Die Sozi­al­po­li­tik der NS-Regie­rung

Sozi­al­po­li­tik im NS-Staat – Instru­ment von Pro­pa­gan­da und Aus­gren­zung

Die NS-Regie­rung ver­band kon­kre­te sozi­al­po­li­ti­sche Ver­bes­se­run­gen und Beschäf­ti­gungs­maß­nah­men mit mas­si­ver Pro­pa­gan­da und der Zer­stö­rung unab­hän­gi­ger Arbei­ter­or­ga­ni­sa­tio­nen. Vie­le Leis­tun­gen waren an „Volks­zu­ge­hö­rig­keit“, poli­ti­sche Zuver­läs­sig­keit und ras­si­sche Kri­te­ri­en geknüpft und dien­ten letzt­lich der Sta­bi­li­sie­rung der „Hei­mat­front“ sowie der Auf­rüs­tung. Zwar sank die Arbeits­lo­sig­keit tat­säch­lich dra­ma­tisch – vor allem durch Rüs­tungs­pro­duk­ti­on und staat­li­che Pro­gram­me –, und der 1. Mai wur­de erst­mals dau­er­haft zum bezahl­ten Fei­er­tag erho­ben. Doch auch die­se Maß­nah­men stan­den im Dienst der „Volksgemeinschafts“-Propaganda, der Bin­dung der Arbei­ter­schaft und einer bevöl­ke­rungs­po­li­ti­schen Steue­rung, die Juden, „Erb­kran­ke“, poli­ti­sche Geg­ner und ande­re Grup­pen sys­te­ma­tisch aus­schloss.

Die NS-Sozi­al­po­li­tik rich­te­te sich gezielt und popu­lis­tisch an die „ari­sche“ Arbei­ter­schaft und kin­der­rei­che Fami­li­en, um Loya­li­tät zu erzeu­gen und die Auf­rüs­tung ideo­lo­gisch abzu­si­chern. Vie­le der gemach­ten Ver­spre­chen – etwa das eige­ne Auto, groß­zü­gi­ger Woh­nungs­bau oder unein­ge­schränk­te Urlaubs­rei­sen – wur­den durch Krieg und ideo­lo­gi­sche Selek­ti­on rela­ti­viert oder blie­ben unein­ge­löst. Zugleich wur­den gan­ze Bevöl­ke­rungs­grup­pen sys­te­ma­tisch aus­ge­grenzt und ent­rech­tet.

Redu­zie­rung der Arbeits­lo­sig­keit von ca. 4,8–6 Mil­lio­nen auf fast Voll­be­schäf­ti­gung

  • 1932/Anfang 1933: ca. 5,5–6 Mil­lio­nen regis­trier­te Arbeits­lo­se (oft als ca. 4,8–5 Mil­lio­nen für 1933 ange­ge­ben).
  • Bis 1938/39: unter 500.000 bzw. fast Voll­be­schäf­ti­gung (offi­zi­ell ca. 119.000–300.000).

Das geschah durch mas­si­ve staat­li­che Arbeits­be­schaf­fungs­maß­nah­men (Auto­bah­nen, Woh­nungs­bau, öffent­li­che Arbei­ten), den Reichs­ar­beits­dienst, die Wie­der­ein­füh­rung der Wehr­pflicht und vor allem die Rüs­tungs­kon­junk­tur. Die Zah­len wur­den teil­wei­se geschönt (z. B. durch Zwangs­ar­beit, Aus­gren­zung bestimm­ter Grup­pen, Sta­tis­tik­ma­ni­pu­la­tio­nen), aber der star­ke Rück­gang ist unbe­strit­ten.

Ein­füh­rung des 1. Mai als natio­na­ler Fei­er­tag mit vol­ler Lohn­fort­zah­lung – ers­ter bezahl­ter Fei­er­tag für Arbei­ter

Am 10. April 1933 wur­de der 1. Mai per Reichs­ge­setz zum „Fei­er­tag der natio­na­len Arbeit“ erklärt – mit vol­ler Lohn­fort­zah­lung. Das war der ers­te dau­er­haf­te, reichs­weit gesetz­li­che und bezahl­te Fei­er­tag spe­zi­ell für die Arbei­ter­schaft in der deut­schen Geschich­te (1919 hat­te es nur eine ein­ma­li­ge Rege­lung gege­ben).

Am nächs­ten Tag (2. Mai 1933) wur­den die frei­en Gewerk­schaf­ten zer­schla­gen und ihre Häu­ser gestürmt. Der Fei­er­tag dien­te der Pro­pa­gan­da und der Ver­ein­nah­mung der Arbei­ter­be­we­gung.

