Was ist Euge­nik?

Euge­nik bezeich­net die Vor­stel­lung, die gene­ti­schen Eigen­schaf­ten einer Bevöl­ke­rung gezielt beein­flus­sen zu kön­nen, um bestimm­te als „erwünscht“ ange­se­he­ne Erb­an­la­gen zu för­dern und ande­re als „uner­wünscht“ bewer­te­te zu redu­zie­ren.

Der Begriff stammt aus dem Grie­chi­schen und bedeu­tet sinn­ge­mäß „von guter Abstam­mung“.

1. Grund­idee der Euge­nik

Die Euge­nik beruht auf der Annah­me, dass sich die gene­ti­sche Zusam­men­set­zung einer Bevöl­ke­rung durch die Steue­rung der Fort­pflan­zung ver­än­dern lässt.

His­to­risch unter­schei­det man zwei For­men:

  • Posi­ti­ve Euge­nik: Men­schen mit ver­meint­lich „guten“ Erb­an­la­gen sol­len dazu ermu­tigt wer­den, mehr Kin­der zu bekom­men.
  • Nega­ti­ve Euge­nik: Men­schen mit ver­meint­lich „schlech­ten“ Erb­an­la­gen sol­len dar­an gehin­dert wer­den, Kin­der zu bekom­men.

Dabei wur­den bei­spiels­wei­se Intel­li­genz, Gesund­heit, Behin­de­run­gen oder sozia­le Eigen­schaf­ten als Kri­te­ri­en her­an­ge­zo­gen.

2. His­to­ri­scher Hin­ter­grund

Der bri­ti­sche Wis­sen­schaft­ler Fran­cis Gal­ton präg­te 1883 den Begriff Euge­nik. Er war von den Erkennt­nis­sen sei­nes Cou­sins Charles Dar­win über Evo­lu­ti­on und Ver­er­bung beein­flusst.

Im spä­ten 19. und frü­hen 20. Jahr­hun­dert gewann die Euge­nik in vie­len Län­dern Anhän­ger, dar­un­ter Groß­bri­tan­ni­en, die USA, Schwe­den und Deutsch­land.

Beson­ders ver­hee­ren­de Fol­gen hat­te sie wäh­rend des Natio­nal­so­zia­lis­mus:

  • Zwangs­ste­ri­li­sa­ti­on von Hun­dert­tau­sen­den Men­schen.
  • Sys­te­ma­ti­sche Ver­fol­gung von Men­schen mit Behin­de­run­gen und psy­chi­schen Erkran­kun­gen.
  • Ermor­dung von Men­schen im Rah­men der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen „Euthanasie“-Programme.
  • Ras­sen­ideo­lo­gi­sche Bevöl­ke­rungs­po­li­tik und Ver­fol­gung bestimm­ter Bevöl­ke­rungs­grup­pen.

3. War­um ist Euge­nik pro­ble­ma­tisch?

Das zen­tra­le Pro­blem besteht dar­in, dass Men­schen anhand ihrer ver­meint­li­chen gene­ti­schen Qua­li­tät bewer­tet wer­den.

Hin­zu kom­men wis­sen­schaft­li­che Schwie­rig­kei­ten: Vie­le mensch­li­che Eigen­schaf­ten, etwa Intel­li­genz oder Ver­hal­ten, ent­ste­hen durch kom­ple­xe Wech­sel­wir­kun­gen zwi­schen Genen, Umwelt und Lebens­be­din­gun­gen. Sie las­sen sich nicht ein­fach gezielt „her­an­züch­ten“.

Euge­ni­sche Pro­gram­me waren zudem häu­fig mit Ras­sis­mus, Dis­kri­mi­nie­rung, Zwang und schwe­ren Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen ver­bun­den.

4. Gibt es Euge­nik heu­te noch?

Heu­te wird der Begriff ins­be­son­de­re im Zusam­men­hang mit moder­nen Fort­pflan­zungs­tech­no­lo­gien dis­ku­tiert, bei­spiels­wei­se:

  • Prä­im­plan­ta­ti­ons­dia­gnos­tik (PID), bei der Embryo­nen auf bestimm­te gene­ti­sche Merk­ma­le unter­sucht wer­den.
  • Prä­na­tal­dia­gnos­tik, bei der gene­ti­sche Erkran­kun­gen vor der Geburt erkannt wer­den kön­nen.
  • Geno­me­di­tie­rung, etwa mit­hil­fe von CRIS­PR-Cas9.

