Die Frage nach der NS-Vergangenheit von Mitgliedern der CDU und CSU lässt sich nicht mit einer einzigen Zahl beantworten. Für die Gesamtheit der Parteimitglieder existiert keine wissenschaftlich belastbare Vollerhebung darüber, wie viele vor 1945 der NSDAP, der SA, der SS oder anderen nationalsozialistischen Organisationen angehört hatten. Die vorhandenen Mitgliederstatistiken der frühen Nachkriegszeit erfassen solche biografischen Merkmale nicht systematisch. Das ist schon deshalb von Bedeutung, weil die Parteien rasch große Mitgliederbestände aufbauten: Die CDU zählte 1948 etwa 360.000 Mitglieder, die CSU rund 85.000. Aus den bekannten Fällen prominenter Politiker lässt sich daher kein seriöser Prozentsatz für die gesamte Mitgliedschaft ableiten.
Ebenso wenig wäre es sachgerecht, jede frühere NSDAP-Mitgliedschaft automatisch mit einer aktiven Beteiligung an nationalsozialistischen Verbrechen gleichzusetzen. Die Bundesregierung hat bei der historischen Aufarbeitung ausdrücklich darauf hingewiesen, dass zwischen bloßer Mitgliedschaft, Funktionen in Organisationen wie SA und SS und individueller Beteiligung an Verbrechen unterschieden werden muss. Zeitpunkt, Funktion und konkretes Verhalten sind für die historische Bewertung entscheidend. Das gilt auch für die im Zusammenhang mit CDU und CSU bekannten Biografien.
Fest steht jedoch, dass ehemalige Mitglieder nationalsozialistischer Organisationen nach 1945 nicht nur einfache Mitglieder der beiden Unionsparteien wurden. Eine Reihe von ihnen gelangte in bedeutende parteiinterne Führungspositionen. Die personelle Kontinuität reichte damit bis in Bundes- und Landesvorstände, Parteipräsidien, die Führung der Bundestagsfraktion und schließlich an die Spitze der CDU.
Das prominenteste Beispiel ist Kurt Georg Kiesinger. Er gehörte der NSDAP seit 1933 an und war während des Zweiten Weltkriegs im Auswärtigen Amt tätig. Nach 1945 machte er in der CDU eine außergewöhnliche Karriere. Bereits 1950 gehörte er dem CDU-Bundesvorstand an, Anfang der 1950er-Jahre wurde er geschäftsführendes Vorstandsmitglied. Später war er Ministerpräsident von Baden-Württemberg, von 1966 bis 1969 Bundeskanzler und von 1967 bis 1971 Bundesvorsitzender der CDU. Seine frühere NSDAP-Mitgliedschaft war bereits zu seinen Lebzeiten Gegenstand erheblicher öffentlicher Kontroversen.
Auch Gerhard Schröder, der spätere Bundesinnen‑, Außen- und Verteidigungsminister, hatte der NSDAP angehört. Er trat 1933 ein, beantragte auch die Aufnahme in die SA und verließ die NSDAP später wieder. Nach dem Krieg gehörte er zu den frühen CDU-Politikern und war von 1956 bis 1960 geschäftsführendes Mitglied des Bundesvorstands. Seine Biografie zeigt zugleich, weshalb eine rein formale Zuordnung problematisch sein kann: Schröder entfernte sich während der NS-Zeit zunehmend vom Regime und stand in Verbindung zur Bekennenden Kirche.
Bei anderen Funktionsträgern ist die organisatorische Verbindung zum NS-System eindeutiger. Hermann Lindrath, Bundesminister und Mitglied des CDU-Bundesvorstands, war seit 1937 Mitglied der NSDAP und gehörte außerdem der SA an. Kurt Schmücker war seit 1937 NSDAP-Mitglied. Nach dem Krieg stieg er zum führenden Wirtschaftspolitiker der Union auf, leitete viele Jahre die Mittelstandsorganisation der CDU/CSU, gehörte dem CDU-Bundesvorstand an und war von 1968 bis 1971 Bundesschatzmeister der Partei.
Ein besonders markanter Fall auf Landesebene war Hans Filbinger. Er gehörte seit 1933 dem Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund an, trat 1934 der SA und 1937 der NSDAP bei und war während des Krieges als Marinerichter tätig. 1951 wurde er CDU-Mitglied. Von 1966 an führte er zunächst die südbadische CDU; nach der Vereinigung der baden-württembergischen Landesverbände wurde er 1971 erster Vorsitzender der CDU Baden-Württemberg und blieb dies bis 1979. Zugleich amtierte er von 1966 bis 1978 als Ministerpräsident. Die Diskussion über seine Tätigkeit als Marinerichter führte 1978 zu einer schweren politischen Krise und schließlich zu seinem Rücktritt als Regierungschef.