Ren­ten­er­hö­hung und Rent­ner­schutz

Es gab Leis­tungs­ver­bes­se­run­gen, ins­be­son­de­re 1941 mit dem „Gesetz zur Ver­bes­se­rung der Leis­tun­gen“. Frü­he­re Kür­zun­gen aus der Kri­se wur­den teil­wei­se zurück­ge­nom­men, und das Sys­tem wur­de etwas aus­ge­wei­tet. Aller­dings blie­ben die rea­len Ren­ten­wer­te oft nied­rig, und die Ver­bes­se­run­gen kamen ver­spä­tet. Par­al­lel dazu wur­den Juden, poli­ti­sche Geg­ner und ande­re „Staats­fein­de“ sys­te­ma­tisch von Leis­tun­gen aus­ge­schlos­sen oder ihnen Ren­ten ent­zo­gen.

Kran­ken­ver­si­che­rung für Rent­ner für einen sym­bo­li­schen Bei­trag von einer Reichs­mark

Ab dem 1. August 1941 wur­den Rent­ner in die gesetz­li­che Kran­ken­ver­si­che­rung ein­be­zo­gen. Zuvor fie­len mit­tel­lo­se kran­ke Rent­ner oft der Für­sor­ge anheim. Der Bei­trag war zunächst sehr nied­rig bzw. pau­schal und sym­bo­lisch (spä­ter oft als 1 RM genannt oder als beitragsfrei/günstig beschrie­ben). Bis 1983 zahl­ten Rent­ner in der Bun­des­re­pu­blik noch einen Pau­schal­bei­trag.

Lohn­zu­la­gen bei Schicht­ar­beit, Lohn­vor­zah­lun­gen, Kün­di­gungs­schutz­maß­nah­men

Es gab tarif­li­che und betrieb­li­che Zula­gen für Schicht‑, Nacht- und Mehr­ar­beit (die aber im Krieg teil­wei­se ein­ge­schränkt oder umgan­gen wur­den). Lohn­vor­zah­lun­gen und Vor­schüs­se kamen vor, beson­ders in der Rüs­tungs­in­dus­trie. Kün­di­gungs­schutz­re­ge­lun­gen exis­tier­ten (z. B. über das Gesetz zur Ord­nung der natio­na­len Arbeit / AOG), waren aber stark an die „Betriebs­ge­mein­schaft“ und poli­ti­sche Zuver­läs­sig­keit gebun­den und boten gegen­über frei­er Gewerk­schafts­zeit oft weni­ger ech­ten Schutz. Die freie Tarif­au­to­no­mie und unab­hän­gi­ge Inter­es­sen­ver­tre­tung waren zer­schla­gen.

Staat­li­che Finanz­hil­fen / För­de­rung von „Luxus­gü­tern“ (Aus­lands­ur­lau­be, Radio, Auto, Haus mit Gar­ten)

  • KdF orga­ni­sier­te ab 1934 mas­sen­haft güns­ti­ge Rei­sen, Tages­aus­flü­ge und sogar Kreuz­fahr­ten (z. B. nach Nor­we­gen, Madei­ra, Mit­tel­meer), die für vie­le Arbei­ter erst­mals erschwing­lich waren. Bis 1939 wur­den zig Mil­lio­nen Teil­neh­mer gezählt – KdF war zeit­wei­se der größ­te Rei­se­ver­an­stal­ter der Welt.
  • Der KdF-Wagen (spä­ter VW Käfer) wur­de ab 1938 als „Volks­wa­gen“ bewor­ben und über ein Spar­kar­ten-Sys­tem finan­ziert (ca. 990 RM). Hun­dert­tau­sen­de spar­ter ein, aber durch den Krieg wur­de kein ein­zi­ges Auto an Zivi­lis­ten aus­ge­lie­fert.
  • Radi­os („Volks­emp­fän­ger“) wur­den stark geför­dert und sub­ven­tio­niert, um die Pro­pa­gan­da zu ver­brei­ten.
  • Eigen­heim­bau und Sied­lungs­pro­gram­me (z. B. „Eigen­heim mit Gar­ten“) wur­den pro­pa­gan­dis­tisch und teil­wei­se finan­zi­ell unter­stützt, beson­ders für „erb­ge­sun­de“ kin­der­rei­che Fami­li­en.

Das war kei­ne all­ge­mei­ne Sub­ven­ti­on für alle, son­dern an poli­ti­sche und ras­si­sche Kri­te­ri­en gebun­den und stark pro­pa­gan­dis­tisch auf­ge­la­den.