Wich­tig ist die Unter­schei­dung: Nicht jede gene­ti­sche Unter­su­chung oder medi­zi­ni­sche Ent­schei­dung zur Ver­mei­dung einer Erb­krank­heit ist Euge­nik. Ent­schei­dend sind unter ande­rem die Ziel­set­zung, die Frei­wil­lig­keit, der Umgang mit Men­schen mit Behin­de­run­gen und die Fra­ge, ob bestimm­te Men­schen oder gene­ti­sche Eigen­schaf­ten gesell­schaft­lich als weni­ger wert­voll ein­ge­stuft wer­den.

Kurz gesagt: Euge­nik ist der Ver­such, die gene­ti­sche Zusam­men­set­zung künf­ti­ger Gene­ra­tio­nen nach bestimm­ten Wert­vor­stel­lun­gen zu beein­flus­sen. His­to­risch führ­te die­ser Gedan­ke zu mas­si­ven Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen. Heu­te steht ins­be­son­de­re die ethi­sche Gren­ze zwi­schen frei­wil­li­ger medi­zi­ni­scher Gene­tik und gesell­schaft­li­cher Selek­ti­on zur Dis­kus­si­on.

Euge­nik und natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ras­sen­ideo­lo­gie

Die Euge­nik war ein zen­tra­ler Bestand­teil der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ras­sen­ideo­lo­gie. Die Natio­nal­so­zia­lis­ten woll­ten die Bevöl­ke­rung nach ihren Vor­stel­lun­gen von „gesun­dem“ und „wert­vol­lem“ Erb­gut ver­än­dern. Dar­aus ent­wi­ckel­ten sie eine staat­li­che Poli­tik der Zwangs­ste­ri­li­sa­ti­on, Aus­gren­zung und schließ­lich der sys­te­ma­ti­schen Ermor­dung von Men­schen.

1. Die Idee der „Ras­sen­hy­gie­ne“

Die Natio­nal­so­zia­lis­ten über­nah­men älte­re euge­ni­sche Vor­stel­lun­gen und ver­ban­den sie mit ihrem Ras­sis­mus und ihrer Vor­stel­lung einer angeb­lich bio­lo­gisch über­le­ge­nen „ari­schen Ras­se“.

Sie teil­ten Men­schen nach ideo­lo­gi­schen Kri­te­ri­en ein:

  • „Erb­ge­sund“ und „wert­voll“: Men­schen, deren Fort­pflan­zung geför­dert wer­den soll­te.
  • „Erb­krank“ und „min­der­wer­tig“: Men­schen, denen die Fort­pflan­zung ver­bo­ten wer­den soll­te.
  • „Lebens­un­wer­tes Leben“: Eine men­schen­ver­ach­ten­de Bezeich­nung, mit der die Natio­nal­so­zia­lis­ten spä­ter auch die Ermor­dung kran­ker und behin­der­ter Men­schen recht­fer­tig­ten.

Die­se Ein­tei­lun­gen waren wis­sen­schaft­lich nicht halt­bar und dien­ten der Dis­kri­mi­nie­rung und Ver­fol­gung.

2. Wie Euge­nik im NS-Staat umge­setzt wur­de

1933

Gesetz zur Ver­hü­tung erb­kran­ken Nach­wuch­ses

Am 14. Juli 1933 wur­de die­ses Gesetz beschlos­sen. Es ermög­lich­te die Zwangs­ste­ri­li­sa­ti­on von Men­schen, die als „erb­krank“ gal­ten. Ins­ge­samt wur­den wäh­rend der NS-Herr­schaft etwa 400.000 Men­schen gegen ihren Wil­len ste­ri­li­siert.

1935

Ehe­ver­bo­te und ras­sis­ti­sche Gesetz­ge­bung

Das Ehe­ge­sund­heits­ge­setz schränk­te die Ehe­schlie­ßung bestimm­ter Men­schen auf­grund ver­meint­li­cher Erb­krank­hei­ten ein. Die Nürn­ber­ger Ras­sen­ge­set­ze ver­bo­ten unter ande­rem Ehen zwi­schen Juden und Men­schen „deut­schen oder art­ver­wand­ten Blu­tes“. Euge­ni­sche Vor­stel­lun­gen und ras­sis­ti­sche Ver­fol­gungs­po­li­tik wirk­ten dabei zusam­men.

