Nach Jahren der Stagnation mehren sich die Anzeichen, dass die deutsche Wirtschaft auf einen moderaten Wachstumspfad zurückfindet. Von einem kräftigen Aufschwung kann keine Rede sein. Bessere Konjunkturdaten, steigende öffentliche Investitionen und vorsichtig optimistischere Unternehmenserwartungen sprechen aber für eine allmähliche Erholung.
Zum Jahresbeginn erwies sich die Konjunktur robuster als erwartet: Das reale Bruttoinlandsprodukt legte im ersten Quartal 2026 preis‑, saison- und kalenderbereinigt um 0,3 Prozent gegenüber dem Vorquartal zu. Getragen wurde die Entwicklung vor allem von höheren Exporten; auch der private und der staatliche Konsum lagen über dem Vorjahresniveau. Die Ausrüstungsinvestitionen zogen leicht an, während die Bauwirtschaft weiter schwach blieb.
Der wichtigste Wachstumsimpuls dürfte in den kommenden Jahren von der Finanzpolitik kommen. Der Bund plant hohe Ausgaben für Verteidigung, Verkehrswege, Energieversorgung und weitere Infrastruktur. Nach Berechnungen der Bundesbank könnten die zusätzlichen staatlichen Maßnahmen das kumulierte Wachstum bis 2028 um rund 1,3 Prozentpunkte erhöhen. Die öffentliche Nachfrage würde damit einen Teil der Schwäche ausgleichen, die bei den privaten Investitionen und in wichtigen Industriezweigen anhält.
Auch die Stimmung in den Unternehmen hat sich aufgehellt. Der ifo-Geschäftsklimaindex stieg im Juli 2026 auf 86,6 Punkte – ausschlaggebend waren deutlich bessere Erwartungen, während die Unternehmen ihre aktuelle Lage weiterhin zurückhaltend bewerteten. Das Niveau bleibt niedrig, doch die Richtungsänderung zeigt: Die Wirtschaft blickt weniger pessimistisch auf die kommenden Monate.
Entsprechend verhalten, aber überwiegend aufwärtsgerichtet sind die Prognosen. Die Bundesbank erwartet in ihrer jüngsten Deutschland-Prognose ein kalenderbereinigtes Wachstum von 0,5 Prozent für 2026 und 0,8 Prozent für 2027, gefolgt von einer Beschleunigung auf 1,4 Prozent im Jahr 2028. Ohne Kalenderbereinigung liegen die Werte für 2026 und 2027 bei 0,7 beziehungsweise 0,9 Prozent. Die Europäische Kommission rechnet ebenfalls mit einer schrittweisen Erholung und erwartet 0,6 Prozent Wachstum für 2026 sowie 0,9 Prozent für 2027.
Im günstigen Fall greifen mehrere Entwicklungen ineinander: Sinkende Energiepreise entlasten die Kaufkraft der Haushalte und die Margen der Unternehmen, steigende Realeinkommen stabilisieren den Konsum, und staatliche Aufträge stärken die Nachfrage in der Bauwirtschaft, im Maschinenbau, in der Elektrotechnik und in der Verteidigungsindustrie. Mit besserer Kapazitätsauslastung könnten ab 2027 auch die privaten Unternehmensinvestitionen wieder anziehen. Die Bundesbank erwartet zudem, dass sich Exporte und Wohnungsbau im weiteren Verlauf erholen.
Voraussetzung ist allerdings, dass die staatlichen Mittel zügig in konkrete Projekte fließen. Langwierige Genehmigungsverfahren, Fachkräftemangel und begrenzte Baukapazitäten können die Wirkung verzögern. Hinzu kommen hohe Energiekosten, demografische Belastungen, eine schwache Produktivitätsentwicklung und wachsender internationaler Wettbewerbsdruck. Auch politische Unsicherheit und Konflikte innerhalb der Bundesregierung könnten Reformen und Investitionsentscheidungen bremsen.
Ein Risiko bleibt die Inflation. Die Bundesbank rechnet für 2026 mit einer höheren Teuerungsrate, bevor der Preisauftrieb bis 2028 nachlässt. Ein erneuter Energiepreisschock würde Konsum und Industrie gleichzeitig belasten und die Erholung hinauszögern.
Insgesamt spricht die Datenlage für eine vorsichtige Stabilisierung – nicht für einen Boom. Deutschland kann in den kommenden Jahren wieder etwas stärker wachsen, wenn die öffentlichen Investitionen tatsächlich umgesetzt werden, die Energiepreise nachgeben und Konsum, Exporte und private Investitionen schrittweise anziehen. Die wahrscheinlichste positive Entwicklung ist damit kein sprunghafter Aufschwung, sondern eine langsame Rückkehr zu moderatem Wachstum.