Erhö­hung des Anspruchs auf Urlaubs­ta­ge + Aus­wei­tung des Frei­zeit­an­ge­bots

In der Wei­ma­rer Zeit hat­ten vie­le Arbei­ter oft nur 6–12 Tage Urlaub (teil­wei­se tarif­lich). Unter den Natio­nal­so­zia­lis­ten wur­de über Tarif­ord­nun­gen und die Deut­sche Arbeits­front (DAF) der Anspruch häu­fig auf 12–18 Tage oder mehr aus­ge­wei­tet. KdF erwei­ter­te das Frei­zeit­an­ge­bot mas­siv (Sport, Kul­tur, Thea­ter, Wan­de­run­gen, Rei­sen). Ziel war die Inte­gra­ti­on der Arbei­ter in die „Volks­ge­mein­schaft“ nach der Zer­schla­gung der frei­en Gewerk­schaf­ten. Im Krieg wur­de der Urlaub zeit­wei­se ein­ge­schränkt oder aus­ge­setzt.

Hal­bie­rung von Rezept­ge­büh­ren

Es gab Maß­nah­men zur Ver­bes­se­rung der medi­zi­ni­schen Ver­sor­gung und Preis­re­gu­lie­run­gen, aber kei­ne pro­mi­nent doku­men­tier­te pau­scha­le Hal­bie­rung der Rezept­ge­büh­ren als zen­tra­le sozi­al­po­li­ti­sche Maß­nah­me. Die­ser Punkt ist eher schwach belegt oder über­trie­ben.

Schuld­ner­schutz, Mie­ter­schutz, Mie­ten­de­ckel

  • Mie­ter­schutz­ge­set­ze aus der Wei­ma­rer Zeit wur­den über­nom­men und teil­wei­se ver­schärft.
  • 1936 wur­de ein weit­ge­hen­der Mie­ten­stopp (Preis­stopp) erlas­sen, der die Mie­ten ein­fror. Das war eine star­ke Regu­lie­rung zuguns­ten der Mie­ter und wirk­te bis weit in die Nach­kriegs­zeit (in der DDR sogar bis 1990).
  • Schuld­ner­schutz und Räu­mungs­schutz wur­den gestärkt (außer für Juden – dort wur­de der Schutz ab 1939 sys­te­ma­tisch auf­ge­ho­ben).

Hal­bie­rung von Gewerk­schafts­bei­trä­gen

Die frei­en Gewerk­schaf­ten wur­den 1933 zer­schla­gen und ihr Ver­mö­gen beschlag­nahmt. An ihre Stel­le trat die Deut­sche Arbeits­front (DAF) mit Zwangs­mit­glied­schaft. Die Bei­trä­ge waren nied­ri­ger als frü­he­re Gewerk­schafts­bei­trä­ge, und die DAF finan­zier­te damit u. a. KdF. Eine „Hal­bie­rung“ ist also im Ergeb­nis zutref­fend, aber im Kon­text der Zer­schla­gung der unab­hän­gi­gen Arbei­ter­ver­tre­tung.

Steu­er­li­che Begüns­ti­gung von Fami­li­en, Kilo­me­ter­pau­scha­le, Kin­der­bei­hil­fen, Schul­geld, Steu­er­klas­sen

  • Kin­der­bei­hil­fen (Vor­läu­fer des Kin­der­gel­des) wur­den ab 1935/36 ein­ge­führt: zunächst ein­ma­li­ge Bei­hil­fen, ab 1936 lau­fen­de Zah­lun­gen (zuerst ab dem 5. Kind, ab 1938 ab dem 3. Kind) für „erb­ge­sun­de“ deut­sche Fami­li­en.
  • Steu­er­li­che Ent­las­tun­gen für Fami­li­en: höhe­re Kin­der­frei­be­trä­ge, güns­ti­ge­re Steu­er­klas­sen, Ermä­ßi­gun­gen bei der Ein­kom­men­steu­er für kin­der­rei­che Fami­li­en.
  • Ehe­stands­dar­le­hen (mit Teil­erlass bei Geburt von Kin­dern) und wei­te­re fami­li­en­po­li­ti­sche Ver­güns­ti­gun­gen.
  • Schul­geld wur­de in man­chen Berei­chen erleich­tert oder erlas­sen, beson­ders für kin­der­rei­che Fami­li­en.
  • Eine Kilo­me­ter­pau­scha­le im moder­nen Sinn war noch nicht so aus­ge­stal­tet, aber es gab ver­kehrs­be­zo­ge­ne Erleich­te­run­gen und För­de­run­gen im Rah­men der Moto­ri­sie­rung.

