Was hin­ter der soge­nann­ten „Anti­fa-Klau­sel“ steckt

Wenn in par­la­men­ta­ri­schen Debat­ten der Begriff „Anti­fa-Klau­sel“ fällt, sorgt das regel­mä­ßig für Auf­merk­sam­keit. Die Bezeich­nung weckt Asso­zia­tio­nen sowohl an das his­to­ri­sche Bekennt­nis gegen den Natio­nal­so­zia­lis­mus als auch an aktu­el­le Aus­ein­an­der­set­zun­gen über anti­fa­schis­ti­sche Bewe­gun­gen und deren unter­schied­li­che poli­ti­sche Strö­mun­gen. Ver­fas­sungs­recht­lich bezeich­net der Begriff jedoch weder ein Bekennt­nis zu bestimm­ten außer­par­la­men­ta­ri­schen Grup­pie­run­gen noch eine pau­scha­le Unter­stüt­zung ihrer Akti­vi­tä­ten. Gemeint ist viel­mehr eine kon­kre­te Staats­ziel­be­stim­mung, die seit 2020 in der Lan­des­ver­fas­sung von Sach­sen-Anhalt ver­an­kert ist.

Die recht­li­che Grund­la­ge bil­det Arti­kel 37a der Lan­des­ver­fas­sung. Unter der Über­schrift „Nicht­ver­brei­tung natio­nal­so­zia­lis­ti­schen, ras­sis­ti­schen und anti­se­mi­ti­schen Gedan­ken­guts“ ver­pflich­tet die Vor­schrift die staat­li­che Gewalt, der Wie­der­be­le­bung und Ver­brei­tung natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Gedan­ken­guts, der Ver­herr­li­chung des natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Herr­schafts­sys­tems sowie ras­sis­ti­schen und anti­se­mi­ti­schen Akti­vi­tä­ten ent­ge­gen­zu­tre­ten. Zugleich bezeich­net sie dies als Ver­ant­wor­tung jedes Ein­zel­nen.

Damit erhebt die Lan­des­ver­fas­sung die Aus­ein­an­der­set­zung mit natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Ideo­lo­gie, Ras­sis­mus und Anti­se­mi­tis­mus aus­drück­lich zu einer Auf­ga­be des Staa­tes. Die Bestim­mung rich­tet sich an Gesetz­ge­bung, Ver­wal­tung und Recht­spre­chung und bil­det eine ver­fas­sungs­recht­li­che Leit­li­nie für staat­li­ches Han­deln. Sie unter­streicht ins­be­son­de­re die Bedeu­tung von Prä­ven­ti­on, poli­ti­scher Bil­dung und dem Schutz demo­kra­ti­scher Wer­te. Aller­dings schafft Arti­kel 37a kei­ne eigen­stän­di­gen behörd­li­chen Ein­griffs­be­fug­nis­se. Staat­li­che Maß­nah­men müs­sen wei­ter­hin auf gesetz­li­chen Grund­la­gen beru­hen und die ver­fas­sungs­recht­lich garan­tier­ten Grund­rech­te beach­ten.

Die Ent­ste­hung der Vor­schrift ist eng mit den poli­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen um Rechts­extre­mis­mus und Anti­se­mi­tis­mus in Sach­sen-Anhalt ver­bun­den. Beson­de­re Dring­lich­keit erhielt die Debat­te nach dem rechts­ter­ro­ris­ti­schen Anschlag von Hal­le (Saa­le) am 9. Okto­ber 2019. Ein bewaff­ne­ter Atten­tä­ter ver­such­te an Jom Kip­pur, in eine Syn­ago­ge ein­zu­drin­gen und die dort ver­sam­mel­ten Men­schen zu ermor­den. Nach­dem ihm dies nicht gelun­gen war, töte­te er außer­halb der Syn­ago­ge zwei Men­schen. Der Anschlag ver­deut­lich­te auf erschüt­tern­de Wei­se die töd­li­chen Fol­gen anti­se­mi­ti­scher und rechts­extre­mis­ti­scher Ideo­lo­gien.