1939

Beginn der sys­te­ma­ti­schen Kran­ken­mor­de

Das Regime orga­ni­sier­te die Ermor­dung von Men­schen mit kör­per­li­chen und geis­ti­gen Behin­de­run­gen sowie psy­chi­schen Erkran­kun­gen. Das Mord­pro­gramm wur­de unter dem Tarn­be­griff „Eutha­na­sie“ bekannt.

1940–45

„Akti­on T4“ und wei­te­re Kran­ken­mor­de

Mehr als 70.000 Men­schen wur­den bis August 1941 in sechs Tötungs­an­stal­ten ermor­det, vor allem durch Koh­len­mon­oxid. Danach gin­gen die Mor­de dezen­tral wei­ter. Ins­ge­samt star­ben durch die natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Kran­ken­mord­pro­gram­me schät­zungs­wei­se 250.000 Men­schen.

3. Wie wur­de die Euge­nik gerecht­fer­tigt?

Die Natio­nal­so­zia­lis­ten nutz­ten Pro­pa­gan­da und eine ver­meint­lich wis­sen­schaft­li­che Argu­men­ta­ti­on. Dabei behaup­te­ten sie unter ande­rem:

  • Men­schen mit Behin­de­run­gen ver­ur­sach­ten zu hohe staat­li­che Kos­ten.
  • Angeb­lich „schlech­te“ Erb­an­la­gen gefähr­de­ten die Zukunft des deut­schen Vol­kes.
  • Die Fort­pflan­zung bestimm­ter Bevöl­ke­rungs­grup­pen müs­se staat­lich gesteu­ert wer­den.

Ärz­te, Psych­ia­ter, Wis­sen­schaft­ler und Rich­ter waren an der Umset­zung betei­ligt. Die NS-Poli­tik wur­de somit nicht nur durch Par­tei­or­ga­ne, son­dern auch durch medi­zi­ni­sche und staat­li­che Insti­tu­tio­nen getra­gen.

4. Zusam­men­hang mit dem Holo­caust

Die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Euge­nik und der Holo­caust waren ideo­lo­gisch mit­ein­an­der ver­bun­den, aber nicht iden­tisch.

Die Euge­nik ziel­te auf die ver­meint­li­che gene­ti­sche „Ver­bes­se­rung“ der Bevöl­ke­rung. Der natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Anti­se­mi­tis­mus erklär­te dage­gen Juden unab­hän­gig von ihrer indi­vi­du­el­len Gesund­heit oder gene­ti­schen Aus­stat­tung zu einer angeb­li­chen ras­si­schen Bedro­hung.

Auch orga­ni­sa­to­risch gab es Ver­bin­dun­gen: Per­so­nal und Tötungs­tech­ni­ken aus der „Akti­on T4“ wur­den spä­ter in natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­nich­tungs­la­gern ein­ge­setzt.

5. Gab es Euge­nik schon vor Hit­ler?

Ja. Das ist his­to­risch beson­ders wich­tig.

Euge­ni­sche Vor­stel­lun­gen waren bereits vor 1933 in Deutsch­land, Groß­bri­tan­ni­en, den USA und ande­ren Län­dern ver­brei­tet. Auch außer­halb des Natio­nal­so­zia­lis­mus gab es staat­li­che Zwangs­ste­ri­li­sa­tio­nen.

Die Natio­nal­so­zia­lis­ten haben die Euge­nik also nicht erfun­den. Sie radi­ka­li­sier­ten bestehen­de Vor­stel­lun­gen, ver­ban­den die­se mit ihrer Ras­sen­ideo­lo­gie und mach­ten dar­aus ein umfas­sen­des staat­li­ches Ver­fol­gungs- und Mord­pro­gramm.

Die ent­schei­den­de his­to­ri­sche Fra­ge lau­tet: Wie konn­te eine Leh­re, die vor­gab, die Gesund­heit zukünf­ti­ger Gene­ra­tio­nen ver­bes­sern zu wol­len, zur Recht­fer­ti­gung von Zwangs­ste­ri­li­sa­ti­on und Mas­sen­mord die­nen?

Die Ant­wort liegt ins­be­son­de­re in der Ver­bin­dung von bio­lo­gi­schem Deter­mi­nis­mus, staat­li­chem Zwang, ras­sis­ti­scher Ideo­lo­gie und der Vor­stel­lung, dass der Wert eines Men­schen von sei­ner ver­meint­li­chen bio­lo­gi­schen Nütz­lich­keit abhän­ge.


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