Über die AfD reden, statt mit ihr zu strei­ten – ein Pro­blem unse­rer poli­ti­schen Debat­ten­kul­tur

Wer heu­te poli­ti­sche Dis­kus­si­ons­sen­dun­gen im öffent­lich-recht­li­chen Fern­se­hen ver­folgt, kann sich bis­wei­len des Ein­drucks nicht erweh­ren, dass dort zwar viel über die AfD gespro­chen wird, eine unmit­tel­ba­re Aus­ein­an­der­set­zung mit ihren Posi­tio­nen aber ver­gleichs­wei­se sel­ten statt­fin­det. Jour­na­lis­ten, Poli­tik­ex­per­ten und Ver­tre­ter eta­blier­ter Par­tei­en dis­ku­tie­ren über den Auf­stieg der AfD, über die Gefah­ren des Rechts­po­pu­lis­mus, über die Brand­mau­er und gele­gent­lich über ein mög­li­ches Par­tei­ver­bot. Dabei ent­steht häu­fig eine bemer­kens­wer­te Einig­keit in der grund­sätz­li­chen Bewer­tung der Par­tei. Was dage­gen zu kurz kom­men kann, ist der offe­ne Streit dar­über, war­um so vie­le Men­schen die AfD wäh­len, wel­che poli­ti­schen Pro­ble­me dahin­ter­ste­hen und wel­che Lösun­gen die ver­schie­de­nen Par­tei­en tat­säch­lich anzu­bie­ten haben.

Das Pro­blem beginnt bereits bei der Zusam­men­set­zung man­cher Gesprächs­run­den. Unter­schied­li­che Medi­en­häu­ser garan­tie­ren noch kei­ne unter­schied­li­chen poli­ti­schen Per­spek­ti­ven. Auch vier Jour­na­lis­ten aus vier Redak­tio­nen kön­nen sich in ihren grund­le­gen­den poli­ti­schen Über­zeu­gun­gen weit­ge­hend einig sein. Wenn dann über die AfD dis­ku­tiert wird, ohne deren Posi­tio­nen durch einen Ver­tre­ter der Par­tei oder einen ent­spre­chend argu­men­tie­ren­den Jour­na­lis­ten unmit­tel­bar zur Debat­te zu stel­len, bleibt die Aus­ein­an­der­set­zung zwangs­läu­fig unvoll­stän­dig. Eine Dis­kus­si­on über poli­ti­sche Geg­ner ist eben nicht das­sel­be wie eine Dis­kus­si­on mit ihnen.

Natür­lich besteht kei­ne Ver­pflich­tung, zu jeder Sen­dung einen AfD-Poli­ti­ker ein­zu­la­den. Der öffent­lich-recht­li­che Rund­funk muss sei­ne Gäs­te nach jour­na­lis­ti­schen Kri­te­ri­en aus­wäh­len kön­nen. Auch darf eine kon­tro­ver­se Mei­nung nicht mit einer nach­weis­lich fal­schen Tat­sa­chen­be­haup­tung ver­wech­selt wer­den. Doch die redak­tio­nel­le Frei­heit ent­bin­det die Sen­der nicht von ihrer beson­de­ren Ver­ant­wor­tung für eine brei­te poli­ti­sche Mei­nungs­viel­falt. Schließ­lich finan­zie­ren Bür­ger unter­schied­lichs­ter poli­ti­scher Über­zeu­gun­gen die­ses Sys­tem. Sie dür­fen erwar­ten, dass ihre gesell­schaft­li­chen Anlie­gen und poli­ti­schen Posi­tio­nen ernst­haft zur Spra­che kom­men, auch wenn sie von den Auf­fas­sun­gen vie­ler Redak­ti­ons­mit­glie­der abwei­chen.