Die For­de­rung nach einer ent­spre­chen­den Ver­fas­sungs­be­stim­mung war aller­dings älter. Ins­be­son­de­re Die Lin­ke hat­te sich bereits seit 2005 für eine aus­drück­li­che Ver­an­ke­rung des Anti­fa­schis­mus in der Lan­des­ver­fas­sung ein­ge­setzt. Im Rah­men einer umfas­sen­de­ren Par­la­ments- und Ver­fas­sungs­re­form ver­stän­dig­ten sich schließ­lich die Koali­ti­ons­frak­tio­nen von CDU, SPD und Bünd­nis 90/Die Grü­nen mit der oppo­si­tio­nel­len Lin­ken auf die Auf­nah­me des neu­en Arti­kels 37a. Am 28. Febru­ar 2020 beschloss der Land­tag die Reform mit der erfor­der­li­chen Zwei­drit­tel­mehr­heit. Die AfD stimm­te dage­gen.

Mit die­ser Ver­fas­sungs­än­de­rung erhielt Sach­sen-Anhalt eine aus­drück­li­che Staats­ziel­be­stim­mung gegen natio­nal­so­zia­lis­ti­sches Gedan­ken­gut und ras­sis­ti­sche sowie anti­se­mi­ti­sche Akti­vi­tä­ten. Ver­gleich­ba­re Schutz­an­lie­gen fin­den sich auch in ande­ren Lan­des­ver­fas­sun­gen, bei­spiels­wei­se in Arti­kel 7a der Ver­fas­sung Bran­den­burgs. Die kon­kre­te For­mu­lie­rung und die Reich­wei­te der Bestim­mun­gen unter­schei­den sich jedoch.

Dass Arti­kel 37a häu­fig als „Anti­fa-Klau­sel“ oder „Anti­fa­schis­mus­klau­sel“ bezeich­net wird, geht vor allem auf die poli­ti­sche Debat­te um sei­ne Ein­füh­rung zurück. Ins­be­son­de­re Ver­tre­te­rin­nen und Ver­tre­ter der Lin­ken ver­wen­de­ten die­se Begrif­fe, um die anti­fa­schis­ti­sche Ziel­set­zung der Ver­fas­sungs­än­de­rung her­vor­zu­he­ben. Die Bezeich­nung ist aller­dings kein amt­li­cher Rechts­be­griff. Sie darf auch nicht mit einer ver­fas­sungs­recht­li­chen Aner­ken­nung bestimm­ter Orga­ni­sa­tio­nen oder poli­ti­scher Akti­ons­for­men ver­wech­selt wer­den. Der Schutz vor natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Ideo­lo­gie und anti­se­mi­ti­schen sowie ras­sis­ti­schen Akti­vi­tä­ten ist von der recht­li­chen Bewer­tung ein­zel­ner Grup­pie­run­gen und ihrer Hand­lun­gen zu unter­schei­den.

Für die staat­li­che Pra­xis besitzt Arti­kel 37a vor allem Bedeu­tung als ver­fas­sungs­recht­li­che Ori­en­tie­rung und Aus­le­gungs­leit­li­nie. Die Vor­schrift kann etwa bei der Gestal­tung poli­ti­scher Bil­dungs­an­ge­bo­te, bei staat­li­chen Maß­nah­men gegen Rechts­extre­mis­mus oder bei der Aus­le­gung ein­schlä­gi­ger gesetz­li­cher Bestim­mun­gen berück­sich­tigt wer­den. Sie begrün­det jedoch grund­sätz­lich kei­ne unmit­tel­bar ein­klag­ba­ren indi­vi­du­el­len Leis­tungs­an­sprü­che und ersetzt nicht die gesetz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für Ein­grif­fe in Grund­rech­te. Auch die Ver­samm­lungs- und Mei­nungs­frei­heit behal­ten ihre ver­fas­sungs­recht­li­che Gel­tung.

Gera­de dar­in liegt die beson­de­re Bedeu­tung der Rege­lung: Arti­kel 37a macht die his­to­ri­sche Ver­ant­wor­tung gegen­über den Ver­bre­chen des Natio­nal­so­zia­lis­mus zu einem aus­drück­li­chen Bestand­teil der gel­ten­den Lan­des­ver­fas­sung. Die Vor­schrift ver­bin­det die Erin­ne­rung an die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Gewalt­herr­schaft mit einem ver­bind­li­chen Auf­trag an die staat­li­chen Insti­tu­tio­nen. Sie unter­streicht damit, dass der Schutz der Men­schen­wür­de und die Aus­ein­an­der­set­zung mit natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Ideo­lo­gie, Ras­sis­mus und Anti­se­mi­tis­mus nicht allein poli­ti­sche Absichts­er­klä­run­gen sind, son­dern auch ver­fas­sungs­recht­li­che Ver­pflich­tun­gen. Das Bekennt­nis „Nie wie­der“ erhält auf die­se Wei­se eine kon­kre­te nor­ma­ti­ve Grund­la­ge.


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