Auf den ersten Blick wirkt die Lage der deutschen Kommunen komfortabel. Im Jahr 2025 nahmen die Gemeinden rund 76,4 Milliarden Euro an Gewerbesteuer ein. Das waren 1,1 Milliarden Euro beziehungsweise 1,5 Prozent mehr als im Vorjahr. Damit erreichten die Gewerbesteuereinnahmen zum fünften Mal in Folge einen neuen Höchststand. Seit dem Einbruch im ersten Corona-Jahr 2020 sind die Einnahmen kontinuierlich gestiegen.
Trotzdem klagen viele Städte und Gemeinden über eine zunehmend schwierige Finanzlage. Dieser scheinbare Widerspruch löst sich auf, wenn man nicht nur auf eine einzelne Einnahmequelle blickt, sondern auf den gesamten kommunalen Haushalt. Ein Rekord bei der Gewerbesteuer bedeutet nämlich nicht automatisch, dass eine Kommune finanziell gut dasteht. Entscheidend ist, wie sich Einnahmen und Ausgaben zueinander entwickeln. Steigen die Ausgaben stärker als die Einnahmen, kann selbst ein Einnahmerekord mit einem hohen Defizit einhergehen.
Genau darin liegt das zentrale Problem. Kommunen müssen eine Vielzahl von Aufgaben finanzieren. Dazu gehören Schulen, Kindertagesstätten, Straßen, öffentlicher Nahverkehr, Feuerwehr, Verwaltung, soziale Leistungen, Jugendhilfe, Kultur und zahlreiche weitere Bereiche der öffentlichen Daseinsvorsorge. Viele dieser Ausgaben lassen sich kurzfristig kaum reduzieren. Gleichzeitig sind in den vergangenen Jahren unter anderem Personal‑, Bau‑, Energie- und Finanzierungskosten deutlich gestiegen. Hinzu kommt ein erheblicher Investitionsbedarf bei Schulen, Straßen, Brücken und anderen kommunalen Einrichtungen.
Die Gewerbesteuer allein vermittelt deshalb nur ein unvollständiges Bild. Sie ist zwar eine der wichtigsten eigenen Einnahmequellen der Kommunen, aber nur ein Bestandteil ihres gesamten Finanzierungssystems. Hinzu kommen unter anderem Anteile an Einkommen- und Umsatzsteuer, die Grundsteuer, Gebühren sowie Zuweisungen von Bund und Ländern. Auf der anderen Seite stehen zahlreiche gesetzlich vorgeschriebene oder politisch kaum vermeidbare Ausgaben. Ob eine Gemeinde finanziell handlungsfähig ist, hängt daher nicht von einer einzelnen Steuerart ab, sondern vom Verhältnis aller Einnahmen zu den laufenden Verpflichtungen.
Auch die Grundsteuer zeigt, dass steigende Einzelwerte nicht automatisch für eine grundlegend verbesserte Finanzlage sprechen. Die Einnahmen aus allen Grundsteuern zusammen lagen 2025 bei 16,1 Milliarden Euro und damit insgesamt auf dem Niveau des Vorjahres. Die Grundsteuer A sank deutlich, während die Grundsteuer B leicht zunahm. Insgesamt erzielten die Gemeinden aus Grund- und Gewerbesteuer rund 92,5 Milliarden Euro. Gegenüber 2024 war das ein Zuwachs von 1,3 Prozent.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass die Lage regional sehr unterschiedlich ist. Bundesweite Rekordwerte sagen wenig darüber aus, wie es einer einzelnen Stadt oder Gemeinde geht. Während Schleswig-Holstein und das Saarland 2025 jeweils ein Plus von 13 Prozent bei den Gewerbesteuereinnahmen verzeichneten und Hamburg um 11,1 Prozent zulegte, gingen die Einnahmen in mehreren Ländern zurück. Besonders deutlich war der Rückgang in Bremen mit minus 12 Prozent und in Baden-Württemberg mit minus 7,2 Prozent. Auch Sachsen, Brandenburg und Rheinland-Pfalz meldeten sinkende Einnahmen.
Diese Unterschiede setzen sich innerhalb der Bundesländer fort. Eine wirtschaftsstarke Stadt mit großen Unternehmen und hohen Gewerbesteuerzahlungen kann finanziell wesentlich besser dastehen als eine ländliche oder strukturschwache Gemeinde. Gleichzeitig können einzelne große Steuerzahler das Gewerbesteueraufkommen einer Kommune stark beeinflussen. Fällt ein bedeutendes Unternehmen aus oder sinken dessen Gewinne, kann sich die Einnahmesituation kurzfristig deutlich verschlechtern.
Hinzu kommt, dass hohe nominale Einnahmen nicht automatisch eine höhere reale Finanzkraft bedeuten. Wenn gleichzeitig Kosten und Preise steigen, verliert ein Teil des zusätzlichen Geldes an Wirkung. Eine Kommune kann also mehr Euro einnehmen als jemals zuvor und sich dennoch weniger leisten als in früheren Jahren. Besonders problematisch wird das, wenn notwendige Investitionen über Jahre aufgeschoben wurden und nun gleichzeitig finanziert werden müssten.
Deshalb ist die Aussage, den Kommunen gehe es wegen hoher Gewerbesteuereinnahmen finanziell gut, zu kurz gegriffen. Ebenso pauschal wäre allerdings die Behauptung, alle Gemeinden seien grundsätzlich zahlungsunfähig oder schlecht finanziert. Die Realität ist deutlich differenzierter. Es gibt finanzstarke Kommunen mit erheblichen Spielräumen ebenso wie Städte und Gemeinden, die kaum noch in der Lage sind, ihre Pflichtaufgaben und notwendigen Investitionen gleichzeitig zu finanzieren.
Die aktuellen Rekordeinnahmen bei der Gewerbesteuer zeigen somit vor allem eines: Die kommunale Einnahmeseite hat sich in den vergangenen Jahren positiv entwickelt. Sie sagen jedoch wenig darüber aus, ob die finanzielle Handlungsfähigkeit der Gemeinden tatsächlich gestiegen ist. Wer die Lage seriös beurteilen will, muss deshalb mehr betrachten als nur die Höhe der Steuereinnahmen. Entscheidend sind der gesamte Finanzierungssaldo, die Schulden, die laufenden Ausgaben, die Investitionen und die Frage, wie viel finanzieller Spielraum einer Kommune nach Erfüllung ihrer Pflichtaufgaben tatsächlich bleibt.
Der scheinbare Widerspruch zwischen Rekordeinnahmen und Klagen über leere Kassen ist daher keiner. Beides kann gleichzeitig zutreffen: Die Kommunen können historisch hohe Steuereinnahmen erzielen und dennoch unter erheblichem finanziellen Druck stehen. Entscheidend ist nicht, wie viel Geld hereinkommt, sondern ob es ausreicht, um die ebenfalls steigenden Aufgaben und Kosten dauerhaft zu finanzieren.