Ein wesent­li­cher Grund für die Zurück­hal­tung gegen­über der AfD liegt in der Sor­ge, ihre Ver­tre­ter durch Fern­seh­auf­trit­te gesell­schaft­lich zu nor­ma­li­sie­ren. Ange­sichts rechts­extre­mer Strö­mun­gen inner­halb der Par­tei ist die­se Sor­ge nicht grund­sätz­lich unbe­grün­det. Doch dar­aus ent­steht ein Wider­spruch: Wer eine Par­tei poli­tisch bekämp­fen möch­te, muss sich auch mit ihren Argu­men­ten aus­ein­an­der­set­zen. Eine kri­ti­sche Befra­gung bedeu­tet weder Zustim­mung noch poli­ti­sche Auf­wer­tung. Im Gegen­teil: Gera­de die direk­te Kon­fron­ta­ti­on bie­tet die Mög­lich­keit, Wider­sprü­che offen­zu­le­gen, unrea­lis­ti­sche Ver­spre­chun­gen zu ent­lar­ven und poli­ti­sche For­de­run­gen auf ihre recht­li­chen, wirt­schaft­li­chen und gesell­schaft­li­chen Fol­gen zu über­prü­fen.

Wie über­zeu­gend wäre bei­spiels­wei­se eine Fern­seh­dis­kus­si­on, in der ein AfD-Poli­ti­ker kon­kret erklä­ren müss­te, wie sei­ne Par­tei die Ren­ten finan­zie­ren, den Fach­kräf­te­man­gel behe­ben, Ener­gie­prei­se sen­ken oder bezahl­ba­ren Wohn­raum schaf­fen will? Dane­ben könn­ten Ver­tre­ter ande­rer Par­tei­en ihre eige­nen Kon­zep­te dar­le­gen. Unab­hän­gi­ge Fach­leu­te könn­ten Zah­len über­prü­fen, Annah­men hin­ter­fra­gen und auf prak­ti­sche Schwie­rig­kei­ten hin­wei­sen. Das Publi­kum hät­te anschlie­ßend die Mög­lich­keit, sich ein eige­nes Urteil zu bil­den. Genau dar­in liegt der demo­kra­ti­sche Wert einer kon­tro­ver­sen poli­ti­schen Debat­te.

Statt­des­sen besteht die Gefahr, dass poli­ti­sche Dis­kus­sio­nen zu stark um die mora­li­sche Bewer­tung einer Par­tei krei­sen, wäh­rend die Sach­fra­gen in den Hin­ter­grund tre­ten. Ob bestimm­te Posi­tio­nen ver­fas­sungs­recht­lich pro­ble­ma­tisch sind, muss selbst­ver­ständ­lich the­ma­ti­siert wer­den. Aber damit ist noch kei­ne Ant­wort dar­auf gege­ben, wie Deutsch­land sei­ne Migra­ti­ons­po­li­tik gestal­ten, die wirt­schaft­li­che Wett­be­werbs­fä­hig­keit sichern, die Sozi­al­sys­te­me refor­mie­ren oder die Woh­nungs­not bekämp­fen soll.

Gera­de die­se Fra­gen beschäf­ti­gen vie­le Men­schen unmit­tel­bar. Wer kei­ne bezahl­ba­re Woh­nung fin­det, sich um sei­nen Arbeits­platz sorgt, den wirt­schaft­li­chen Abstieg sei­ner Regi­on erlebt oder Zwei­fel an der Hand­lungs­fä­hig­keit des Staa­tes hat, erwar­tet kon­kre­te poli­ti­sche Ant­wor­ten. Die­se Sor­gen ver­schwin­den nicht dadurch, dass man vor der AfD warnt. Und sie wer­den auch nicht auto­ma­tisch bedeu­tungs­los, weil eine Par­tei sie auf­greift, deren ande­re Posi­tio­nen man ent­schie­den ablehnt.

Die eta­blier­ten Par­tei­en ste­hen des­halb vor einer grund­le­gen­den Her­aus­for­de­rung. Sie müs­sen nicht nur erklä­ren, war­um sie bestimm­te For­de­run­gen der AfD zurück­wei­sen, son­dern auch, wel­che eige­nen Lösun­gen sie anbie­ten und wes­halb die­se bes­ser funk­tio­nie­ren sol­len. Poli­ti­sche Glaub­wür­dig­keit ent­steht nicht allein aus der Abgren­zung gegen­über ande­ren. Sie ent­steht vor allem aus der Fähig­keit, Pro­ble­me zu erken­nen, Ent­schei­dun­gen nach­voll­zieh­bar zu begrün­den und sicht­ba­re Ergeb­nis­se zu erzie­len.

