49 % wollen ausbauen), Hedgefonds (43 %) sowie Realwerte (Infrastruktur 35 %, Gold/Edelmetalle 32 %). Das Interesse an Schwellenländer-Aktien erholt sich (42 % Aufstockung).
- Größte Marktrisiken: Zölle (66 %), geopolitische Konflikte (63 %) und politische Unsicherheit (59 %) rangieren ganz oben auf der Sorgenliste.