Des­po­ti­sche Demo­kra­tie

Der Begriff bezeich­net eine Herr­schafts­form, die for­mal demo­kra­tisch legi­ti­miert ist, etwa durch Wah­len und Mehr­heits­ent­schei­dun­gen, in der Pra­xis aber des­po­ti­sche, also unbe­schränk­te und frei­heits­feind­li­che Züge trägt. Er ist kein fest defi­nier­ter Fach­ter­mi­nus, son­dern wird je nach Denk­tra­di­ti­on unter­schied­lich ver­wen­det.

1. Alexis de Toc­que­ville: der „sanf­te Des­po­tis­mus“

Am bekann­tes­ten ist die Ver­wen­dung bei Toc­que­ville in Über die Demo­kra­tie in Ame­ri­ka (Band 2, 1840). Er spricht vom des­po­tis­me démo­cra­tique und meint damit kei­ne bru­ta­le Gewalt­herr­schaft, son­dern eine neue, sub­ti­le Form der Unfrei­heit:

  • Bevor­mun­den­der Staat: Eine „unge­heu­re Vor­mund­schafts­ge­walt“ küm­mert sich um Sicher­heit, Wohl­stand und Bedürf­nis­se der Bür­ger, nimmt ihnen dadurch aber Eigen­ver­ant­wor­tung ab.
  • Indi­vi­dua­lis­mus und Rück­zug ins Pri­va­te: Die Men­schen inter­es­sie­ren sich nur noch für ihr eige­nes Wohl und über­las­sen die öffent­li­chen Ange­le­gen­hei­ten dem Staat.
  • Gleich­heit vor Frei­heit: Die Bür­ger schät­zen Gleich­heit so sehr, dass sie bereit sind, dafür Frei­heit auf­zu­ge­ben.
  • Ent­mün­di­gung statt Unter­drü­ckung: Der Staat „bricht den Wil­len nicht, son­dern er schwächt ihn, beugt ihn und lenkt ihn“.
  • Wah­len als Fei­gen­blatt: Die Bür­ger wäh­len ihre Vor­mün­der zwar selbst und glau­ben des­halb, frei zu sein.

Eng damit ver­bun­den ist Toc­que­vil­les Begriff der „Tyran­nei der Mehr­heit“: Die Mehr­heit unter­drückt Min­der­hei­ten und abwei­chen­de Mei­nun­gen, vor allem durch sozia­len Kon­for­mi­täts­druck.

2. Imma­nu­el Kant: Demo­kra­tie als not­wen­dig des­po­tisch

In Zum ewi­gen Frie­den (1795) erklärt Kant die Demo­kra­tie „im eigent­li­chen Ver­stan­de“ (direk­te Volks­herr­schaft) für not­wen­di­ger­wei­se des­po­tisch:

  • In ihr beschließt „alle über einen und allen­falls auch wider einen“, also das Volk, das zugleich Gesetz­ge­ber und Voll­stre­cker ist.
  • Es fehlt die Gewal­ten­tei­lung. Für Kant ist das der Kern des Des­po­tis­mus.
  • Sein Gegen­mo­dell ist die repu­bli­ka­ni­sche, also reprä­sen­ta­ti­ve und gewal­ten­tei­li­ge Ver­fas­sung.

3. Anti­ke Wur­zeln

  • Pla­ton beschreibt im Staat (Buch VIII), wie die Demo­kra­tie durch über­stei­ger­te Frei­heit in die Tyran­nis umschlägt.
  • Aris­to­te­les sieht in der „extre­men Demo­kra­tie“, in der Volks­be­schlüs­se über den Geset­zen ste­hen, eine Ver­wandt­schaft zur Tyran­nei.

4. Ver­wand­te moder­ne Begrif­fe

BegriffUrheber/KontextBedeu­tung
Elec­ti­ve des­po­tismTho­mas Jef­fer­sonGewähl­te, aber unkon­trol­lier­te Macht­kon­zen­tra­ti­on
Tota­li­tä­re Demo­kra­tieJacob L. Tal­mon (1952)Demo­kra­tie im Namen eines angeb­lich ein­heit­li­chen „Volks­wil­lens“ (Rous­se­au, Jako­bi­ner)
Illi­be­ra­le Demo­kra­tieFareed Zaka­ria (1997)Wah­len ja, aber ohne Rechts­staat, Grund­rech­te und Min­der­hei­ten­schutz
Demo­kra­turPoli­ti­sche Publi­zis­tikMischung aus Demo­kra­tie und Dik­ta­tur
Wahl­au­to­kra­tie / kom­pe­ti­ti­ver Auto­ri­ta­ris­musPoli­tik­wis­sen­schaftFor­ma­le Wah­len bei fak­tisch auto­ri­tä­rer Herr­schaft

Kern­idee in einem Satz

Demo­kra­tie wird des­po­tisch, wenn die Mehr­heit oder der in ihrem Namen han­deln­de Staat kei­nen Gren­zen mehr unter­liegt, also wenn Gewal­ten­tei­lung, Grund­rech­te, Min­der­hei­ten­schutz und eine akti­ve Bür­ger­ge­sell­schaft feh­len.

Als Gegen­mit­tel nen­nen die genann­ten Den­ker unter ande­rem Rechts­staat­lich­keit, Gewal­ten­tei­lung, Föde­ra­lis­mus, freie Pres­se, Ver­eins­we­sen und loka­le Selbst­ver­wal­tung. Die­se Punk­te hob beson­ders Toc­que­ville her­vor.


  • Eli­tä­res Demo­kra­tie­ver­ständ­nis: Die poli­tisch-media­le Eli­te bean­spru­che für sich, den eigent­li­chen „wah­ren Volks­wil­len“ zu ken­nen, und ent­wer­te im Gegen­zug die nume­ri­sche Mehr­heit der Wäh­ler. Dies zei­ge sich etwa in der Abwer­tung abwei­chen­der Mehr­heits­ent­schei­dun­gen als „Vul­gär­de­mo­kra­tie“.
  • Ideo­lo­gi­sche Ver­ein­nah­mung: Die Regie­ren­den defi­nier­ten den Begriff „unse­re Demo­kra­tie“ zuneh­mend als Iden­ti­tät mit den eige­nen poli­ti­schen Posi­tio­nen.
  • Aus­schal­tung von Kon­kur­renz und Kom­pro­miss: Durch Aus­gren­zungs­in­stru­men­te wie die „Brand­mau­er“, Tabui­sie­run­gen und Ver­bots­de­bat­ten wer­de der par­la­men­ta­ri­sche Aus­gleich behin­dert und die Erwar­tung eines ech­ten Rich­tungs- oder Macht­wech­sels unter­gra­ben.
  • Umkeh­rung des Schutz­auf­trags: Anstatt den Bür­ger vor staat­li­chen Über­grif­fen zu schüt­zen, ver­le­ge sich das poli­ti­sche Sys­tem zuneh­mend dar­auf, den Staat und die Regie­rung vor der Kri­tik der Bür­ger abzu­schir­men.

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