Hier liegt eine Schwä­che der poli­ti­schen Stra­te­gie, die sich über­wie­gend auf die Abgren­zung von der AfD kon­zen­triert. Man will die AfD poli­tisch schwä­chen, ohne sich immer aus­rei­chend mit den Bedin­gun­gen aus­ein­an­der­zu­set­zen, unter denen sie stark gewor­den ist. Doch wer die Unzu­frie­den­heit eines erheb­li­chen Teils der Bevöl­ke­rung vor­wie­gend als Pro­blem der poli­ti­schen Ein­stel­lung betrach­tet, ris­kiert, die Ursa­chen die­ser Unzu­frie­den­heit zu über­se­hen. Nicht jeder AfD-Wäh­ler teilt sämt­li­che Posi­tio­nen der Par­tei. Man­che wäh­len sie aus Über­zeu­gung, ande­re aus Pro­test, wie­der ande­re aus Ent­täu­schung über die bis­he­ri­ge Poli­tik. Die­se Unter­schie­de zu ver­ste­hen, ist Vor­aus­set­zung für jede ernst­haf­te poli­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung.

Auch die Dis­kus­si­on über ein mög­li­ches AfD-Ver­bot ver­deut­licht die­ses Pro­blem. Ein Par­tei­ver­bot kann in einer wehr­haf­ten Demo­kra­tie unter engen ver­fas­sungs­recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen ein legi­ti­mes Mit­tel sein, wenn eine Par­tei die frei­heit­li­che demo­kra­ti­sche Grund­ord­nung bekämpft. Dar­über haben letzt­lich die zustän­di­gen Gerich­te auf Grund­la­ge kon­kre­ter Bewei­se zu ent­schei­den. Ein sol­ches Ver­fah­ren darf jedoch nicht mit einer poli­ti­schen Pro­blem­lö­sungs­stra­te­gie ver­wech­selt wer­den. Selbst ein recht­mä­ßi­ges Ver­bot wür­de kei­ne neu­en Woh­nun­gen schaf­fen, kei­ne Büro­kra­tie abbau­en, kei­ne Schu­len sanie­ren und kei­ne wirt­schaft­li­chen Refor­men erset­zen. Die gesell­schaft­li­chen Kon­flik­te und poli­ti­schen Ent­täu­schun­gen, aus denen eine Par­tei Unter­stüt­zung gewinnt, wären damit nicht auto­ma­tisch besei­tigt.

Gera­de des­halb kommt dem öffent­lich-recht­li­chen Rund­funk eine beson­de­re Ver­ant­wor­tung zu. Er soll­te nicht den Ein­druck ent­ste­hen las­sen, dass bestimm­te poli­ti­sche Auf­fas­sun­gen grund­sätz­lich außer­halb des dis­ku­tier­ba­ren Mei­nungs­spek­trums lie­gen, solan­ge sie sich inner­halb der ver­fas­sungs­recht­lich geschütz­ten Mei­nungs­frei­heit bewe­gen. Das bedeu­tet nicht, men­schen­feind­li­che Posi­tio­nen unwi­der­spro­chen ste­hen zu las­sen oder extre­mis­ti­sche Bestre­bun­gen zu ver­harm­lo­sen. Es bedeu­tet viel­mehr, zwi­schen legi­ti­men poli­ti­schen Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten, fal­schen Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen und tat­säch­li­chen Angrif­fen auf die demo­kra­ti­sche Ord­nung sorg­fäl­tig zu unter­schei­den.

Mei­nungs­viel­falt lässt sich nicht allein an der Zahl der ein­ge­la­de­nen Gäs­te oder der ver­tre­te­nen Medi­en­häu­ser mes­sen. Ent­schei­dend ist, ob in einer Dis­kus­si­on tat­säch­lich unter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen auf­ein­an­der­tref­fen. Eine Sen­dung, in der sich sämt­li­che Teil­neh­mer über die poli­ti­sche Bewer­tung eines The­mas weit­ge­hend einig sind, kann infor­ma­tiv sein. Sie ersetzt aber kei­ne kon­tro­ver­se Debat­te. Beson­ders pro­ble­ma­tisch wird es, wenn sol­che Gesprächs­run­den beim Publi­kum den Ein­druck erwe­cken, die gesell­schaft­li­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen sei­en längst ent­schie­den und abwei­chen­de Posi­tio­nen müss­ten nur noch erklärt oder mora­lisch ein­ge­ord­net wer­den.