Theodor Oberländer gehört ebenfalls in diesen Zusammenhang. Er war seit 1933 NSDAP-Mitglied und erreichte in der SA den Rang eines Obersturmführers. Nach seiner politischen Tätigkeit für den GB/BHE wechselte er zur CDU. Von 1958 bis 1964 führte er den CDU-Landesverband Oder-Neiße und gehörte damit zum erweiterten Führungskreis der Bundespartei; zugleich war er bis 1960 Bundesvertriebenenminister. Ein Beispiel für eine noch weitergehende organisatorische NS-Vergangenheit ist Waldemar Kraft, der neben der NSDAP auch der SS angehört hatte und 1956 zur CDU wechselte. Seine Biografie zeigt allerdings auch, wie wichtig die zeitliche Abgrenzung ist: Seine zentrale bundespolitische Stellung hatte er zunächst als führender Politiker des GB/BHE erreicht, bevor er CDU-Mitglied wurde.
Auch in der CSU finden sich mehrere Personen mit früherer NSDAP- oder SA-Zugehörigkeit in der Parteiführung. Otto Schedl trat 1937 in die NSDAP ein und gehörte bereits unmittelbar nach Kriegsende zu den Organisatoren der CSU. Von 1947 bis 1948 war er Landesgeschäftsführer, von 1955 bis 1972 Mitglied des CSU-Landesvorstands und zeitweise Mitglied des geschäftsführenden Landesvorstands. Später wurde er bayerischer Wirtschafts- und Finanzminister sowie stellvertretender Ministerpräsident. Die CSU selbst dokumentiert sowohl seinen NSDAP-Eintritt als auch seine späteren Parteiämter.
Hermann Höcherl war 1931 und 1932 sowie erneut seit 1935 Mitglied der NSDAP. Nach seinem Eintritt in die CSU 1949 gehörte er von 1955 bis 1976 dem Landesvorstand an. Von 1957 bis 1961 führte er die CSU-Landesgruppe im Bundestag und war damit zugleich stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Richard Stücklen, NSDAP-Mitglied seit 1939, gehörte 1945 zu den Mitbegründern der CSU und war von 1950 bis 1990 Mitglied des Parteivorstands, über lange Zeit auch Mitglied des Präsidiums. Er führte zehn Jahre lang die CSU-Landesgruppe und wurde später Präsident des Deutschen Bundestages.
Noch deutlicher lässt sich die personelle Kontinuität am Beispiel Friedrich Zimmermanns erkennen. Der 1925 Geborene wurde 1943 NSDAP-Mitglied. In der CSU stieg er bereits in den 1950er-Jahren in den hauptamtlichen Parteiapparat auf: 1955 wurde er Hauptgeschäftsführer, von 1956 bis 1963 amtierte er als Generalsekretär. Später führte er die CSU-Landesgruppe im Bundestag und war von 1979 bis 1989 stellvertretender Parteivorsitzender. Richard Jaeger wiederum gehörte seit 1933 der SA an. Nach dem Krieg war er jahrzehntelang Mitglied des CSU-Landesvorstands und von 1963 bis 1970 Mitglied des Parteipräsidiums; hinzu kamen hohe parlamentarische Funktionen und das Amt des Bundesjustizministers.
Diese Beispiele belegen keine massenhafte Übernahme ehemaliger Nationalsozialisten in CDU und CSU. Eine solche Aussage wäre auf Grundlage der derzeit verfügbaren Daten nicht nachweisbar. Sie belegen jedoch etwas anderes: Ehemalige Angehörige der NSDAP und in einzelnen Fällen der SA oder SS konnten nach 1945 in CDU und CSU politische Karrieren machen, die bis in die obersten Führungsebenen der Parteien reichten. Dazu gehörten Bundes- und Landesvorstände, Präsidien, Generalsekretariate, Landesgruppenführungen und im Fall Kiesingers sogar der Bundesvorsitz der CDU.
Dieser Befund muss in den größeren Zusammenhang der frühen Bundesrepublik eingeordnet werden. Die Reintegration ehemaliger NSDAP-Mitglieder war kein ausschließliches Phänomen von CDU und CSU. Sie betraf andere Parteien ebenso wie Ministerien, Justiz, Verwaltung, Diplomatie, Wirtschaft und zahlreiche gesellschaftliche Organisationen. Die westdeutsche Nachkriegsgesellschaft bestand zugleich aus ehemaligen Parteigenossen, Mitläufern, politisch Unbelasteten, Gegnern des Regimes, Verfolgten und Widerstandskämpfern. Auch die CDU wurde von Persönlichkeiten wie Konrad Adenauer mitgeprägt, der 1933 von den Nationalsozialisten aus seinen Ämtern entfernt worden war und später zeitweise inhaftiert wurde.
Für eine historische Bewertung ist deshalb weder die These einer pauschal „NS-belasteten CDU/CSU“ noch die gegenteilige Vorstellung einer ausschließlich unbelasteten Neugründung ausreichend. Der präzisere Befund lautet: CDU und CSU waren demokratische Neugründungen nach dem Zusammenbruch des NS-Staates, nahmen aber zugleich ehemalige Angehörige nationalsozialistischer Organisationen auf. Ein Teil dieser Personen erreichte hohe und teilweise höchste Parteiämter. Wie groß ihr Anteil an der gesamten Mitgliedschaft oder an sämtlichen Führungsgremien tatsächlich war, ist bislang nicht für beide Parteien systematisch und vollständig quantifiziert worden. Das ursprünglich vorgelegte Papier geht bei seinen konkreten Prozent- und Gesamtzahlen über das hinaus, was sich derzeit sicher belegen lässt. NS-Belastungen in CDUund CSU