Erhö­hung der Unter­neh­mens­steu­ern

Die Kör­per­schaft­steu­er stieg von 20 % schritt­wei­se auf bis zu 40–55 % für höhe­re Gewin­ne.

Kör­per­schaft­steu­er

Der Regel­satz lag vor 1936 bei 20 %. Er wur­de schritt­wei­se erhöht:

  • 1936 auf 25 %, ab 1937 auf 30 %.
  • 1938/39 für höhe­re Gewin­ne (über 100.000 RM) auf 35 %, dann 40 %.
  • Ab 1941/42 wei­te­re Zuschlä­ge und Staf­fe­lun­gen, die für hohe Gewin­ne (über 500.000 RM) 55 % erreich­ten (z. B. durch Kriegs­zu­schlä­ge und die Gewinn­ab­füh­rungs­ver­ord­nung 1942).

Wei­te­re Steu­ern, u. a. Reichs­flucht­steu­er

Es gab zahl­rei­che Erhö­hun­gen und neue Abga­ben (u. a. Ver­brauch­steu­ern, Mehr­ein­kom­men­steu­er, Kriegs­zu­schlä­ge). Die Reichs­flucht­steu­er (25 % des Ver­mö­gens) wur­de 1931 unter Brü­ning ein­ge­führt, um Kapi­tal­flucht zu bekämp­fen. Ab 1933/34 wur­de sie von den Natio­nal­so­zia­lis­ten mas­siv ver­schärft (Frei­gren­zen stark gesenkt) und sys­te­ma­tisch zur Aus­plün­de­rung vor allem jüdi­scher Emi­gran­ten instru­men­ta­li­siert.

Hohe Frei­be­trä­ge bei der direk­ten Kriegs­steu­er

Mit der Kriegs­wirt­schafts­ver­ord­nung vom 4. Sep­tem­ber 1939 wur­de ein Kriegs­zu­schlag zur Ein­kom­men­steu­er (50 % der Ein­kom­men­steu­er) ein­ge­führt. Unbe­schränkt Steu­er­pflich­ti­ge mit einem Ein­kom­men bis 2.400 RM waren davon befreit. Beim Lohn­ab­zug gal­ten ent­spre­chen­de monat­li­che Frei­gren­zen (ca. 234 RM). Das betraf den Groß­teil der Bevöl­ke­rung – die Behaup­tung, dass rund 80 % der Deut­schen unter­halb des Frei­be­trags lagen, ist plau­si­bel und wird in zeit­ge­nös­si­schen bzw. spä­te­ren Ein­schät­zun­gen gestützt (die genaue Pro­zent­an­ga­be schwankt je nach Quel­le, aber die Ent­las­tung der unte­ren und mitt­le­ren Ein­kom­men war beab­sich­tigt).

Zwangs­maß­nah­men gegen Aktio­nä­re

Bereits 1934 gab es das Anlei­he­stock­ge­setz, das Divi­den­den in der Regel auf 6 % begrenz­te (über­schüs­si­ge Beträ­ge muss­ten in Anlei­hen gesteckt wer­den). 1941 folg­te die Divi­den­den­ab­ga­be­ver­ord­nung, die Aus­schüt­tun­gen über 6 % mit pro­gres­siv pro­hi­bi­ti­ven Abga­ben (bis weit über 100 % der Mehraus­schüt­tung) beleg­te – fak­tisch ein Aus­schüt­tungs­ver­bot bzw. star­ke Zwangs­len­kung zuguns­ten von Rück­la­gen und Staats­an­lei­hen. Das war eine kla­re Ein­schrän­kung der Aktio­närs­rech­te.

Vier­jah­res­plan

1936 wur­de der Vier­jah­res­plan (unter Her­mann Göring) ein­ge­führt. Ziel war die Aus­rich­tung der Wirt­schaft auf Aut­ar­kie und Kriegs­fä­hig­keit („Die deut­sche Armee muss in 4 Jah­ren ein­satz­fä­hig sein. Die deut­sche Wirt­schaft muss in 4 Jah­ren kriegs­fä­hig sein.“). Die pri­va­te Wirt­schaft muss­te sich den staat­li­chen Vor­ga­ben unter­ord­nen (Roh­stoff­len­kung, Inves­ti­ti­ons­prio­ri­tä­ten, Preis- und Men­gen­kon­trol­len etc.).


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