Eine leben­di­ge Demo­kra­tie braucht jedoch gera­de den offe­nen Wider­spruch. Sie muss es aus­hal­ten, dass Men­schen unter­schied­li­che Vor­stel­lun­gen von Migra­ti­on, sozia­ler Gerech­tig­keit, natio­na­ler Iden­ti­tät, wirt­schaft­li­cher Frei­heit oder staat­li­cher Ver­ant­wor­tung haben. Der demo­kra­ti­sche Streit besteht dar­in, die­se Vor­stel­lun­gen öffent­lich zu prü­fen, ihre Kon­se­quen­zen sicht­bar zu machen und um die über­zeu­gen­de­ren Lösun­gen zu rin­gen.

Des­halb wür­de ich mir im öffent­lich-recht­li­chen Fern­se­hen wesent­lich häu­fi­ger Debat­ten wün­schen, in denen sich poli­tisch gegen­sätz­li­che Posi­tio­nen unmit­tel­bar begeg­nen. Nicht als insze­nier­ten Schlag­ab­tausch, bei dem Laut­stär­ke wich­ti­ger ist als Inhalt, son­dern als ernst­haf­te, gut vor­be­rei­te­te und kon­se­quent mode­rier­te Aus­ein­an­der­set­zung. Jeder Teil­neh­mer müss­te sei­ne Behaup­tun­gen bele­gen, die Finan­zie­rung sei­ner Vor­schlä­ge erklä­ren und sich kri­ti­schen Nach­fra­gen stel­len. Dabei müss­ten für alle die­sel­ben Maß­stä­be gel­ten, unab­hän­gig von Par­tei, poli­ti­scher Rich­tung oder gesell­schaft­li­chem Anse­hen.

Die Auf­ga­be des Jour­na­lis­mus soll­te nicht dar­in bestehen, dem Publi­kum vor­zu­ge­ben, wel­che poli­ti­schen Schluss­fol­ge­run­gen es zu zie­hen hat. Sei­ne Auf­ga­be besteht dar­in, die Vor­aus­set­zun­gen für eine infor­mier­te Mei­nungs­bil­dung zu schaf­fen. Dazu gehö­ren Fak­ten, kri­ti­sche Distanz, unter­schied­li­che Per­spek­ti­ven und die Bereit­schaft, auch unbe­que­me Fra­gen zu stel­len – gegen­über der AfD eben­so wie gegen­über allen ande­ren Par­tei­en.

Wer demo­kra­ti­sche Insti­tu­tio­nen stär­ken und poli­ti­schem Extre­mis­mus wirk­sam begeg­nen möch­te, soll­te den offe­nen Mei­nungs­aus­tausch nicht fürch­ten. Denn das Ver­trau­en in Demo­kra­tie und Medi­en wächst nicht dadurch, dass poli­ti­sche Gegen­sät­ze unsicht­bar gemacht wer­den. Es wächst dort, wo Bür­ger erle­ben, dass ihre Fra­gen ernst genom­men wer­den, unter­schied­li­che Ant­wor­ten öffent­lich mit­ein­an­der kon­kur­rie­ren und poli­ti­sche Ver­ant­wor­tung an kon­kre­ten Ergeb­nis­sen gemes­sen wird.

Eine Demo­kra­tie braucht nicht weni­ger Aus­ein­an­der­set­zung mit unbe­que­men Mei­nun­gen, son­dern mehr sach­li­che und kon­se­quent kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung. Nicht das Reden über poli­ti­sche Geg­ner, son­dern der offe­ne Streit mit ihnen ist eine wesent­li­che Vor­aus­set­zung demo­kra­ti­scher Streit­kul­tur.


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